USA: Mit dem Motorrad durch Alaska

Polarkreis in Alaska

Ich fahre nun schon seit Tagen durch Nordamerika und habe immer noch keinen Bären vor die Augen bekommen. Ständig zeigen mir Mitreisende Bilder von Bären, die sie gerade aufgenommen haben. Ich werde richtig neidisch! Wann wird es endlich bei mir soweit sein? Ich fahre gemütlich an Seen mit glasklarem Wasser vorbei. Gewaltige Wasserfälle plätschern die Berge herunter. Eine landschaftlich reizvol­lere Abkürzung beschert mir kleine Seen mit Binsen am Ufer, frisches grünes Gras, dichter Baumbestand am Wegesrand. Ein Teil der Strecke führt über einen geschotterten Holzabfuhrweg. Kein Auto kommt mir entgegen. Die Straße ist einsam, aber erstaunlich gut in Schuss. Bei Ki­lometer 22 passiert es: ein Bär kommt langsam aus meterhohem Gras gestiefelt. Ich bin völlig überrascht. Obwohl ich die ganze Zeit sehn­süchtig auf diese Begegnung gewartet habe, weiß ich nicht so recht, was ich tun soll. Ich habe Angst und hupe. Sogleich verschwindet das scheue Tier im Unterholz. Im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig über meine panische Reaktion, denn ich hätte es gern noch länger beobachtet.

Stur geht es weiter durch die Fichtenwälder Nordamerikas. Volle Konzentration auf die Straße, denn Tiere könnten die Straße kreuzen. Beim meterhohen Gras am Straßenrand bleibt dann nicht mehr viel Zeit zum Reagieren. Bei Kilometer 41 kreuzt erneut ein Bär die Stra­ße. Obwohl ich diesmal stehen bleibe und ihn ruhig beobachte, ist er schnell wieder verschwunden. Ich erreiche wieder die Teerstraße. Nur noch 140 Kilometer bis nach Hyder, Alaska. Hyder ist der südöstlichste Punkt von Alaska. Gerade einmal 65 Einwohner, dafür aber immerhin drei Bars! Ein kleines Wildwest-Örtchen! Darauf sind die Einwohner stolz. Nur wirklich Hartgesottene wohnen hier.

Meine Warnlampe leuchtet auf. Der Sprit geht zur Neige – na ja, nach 20 Kilometern kommt die nächste Tankstelle. Als ich die Mediazin Junction erreiche, überkommt mich ein trostloses Gefühl. Eine verlassene Tankstelle, Autowracks, zerbrochene Fensterscheiben, Müll, aber kein Benzin! Was tun? Hyder ist noch 60 Kilometer entfernt. Ich muss es probieren, denn eine andere Chance habe ich nicht. Gemäch­lich mit 3000 u/min und Tempo 90 lass ich es bergab laufen. Ich feu­ere uns gegenseitig an, mein Motorrad und ich schaffen es. Wir sind eben ein gutes Team. Wir rollen an einem riesigen Gletscher vorbei, der Fotostopp muss auf den Rückweg verschoben werden. Jetzt nur nicht trocken fahren! Ein dritter Bär sitzt direkt am Straßenrand und frisst gemächlich Gras in sich hinein. Vielleicht wäre ich da die noch fehlende Kostergänzung?

Das Schild zwei Kilometer bis Hyder erscheint. Ich reiße die Arme in die Höhe und schreie vor Freude in den Helm. Ein Gang mit leerem Kanister zur Tankstelle, wie in der Aral-Werbung, bleibt mir er­spart. Dann geht der Motor aus. Ich lasse die Maschine im Leerlauf wei­terrollen. Starte erneut und… Sie schafft es und springt noch einmal an. Mit vereinten Kräften schaffen wir es an die Tankstelle. 80 Kilometer habe ich aus der Reserve gekitzelt. Ich bin mächtig stolz auf uns!

Heute Abend geht es auf einen richtigen Campingplatz, zu viele Bären in der Gegend, um wild zu campen. Ich treffe auf Jean. Er hat sein Geld in Hollywood verdient. Jetzt radelt er mit dem Fahrrad durch Nordamerika. Ihm ist der Campingplatz zu „eng“. Morgen will er in die Wildnis losziehen und unter „Bären“ campen. Für mich wäre das nichts, aber jedem das Seine.

Ich gehe unterdessen in eine der drei Bars am Ort. Ein dunkler Raum mit langem Tresen. Dort sitzen die Einheimischen und trinken ihr Bier. Bis auf eine Frau, die trinkt Cola. Jane ist seit 25 Jahren für die hiesige Wetterstation zuständig. Sie erzählt mir freimütig von ihrem Brustkrebs und dass sie gerade eine Chemotherapie macht. Ihrer Laune scheint das keinen Abbruch zu tun. Sie ist bestens drauf und reißt einen Witz nach dem anderen. Ich finde es bewundernswert, wie positiv sie mit der Krankheit umgeht.

Ach so, ich war ja hier um „Hyderized“ zu werden. Was ist „Hyderized“? Es wird ein Schnapsgläschen voll gemacht, um die Flasche ist eine braune Papiertüte gehüllt. Damit ich auch wirklich nicht erken­ne, was eingeschenkt wird. Jetzt heißt es trinken ohne abzusetzen. Ich gieße das Feuerwasser herunter. 73 Prozent Alkohol! Die Kehle brennt. Danach bekomme ich ein kleines Zertifikat und darf meine eigene One Dollar Note mit Unterschrift an die Wand der Bar heften. Willkommen im „Club“!

Buchcover Echt mutig Der Text ist ein Auszug aus dem Buch Echt mutig  -Vom Banker zum Abenteurer – von Joachim von Loeben. Erschienen im Selbstverlag 19,90 Euro.

Gut oder schlecht? Zwei Journalisten streiten über ein Buch

Buchcover Carl Hoffman Frauen und Kinder zuerstVor gut einem Jahr hatten wir die folgende Rezension von Rasso Knoller veröffentlicht – eine Kollegin hat sie gelesen und ist anderer Meinung.

Im Anschluss an Knollers Text deswegen heute die Rezension von Barbara Schaefer. Wer trifft eher den Geschmack unserer Leser?

 

 

 

Frauen und Kinder zuerst!

In seinem Buch “Frauen&Kinder zuerst” erzählt der amerikanische Journalist Carl Hoffman von einer Reise um die Welt, bei der er sich die Aufgabe gestellt hat, für jede Strecke das jeweils gefährlichste und unbequemste Verkehrsmittel zu wählen.

Ist schon die Themenstellung an sich sonderbar, wird sie zum richtigen Ärgernis, wenn die Vorgabe nicht eingelöst wird. Denn Hoffman meistert auf seinen Reisen weder Abenteuer, noch erlebt er irgendwelche Katastrophen. So muss er sich darauf beschränken, von früheren Unglücken zu erzählen. Nur weil sich irgendwann auf der Strecke, die er bereist, ein Unglück zugetragen hat, fühlt sich auch Hoffman als Held. Als er mit einer brasilianischen Fluglinie von Porto Alegre nach Sao Paolo fliegt, schreibt er: ”Ich spielte eindeutig mit dem Feuer, das begriff ich auf einmal. Als ich durch die Flughalle voller Menschen lief, hätte ich am liebsten meine Familie umarmt, menschliche Nähe, Trost und Wärme gespürt”.
Als Gefahrenpunkt hat Hoffman auf diesem Flug die gut aussehenden Flugbegleiterinnen ausgemacht: “Die Stewardessen trugen eng anliegende blaue Röcke und exakt sitzende weiße Blusen mit ausladendem Dekolleté und zehn Zentimeter hohen Stöckelschuhen. Der Airbus war lupenrein sauber”. Klar, dass man sich da unsicher fühlen muss. Die Brasilianerinnen seien zwar freundlich, aber im Falle einer Katastrophe sicher überfordert, vermutet Hoffman. Im US-amerikanischen Luftraum können man sich da schon sicherer fühlen. Denn dort seien die Stewardessen griesgrämig,  hätten aber eben “jahrzehntelange Erfahrungen gesammelt.”
Frauen&Kinder zuerst! ist ein ärgerliches Buch. Es ist das Buch eines eitlen Journalisten, der gerne im Mittelpunkt steht, und deswegen alles, was er macht, zu einer Heldentat stilisiert. Hoffman reist ohne jeden Luxus, ist auf einfachstem Niveau unterwegs  – das aber macht jeder Rucksackreisende auch, ohne sich deswegen gleich für Superman zu halten.
Eine Reise um die Welt, wie sie Hoffman unternommen hat, wäre eine hervorragende Gelegenheit gewesen, sich mit den Menschen zu beschäftigen, die einem begegnen. Aber auch diese Gelegenheit nutzt der Autor nicht. Ihn interessieren die Menschen nur, wenn er sie – wie etwa die schönen Brasilianerinnen – als mögliches Gefahrenpotential ausmacht.

Carl Hoffman, Frauen&Kinder Zuerst!, btbVerlag, 14,99 Euro  ´

Und hier die Rezension von Barbara Schaefer

Carl Hoffman, amerikanischer Reporter, der unter anderem für Outside und National Geographic Traveler schreibt, hat eine ungewöhnliche Weltreise unternommen: Einmal um den Globus mit den gefährlichsten Fortbewegungsmitteln der Erde. Er fliegt mit Cubana Airlines, fährt mit den schlechtesten Bussen über die Anden, mit den schrottigsten Fähren über Flüsse, und immer wieder mit Kleinbussen über kaum vorhandene Straßen in Afrika. Herausgekommen ist dabei weit mehr als eine launige Reisereportage, wie es der alberne Titel vermuten lässt, sondern ein kluges Buch übers Reisen. Hoffman ist nicht nur um die Welt gefahren, um etwas über sich zu erfahren, sondern weil er erleben wollte, wie die Millionen von Menschen tagtäglich unterwegs sind, die in keiner Tourismusstatistik auftauchen. Reisen war, so weiß Hoffman, fast immer ein mühsames Unterfangen, das man nur notgedrungen auf sich nahm. Und die Menschen, die in klapprigen Minibussen die „Erde auf dieser kaum wahrgenommenen Hauptschlagader des Massenverkehrs umkreisten“ taten das, weil sie sich kein Flugticket leisten konnten, und es sich auch nicht leisten konnten, nicht zu reisen. Hoffman weiß um die Absurdität darüber, dass es für ihn „etwas Belebendes hat, mit der gefährlichsten Fluggesellschaft der Welt zu fliegen“. Wie er auch weiß, wie seltsam er oft auf seine Mitreisenden wirkt. Er kennt sich aus mit den Rhythmen des Reisens, wie sich das Reisen auf die Psyche auswirkt, das ständige Wegfahren und Heimkommen, die Ruhe im Rastlosen und das Rastlose in der Ruhe. Dennoch beobachtet er vor allem die anderen Reisenden und erst in zweiter Linie sich selbst. Dabei fehlt es nicht an unterhaltsamen Episoden. Einmal, in Kenia, bekommt er nach einer tagelangen Reise einen regelrechten Anfall, er brüllt den boy im Minivan an, er solle ihn sofort herauslassen, und stürmt hinaus „als ob ich zu lange unter der Wasseroberfläche gewesen wäre“. Und gegen Ende der Reise, als er in einem hanebüchen abgerockten 20-Tonner mitfährt, der Propangas nach Ulaanbataar bringt, ohne Heizung, bei minus 40 Grad, auf kaum sichtbarer Straße, – wird ihm langweilig. Er erkennt, Reisen lohnt sich nur, „wenn die Augen frisch waren“. Sobald die Neugier und die Offenheit der Welt gegenüber nachließen, müsse man zum Ausgangspunkt zurückkehren. „Für immer auf Reisen sein konnte man nicht.“ Für immer daheim zu bleiben scheint aber für Carl Hoffman auch keine Lösung zu sein. Im April diesen Jahres war er in Ägypten, im September in Afghanistan.                         

Und jetzt ist Eure Meinung gefragt. Wie gefällt Euch Hoffmanns Buch? Wir sind auf Eure Zuschriften gespannt. 

Panama: Adrenalinkicks in den Baumwipfeln – Canopy in Boquete

Canopy in ChiriquiDas kleine Bergdorf Boquete zählt zu den Highlights in Panama. Der Ort im Hochland der Provinz Chiriquí besticht durch ein malerisches Panorama: Die roten Hausdächer des Ortes heben sich von den saftig grünen, nebelumhüllten Bergen ab, welche das liebliche Tal des Río Caldera umschließen. Zu einer der aufregendsten Arten, den Nebelwald rund um Boquete kennenzulernen, zählt die Boquete Zip Line Canopy Tour. Wer diese Tour bucht, sollte ein bisschen Mut mitbringen und vor allen Dingen nicht unter Höhenangst leiden. Die Teilnehmer schwingen sich dabei in Höhe der Baumkronen der Urwaldriesen über Seilbahnen von Plattform zu Plattform. Da schwebt man durchaus 30 bis gar 60 Meter über der Erde. Auf einer Länge von rund drei Kilometern sind 13 Plattformen angebracht, was die Tour zur längsten in Panama und zur zweitlängsten in Mittelamerika macht.  

Australien: Hoch hinaus in Surfers Paradise

Sky Point Climb in Surfers Paradise, Queensland

Auf Australiens höchsten Turm klettern

Die im Süden Queenslands gelegene Gold Coast ist um eine spektakuläre Attraktion reicher. Auf dem Q1 Tower in Surfers Paradise wurde der SkyPoint Climb eröffnet. Dabei können Teilnehmer bis auf 270 Meter hinauf klettern und die Spitze des höchsten Turmes Australiens erklimmen. Mit einem Spezialanzug bekleidet und mit Karabinerhaken abgesichert geht es unter freiem Himmel 240 Stufen auf einer Glaskuppel steil bergauf. Der Aufstieg beginnt vom Observation Deck auf 230 Metern Höhe.Der SkyPoint Climb dauert rund 90 Minuten.

Der Q1 Tower misst einschließlich Antennenspitze 322,5 Meter. Er ist damit nicht nur der höchste Turm Australiens, sondern auch eines der weltweit höchsten Wohngebäude.

USA: Westwärts nach Arizona

Arizona: Auf Mountainbike und Pferderücken

Hier schießt  der Wilde Westen noch um sich – zumindest fast. Denn wer glaubt, im Wüstenstaat Arizona gäbe es nicht mehr zu entdecken als Sand und Hitze, der täuscht sich. Unser Autorin Christina Hollstein traf Rockstar-Winzer, Erdfrucht-Köchinnen und Waffennarren auf sehnsuchtsvoller
Suche nach authentischer Western-Romantik. 

Manche Menschen machen Camping in der Wüste. Flimmernde Hitze, Berglöwen, Koyoten, Klapperschlangen, schier endlose, karge und wasserlose Sandlandschaften – alles inkludiert. Arizona polarisiert. Man liebt oder hasst sie, die trockene Sonora-Steppe, die stechende Sonne, die sparsame Vegetation. Die Camper, die hier mitten in der Einöde ihre einfamilienhausgroßen Caravans unter überdimensionalen Carports parken, lieben sie offenbar. Und sie sind nicht die Einzigen. Denn das abenteuerliche Mysterium „Wilder Westen“ scheint noch ganz andere Persönlichkeiten anzulocken.

Ein Golfer im Kaktus

„Das war nicht ganz ungefährlich“, ruft der alte Mann auf dem Mountainbike. Seine Stimme klingt unerschütterlich. Was erstaunlich ist, denn gerade sind wir einen rutschigen Sandpass auf dem Rad hinuntergeprescht. Links und rechts kleine und große, runde und höckerige Kakteen, deren Stacheln irgendwie unfreundlich in alle Himmelsrichtungen ragen. Gary Heald, 75 Jahre, erstaunlich sportliche Statur, braun gebrannt, volles, silbernes Haar, wirbelt hier täglich durch Staub, Wind und Sonne.

Trotz seines Alters ist er wohl einer der virilsten Wüstenführer der „Arizona Outback Adventures“, dem Wüstenabenteuer-Unternehmen, das seinem Sohn gehört. „Vor kurzem fiel hier in der Nähe ein Golfspieler beim Abschlag rücklings in solch einen Kaktus“, erzählt Gary und zeigt auf ein Exemplar, das aus hunderten eiergroßen Stachelbällchen besteht, die sich hin und wieder von der Stammpflanze lösen und für den Wanderer gefährlich allein durch die Wüste treiben. „Die Stacheln wurden drei Stunden lang aus seinem Körper operiert“, lacht er. Doch natürlich kann der Wüsten-Weise noch viel mehr als bloße Schauermärchen erzählen. So unterrichtet er uns auch in Wüsten-Vegetation: „Je kleiner das Blatt am Baum, desto geringer der Wasserverlust“. Aber auch in Wüsten-Geschichte: „Die Weißen wollten die Indianer liquidieren? Was Arizona betrifft: Ein Gerücht!“
Na ja … Zumindest ist in dieser sandigen Endlosigkeit gerade weit und breit kein Indianer zum Einsprucheinlegen vorhanden. Vielleicht ein schlechtes Zeichen?

Charleen kocht hässliches Gemüse

Für alle die, die kein Hitze-Camping mögen, bietet Arizona allerdings auch Alternativen: Sonora-Oasen, kleine Wüstenstädte, aber auch riesige Stadtwüsten. Und selbst wer saftigen, grünen Rasen sucht, der muss erstaunlicherweise nicht ins für uns Europäer nahe England reisen, sondern kann ebenfalls in die Wüste fahren, klar. Ins Städtchen Scottsdale zum Beispiel – ein Paradies für alle Freunde des liquiden Wüstenflairs, für Gourmet-Golfer, für Pool-Party-Fans. Doch während wir hier in den schicken Golf-Resorts eher auf teure, in geschmacksfreiem Käse ertränkte Küche treffen, entdecken wir in Old Scottsdale, dem Downtown-District der Stadt, moderne, leichte und wie der arrogante Europäer sagen würde „irgendwie unamerikanische“ Küche. „Charleen kocht sogar hässliches Gemüse“, sagt die hübsche Laura McMurchie, PR-Sprecherin der Region Scottsdale. Hässliches Gemüse? Im Gastropub FnB sind das Steckrüben und Blumenkohl, Kohlrabi und Pastinaken, Kartoffeln und Knollen-Zieste. Seit 2009 schon bereitet die Küchenchefin hier all diese Erd-Köstlichkeiten in offener Küche zu. „Charleen hat früher vierzig Kilo mehr gewogen“, verrät Laura und lacht, „dass heute so viel Gemüse auf der Karte steht, hat sicher auch etwas mit ihrem Diät-Konzept zu tun.“ Wie bei einem italienischen Großfamilien-Abendessen wird unser Tisch also mit verschiedenen Beilagen und Hauptspeisen gefüllt. Jeder probiert alles. In gemütlicher Dimmlicht-Atmosphäre prosten wir uns zu. Und zwar nicht etwa mit kalifornischem Wein, sondern mit dem aus dem kargen Arizona. Und dieser ist im FnB sogar prominent.

Der Winzer muss ein Rockstar sein

Nein, nicht etwa die Prominenz des Weins, sondern die des Winzers ist hier gemeint. Noch zumindest. Maynard James Keenan, Sänger der Hardcore-Band „Tool“, steht im FnB mit seinen aus den „Caduceus Cellars“ stammenden Weinen auf der Karte. Und auch der Rebsaft des neuseeländischen Regisseurs Sam Pillsbury ist hier gleich fünfmal auf der Weinliste vertreten. Zumindest in Amerika ist der Arizona-Wein dank dieser prominenten Unterstützung schon ein wenig populärer geworden. Und diese Missionarsarbeit war dringend nötig: Die ältesten Reben Arizonas sind gerade einmal zwanzig Jahre alt. Der Anbau in kargen Wüstenlandschaften spricht auch nicht gerade für die Region. Es gibt Frostperioden im Winter, monsunartige Regenfälle im Sommer und hartnäckige Schädlinge wie Waschbären und Nabelschweine im ganzen Jahr – ein hartes Geschäft. Wer hier Spaß am Weinbau hat, muss wohl tatsächlich Rock-Star sein. Oder einfach nur ein bisschen verrückt.

Ohne Espresso kann Flavio nicht schlafen

Doch was ein echter Cowboy ist, zieht weiter, immer weiter hinaus in die Wüste. Dorthin, wo die wilden Pferde wohnen, die weißen Hengste, Namensgeber der „White Stallion Ranch“ im Irgendwo Tucsons. Wir steigen aus dem klimatisierten Wagen und blinzeln durch die staubige Hitze in die tief stehende Sonne. Alles scheint so ruhig, fast verlassen. „Welcome to the White Stallion Ranch“, aus dem blendenden Licht schält sich der Umriss eines schlaksigen Cowboys. Betont o-beinig und in weißen Leder-Chaps kommt er auf uns zu. „Ist das der Ranchbesitzer?“, fragen wir uns. Nein, Flavio ist vielmehr Dorfsheriff. Ein Schweizer Mittvierziger, ein Dauergast-Cowboy erfahren wir später. Im echten Leben wohnt er alleine am schönen Lugano See, tüftelt an Computern und wartet auf das Frühjahr und den Herbst. Denn dann verbringt er hier auf der Ranch jeweils sechs bis acht Wochen als Teilzeit-Wild-Westler. Nur eine Regel gilt für ihn hier wie dort immer gleich: OHNE Espresso kann Flavio nicht schlafen. Deshalb fährt er allabendlich in die nächste Stadt, um einen zu trinken.

Im Schnauze-an-Schweif-Marsch über ausgetretene Pfade

Doch Flavio ist nicht der einzige „Lonesome-Cowboy“, der sich hierher verirrt hat. Beim Abendessen treffen wir auf eine recht originelle Truppe deutschsprachiger Pferdefans. Belinda, 19 und noch etwas kindlich, hat die teure Reise, ganz Kronprinzessin, die sie in jeder Geste ist, von Mami und Papi zum Abitur geschenkt bekommen. Rene, 45, Schweizer Sportlehrer, hat zumindest die freie Zeit für die Reise zum zwanzigjährigen Dienstjubiläum von den lieben Kollegen geschenkt bekommen. Und zu guter Letzt Gunda, geschätzte, aber nicht verratene um die 40, die die Reise hoffentlich von niemandem geschenkt bekommen hat – denn sie wirkt nicht sehr glücklich: „Das ist hier ja wie auf einem albernen Ponyhof!“. Nun gut. Das Reiten am nächsten Morgen hat tatsächlich nicht sehr viel mit wildem Westen zu tun. In geführten Gruppen geht es zum „Breakfast Ride“, dem täglichen Frühstücksritt. Vor mir im Sattel sitzt Senior-Cowboy H. C., etwas rostig, aber rüstig, und gibt, mehr kauend als sprechend etwas sehr Breit-Amerikanisches von sich. Er ist offenbar beeindruckt. Und ich auch. Denn das morgendliche Wüstenpanorama ist tatsächlich auf eine ganz eigentümliche und ziemlich aride Art und Weise imposant. Und so zotteln wir im Schnauze-an-Schweif-Marsch über ausgetretene Pfade durch die flirrende Hitze. Mein Pferd scheint irgendwann im einhundert Mal absolvierten Gang einzuschlafen. Obwohl – es scheint eigentlich nicht nur so: Es schläft tatsächlich.

Im Gegensatz zur größtenteils eher betagten Pferd-und-Reiter-Assemblage sind die betreuenden Wrangler, so heißen Cowboys, die keine Kühe, sondern Touristen durch die Wüste treiben, wie aus einem Teenager-Traum geschnitten. Jeremy, weißblond, braun gebrannt, blauäugig, blendendes Zahnpasta-Lächeln, und David, dunkel gelockt, dunkel-blauäugig, ebenfalls braun gebrannt und ein fast ebenso strahlendes Lächeln, betreuen die Reiter. Leider nicht nur zu Pferde. „Noch jemand Kaffee“, fragt Jeremy uns in betulicher Haushälterinnen-Manier. Er serviert das zum „Ride“ gehörige „Breakfast“ auf rot-weiß karierten Decken. „Nein, danke“, denken wir und wünschten, wir würden hier gerade nicht zwei junge, wilde Cowboys ein Senioren-Kränzchen ausrichten sehen.

Pump-Guns im Hobbymarkt

„In der Schweiz besitze ich eine elfteilige Waffensammlung“, unterbricht Flavio das Gespräch. Blicke kreuzen sich. Einen Schreckmoment lang wünscht sich wohl jeder von uns mindestens den Grand Canyon zwischen sich und den Pistolenfan. Arizona hat die liberalsten Waffengesetze Amerikas. Flavio fühlt sich hier wie „zu Hause“, wie er sagt. Pump-Guns kauft man im Hobbymarkt – neben Angel-Equipment und Campingausrüstung. „Man muss sein Hab und Gut verteidigen dürfen“, findet Flavio, „zu Hause würde ich jeden erschießen, der ungefragt mein Grundstück betritt.“ Es ist Nacht geworden auf der „White Stallion Ranch“. Die Sterne funkeln am dunklen Wüstenhimmel, fernab der großen, illuminierten Städte, besonders hell. Wir sitzen zwischen Kakteen und umherflitzenden Geckos auf unserer friedlichen, kleinen Bungalow-Terrasse. Es gibt Dosenbier. Nur Flavio trinkt Wasser. Es muss also sein Ernst gewesen sein.

Ein abenteuerliches Mysterium

Manche Menschen machen Camping in der Wüste. Manche fahren in ihr bei über 40 Grad Mountainbike oder lassen sich beim Golfspielen von Kakteen aufspießen. Manche kochen hier hässliches Gemüse, bauen in der Dürre Wein an oder frönen ihrer unstillbaren Waffenlust. Für all diese Menschen ist der „Wilde Westen“ genau das, wonach sie sich sehnen und was sie suchen. Und für alle anderen bleibt er genau deshalb, was er ist: Ein abenteuerliches Mysterium.