Holland: Der Sinterklaas kommt an

Sinterklaas Parade

Während sich die Kinder hierzulande noch ein wenig gedulden müssen, starten die holländischen Kleinen bereits Mitte November in die Weihnachtszeit. Gespannt erwarten sie die Ankunft des Nikolaus, der auf Holländisch „Sinterklaas“ heißt. Die niederländischen Kinder glauben, dass er jedes Jahr mit einem Dampfboot aus dem fernen Spanien anreist, um Kinder zu beschenken – und wenn nötig, sie zu tadeln oder gar mit zurück nach Spanien zu nehmen.
Offiziell landet Sinterklaas am 16. November zum 66. Mal mit seinem Schiff in den Niederlanden, diesmal in Groningen. Anschließend reist er bis zum 5. Dezember durch das ganze Land. Sinterklaas besucht die Kinder immer ein bisschen früher als sein deutsches Pendant: Der eigentliche Nikolaus-Tag findet nicht wie in Deutschland am 6., sondern am Abend des 5. Dezembers statt. Mit der Landung von Sinterklaas wird traditionell die Weihnachtssaison in den Niederlanden eröffnet. Stimmungsvolle  Weihnachtsmärkte, fantasievolle Festivals, festlich beleuchtete Städte und adventliche Ausstellungen locken Besucher aller Altersklassen an.

Besonders spektakulär ist die Parade, die zu Ehren von Sinterklaas durch Amsterdam zieht. Diese Parade hat 2013 ihr Jubiläum, denn Sinterklaas feiert seine 75. Ankunft in Amsterdam. Am 17. November werden neben Sinterklaas rund 700 „Schwarze Peter“ erwartet, die in prächtigen Wagen durch Amsterdam fahren und 5.000 Kilogramm Gebäck an die 300.000 erwarteten Kinder, Eltern und Großeltern am Straßenrand verteilen. Während des Einzugs spielen ungefähr acht Pietenbands, die für gute Stimmung sorgen. Die Fahrt führt vom Fluss Amstel zum Schifffahrtsmuseum. Bei dem etwa ein Kilometer langen Festzug handelt es sich nach Angaben der Veranstalter um die längste Nikolaus-Parade der Welt.

 

Niederlande: Ein Rundgang durch Amsterdam (2. Teil)

Von der Kalverstraat zur Nieuwendijk

Ein Touristenmagnet ist das Rembrandthuis am Anfang der Jodenbreestraat, das dem Künstler von 1639 bis 1658 als Wohnung und Atelier diente. Seine Werke sind zwar über die ganze Welt verteilt, doch in seinem Wohnhaus in der Jodenbreestraat hängt kein einziges von Weltrang. Immerhin sind viele kleine Arbeiten zu sehen, über 250 Radierungen, Kupferstiche und Zeichnungen. Manche sind nur bierdeckelgroß, aber alle zeigen Rembrandts Kunst, Szenen und Porträts mit nur wenigen Strichen meisterlich zu skizzieren. In den rekonstruierten Wohnräumen bekommt man einen Eindruck vom damaligen Alltag. Trotz der vielen Verkäufe lebte Rembrandt finanziell weit über seine Verhältnisse, Schulden zwangen ihn, das Haus und sein ganzes Inventar zu verkaufen. Später zog er in die Rozengracht 84 im Jordaanviertel.

Eine Dokumentation zu Beginn der Ausstellung illustriert, wie mühsam es 1908 war, Rembrandts Wohnung zu rekonstruieren. Seitdem ist das Haus im ehemaligen Judenviertel ein kleines Museum. Die engen, knarrenden Treppen führen bis ganz oben zum Atelier unterm Dach und in die Werkstatt mit der Materialsammlung des Meisters. Dort fertigt ein Museumsmitarbeiter noch Drucke auf einer alten Presse an und man kann zuschauen, wie Radierungen entstehen.

Auf dem nahen Flohmarkt am Waterlooplein gibt es außer Krempel und Klamotten auch giftgrüne Cannabis-Lutscher, die sich prima als Souvenir für Freunde und Kollegen eignen – der herbe Geschmack hält den Rausch in Grenzen.

Der mächtige Komplex der Stopera genannten Kombination aus Stadhuis (Rathaus) und Muziektheater (Oper), der linker Hand alles beherrscht, war bei der Bevölkerung lange Zeit sehr umstritten, und das nicht nur weil das Werk des Architekten Cees Dam mehr als 136 Millionen Euro kostete, sondern auch weil der moderne Klotz in starkem Gegensatz zum beschaulichen Grachtenidyll ringsumher steht und den Waterlooplein beherrscht. Das Muziektheater wurde 1986 eröffnet und beherbergt neben der Niederländischen Oper auch das berühmte Nationalballett und die Niederländischen Sinfoniker.

In der Passage zwischen Stadhuis und Muziektheater ist NN zu Hause: NN steht für Normalnull und ist europaweit die Basis für die Höhenmessung. Der Eichpunkt ist als Bronzeknopf zu sehen, knapp daneben ragen drei Glassäulen aus dem Boden, zwei zeigen den aktuellen Meeresspiegel an, in der dritten sprudelt es in fünf Metern Höhe – so hoch war der Wasserstand bei der letzten Flutkatastrophe im Jahr 1953.

Auf der anderen Seite des Wassers geht es durch den Zwanenburgwal in die Staalstraat, wo im Café mit der Hausnummer 59 der beste Schokoladenkuchen von Amsterdam serviert wird. Nicht weit entfernt, Hausnummer 7b, bietet ein Designstore wohl die verrücktesten Geschenke, die man finden kann. Wer seine Wohnaccessoires im Droog Flagship kauft, der muss sich um Langeweile bei seinen Gästen jedenfalls keine Gedanken mehr machen: Stühle aus gepressten Klamotten, Weingläser als Haustürklingel, Lampen aus Milchflaschen oder hundert Glühbirnen, Tassen mit dem Griff in der Innenseite, ein Reißverschluss als Halskette – selbst wer hier nichts kauft, hat sich prächtig amüsiert. Für Freunde mit einem süßen Zahn empfehlen sich die Delikatessen von Puccini (Hausnummer 17), darunter die feinsten Pralinen nördlich von Brüssel.

Nach dem Besuch des Droog folgen wir der Straße am Groenburgwal entlang und gehen linker Hand über die Brücke. Vorbei an der prachtvollen Fassade des Doelen Hotels, für das Rembrandt einst die »Nachtwache« gemalt hat, führt der Weg Richtung Rembrandtplein. Auf dem Platz des Genies der Malerei steht sein berühmtestes Werk, die »Nachtwache«, lebensgroß und zum Anfassen in 3D, sogar samt kläffendem Hund. Speziell am Abend wird die Piazza zum rummeligen Treffpunkt und die Cafés und Kneipen ringsherum sind gut besetzt. Wenn dann noch Ajax Amsterdam spielt, ist auf dem Rembrandtplein die Hölle los. Wer nicht gerade mittendrin sitzen will, besieht sich den Trubel von der Terrasse des berühmten Café l’Opera.

Selbst wer jetzt keine Lust auf einen Kinobesuch hat: Das Tuschinski in der Reguliersbreestraat 26 muss man gesehen haben – es ist das schönste Kino der Niederlande und das Vermächtnis eines außergewöhnlichen Lebens. Der gelernte Schneider und Filmliebhaber Abraham Tuschinski, der zu diesem Zeitpunkt in Rotterdam schon mehrere Kinos besaß, brachte im Juni 1919 die ersten der 1200 benötigten Pfähle für den Bau seines Lebenstraumes mit einem Frachtschiff über den Rhein nach Amsterdam. Der prachtvolle Bau kostete etwa vier Millionen Gulden und war im Oktober 1921 abgeschlossen.

Das Gebäude ist derart ungewöhnlich, dass ein eigener Baustil nach ihm benannt wurde – es ist eine Mischung aus Art déco, Neugotik und Amsterdamer Schule. Die Fassade ist mit glasierten Ziegeln, Keramik-Skulpturen und schmiedeeisernen Gittern sowie Lampen verziert. Die Heizungs- und Klimaanlage des Gebäudes galt als revolutionär, weil es damit erstmals eine gleichbleibende Temperatur auf allen Zuschauerplätzen gab. Die Kinoorgel des großen Saals mit damals 1600 Plätzen wurde von der legendären amerikanischen Wurlitzer Company geliefert. Ein kleinerer Saal mit 250 Plätzen, ein »japanisches Teezimmer«, eine »maurische Suite« und elegante Foyers machten den Komplex endgültig zur Sensation.

Während der Besetzung Amsterdams durch die Nationalsozialisten wurde der Bau 1940 geschlossen und Tuschinskis Reich ging in die Brüche. Seine Kinos in Rotterdam wurden von deutschen Bomben zerstört. Tuschinski selbst wurde mit seiner Frau und seinen Mitarbeitern deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet, ebenso wie der Architekt Hijman Louis de Jong. Die deutschen Besatzer nutzten das Amsterdamer Kino ab 1944 hauptsächlich als Varietétheater. Nach der Befreiung Amsterdams wurde es in Tuschinski-Theater zurückbenannt und wieder als Kino genutzt. Neben Film- und Varietévorführungen traten Weltstars wie Maurice Chevalier, Judy Garland, Marlene Dietrich, Édith Piaf, Dizzy Gillespie, Fats Domino und Dionne Warwick auf. 1969 wurde das hauseigene Orchester aufgelöst, 1974 wurde das Orgelspiel vor den Filmvorführungen aufgegeben. Zur Jahrtausendwende wurde das Kino umfassend renoviert, durch einen neuen Flügel erweitert und schließlich als Pathé Tuschinski (als Teil der Pathé Kinokette) neu eröffnet, im großen Saal finden heute niederländische Filmpremieren statt.

»Aus der Mauer essen« nennen die Amsterdamer den schnellen Imbiss aus dem Automaten. Und die besten Kroketten der Stadt gibt es eindeutig in den Glasvitrinen bei Febo in der Reguliersbreestraat 38. Mittags beschränken sich die meisten Einheimischen auf einen Imbiss, auf Hapjes und Broodjes, Kroketten, Frühlingsrollen, Bitterballen (die runde Spielart der Kroketten) und Frikandel, denn die Hauptmahlzeit ist das Abendessen. Die knackfrisch zubereiteten und preiswerten Köstlichkeiten aus der Wand sind eine kulinarische Spezialität und gehören genauso zu Amsterdam wie der Äppelwoi zu Frankfurt und die Weißwurst zu München.

Frisch gestärkt geht es Richtung Singelgracht und ins Getümmel auf dem Bloemenmarkt. Einst kamen die Gärtner per Boot hierher, um die Pflanzen und Zwiebeln aus ihren Gärtnereien zu verkaufen, heute bieten die Händler ihre Waren längst in massiven, fest vertäuten Ständen an. Das letzte echte schwimmende Blumenboot liegt gegen Ende des Blumenmarktes, gegenüber vom Weihnachtsladen.

Nach dem Blumenmarkt geht es rechter Hand in den Begijnhof, der versteckt vor dem Trubel wie ein stiller Dorfanger inmitten der Stadt liegt – eine Wiese mit hohen Bäumen, umsäumt von jahrhundertealten Häusern, vielen Blumen und einem mittelalterlichen Kirchlein. Im Mittelalter hatte jede Stadt in Holland solche Wohnhöfe, die von reichen Bürgern gestiftet wurden. Amsterdams Begijnhof wurde 1346 gegründet und lag damals am äußersten Rand der mittelalterlichen Stadt. Hier wohnten alleinstehende Frauen, die in einer religiösen Gemeinschaft leben, aber keine Nonnen werden wollten. Sie widmeten sich vor allem der Altenpflege. Zwei Feuer zerstörten den Hof im 15. Jahrhundert fast komplett; die heutige Bebauung stammt größtenteils aus dem 17. Jahrhundert. Das Het Houten Huis mit der Nummer 34 wurde dagegen bereits um 1470 errichtet und soll das älteste Holzhaus der Niederlande sein. Gegenüber der englisch-presbyterianischen Kapelle versteckt sich in zwei Wohnhäusern eine weitere katholische Geheimkirche aus dem 17. Jahrhundert.

Der Name Begijnhof leitet sich wahrscheinlich von der Schutzheiligen der frommen Frauen, der Heiligen Begga, ab. Die letzte Begijne starb 1976. Die hübschen Häuser mit den grünen Vorgärten werden auch heute noch vorwiegend an katholische Frauen, meist Witwen, aber auch immer häufiger an Studentinnen vermietet. Das Mindestalter für eine Bewerbung ist 25 Jahre, und die Frauen dürfen hier nur ohne Freund leben oder sie müssen sich gemäß der jahrhundertealten Hausordnung eine neue Bleibe suchen.

Zwischen dem Beginenhof und der Kalverstraat versteckt sich die Schuttersgallerij, die Schützengalerie. In dieser überdachten, öffentlichen Gasse, die faktisch zum Historischen Museum gehört, kann man 15 riesige Gemälde bewundern, allesamt Porträts der Amsterdamer Schützengilden aus dem 17. Jahrhundert. Vermutlich ist dies der einzige Ort auf der Welt, an dem Kunstwerke von solchem Rang in einer öffentlichen Gasse an der Wand hängen. Das berühmteste Schützenporträt ist natürlich Rembrandts »Nachtwache« – die hängt allerdings nicht auf der Straße, sie kann man auch weiterhin nur im Rijksmuseum sehen. Wer die Schuttersgallerij des Historischen Museums verlässt, sollte sich unbedingt umdrehen: Die kleine Pforte an der Kalverstraat ist ein Prachtstück.

Zum Komplex des Amsterdams Historisch Museum, das ehemals ein Waisenhaus war, gehören auch die beiden großen, hellen Innenhöfe, Oasen der Stille und die ideale Location für eine Lunchpause. Sollte es regnen, ist der Eingang zum Restaurant »David & Goliath« nur wenige Schritte entfernt. Früher waren dies die Stallungen des Waisenhauses, seinen heutigen Namen verdankt das Restaurant den beiden Holzfiguren, die aus der Zeit der erfolgreichen Befreiung von der spanischen Besatzung stammen.

In der Kalverstraat empfängt uns wieder der städtische Rummel, der uns bis zum Ende unseres Rundgangs begleitet. Der Dam gehört zu den belebtesten und beliebtesten Plätzen Europas; das Monument in der Mitte erinnert an die Befreiung von der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Am Dam befindet sich auch die Amsterdamer Dependance des berühmten Londoner Wachsfigurenkabinetts Madame Tussauds mit typisch holländischen Ergänzungen wie dem Nikolaus, der sich hier in Lebensgröße bewundern lässt.

Nach der holländischen Legende reist »Sinterklaas« jedes Jahr Mitte November aus Spanien mit einem Dampfschiff an. Der Mann mit rotem Talar, Mitra und langem weißen Bart wird in Amsterdam als Nationalheiliger empfangen: Vom Hafen zieht eine große Prozession zum Königspalast, wo der Nikolaus von Königin Beatrix begrüßt wird. Überhaupt ist in kaum einem anderen Land die Tradition um den heiligen Nikolaus so fest verankert wie in den Niederlanden. Im 13. Jahrhundert soll in Utrecht bereits ein Fest um St. Nikolaus gefeiert worden sein, und auch als sich die Reformation im Norden des Landes durchsetzte, wurde die katholische Tradition weitergeführt.

Die Legenden um den Heiligen gehen auf historische Begebenheiten zurück. Ihm wird nachgesagt, dass er Stürme bändigte, wenn verzweifelte Seeleute ihn um Hilfe anriefen, und Gefängnismauern einstürzen ließ, sobald zu Unrecht Verfolgte zu ihm flehten. Seine Verehrung findet in vielen Kirchenbauten ihren Ausdruck, allein im 12. und 13. Jahrhundert entstanden in Holland über 20 Sankt-Nikolaus-Kirchen; Amsterdam machte Nikolaus zu seinem Schutzheiligen. Heute wird das Fest über mehrere Wochen inszeniert: Von der Ankunft des Sinterklaas bis zum 5. Dezember berichtet das Sinterklaas Journaal jeden Tag, was der Nikolaus und seine Helfer, die »Zwarten Pieten«, im Land erleben. Dann dürfen die Kinder abends ihre Schuhe vor den Kamin stellen, in die sie ihre Wunschzettel stecken und dazu eine Möhre oder ein Büschel Heu für den Schimmel »Amerigo«, mit dem Sinterklaas über die Dächer reitet. In der Nacht klettern die Zwarten Pieten durch die Kamine, holen Wunschzettel und Heu ab und hinterlassen ein paar Süßigkeiten, um das Warten auf den Pakjes­avond (Geschenkabend) zu erleichtern.

Die Niederländer feiern ihr Nikolausfest schon am 5. Dezember, am Vorabend zum Geburtstag des Heiligen. Je nach Familientradition bringt Sinterklaas die Geschenke persönlich oder er stellt den Sack vor die Tür und klopft an, bevor er verschwindet. Für Kinder ist das Sinterklaas-Fest ein spannendes Spektakel, für Erwachsene eine nostalgische Erinnerung an die eigene Kindheit und auf jeden Fall ist es ein Stück niederländische Identität. Weihnachten spielt im Vergleich nur eine untergeordnete Rolle.

Optisch wird der Dam vom klassizistischen Koninklijk Paleis (Königlicher Palast) beherrscht, ein prunkvolles Symbol der Macht und des Reichtums der Handelsherren, die es im 17. Jahrhundert als Rathaus erbauen ließen. Im 19. Jahrhundert ging es in den Besitz des Königs über, denn den Ratsherren wurde der Unterhalt des prächtigen Bauwerks zu teuer.

Ein weiteres schönes Exemplar der Baukunst dieser Epoche finden wir auf dem Weg vom Dam über die Raadhuisstraat zur Herengracht: das Bartolottihuis. Die ulmenbestandene Gracht führt zum Herenmarkt. Wen jetzt noch die Kauflust überkommt, der kann sich in der Einkaufszone Nieuwendijk austoben, die im großen Bogen zum Dam zurückführt – die meisten Läden sind auch am Sonntag geöffnet.

Den ersten Teil des Stadtrundgangs durch Amsterdam lesen Sie hier

Infos

Amsterdam
Hannah Glaser
Vista Point Verlag
ISBN 978-3-86871-575-0
www.vistapoint.de

Niederlande: Ein Rundgang durch Amsterdam (1. Teil)

Vom Hauptbahnhof zur Schuttersgallerij

Wer Amsterdam durch seinen Hauptbahnhof betritt, wird von einem Chaos aus Baumaschinen, Absperrwänden und Umleitungsschildern empfangen und steht gleich mit beiden Beinen im größten Problem der Stadt – der Bau der neuen U-Bahn beschäftigt sie schon seit Jahren. Seit 2003 ist der Platz vor dem Bahnhof eine Großbaustelle und, wie es aussieht, wird es noch bis 2017 dauern, bis die neuen Linien in Betrieb genommen werden können. 2,3 Milliarden Euro wird das Projekt nach aktuellen Schätzungen bis dahin verschlungen haben. Der Hauptbahnhof ist eine zentrale Schnittstelle für die neue Metrolinie, die unterirdisch Nord und Süd verbinden soll. Problematisch ist dabei, dass der U-Bahn-Tunnel mitten unter der Altstadt durchführt. Und die Häuser, Kirchen und Paläste der Altstadt stehen nun mal auf Hunderte Jahre alten Holzpflöcken in einer weichen Sandschicht.

Auch das prunkvolle Gebäude des Hauptbahnhofs, der Centraal Station, einst von P. J. Cuypers, dem Stararchitekten des 19. Jahrhunderts, entworfen, steht auf drei künstlichen Inseln; Tausende von Baumstämmen bilden im sumpfigen Boden das Fundament für den Neorenaissance-Klotz. Natürlich haben sich die Amsterdamer Ingenieure von heute ausgiebig und weltweit mit Kollegen beraten, unter anderem auch mit denen in London, die kürzlich ihre Tunnel der dortigen »Jubelee Line« mit Erfolg direkt am Big Ben und der Themse vorbei bauten, doch jeder Ort hat seinen eigenen Boden und der Amsterdamer Sand ist viel weicher als der Londoner Lehm.

Das zeigt sich auch abseits der Baustelle auf der anderen Straßenseite. Wir gehen Richtung Zeedijk (Seedeich) und orientieren uns am Hotel Victoria aus dem Jahr 1890. Wer sich die Fassade des Vier-Sterne-Hotels genauer ansieht, entdeckt – rechts von der Eingangstür – darin eingemauert ein kleines Haus. Dessen einstiger Besitzer wollte sein Domizil nicht verkaufen und pokerte um den Preis. Statt Unsummen zu zahlen, ließ man ihm seinen Willen und baute das palastartige Gebäude drumherum. Heute steht die historische Fassade unter Denkmalschutz. Dahinter verbergen sich 306 Zimmer auf sieben Etagen, dazu ein Fitnesscenter mit Innenpool und türkischem Dampfbad.

Vor dem Hotel geht es links zum Zeedijk, und wenn wir in den Sint Olofssteeg einbiegen, befinden wir uns schon in einem der ältesten Gevierte der Stadt, heute ein Teil von Chinatown. Hier standen im 15. Jahrhundert Holzhäuser, die mit Stroh gedeckt waren, doch weil Brände immer wieder ganze Stadtteile zerstörten, wurden per Bauordnung nur noch Steinhäuser erlaubt. Die waren allerdings oft zu schwer für die Pfähle im Untergrund, die an dieser Stelle 15 Meter in den Boden reichen.

Die Einheimischen vergleichen die instabile Welt unter ihren Füßen gern mit einer Lasagne – einige Schichten Sand unddazwischen jede Menge Sauce. Knicken einige Pfähle unter dem Gewicht ein, gerät das Haus in Schräglage. Manche Schieflage ist allerdings auch vom Bauherrn ausdrücklich gewünscht. So sind die Giebel der schmalen Häuser mit Absicht nach vorne geneigt, weil man Möbel, Klavier und andere große Lasten nicht durch die handtuchschmalen Treppenhäuser nach oben balancieren kann, sondern per Flaschenzug am Hebebalken durch die Fenster hievt.

Wir gehen vorbei am historischen Café »Int Aepjen« (Zeedijk 1), dem Kleinen Affen, wo früher  die Seeleute einkehrten, und über die Brücke mit der Schleuse, die das Süßwasser der Amstel (die der Stadt ihren Namen gab) vom Meerwasser trennt. Die Schmucksteine in den Fassaden erzählen vom Goldenen Zeitalter, als Amsterdams Hafen der größte der Welt war und die holländischen Handelsschiffe nicht nur Gewürze und Spezereien, sondern auch Kuriositäten wie Kamele an Bord hatten, wenn sie nach Amsterdam zurückkehrten. Die Fassadensteine mit den prächtigen Reliefs gaben Auskunft über das Haus und seine wohlhabenden Bewohner.

Im 16. Jahrhundert befand sich Amsterdam mitten in einem blutigen Glaubenskrieg: Die Spanier beanspruchten Holland und zwangen die Menschen zum Katholizismus. Erst nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien wurde in Amsterdam wieder die Glaubensfreiheit eingeführt und der Handel erreichte eine neue Blütezeit. Während der Reformation kehrten sich die Verhältnisse um und die Katholiken standen auf dem Index. Damals entstanden in Amsterdam die versteckten Dachboden- oder »Schlupfkirchen«, wie sie die Einheimischen nennen. Mehr als 25 solche geheimen Kirchen gab es in der Stadt, aber nur eine ist in fast unverändertem Zustand erhalten: Verborgen hinter der Fassade eines gewöhnlichen Wohnhauses aus dem 17. Jahrhundert lässt sie sich im heutigen Museum Ons’ Lieve Heer op Solder (etwa: Unser lieber Herrgott auf dem Dachboden), dem zweitältesten Museum der Stadt, besichtigen.

Der Kaufmann Jan Hartman ließ die Kirche zwischen 1661 und 1663 in der obersten Etage seines Wohnhauses erbauen, denn als überzeugter Katholik wollte er sich dem Diktat der Calvinisten nicht beugen. Die Seeleute durften glauben, was sie wollten, aber für Jobs beispielsweise in der Stadtverwaltung musste man protestantisch sein. Übrigens war es erst Napoleon, der Staat und Kirche trennte, als er 1806 die Niederlande besetzte. Davor waren katholische Messen offiziell verboten, wurden aber mehr oder weniger geduldet, solange man öffentlich nichts davon mitbekam. In keinem Fall durfte man die Privatkirchen von außen als solche erkennen. Also schoben die Inhaber der Stadtverwaltung Geld zu und dafür wurde ihr religiöses Treiben toleriert.

Wer heute im Oudezijds Voorburgwal 40 die schmalen Treppen nach oben steigt, findet immer noch die Gardinen zur Straßenseite geschlossen, an den Wänden hängen im Dämmerlicht die echten Gemälde von damals, ein Jacob Ruisdael, ein Jan van Goyen, beides renommierte Vertreter der klassischen holländischen Landschaftsmalerei. Ein paar Treppen höher entdeckt man im Zwischenstock einen Verschlag mit Wandbett und Kruzifix, den Schlafraum des Priesters. Umso größer erscheint Jan Hartmans Hauskirche im vierten Stock. Rund um den Altar ist Platz für eine Galerie und die Orgel. Die marmornen Säulen neben dem Altar sind ein Fake: Weil echter Marmor zu viel Gewicht gehabt hätte, behalf man sich mit aufgemalter Marmorstruktur. Die Kanzel ist aus Platzgründen linker Hand in den Altar eingebaut und kann bei Bedarf ausgeklappt werden. Der Blick aus dem Fenster geht über die Dächer direkt auf die Türme der St. Nikolauskirche.

Bevor man das erstaunliche Haus wieder verlässt, sieht man im Erdgeschoss, wie eng und gedrängt die Familie hauste, die Gott so viel Platz überließ. Auch die weißblau gekachelten Wände der Spülküche sind noch im Originalzustand, genau wie das kleine Plumpsklo hinter der Tür. Das wird übrigens zur Freude aller Kinder »Pupsdose« genannt. Im Hausflur hängt ein Plan, der die hufeisenförmige Anlage der historischen Altstadt zeigt – ein Geviert, in dem heute 80 000 Menschen leben.

Wenige Schritte weiter stehen wir vor der Oude Kerk, der ältesten Kirche der Stadt, die 1306 geweiht wurde, und sind damit auch schon mitten im umstrittenen Rotlichtviertel. Die Kirche wird heute nur noch als Ausstellungsraum genutzt. In ihrem malerischen Innenraum verbirgt sich ein originelles Suchspiel: Unter der großen, auf Marmorsäulen ruhenden Orgel aus dem Jahr 1742 findet man eine Wandmalerei, wobei die Holzvertäfelung zwischen den Säulen mit einer Marmorimitation versehen wurde – das bedeutet weniger Gewicht für das Fundament, das im weichen Moorboden verankert ist. Als das Ganze 1978 restauriert werden musste, malte der Marmormaler Henk Dogger auf einfallsreiche Weise sein Selbstportrait in das Bild hinein – das Ergebnis findet man links unter der Orgel, nahe dem Fußboden. Prächtig sind die drei Glasmalereifenster aus dem Jahr 1955.

Die Kirche ist das Herz des Rotlichtviertels De Walletjes, das ebenso wie die Oude Kerk eine wichtige Rolle in John Irvings Roman »Bis ich dich finde« spielt. In den Augen der Amsterdamer Stadtväter ist die Gegend ein Ärgernis, auch wenn sie tagsüber harmlos und familienkompatibel scheint. In der Vergangenheit sind trotzdem alle städtischen Maßnahmen, mit denen gegen Menschenhändler, Drogendealer, Geldwäscher und Zuhälter vorgegangen wurde, halbherzig geblieben. Doch um den Ruf der Altstadt aufzubessern, verringern die Behörden jetzt die Zahl der Bordelle und Coffeeshops, in denen Haschkekse und andere Cannabisprodukte verkauft werden. Außerdem hat die Stadtverwaltung 100 Gebäude übel beleumundeter Besitzer zurückgekauft und zahlreiche Sex-Schaufenster, in denen sich Prostituierte zur Schau stellten, geschlossen. Ihre Zahl soll bis 2013 von knapp 500 auf etwa 200 sinken. Die derzeit 78 Coffeeshops im Rotlichtviertel sollen auf 38 reduziert werden.

Amsterdam wird also auch künftig keineswegs zur »City ohne Sex« werden, aber die Stadt ist fest entschlossen, ihr Schmuddelimage loszuwerden. Dafür lockt man avantgardistische Designer, Künstler und Modemacher ins Rotlichtviertel und stellt ihnen preiswerten Ausstellungsraum zur Verfügung; schon heute hat sich der Charakter der kleinen Gassen dadurch merklich verändert. Ebenfalls im Auftrag der Stadt entstanden diverse Kunstwerke, die das Image der Prostituierten verbessern sollen, zwei davon sind direkt neben der Oude Kerk zu sehen. Ins Kopfsteinpflaster des Kirchenvorplatzes ist eine schimmernde Bronzebüste eingelassen, und nicht weit entfernt steht eine stolze Frauenskulptur – sie soll Respekt und Anerkennung symbolisieren für diejenigen, die meist ohne diese Attribute behandelt werden.

40 bis 50 Millionen Euro wird es kosten, die Infrastruktur der Walletjes zu sanieren. Um aber aus dem heutigen Vergnügungsgeviert wieder ein urbanes Viertel mit Luxushotels, schicken Läden und großen Wohnungen zu machen, muss wohl das Doppelte investiert werden, das schätzt jedenfalls die Süddeutsche Zeitung und zitiert den Bürgermeister: »Seit 400 Jahren kämpft die Stadt mit den Walletjes, und das wird auch so bleiben.« Immerhin seit 30 Jahren streitet die Stadt übrigens auch mit der Regierung in Den Haag darum, dass die historische Innenstadt als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt wird. Auch das dürfte noch dauern.

Über den Oudekennissteeg, Oudezijds Achterburgwal und den Molensteeg kommen wir zum Nieuwmarkt, wo das Gebäude der Stadtwaage De Waag mit sieben spitzen Türmen zum Himmel zeigt. Im 15. Jahrhundert galt es als Stadttor, später wurde es das Zunfthaus der Maurer – über der Tür sieht man noch Zunftzeichen wie die Maurerkelle eingelassen. Zu Rembrandts Zeiten gab es hier Anatomieunterricht und eben hier entstanden auch einige seiner berühmtesten Gemälde wie die »Anatomische Vorlesung des Dr. Nicolaes Tulp«. Heute ist das Café im Erdgeschoss mit den Tischen im Freien ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Besucher.

In der Koningsstraat zeigen die Häuser auf hundert Metern Länge ganz ungewohnte Fassaden: Hier wurde in den 1970er-Jahren alles Alte niedergerissen – als man nämlich die Metro baute, die 1977 in Betrieb ging. Rechter Hand biegen wir ab in die Krom Boomssloot, folgen der Gracht und genießen Ausblicke in stille Gassen und verträumte kleine Idyllen aus Stockrosen wie in der Korte Dijkstraat.

Wer mag, schaut in der Zuiderkerk vorbei. Im ältesten protestantischen Gotteshaus Amsterdams von 1611 ist heute eine Ausstellung zu neuen Wohnungsprojekten der Stadt zu sehen. Die Dauerausstellung zeigt die Stadtentwicklung vom Mittelalter bis über die Gegenwart hinaus, Wanderausstellungen erläutern kommende Bauprojekte. Mit etwas Glück ertönt aus dem prächtigen Turm das Glockenspiel des berühmten Glockengießers Francois Hemony aus dem 17. Jahrhundert.

Den zweiten Teil des Stadtrundgangs durch Amsterdam lesen Sie hier

Infos

Amsterdam
Hannah Glaser
Vista Point Verlag
ISBN 978-3-86871-575-0
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Niederlande: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Amsterdam

1 Rembrandthuis

Amsterdam ohne Rembrandt-huis, das ist wie Frankfurt ohne Goethe-Haus. Der Meister wohnte hier fast 20 Jahre und in seinem nachgebauten Atelier kann man lernen, wie man damals die Farben mischte.

2 Begijnhof

So leise wie in diesem lauschigen, liebevoll gepflegten Innenhof ist es im restlichen Amsterdam sonst nur am Sonntagmorgen, im Sommer duftet es mitten in der Stadt herrlich nach gemähtem Gras.

3 Dam

Hier geht es immer turbulent zu: Auf dem großen Platz nahe dem Hauptbahnhof sind Heerscharen von Touristen unterwegs – zum Königspalast, zu Madame Tussauds und zum berühmtesten Kaufhaus der Stadt.

4 Herengracht

Die Herengracht mit ihren pracht-vollen Fassaden ist – speziell zwischen Huidenstraat und Leidsestraat – wohl die schönste im Grachtenring, der die mittelalterliche Altstadt umschließt und 2010 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. Für einen ersten Bummel stehen 165 Grachten und 600 Brücken zur Wahl.

5 Jordaanviertel

Das frühere Arbeiterviertel, das zur selben Zeit wie der noble Grachtenring entstand, hat sich längst zum Szeneviertel entwickelt, mit Galerien, Kneipen und dörflicher Gemütlichkeit.

6 Osthafen

Auf den alten, künstlichen Inseln entstanden neue Trendviertel mit origineller Wohn-Architektur. Von der knallroten, geschwungenen Pythonbrücke kann man in der Ferne die großen Tanker vorbeiziehen sehen.

7 Muziekgebouw aan´t Ij

Das gläserne Konzerthaus mit dem Grand Café und Restaurant »Star Ferry« direkt am Wasser ist das transparente Scharnier zwischen dem historischen und dem innovativen, neuen Amsterdam.

8 Rijksmuseum

Bis zur Wiedereröffnung 2013 sind im Philipsflügel die 400 wichtigsten Gemälde des Goldenen Zeitalters zu sehen, darunter auch Genrebilder Vermeers, die einen Blick in die bürgerlichen Wohnstuben des 17. Jahrhunderts bieten.

9 Van Gogh Museum

Nirgendwo auf der Welt sind mehr Van-Gogh-Gemälde zu sehen, darunter Ikonen der Malerei wie die »Sonnenblumen«, die »Kartoffelesser« und das legendäre »Kornfeld mit Krähen«.

10 Leidseplein

Rund ums Jahr zeigt das städtische Leben hier seine schönsten Seiten, im Sommer mit Feuerschluckern und Jongleuren in den Straßencafés, im Winter mit einer Eislaufbahn.

 

 

Niederlande: Tropenmuseum Amsterdam – Unerwartete Begegnungen

Tropenmuseum

Eine afrikanische Fruchtbarkeitsskulptur trifft auf einen Apple Computer, ein Kunstwerk mit Porträts von Marlene Dumas wird  einer deutschen Musterkarte mit 40 verschiedenen Augenfarben gegenübergestellt: Eine afrikanische Fruchtbarkeitsskulptur trifft auf einen Apple Computer, ein Kunstwerk mit Porträts von Marlene Dumas wird  einer deutschen Musterkarte mit 40 verschiedenen Augenfarben gegenübergestellt: Das Tropenmuseum in Amsterdam stellt unter dem Titel „Unerwartete Begegnungen. Verborgene Geschichten aus der eigenen Sammlung“ vom 30. November 2012 bis  14. Juli 2013 jeweils zwei vollkommen verschiedene Exponate gegenüber, die aus der rund 644.000 Stücke umfassenden Kollektion des Museums stammen.

Unterschiedlichste Objekte treffen in der Ausstellung aufeinander: Kunst,  Gebrauchsgegenstände, Ritualobjekte, triviale oder gar sehr kostbare Dinge. Was sagen diese Exponate über die Welt von einst und jetzt, über Vorstellungen und Ideen oder den Kontakt zwischen unterschiedlichen Kulturen? Besucher der Ausstellung sind eingeladen, zu schauen, zu hören und auf die ungewöhnliche Zusammenstellung zu reagieren.

Sieben Themen, 55 Kombinationen

Das Tropenmuseum erzählt mit insgesamt 55 Kombinationen von Objekten Geschichten, die bislang unentdeckt geblieben sind. Aufgeteilt sind die „unerwarteten Begegnungen“ in sieben Themen: „Stimmen aus der Vergangenheit“, „Die Welt von heute“, „Von Tieren und Menschen“, „Museale Fragestellungen“, „Nach dem anderen sehen“, „Zufall?“ sowie „Form und Funktion“.

Verborgen blieben die Geschichten einerseits deshalb, weil ein großer Teil der Sammlung normalerweise im Depot liegt, andererseits auch, weil manche Geschichten erst durch die Kombination der Exponate entstehen. Bei einigen Objekten wiederum ist der Besitz inzwischen umstritten; diese Objekte liefern aber andererseits Stoff für spannende Geschichten. So beherbergt das Tropenmuseum eine Sammlung  menschlicher Überreste. Man kann die Frage stellen, ob der Besitz ethisch verantwortbar ist. In der Ausstellung wird nun ein Ahnenbild mit einem Totenschädel in voller Pracht gezeigt, während man sich entschloss, einen Fötus in Formaldehyd aus Suriname nicht zu zeigen, sondern nur dessen Aufbewahrungsbox. Die richtige Entscheidung?

Natürlich behandeln nicht alle „unerwarteten Begegnungen“  museale Dilemmata. Vielmehr werden vielfältige Aspekte der menschlichen Existenz angesprochen. Zum Beispiel werden zwei bunte Vogel-Masken aus Bolivien und Neuguinea gegenübergestellt, um zu illustrieren, dass Vögel in verschiedenen Kulturen als Boten zwischen Welt und Himmel fungieren.
Als Kuratoren der Ausstellung zeichnen Maarten Spruyt und Tsur Reshef verantwortlich, die bereits erfolgreiche Schauen wie „Dreams of Nature“ im Van Gogh Museum Amsterdam, „Fabulous Fifties, Fabulous Fashion“ im Gemeentemuseum Den Haag und „Rot“ (2010) im Tropenmuseum konzipierten.

Tropenmuseum mit Sammlung aus 150 Jahren

Insgesamt bietet die Ausstellung einen Einblick in die Sammlung des Tropenmuseums in den vergangenen 150 Jahren: von der Kolonialzeit bis zur heutigen post-kolonialen Ära, in der sich die Beziehungen zwischen den Kulturen und Ländern ändern und neue Formen annehmen. Nicht viele Museen haben eine so vielfältige Sammlung, die eine endlose Kreuzbestäubung zwischen den Zeiten, Völkern und Kulturen widerspiegelt.

Das Tropenmuseum in Amsterdam präsentiert, untersucht und fördert den Austausch zwischen Kulturen. Neben Ausstellungen und zahlreichen Veröffentlichungen setzt es auf Expertenrunden, Bildungsmaßnahmen und andere Aktivitäten, um die Öffentlichkeit zu informieren und für kulturelle Themen zu begeistern. Und auch der Gaumen lernt fremde Kulturen kennen: Das Museumsrestaurant Ekeko serviert besondere Gerichte und Getränke aus aller Welt.

Unterschiedlichste Objekte treffen in der Ausstellung aufeinander: Kunst,  Gebrauchsgegenstände, Ritualobjekte, triviale oder gar sehr kostbare Dinge. Was sagen diese Exponate über die Welt von einst und jetzt, über Vorstellungen und Ideen oder den Kontakt zwischen unterschiedlichen Kulturen? Besucher der Ausstellung sind eingeladen, zu schauen, zu hören und auf die ungewöhnliche Zusammenstellung zu reagieren.