Österreich: Baden, der Laufsteg der feinen Wiener Gesellschaft

Bernd Siegmund, Das Stadtwappen von Baden

Bernd Siegmund, Das Stadtwappen von Baden

Kaiser Friedrich III. (1415-1493), „des Heiligen Römischen Reiches Schlafmütze“, wie er spöttisch genannt wurde, war oft in Baden. Er fühlte sich pudelwohl in dem kleinen Kurort, der sich 26 Kilometer vor den Toren Wiens in den Wienerwald gekuschelt hat. Auch seine portugiesische Gattin Eleonore zog das schwefelwässrige Bad den kalten Mauern der Wiener Hofburg vor. Natürlich weiß heute niemand mehr genau zu sagen, was die beiden Majestäten so alles in dem berühmten Heilwasser trieben, jedenfalls verlieh der Kaiser 1480 dem Kurort in tiefer Dankbarkeit das Stadtrecht. Und ein sehr lustvolles Stadtwappen obendrein. Es zeigt einen Mann und eine Frau, die, beide nackt, gemeinsam in einem Bottich baden. Das Signet, das auf die Natürlichkeit eines Familienbades hinweisen soll, sorgte nach des Kaisers Tod wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses für allerlei Diskussion. Und wirklich, die Sitten waren nicht ohne Pikanterie. Diener betreuten ihre kurende Herrschaft mit erlesenen Speisen an schwimmenden Tischen, es wurde Champagner getrunken, untereinander geflirtet und miteinander geschmust, man spielte Karten im Wasser und erfreute sich der „Badelieder“, deren Texte alles andere als jugendfrei waren. Besucher sahen vom Beckenrand aus den „Wasserspielen“ amüsiert-animiert zu. 1626 wurde der öffentliche Sittenverfall dem Wiener Hof zu viel, eine kaiserliche Anordnung befahl die Trennung der Badenden in Männlein und Weiblein. Mit untertänigstem Hinweis auf den seligen Kaiser Friedrich III., der ihnen das gemeinsame Planschen im Bottich erlaubt hätte, bat die Kurdirektion um Nachsicht für’s Baden in Baden. Und sie hatte Erfolg. Es blieb alles beim alten. Bernd Siegmund, Pestsäule auf dem Hauptplatz

Überhaupt scheint die Zeit in des „Kaisers Sommerfrische“ still zu stehen. Der noble Kurort mit dem internationalen Flair hat sich bis heute einen Hauch der alten k.u.k.-Monarchie bewahrt. War das nicht eben Fürst Metternich, der da um die Ecke ging? Ach nein, leider nur ein flüchtiger Schatten. Als hätte Karl I., der letzte „austarrische Kaiser“, nie abgedankt, so flanieren feine, betuchte Herrschaften durch den Kurpark, treffen sich schmuckbeladene, ältere Ladies zum Kaffeekränzchen, setzen Glücksritter aller Schichten ihr Geld in Europas größtem Casino aufs Spiel. Baden ist eine unnachahmliche Melange aus Reichtum, Charme und Schickeria.

Alles, was in dem kleinen Ort geschieht, hat auf die eine oder andere Art mit Wasser zu tun. Die zahlreichen Schwefelthermalquellen, die bis zu 36 Grad heiß aus der Erde sprudeln, waren schon den Römern bekannt. Die gesunden Wasseradern dienen heute nicht mehr nur zur Behandlung von Frauenleiden und Rheuma, sie bieten auch Badespaß für Jung und Alt. Die Römertherme, glänzendes Aushängeschild der Badischen Badekunst, gaukelt dem Gast karibisches Flair vor, das Thermalstrandbad entpuppt sich als Imitation eines mediterranen Adriabades. Irgendwie ist alles ein wenig Illusion, selbst das Kuren scheint nicht ganz Ernst gemeint. Baden ist seit eh und je der verlängerte Laufsteg der feinen Wiener Gesellschaft. Das Kuren in frischer Luft und gesundem Wasser ist da eher Nebensache. Nach Baden kommt man, um zu flanieren, zu flirten und zu tratschen. Um zu sehen und gesehen zu werden. Wie ein Magnet zog und zieht die Stadt Berühmtheiten an. Mozart, Andre Heller, Nestroy, Maria Theresia, Peter der Große, Niki Lauda, Kaiser Franz Joseph. Viele Sommermonate, oft kränkelnd und missmutig, verlebte Beethoven hier. In der Rathausgasse 10, dem offiziellen Beethovenhaus, entstanden große Teile der IX. Sinfonie. Bernd Siegmund, Beethovenhaus

Wer durch die Altstadt schlendert, stößt in den herrlichen Gassen auf sehenswerte Häuser, auf historische Kostbarkeiten wie die Gotische Stadtpfarrkirche St. Stephan (15. Jh.) oder die Dreifaltigkeitssäule (1718), auf edle Boutiquen und gemütliche Weinlokale. Doch Baden hat nicht nur seine Reize, wenn es ums Kuren geht. Die Stadt im Wienerwald, umgeben von hügeligen Wiesen und Weinbergen, lockt mit 600 km markierten Wanderwegen, mit schönen Golfplätzen und zahllosen Buschenschenken, das sind stimmungsvolle Weinlokale, in denen die Winzer ihre eigenen Weine ausschenken. Vor den Toren der Stadt, im lieblichen Tal der heiligen Helene, erinnern die Ruinen der Burgen Rauhenstein und Rauheneck (12. Jh.) an die Raubritterzeit. Hier soll Napoleon I. seinem Adjutanten gestanden haben, wie sehr er davon träume, an so einem wunderschönen Ort sein Leben beschließen zu dürfen. Welch seltsame Fügung: 1815 wurde der französische Kaiser nach St. Helena verbannt. Leider verbarg sich hinter dem vertrauten Namen nicht das geliebtes Tal, sondern eine karge, britische Insel im Südpazifik. Auf ihr starb Napoleon 1821 einsam und verbittert.

Bernd Siegmund

Island: Unterwegs auf dem Golden Circle

 

Wasserdampfschwaden dicht wie Wolken hüllen alles ein. Nur der jagende Wind reißt für Sekunden Löcher in den weißen Vorhang. Schafft ein surrealistisches Szenario in diesen kurzen Momenten. Überall schwarze Lavafelder, mittendrin ein kleiner See mit zartblauem, milchig-trübem Wasser. Schemenhaft sind ein Dutzend Köpfe auf der Wasseroberfläche auszumachen, aber schon im nächsten Moment hat sie die weiße Wand wieder verschlungen. Plötzlich tauchen rauchende Schornsteine, Kräne und silbrige Wassertanks am gegenüberliegenden Ufer auf.

Dann zaubert die tief stehende Sonne auf den nahen, nur mit spärlichem Grün überzogenen Bergen die verrücktesten Lichtstimmungen. Von der Umkleidekabine bis zum Wasser sind es zum Glück nur wenige Meter. Zeit genug für den Nieselregen auf der nackten Haut Akzente wie Nadelstiche zu setzen. Beim Eintauchen prickelt die Haut, irritiert durch den heiß-kalten Kontrast und das mineralienreiche Wasser. Dann gibt es nur noch wohlige Wärme bis zum Hals und genüssliches Dümpeln in der riesigen Freiluftbadewanne.

Die Blaue Lagune

Die Blaue Lagune ist der Begrüßungscocktail der Insel aus Feuer und Eis im hohen Norden. Zwischen dem internationalen Flughafen Keflavik und der Hauptstadt Reykjavik ist sie erster Pflichtstopp für alle Ankommenden. Ihre Existenz verdankt sie dem Geothermalkraftwerk Svartsengi, dessen überschüssiges Wasser mit der Zeit in den umgebenden Lavafeldern einen kleinen See gebildet hat. Für die Hauptstädter ist das Bad in dem blauen Warmwasserpool ein alltäglicher Feierabendspaß, für Touristen mittlerweile eine der größten Attraktionen Islands. Für ein Bad in der Blauen Lagune kann das Wetter gar nicht garstig genug sein. Denn erst wenn es richtig kalt, stürmisch und regnerisch ist, beginnt das Wasser zu dampfen, bekommt der Ort etwas Infernalisches, zeigt sich die ungebändigte Kraft, die unter der Insel tobt.

Europa oder Amerika?

Nach dieser grandiosen Begrüßung werden Vorspeise und Hauptgericht zusammen serviert: Pingvellir und der Geysir Strokkur. Alles Touristenmagneten in komfortabler Nähe zu Reykjavik. Bei der Fahrt von der Hauptstadt zum Nationalpark Pingvellir ist auch Ende September noch keine Spur von Herbst auszumachen. Als wolle Island den Ruf der kalten, dunklen Insel am Polarkreis mit aller Macht abstreifen. Vom Felsen über der Almannagja, der Allmännerschlucht, schweift der Blick über weite Teile des ersten isländischen Nationalparks.

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Der Pingvallavatn, der größte See des Landes, zeigt sich als spiegelglatte blaue Scheibe, die weite Lavaebene ist von einem kräftigen Grün überzogen. Eingerahmt wird die Szenerie von einer lückenlosen Bergkette und dem auffälligen Schildvulkan Skjaldbreidur. Die Schlucht Almannagja durchzieht als kilometerlange, nicht heilen wollende Wunde die Landschaft. Steile Wände aus dunklem Basalt, enge Schluchten und Gräben, mit Wasser gefüllte Tümpel und Pfützen. Nirgendwo sonst ist Geologie anschaulicher als hier an der Nahtstelle zweier Kontinentalplatten. Jedes Jahr driften die eurasische und die nordamerikanische Platte einige Zentimeter auseinander und vergrößern so die klaffende Almannagja-Schlucht. Hier steht man mit einem Bein in Europa und mit dem anderen in Amerika.

1000 Jahre Geschichte

Für die Isländer ist Pingvellir aber nicht nur anschauliche Geologie, für sie ist es ein geradezu magischer Ort. Über Jahrhunderte haben hier die Mächtigen die Geschichte des Landes bestimmt. Den Staat gegründet, ihren alten Göttern abgeschworen und das Christentum angenommen. Gesetze verlesen, gerichtet und Politik gemacht. Heute deutet nichts mehr auf die Wichtigkeit des Ortes hin. Die kleine Kirche und eine Handvoll Häuser am Fluss sind die einzigen menschlichen Spuren in der weiten Ebene. Der Galgenfelsen, die Verbrennungsschlucht und der Ertränkungspfuhl sind unspektakuläre Punkte in der Einsamkeit und werden nur durch die alten Sagas wieder lebendig.

Was sich hier in den letzten 1000 Jahren abgespielt hat, bleibt der Fantasie überlassen. Als die Menschen regelmäßig einmal im Jahr auf ihren Pferden aus allen Teilen der Insel angeritten kamen. Den weiten Platz für zwei Wochen mit Leben erfüllten. Zelte errichteten und Lagerfeuer entzündeten. Für ein paar Tage war Pingvellir der Mittelpunkt Islands, Freiluftparlament, Handelsplatz, Festwiese, Heiratsmarkt und Informationsbörse.

Warten auf des Ausbruch

Das nächste Ziel ist der Geysir Strokkur, was auf isländisch soviel wie Butterfass bedeutet. Auf ihn ist Verlass. Regelmäßig alle fünf bis zehn Minuten schleudert er seine 20 Meter hohe Heißwassersäule zischend in den Himmel. Diese Zuverlässigkeit hat ihn zum Pflichtstopp für jeden Touristenbus gemacht. Erwartungsvoll bilden sie einen Kreis um den Geysir, starren gebannt in das Loch mit dem blubbernden Wasser, und warten auf untrügliche Anzeichen des bevorstehenden Ausbruchs. Um dann doch völlig überrascht von der plötzlichen Heftigkeit der Eruption zu sein. Zwei oder drei Vorstellungen genehmigt der Busfahrer, dann mahnt sein ungeduldiges Hupen zur Weiterfahrt.

Der große Geysir gleich nebenan, der Urvater aller Geysire, nach dem alle Springquellen benannt wurden, war nie so zuverlässig. War er gut gelaunt, spie er jede Stunde eine 80 Meter hohe Fontäne gen Himmel. Ein atemberaubendes Schauspiel. Aber verlassen konnte man sich nie auf ihn. Vielleicht ist ihm die Schmierseife nicht bekommen, die früher kiloweise in seinen Schlot gekippt, wurde um seine Ausbrüche zu provozieren. Für einige Zeit hat es funktioniert und den Großen Geysir zu Höchstleistungen getrieben. Heute ist er nur noch ein friedlich dampfendes blaues Riesenauge, umgeben von einer Sinterterrasse.

Christian Nowak