Italien: Der Bioland-Betrieb Radoarhof in Feldthurns

Könnte man Sonnenstrahlen in Gläser füllen, dann sähen sie sicher so aus wie das, was Norbert Blasbichler gerade so großzügig einschenkt: Apfelsaft, selbst gemacht. Es ist Sommer und die Luft drückend, selbst hier oben in Feldthurns, auf 860 Metern Höhe und im Schatten der Weinreben, die sich wie ein grünes Sonnensegel über die Terrasse des Radoarhofs spannen. Der Hof im Eisacktal erinnert mit seinen hohen Mauern, den Kühen mit ihren langen Wimpern und den vereinzelt im Gras scharrenden, roten Hühnern an ein Bild aus einem Kinderbuch. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Darüber hinaus ist der Radoarhof ein Bioland-Betrieb: Äpfel, Wein, Destillate und alle anderen Erzeugnisse, die man im „Hofladele“ kaufen kann, werden nach strengen ökologischen Richtlinien hergestellt. Blasbichler nimmt einen Schluck Apfelsaft. „Das ist mein Energiespender. Wenn ich abends richtig erledigt bin, trinke ich ein Glas. Das macht mich wieder munter.“ Es fällt schwer, sich den Biobauern „richtig erledigt“ vorzustellen. Braungebrannt, in Polohemd und Shorts erinnert der 43-Jährige an einen Tennislehrer, der die Hälfte seines Lebens an der Côte d’Azur verbracht hat. Ob es nur am Apfelsaft liegt? Oder am ökologisch-korrekten Lebenswandel? „Wenn man auf biologischen Anbau umstellt, verändert sich auch das Denken.“

Alles Bio

Erst wollte Blasbichler das ganze Bio-Ding gar nicht. Er hat den Hof von seinen Eltern übernommen, bewirtschaftet ihn mit seiner Frau Edith, ihren drei Kindern und seiner Mutter. „In den 90ern haben wir von Viehwirtschaft auf Obstanbau umgestellt“, erinnert er sich. „Wir haben Apfel bäume gepflanzt und wie üblich gegen Schädlinge gespritzt. Danach haben die Hühner drei Wochen lang keine Eier mehr gelegt.“ Das gab ihm zu denken. 1997 entschied er sich dann für die Umstellung, obwohl sie einige Nachteile mit sich brachte: „Es macht mehr Arbeit, und die Erträge sind geringer.“

Und das, obwohl sich Bio-Produkte zu besseren Preisen verkaufen lassen. Der Vorteil des Ganzen sei aber nicht annähernd in Geld aufzuwiegen, meint Blasbichler. „Ich fühle mich gut. Und ich muss keine Angst mehr haben, dass einer von uns versehentlich Gift einatmet.“ Er geht an den Bäumen entlang, die dicht beim Haus stehen. Zwischen den Baumreihen wuchern Kräuter, blühen Wiesenblumen. „Sonnenblumen haben wir auch gepflanzt.“ Die Blumen sind Konzept – wider die Monokultur und als Lebensraum für Nützlinge. „Mittlerweile habe ich so viele Marienkäfer, dass ich sie tütenweise verkaufen könnte.“ Er schmunzelt.

Machen Äpfel glücklich?

Seinen Hauptumsatz macht der Biobauer mit Wein, aber mit den Äpfeln kann er mehr experimentieren. Blasbichler pflanzt Sorten, die schon lange vom Markt verschwunden sind, die wegen ihrer Form oder ihres Geschmacks nicht massentauglich sind. Dafür sind sie oft resistenter gegen Krankheiten. „Der eine ist gut für Kuchen, der andere hat ein wunderbares Aroma für Obstbrand.“ Blasbichler betrachtet seine Bäume. Dann deutet er auf eine Rose, die zwischen den Ästen rankt: „Schön, nicht?“ Er sieht sehr zufrieden aus. Ob Äpfel glücklich machen? Ihn sicher. So lange es die eigenen sind. „Ich ess‘ keine anderen!“

Sabine Unterholzner, Leiterin des Obstbaumuseums in Lana über…

… den Apfel als Symbol:

„Der Apfel war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und sogar bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts hinein eine sehr kostspielige Frucht, deren Genuss der Oberschicht vorbehalten war. Seine Haltbarkeit verband man mit dem Bild der Lebenskraft. Wohl deshalb ist in Märchen von goldenen Äpfeln die Rede. Die Formvollendung und Kugelform des Apfels wurde ab dem Mittelalter jener von Himmelskörpern, die man auf den Schöpfer zurückführte, gleichgestellt. So setzte sich der Reichsapfel als Herrschaftssymbol durch. Daneben ist bis heute der Paradiesapfel, den Eva vom Baum der Erkenntnis pflückte und Adam reichte, ein beliebtes Thema in künstlerischen Darstellungen.“

… den Unterschied zwichen alten und neuen Apfelsorten:

„Wir unterscheiden zwischen den sogenannten alten Sorten und den Erwerbssorten, wobei ,alt‘ dabei relativ ist. Erwerbssorten sind Äpfel, die aktuell im Handel sind. Das sind zur Zeit zwölf Sorten, darunter Granny Smith oder Golden Delicious, die es schon sehr lange gibt. Alte Sorten aus unserer Sicht sind die, die nicht mehr im Handel sind.“

… die Etsch-Regulierung:

„Ohne die Regulierung der Etsch gegen Ende des 19. Jahrhunderts wäre Südtirol nicht das erfolgreiche Apfelanbaugebiet, das es heute ist. Aus Sumpf- und Sandland wurden durch die Umleitung und Begradigung von Südtirols größtem Fluss fruchtbare Böden gemacht und die jährlichen Überschwemmungen eingedämmt.“

 

Service: Ökologisch korrekte Ferien

 
 

Anjali Tolani, Managerin des Yoga- und Ayurveda-Zentrums Swaswara im indischen Gokarna (www.swaswara.com).

Nachhaltiges Reisen boomt: So können Verbraucher grüne Angebote von Etikettenschwindel unterscheiden.

Mal ist es die Solaranlage auf dem Dach, mal eine sparsame Klospülung, mal nur die Lodge im Grünen – mit dem PR-wirksamen Label „öko“ oder „sanftem“ Tourismus schmücken sich Hotels und Reiseanbieter gerne. Kein Wunder: Es lohnt sich für sie. Immer mehr Touristen wollen umweltschonend reisen – und sind bereit, dafür auch etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Nachhaltige Reisen – also Reisen, die auf Umwelt und Menschen vor Ort achten – boomen derart, dass Verbraucherschützer bereits vor grünen Mogelpackungen warnen. Tatsächlich kann der Begriff Öko im Tourismus „wie ein Kaugummi gedehnt und zu reinen PR-Zwecken genutzt werden“, sagt Angela Giraldo von der Kontaktstelle für Umwelt und Entwicklung (KATE).

Für den Tourismusexperten Ludwig Ellenberg von der Humboldt Universität Berlin sind weltweit „95 Prozent der Öko-Urlaubsangebote Etikettenschwindel“. Denn anders als bei Bio-Lebensmitteln sind die Kriterien dafür, was eine Eco-Lodge oder einen Bio-Urlaub ausmacht, nirgendwo verbindlich festgelegt.

Marlene Platter, Chefin des Bio-Hotels
Oberglunigerhof in Tscherms Südtirol
(www.oberglunigerhof.it).

Das verunsichert immer mehr umweltbewusste Touristen. Und doch bieten ihnen einige seriöse Initiativen Orientierung. Etwa das rote Label „CSR-Tourism-Certified“ (www.tourcert.org) Es ist das erste Siegel, das sich ernsthaft bemüht, die gesamte Wertschöpfungskette einer Reise unabhängig alle zwei Jahre auf Nachhaltigkeit zu überprüfen. Die Zertifizierung beginnt beim Papierverbrauch im Reisebüro, geht über die Gruppengröße, die Art derAnreise und reicht bis zur Auswahl geeigneter Hotels, die festgelegte Sozial- und Umweltnormen erfüllen. Entwickelt wurde das Zeichen von KATE-Stuttgart und dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) in Zusammenarbeit mit dem Forum Anders Reisen (www.forumandersreisen.de) , einem Zusammenschluss von 150 Veranstaltern – allesamt Initiatoren, die nicht nur die Ökologie, sondern auch die sozialen Auswirkungen eines Urlaubs auf dem Schirm haben. Heute dürfen 35 Reiseunternehmen das Siegel tragen. Hilfreich für Verbraucher, aber kein Siegel, ist das Tourism Sustainability  Council (TSC). Seine Mitglieder – darunter das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) ebenso wie Hotelketten und die Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance – haben 2008 freiwillige Kriterien für „nachhaltiges Reisen“ entwickelt. Dieser Global Partnership for Sustainable Tourism Criteria – kurz GSTC – ist allerdings ein freiwilliger Standard: Er verpflichtet kein Mitglied, die mitunter recht schwammig formulierten  Mindestkriterien auch zu erfüllen. Sie sollen diese jedoch anstreben. Kunden, die sich im Urlaub in erster Linie für Bio-Kost auf dem Teller interessieren, können mithilfe einiger nützlicher Infoquellen den passenden Ferienanbieter herausfinden. Viele Bio-Bauerhöfe haben sich über das internationale Netzwerk ECEAT, das European Centre for Ecological and Agricultural Tourism, vereint. Auch der Verein Bio-Hotels (www.biohotels.info) listet Unterkünfte auf, die nur Lebensmittel aus Bio-Anbau servieren. Bio-Bauernhöfe etwa in Südtirol finden Reisende zudem über die Webseite des Verbands Roter Hahn (www.roter-hahn.it). Die dort genannten Betriebe müssen nicht nur Mitglied eines kontrollierten Bioverbands sein, sondern ihre  Energie auch aus erneuerbaren Quellen beziehen. Eine vierte Möglichkeit, echte Bio-Angebote zu finden, ist die europaweite Initiative Green Travel Market. Sie fördert nachhaltigen Tourismus auf dem  Land.

Um echte von falschen Ökoreisen unterscheiden zu können, reicht es aber oftmals schon aus, einfach genau hinzugucken. „Gäste sehen, ob die Lodge aus lokalen Materialien oder aus Beton gebaut wurde“, rät Angela Giraldo von KATE. „Sie können auch nachhaken, ob heimische oder importierte Früchte serviert werden und ob das Hotel Leute aus der Gegend anstellt.“

Martina Hahn