China: Die Wehrtürme von Kaiping

Maja Linnemann, Kaiping

Rund hundert Kilometer südwestlich der Provinzhauptstadt und Millionenmetropole Guangzhou (auch: Kanton) stehen inmitten von idyllischen Dörfern und leuchtend grünen Reisfeldern seltsam anmutende, gleichzeitig abweisende und verspielte „Hochhäuser“. Die Wehrtürme von Kaiping wurden erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt und als historisches Zeugnis der südchinesischen Auswanderergeschichte im Juni 2007 in das Weltkulturerbe aufgenommen.
Im 19. Jahrhundert  war die heute wirtschaftlich führende Provinz Guangdong Schauplatz mehrerer kriegerischer Auseinandersetzungen, wie der Taiping Rebellion (1851-1864), des „Roter-Turban“-Aufstands (1854 – 1856) sowie seiner brutalen Niederschlagung und eines langjährigen Krieges zwischen den Völkern Hakka und Punti (
1856-1867). Anfang des 20. Jahrhunderts kämpften hier verschiedene Warlords um die Vorherrschaft (1916-1926). Die Folgen dieser Auseinandersetzungen wurden durch zahlreiche Naturkatastrophen noch verschlimmert. Die bäuerliche Bevölkerung verarmte, viele wanderten aus, vor allem nach Amerika, Südostasien und Australien, wo sie beim Eisenbahnbau und in Bergwerken Arbeit fanden. Heute sollen 750.000 Menschen mit Wurzeln in Kaiping im Ausland leben. Hinweise auf die Auswanderungswellen tauchen immer wieder ganz unerwartet auf: Auf einer Reise nach Kambodscha im Januar 2007 erzählte mir der Englischlehrer in dem Küstenstädtchen Kampot, dass sein Urgroßvater aus Guangdong ausgewandert sei und damals „nicht einmal ein Hemd besessen“ habe. Und China Daily berichtete im April 2006 von den Nachkommen chinesischer Auswanderer, die vor anti-chinesischen Ausschreitungen auf den Solomon-Inseln zurück nach Kaiping geflüchtet waren.

Räuber trieben ihr Unwesen

Abgesehen von der traditionell starken Heimatverbundenheit der Chinesen wurde die Bindung an den Geburtsort noch dadurch gestärkt, dass es vielen Auswanderern im 19. Jahrhundert nicht erlaubt war, Ehefrauen mitzunehmen. Es blieb ihnen also gar nichts anderes übrig, als zurückzukehren, sobald sie genügend Ersparnisse hatten, um Land zu kaufen, ein Haus zu bauen und eine Familie zu gründen. Oder, so sie bereits eine Familie hatten, diese mit Geldsendungen zu unterstützen. Die unsichere politische Lage, kombiniert mit dem Wohlstand, der aus dem Ausland in die Gegend zurückfloss, bot einen idealen Nährboden für Räuber, die – wie lokale Chroniken belegen – in großer Zahl ihr Unwesen trieben. Die Bewohner Kaipings mussten sich und ihr Hab und Gut schützen. So entstanden die Wehrtürme von Kaiping, chinesisch Diaolou. Maja Linnemann Kaiping

Wenn man sich Kaiping aus der Millionenmetropole Guangzhou kommend nähert, entsteht der Eindruck, dass die Diaolou praktisch überall sind. 1.833 von den ehemals über 3.000 Diaolous sollen gegenwärtig noch existieren vor allem in den vier 4 Bezirken Tangkou, Baihe, Xiangang and Chikan Township. Errichtet wurden sie als Wohnhäuser, Wachtürme und kommunale Schutzhäuser. Am interessantesten sind die oft opulenten Wohnburgen, die ganz unterschiedliche architektonische Stile vereinen und damit oft einen Hinweis darauf geben, wohin ihre Erbauer ausgewandert waren. Es heißt sogar, einige der Diaolous seien nach Ansichtskarten aus dem Ausland entstanden. Heute gibt es u.a. ein Kanada-Dorf, aber auch ein Mexiko- und ein Burma-Dorf.

Häuser ohne Angriffsfläche

Bis zum vierten oder fünften Stockwerk sind die grauen Mauern glatt mit kleinen Fenstern, die mit eisernen Läden verschlossen werden können und wenig Angriffsfläche bieten. Die oberen Stockwerke stehen in deutlichem Kontrast zur unteren Wehrhaftigkeit, sie ragen meist über den Grundriss des Fundaments hinaus, und erinnern an eine Hochzeitstorte: Galerien, Aussichtsplattformen und Balkone türmen sich übereinander, traditionelle chinesische Elemente wurden mit klassischen europäischen kombiniert und mit Kuppeln, Türmchen, Spitz- und Rundbögen, Mäuerchen, griechischen und römischen Säulen und Verzierungen aus dem Barock und Islam garniert. Fast jedes Diaolou trägt hoch über dem Eingang eine Inschrift mit seinem Namen. Da die neueren Diaolous mit modernen, oft importierten Materialien wie Stahl und Beton gebaut wurden, dominiert die Fassaden ein ernstes  Grau. Hier und da finden sich aber auch eher villenartige Behausungen in warmen, mediterranen Rottönen oder grauen Ziegeln. Der surreale Eindruck der zugleich abweisenden und  verspielten Hochhäuser, die eine fast urbane Würde verströmen, wird durch die ländliche, von schnatternden Gänsen bevölkerte Umgebung und die üppige tropische Vegetation – die ausladenden Bananenbäume,  die schlanken, weit in den blauen Himmel ragenden Palmen und die urigen Banyanbäume – noch gesteigert.

Weltkulturerbe

Das älteste Diaolou, das Yinglonglou, ist allerdings bereits über 300 Jahre alt und steht mitten in dem adretten Dorf Sanmenli. Es ist ein dreistöckiger, massiver Ziegelbau mit fast 1-Meter dicken Wänden, wenigen, kleinen Fenstern und praktisch ohne jede Verzierung. Die meisten der heute existierenden Diaolou wurden allerdings erst in den 1920er und 30er Jahren gebaut.Maja Linnemann, Kaiping

Der jüngste Turm ist mit 1948 datiert. Manches Diaolou ist so gut erhalten, dass man nur einmal abstauben und dann gleich einziehen möchte.  Da die Türme von Kaiping 2001 als Geschütztes Kulturgut deklariert und 2007 als Weltkulturerbe bei der UNESCO aufgenommen wurden, ist die touristische Infrastruktur erfreulich gut ausgebaut. Gleichzeitig ist Kaiping aber noch nicht so überlaufen, wie viele andere Sehenswürdigkeiten in China. Die meisten Besucher kommen aus Hongkong oder Guangdong. Schon 2006 gab es eine detaillierte, chinesische Karte der Gegend, auf der alle Sehenswürdigkeiten eingezeichnet sind. Manche der Sehenswürdigkeiten, wie der malerische Ort Chikan, sind gut mit dem öffentlichen Bus zu erreichen. Wer in Eile ist, kann ein Taxi für den ganzen Tag mieten, wobei man aber nicht davon ausgehen kann, dass der Fahrer alle interessanten Plätze kennt – hier hilft die Karte! Wer genug Zeit mitbringt, könnte die überwiegend flache Gegend auch mit dem Fahrrad erkunden.

Eine Etage für jede Ehefrau

 Einer der Höhepunkte ist das Dorf Zili in Tangkou, wo eine Gruppe gut erhaltener Diaolous steht. Um das touristische Potential der Diaolous voll ausschöpfen zu können, hat sich die Regierung von Kaiping seit einigen Jahren bemüht, die Wohntürme mit Genehmigung der Eigentümer für Besichtigungen zu öffnen. Im Erdgeschoss des Zhulin Turms in Zili liegen Küche und Empfangsraum, an der hinteren Seite führt ein Treppenhaus in die oberen Geschosse. Wer ein Diaolou bauen ließ, erfreute sich eines gewissen Wohlstands und konnte sich entsprechend auch mehrere Ehefrauen leisten. Es scheint, dass jede Ehefrau mit ihren Kindern eine eigene Etage bewohnte. Aufschluss über die Familienverhältnisse geben manche der alten Familienfotos, die in den zugänglichen Diaolou hängen. Im obersten Stockwerk über den Wohnräumen hat der Ahnenschrein seinen Platz. In den Räumen sieht man ein Sammelsurium von klassischen chinesischen und europäischen Möbeln, Haushaltgeräten, Werkzeugen und Geschirr. Ein Grammophon ist Zeuge des westlichen Einflusses.

Maja Linnemann, Kaiping

Von der Terrasse hat man einen schönen Rundblick, aber die Schießscharten an den vier „Ecken“ des Balkons, runde Ausbuchtungen, die als „Schwalbennester“ bezeichnet werden, erinnern daran, dass der Alltag der Bewohner in alter Zeit unvorhersehbaren Störungen unterworfen war. In der Nähe von Zili liegt der Liyuan Garden, eine gut erhaltene Villenanlage, die ursprünglich nach dem „Grand View Garden“ aus dem chinesischen Klassiker „Traum der Roten Kammer“ entworfen wurde, und bei den meisten Touren ganz oben auf der Liste steht.

Das Ruishilou im Kreis Xiangang, ca. 40 km südwestlich von Kaiping, gilt als das prächtigste unter den Diaolou und ist mit 9 Stockwerken auch das Höchste. Heutzutage führt ein Urenkel des Erbauers Huang Bixiu Besucher durch das Gebäude. Auf dem Dach des Ruishilou steht ein alter Stromgenerator deutscher Produktion.

Maja Linnemann

ist freie Autorin, Redakteurin und Übersetzerin in Peking

 

 

China: Sunshine in Songzhuang

China hat sich gewandelt. Zumindest zum Teil. Der Staat geht zwar immer noch mit Härte gegen Regimekritiker vor, doch viele Künstler haben sich inzwischen Freiräume ermalt.

80 Prozent  der „richtigen Künstler“ des Landes wohnten in Songzhuang, sagt Guangming Li, der Leiter des dortigen Sunshine-Museums. „Das Zentrum der Kunst in China ist Peking und das künstlerische Zentrum von Peking wiederum Songzhuang.“  Das „Dorf der Song“, so die wörtliche Übersetzung, liegt etwa 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt und ist für chinesische Verhältnisse in der Tat ein Dorf. Hierzulande würde man Songzhuang eher als Industriestadt bezeichnen. Ländliche Idylle sucht man vergebens. Der See, der Künstlern zur Inspiration dient, ist nichts als ein viereckiges künstliches Wasserloch, an dessen felsigem Ufer sich ein paar magere Bäume festklammern.

Guangming Li lebt wie fast 2000 andere Künstler in Songzhuang. Anfangs der neunziger Jahre zogen immer mehr Maler, Bildhauer und Fotografen aus ganz China hierher, um billig zu wohnen und abseits der Überwachung durch die Staatsregierung arbeiten zu können. Anfangs gab es Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung. Die Bauern und einfachen Industriearbeiter hatten Zimmer an die Neuankömmlinge vermietet, aber mit deren  unangepasster Lebensweise Probleme. Inzwischen hat man sich aneinander gewöhnt und lebt friedlich nebeneinander.

Viel Platz und wenig Kontrolle

Der Kunstkritiker Xianting Li zählt zu den Gründern des Künstlerdorfs. Er war einer der ersten, der hierher kam. Der kettenrauchende Mitsechziger wird heute von allen Künstlern als ihr Sprecher, als graue Eminenz, die die Fäden in der Hand hält, anerkannt.  „Songzhuang  ist der ideale Ort für uns“, sagt Xianting Li. Hier finden Künstler, was sie für erfolgreiche Arbeit brauchen: „Viel Platz, viel Ruhe und wenig Kontrolle“.

Heute könnten die Künstler im wesentlichen ausstellen was sie wollten, betont Museumsdirektor Guangming Li. Zum größten Teil würde das „Sonnschein-Museum“ ohnehin von Sponsoren aus der Privatindustrie unterstützt, und damit sei man unabhängig. Wenn man dennoch Geld von der Regierung wolle, müsse die das Konzept der Ausstellung absegnen, so Li. Sie bestimme dann auch, welche Künstler ausgestellt werden dürfen. Doch Li, der lässig in Jeans und gestreiften T-Shirt im Stuhl lümmelt, sieht das entspannt: „Manchmal ist die Regierung gegen das, was wir ausstellen wollen“, sagt er, „dann gibt´s eben kein Geld“. Eine Ausstellung verändern, nur um staatliche Förderung zu bekommen, würde er nicht. „Doch wir versuchen schon, dass eine von unseren drei  Ausstellungen pro Jahr der Regierung gefällt und wir von ihr dann finanziell unterstützt werden“, so Guangming Li.

China hat sich verändert und der Maler Guolei Yang auch. Er sei ruhiger geworden und seine Bilder seien nicht mehr so kritisch wie früher, sagt er und lächelt. Auf den ersten Blick scheint sein Werk auch vor allem aus Selbstbetrachtung zu bestehen. Wo man in seinem Atelier hinsieht, auf jeder Leinwand entdeckt man Guolei Yang selbst – vorzugsweise nackt. Bei näherer Betrachtung ist sein Werk aber voller politischer Anspielungen. Selbst vor Mao macht er mit seinem Spott nicht halt. Auf einem Gemälde ist der große Vorsitzende mit heraushängender Zunge vor einem ausgeweideten Kadaver zu sehen. Viel Fantasie braucht es nicht, um die Symbolik zu verstehen. Staatstragende Kunst sieht anders aus.

Einzelausstellungen könne er in China zwar keine mehr zeigen,  aber durchaus ungestört arbeiten, betont Yang. Vor drei Jahren sei die Polizei das letzte Mal dagewesen, doch außer, dass die Beamten sein Atelier durchsucht hätte, sei nichts passiert, so der großgewachsene Künstler. Er habe sogar Freunde unter den Polizisten, betont Yang, der nicht nur in China mit seinen Werken aneckt. Auch in den USA werde er nicht mehr ausgestellt, sagt der Mitvierziger, der  sich nur ungern von seiner Zigarette trennt. Während er in einer Hand einen Glimmstengel balanciert, kramt er mit der anderen einen alten amerikanischen Ausstellungskatalog heraus. Auf dessen Titel ist ein Bild von ihm abgebildet, dass ihn in Unterhose zeigt. Die Unterhose habe er nachträglich anfügen müssen, sagt er.

Die Pistole am Kopf

Ihr politisches Engagement scheint Yan Ling Ma nicht geschadet zu haben. Mit ihrem ebenmäßig geschnittenen Gesicht und ihren braunen Rehaugen könnte Ma das Cover jeder Modezeitung zieren. Sie aber arbeitet als Künstlerin und beschäftigt sich neben Malerei auch mit Fotografie. Der Bungalow, den sie bewohnt, ist erst ein Jahr alt und verfügt einen riesigen Innenhof mit eigenem Basketballplatz. Und das Atelier im Nebengebäude ist noch einmal so groß wie der Bungalow. Die Wohnung ist auch im Winter mollig warm, etwas das in China nicht überall selbstverständlich ist. Geheizt wird bei Mas stilecht mit offenem Kamin. Am Wohnungseingang ist ein mehrere Quadratmeter großer Teich mit glücksbringenden Goldfischen in den Boden eingelassen. Yang Ling Ma achtet auch bei der Wohnungseinrichtung auf Stil. Bevor wir bei Ma an der Haustür klingelten, hatte mir der Übersetzer zugeflüstert: „Frau Ma ist eine reiche Frau“. Vor Reichtum hat man Respekt in China. Yan Ling Ma besitzt zwei Galerien in China und eine in New York.

Eines ihrer bekanntesten Werke zeigt sie selbst, wie sie sich auf dem Platz des Himmlisches Friedens eine Pistole an die Schläfe hält. Als ich nach der symbolische Bedeutung des Fotos frage, wird der Übersetzer vorsichtig. Er lächelt mich an und sagt: „Über Politik sprechen wir hier nicht immer gern“. Später erfahre ich, dass Ma das Bild, das ursprünglich im Kunstzentrum von Songzhuang ausgestellt war, dort hatte abhängen müssen.

Sie erzählt, dass sie mehrere Versuche gebraucht hatte, bevor sie die Pistole auf den Platz schmuggeln konnte. Wieder und wieder sei sie entdeckt und aufgehalten worden. Meine erstaunte Frage, ob ihr denn sonst nichts passiert sei, bleibt unübersetzt. Dass der Pistolenschmuggel überhaupt gelingen konnte, verwundert ohnehin: Der Platz des Himmlischen Friedens ist nur durch einen Fußgängertunnel erreichbar, und der Zugang wird ähnlich streng kontrolliert wie ein internationaler Flughafen.

Huang Wen Feng ist der direkte Nachbar von Frau Ma. Er verdient noch mehr als sie und gehört zu zehn bestbezahlten Künstlern Chinas. Er ist im ganzen Land unterwegs, um seine Ausstellungen zu organisieren, und deswegen empfängt mich auch sein Sekretär, ein langhaariger Künstlertyp mit schlechten Zähnen und Ledermantel. Er zeigt mir Fengs jüngstes Werk. Das zehn Meter lange und vier Meter hohe Monumentalgemälde, auf dem alle 97 Kaiser der chinesischen Geschichte und neun Drachen abgebildet sind,  braucht einen Raum für sich. Gemütlich ist es in der eiskalten Betonhalle nicht. Doch am Geld liegt es sicher nicht, dass Huang Wen Feng an der Heizung spart. Das Bild mit den 97 Kaisern ist längst verkauft. Für umgerechnet 1,2 Millionen Euro. Der Käufer ist Chef einer Firma die mit Abnehmtees ihr Geld verdient. Die aufstrebende chinesische Wirtschaft lässt die Kunstszene florieren. Die neuen Reichen schmücken sich gerne mit den Werken einheimischen Künstler. Was genau in den Vorstandszimmern hängt, scheint dabei egal zu sein: Regimekritisch oder angepasst – Hauptsache teuer.

Rasso Knoller

Weihnachts-Kreuzfahrt im Südchinesischen Meer

Asien-Kreuzfahrt, Begrüßung Da Nang Vietnam

Schiffsreisen boomen. Ein besonderes Erlebnis ist  eine Kreuzfahrt zu Weihnachten und über den Jahreswechsel.  Mit etwa einhundert deutschsprachigen Passagieren war ich auf der COSTA CLASSICA im Südchinesischen Meer unterwegs.

Gemeinsam mit Touristen aus 53 (!) Nationen startete in Hongkong die Kreuzfahrt der Superlative. Sieben Länder und acht Häfen standen auf dem 15tägigen Programm der über 7000 km langen Seereise zu Höhepunkten Asiens.

Kreuzfahrt-Direktorin Monja Salvati: „Diese Weihnachts- und Silvester-Kreuzfahrt ist auch für uns eine besondere Herausforderung. Das gilt nicht nur für vier festliche Gala-Dinner und die über 50 Landausflüge, sondern auch für die allabendlichen Shows im Colosseo-Theater des Schiffs.

Für alle war diese Weihnachts-Kreuzfahrt im Südchinesischen Meer etwas Besonderes. Einmal auf dem schwimmenden Hotel eingecheckt, gab’s jeden Tag viel Neues und Interessantes zu erleben. Weihnachtliche Deko samt geschmückter Riesentanne in der Lobby erinnerten bei tropischen Temperaturen auf hoher See an die Feiertage. Von erholsamen Seetagen an Bord unterbrochen, konnten so 1300 Passagiere ihre Reise von Hongkong über Manila, Kota Kinabalu (Malaysia), Bandar Seri Begawan (Sultanat Brunei), Singapur, Ho-Chi-Minh-Stadt, Da Nang, Sanya nach Hongkong in vollen Zügen genießen, auf den Sonnendecks im tropischen Südchinesischen Meer Sonne satt tanken. Weihnachten in Singapur – die Stadtrundfahrt durch die Mega-Metropole und ein Bummel durch den einzigartigen Botanischen Garten versetzten uns in eine ganz besondere Stimmung weit von der Heimat entfernt.

Unvergesslich der Heiligabend bei 33 Grad (im Schatten) im Sultanat Brunei und die Silvesternacht zwischen Da Nang (Vietnam) und Sanya (China). Nachdem wir das neue Jahr zwischen der imposanten Lobby mit der Riesentanne, Weihnachtssternen und der aus Eis geformten 2010 sowie dem Theater zünftig gefeiert hatten, klingelte bereits sieben Stunden später (Zeitumstellung) wieder der Wecker. Per Deutsche-Welle-TV konnten wir den von Schneefall begleiteten Jahressstart in Berlin live miterleben, bevor es nach einem Glas Sekt zum touristischen Buddhismus-Centrum auf der tropisch warmen chinesischen Insel Hainan ging. Ein unvergesslicher Neujahrstag zwischen imposanten Buddhas, Tempel und Pagoden.

Hans-Peter Gaul

China: Das Jahr des Drachen

Feiern zum Chinesischen Neujahr

Chinesisches Neujahr

Am 23. Januar beginnt für die Menschen in China das Jahr des Drachen. Zum wichtigsten Familienfest reisen Millionen von Chinesen zurück in ihre Heimatdörfer um dort das neue Jahr zu begrüßen. Es wird mit über 2,6 Milliarden Reisen innerhalb der zweiwöchigen Feiertage gerechnet. Obwohl in China inzwischen offiziell auch der gregorianische Kalender gilt, wird das Neujahrsfest immer noch nach dem Mondkalender und als traditionelles chinesisches Fest gefeiert. Offiziell gibt es sieben arbeitsfreie Tage für die Bevölkerung und die Feierlichkeiten dauern bis zum 15. Tag des neuen Jahres und enden mit dem Laternenfest.

Das chinesische Neujahrsfest, oder auch Frühlingsfest genannt, hat für die Chinesen eine so große Bedeutung wie für den westlichen Kulturkreis die Zeit um Weihnachten und Silvester. Es richtet sich nach dem traditionellen chinesischen Bauernkalender und beginnt mit dem ersten Neumond des neuen Mondjahres. Dadurch gibt es für den Neujahrstag der Chinesen auch kein festes Datum wie im westlichen Kalender.

Der Drache war das herausragende Merkmal des chinesischen Kaiserhauses. Der Kaiser saß auf dem „Drachenthron“ und durch sein vorbildhaftes Leben sollte der ganze Erdkreis nach dem konfuzianischen Idealbild positiv beeinflusst werden. Menschen, die im Jahr des Drachen geboren sind, werden die Eigenschaften Gesundheit, Kraft, Langlebigkeit und Hartnäckigkeit zugesprochen. Vor allem aber sollen sie äußerst erfolgreich sein. Daher erwartet China in diesem Jahr einen regelrechten Baby-Boom.

Der Legende nach lud Buddha einst alle Tiere zu einem Fest ein. Es kamen nur zwölf Tiere. Das erste Tier war die Ratte (Maus), ihr folgten der Büffel (das Rind), der Tiger, der Hase, der Drache, die Schlange, das Pferd, das Schaf, der Affe, das Huhn, der Hund und schließlich das Schwein. Jedes Tier bekam ein Jahr geschenkt und er benannte es nach ihm; ganz in der Reihenfolge, in der sie gekommen waren. So ist seitdem jedes Jahr von den Merkmalen eines der zwölf Tiere gekennzeichnet.

Macau: Das Tor zum Glück

 Nicht wenige kommen hierher, um sich gepflegt die Kugel zu geben. Andere legen ihre Pokerface auf und hoffen, das richtige Trumpfas im Ärmel zu haben. So oder so träumen hier fast alle vom Glück und großen Geld. Beides kann in Macau, rund 65 Kilometer westlich von Hongkong, erlangt werden. Zumindest theoretisch. Denn im weltweit größten Glücksspielparadies liegen Hoffen und Bangen, Verzweiflung und Glück so eng nebeneinander wie kaum sonst wo auf der Erde. Hier wurde mancher über Nacht zum Millionär, hier wurden aber deutlich mehr Millionenträume begraben. Die boomende Glücksspielindustrie ist Fluch und Segen für die ehemalige portugiesische Enklave am Perlfluss, die seit 1999 als Sonderverwaltungszone zu China gehört.

„Der Status von Macau ist schon so etwas wie der Treppenwitz der Weltgeschichte. Obwohl es zum Weltreich China gehört, wurde es 450 Jahre lang von einem europäischen Kleinstaat verwaltet“, so Harald Brüning. Der 56jährige Journalist lebt seit 25 Jahren in Macau, nachdem er bereits viele Jahre als Korrespondent für große Presseagenturen aus Südostasien berichtete. Heute verdient der in Helmstedt geborene Deutsche seine Brötchen als Herausgeber der englischsprachigen Tageszeitung Macau Post. Gleichzeitig gilt Brüning als einer der profundesten Kenner der Stadt überhaupt.

„Zwischen den Macanesen und den Kasinos besteht eine Hass-Liebe“, weiß Brüning zu berichten, dass statistisch gesehen gerade einmal zwei Prozent der 560.000 Einwohner dem Glücksspiel frönt. Gleichzeitig sind die Kasinobetriebe nebst den dazugehörigen Hotel- und Einkaufskomplexen der bei weitem größte Arbeitgeber in Macau. Allein 30.000 Croupiers sind in den mittlerweile 32 Kasinokomplexen mit ihren 4.390 Spieltischen und 13.500 einarmigen Banditen beschäftigt.

40 Prozent der erwirtschafteten Bruttoeinnahmen aus den Kasinos gehen direkt an den Staat. Und davon profitieren alle. „80 Prozent der Bevölkerung ist komplett steuerbefreit, die anderen zahlen maximal den Spitzensteuersatz von zwölf Prozent“, so Brüning weiter.

Schon seit 1847 ist in Macau das Glücksspiel legalisiert. Damals verlor die Stadt am Perlfluss ihre Bedeutung als Handels- und Umschlagsplatz in Südostasien an das benachbarte Hongkong, dessen Hafen schlicht mehr Möglichkeiten bot. Von 1937 an genoss Lokalmatador Stanley Ho über Jahrzehnte ein Monopol für das Glücksspiel. Als Portugal seinen kolonialen Außenposten 1999 an China zurückgab, fiel auch das Glückspielmonopol. Neue Lizenzen wurden weltweit ausgeschrieben.

„Jetzt kontrollieren sechs internationale Konsortien die Kasinos der Stadt“, so Brüning mit Blick auf den schier unglaublichen Bauboom, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts einsetzte. Zwischen den beiden vorgelagerten Inseln Taipa und Coloane wurde aufwendig neues Land aufgeschüttet. Eigens dafür wurde im benachbarten China ein Berg abgetragen. Auf Cotai, dem neuen Landstrich, dessen Name sich aus den ersten Silben der beiden Inseln zusammensetzt, entstanden binnen kürzester Zeit  Wohntürme, Shopping Malls und Kasinohotels.

„Nur Kasinos hochzuziehen, genügt nicht. Um Erfolg zu haben, braucht man auch den Wow-Effekt“, so Shelly Chan, Marketing Managerin der 2009 eröffneten City of Dreams. In dem Glas-Stahl-Komplex, bestehend aus den Crown Towers, dem Grand Hyatt und dem Hardrockhotel, kann nicht nur gezockt, sondern auch geshoppt und gespeist werden. Zudem wird in dem dazugehörigen Dom zweimal stündlich die spektakuläre Multimediashow „The Bubbles“ kostenlos präsentiert.

Im benachbarten Venetian kann sich der Gast mit einer Gondel durch die künstlichen Kanäle schippern lassen und auf dem nachgebauten Markusplatz feinsten italienischen Espresso genießen. Nur die Tauben fehlen hier. Vor dem Wynn im Zentrum von Macau ziehen faszinierende Wasserspiele die Besucher in ihren Bann. Viermal stündlich wird hier ein von Lichtspielen umrahmtes Wasserballett aufgeführt. Über Tausend Fontänen tanzen dann zur Musik von Pavarotti bis Sinatra. Derweil ist das 2007 eröffnete Grand Lisboa von weitem zu erkennen. Der 258 Meter hohe Komplex gemahnt optisch an eine gigantische Lotus-Blüte. Und das in Gold, Silber und Bronze gehaltene MGM Grand verfügt im Innenbereich über einen riesigen überdachten Platz, dessen Hauptgebäude dem Lissabonner Hauptbahnhof nachempfunden ist.

„Las Vegas ist heute kaum mehr als das kleine Macau des Westens“, verkündet Shelly Chan selbstbewusst. 23 Millionen Besucher pro Jahr und ein Umsatz von mehr als 15 Milliarden US-Dollar sprechen eine deutliche Sprache. Gleichwohl kommen nicht alle, um dem Glücksspiel zu frönen. Denn Macau hat weit mehr zu bieten. Da ist insbesondere die 2005 von der Unesco zum Weltkulturerbe erhobene Altstadt. Rund um den kunstvolle mit Calçada-Muster aus schwarzem Basalt und weißem Kalkstein ausgelegten Largo di Senado strahlen barocke Kolonialbauten in leuchtende Farben um die Wette und zeugen vom reichen portugiesischen Erbe.  Ein nicht enden wollender Menschenstrom schiebt sich durch die engen Gassen und Straßen zu den Ruinen der 1835 niedergebrannten St. Paul Kathedrale. Von dem Wahrzeichen Macaus steht lediglich noch die prächtige Barockfassade, die allein der Feuerbrunst trotzen konnte.

In den zahlreichen Bäckereien entlang der Rua de Sao Paulo werden lecker duftende Sesamkekse feilgeboten. Auf Bänken und Brunnenrändern hocken Männer beim Brettspiel. An allen Ecken wird gewürztes Fleisch in hauchdünnen Scheiben verkauft oder Tee angeboten. Selbst Haifischflossen, Schwalbennester und getrocknete Seepferdchen zieren hier die Auslagen der Geschäfte.

Zwischen Bonsai und Bambus zerschneiden Alte und Junge im Lou Lim Leoc Garden im Zeitlupentempo beim Tai-Chi mit Händen, Armen und Beinen die Luft. Musiker entlocken merkwürdigen Instrumenten wie der Yee Wu, einer chinesischen Violine, noch merkwürdigere Töne, während einige Greise ihre Singvögel im Käfig spazieren führen.

Überaus sehenswert ist auch der A-Má-Tempel am Inner Harbour in ummittelbarer Nachbarschaft zum Maritime Museum. Gläubige zünden nach dem Gang durch das runde Mondtor des Weltkulturerbes Räucherstäbchen an und bringen Opfergaben dar. Wer Nahestehenden helfen möchte, versucht, mit Gebeten und einer Geldspende göttliche Gnade zu erlangen.

Einen herrlichen Blick auf Macau und die Insel Taipa bietet sich vom Macau Tower, dem mit 338 Metern 10. höchsten Gebäude der Welt. In 233 Metern Höhe können Wagemutige beim Skywalk an einem Seil hängend auf einem 150 Zentimeter breiten Außenring spazieren und den Blick auf die Skyline des Glücksspielparadieses genießen. Noch höher hinaus geht es beim Mast Climb. 100 Meter gilt es vertikal hoch auf die Spitze des Turms zu klettern – was echt schweißtreibend ist. Und dies nicht nur wegen der Luftfeuchtigkeit, die je nach Jahreszeit bei bis zu 93 Prozent liegt. Trotz der Sicherungsseile sind bei dem mühevollen Auf- und Abstieg zwei Stunden schlotternde Knie und feuchte Hände garantiert. Ein Adrenalinkick, den viele auch beim Besuch der Kasinos verspüren dürften. Auch feuchte Hände sind dort nicht unüblich, sehen doch nicht wenige Macau als ihr persönliches Tor zum Glück an.

 Karsten-Thilo Raab

Informationen:

Fremdenverkehrsbüro Macau, Schenkendorfstraße 1, 65187 Wiesbaden, Telefon 0611- 2676730, www.macau-info.de

Anreise: Die bequemste Anreisemöglichkeit ist mit dem Flugzeug bis Hongkong. Von dort gibt es eine Fährverbindung direkt vom/zum Internationalen Flughafen im Transit, dass heißt, es ist keine Einreise nach Hongkong notwendig. Die Fährüberfahrt rund 45 Minuten. Cathay Pacific (www.cathaypacific.com) bietet ab 599 Euro täglich Direktflüge ab Frankfurt nach Hongkong und zurück an.

Einreise: Besucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz brauchen kein Visum. Es genügt ein gültiger Reisepass.

Kasinos: Die 32  Glücksspieltempel Macaus sind 24 Stunden am Tag geöffnet. Der Eintritt ist frei. Zudem bieten die Kasinokomplexe kostenlose Shuttlebusse vom beziehungsweise bis zum Fährterminal sowie in die und aus der Altstadt an

Essen & Trinken: Nga Tim Café, R. Caetano, No 8, Colane, Macau, China,  Tel. 00853-2888-2086. Das Restaurant auf dem Largo Eduardo Marques bietet feinste portugiesische Küche. Inhaber Iu-Tong Vong tanzt von Tisch zu Tisch und schmettert chinesische Volkslieder.

Café Litoral, Rua do Regedor, Bloco 4, Wai Chin Kok Nos 53-57, Taipa, Macau, Tel. 00853-2882-5255, http://restaurante-litoral.com. Traditionelle macanesische Küche mit portugiesischem Einfluss.

Übernachten: Venetian, Estrada da Baía de N. Senhora da Esperança, s/n, Taipa, Macau, China, Tel. 00853-2882-8888, www.venetianmacao.com. Das Fünf-Sterne-Resort auf Cotai bietet Doppelzimmer ab umgerechnet 70 Euro pro Nacht und Person an.

Literatur: Karsten-Thilo Raab, Ulrike Katrin Peters: Macau Reisehandbuch, Westflügel Verlag, ISBN 978-3-939408-10-9, 12,90 Euro