Österreich: Werfenweg – echter Schnee, ganz ohne Kanonen

 

K1024_K800_WerfenwengWerfenweng mit der Bahn zu erreichen geht „schneeflockenleicht“. Selbst aus Berlin ist der kleine Ort im Salzburger Land mit nur einmal Umsteigen zu erreichen. Vor dem Bahnhof wartet der Shuttelbus-Fahrer. Und der kennt dich schon beim Vornamen. Dieser Service ist gratis.

Wer seinen Autoschlüssel an der Tourismus-Info-Theke der freundlichen Karin in die Hand drückt, bekommt einen dicken Bonus. Die SAMO Card. Mit dieser Scheckkarte in der Hosentasche kann man zu jeder Zeit das „Gratis-Taxi-Lois“ herbeirufen. Einmal in der Woche, an einem Tag, den man selbst bestimmt, steht jedem Gast ein E-Auto für Ausflüge zur Verfügung.

 

Ab dem ersten Ankunftsmorgen…

…ticken die Uhren anders, freundlicher, langsamer, und doch mobil. In dem gerade einmal 900 Seelenort regiert ein entspanntes E-Konzept.

K1024_E-FlotteVor 20 Jahren wurde Peter Brandauer mit 28 Jahren zum Bürgermeister gewählt. Der damals jüngste und zugleich innovativste Amtsträger setzte sich hinter seinen Schreibtisch, und dachte nach. Hatte Visionen, die heute wie ein Spinnennetz mancherorts die österreichische Bergregion überzieht. „In der Ruhe liegt die Kraft“ lautete sein Motto. Und seine Gedanken gingen auf. Als er herausfand, dass das österreichische Umweltministerium einen Modellort für sanfte Mobilität suchte, konnte er die Beamten überzeugen, dass Werfenweng, die Almregion der Werfener Bauern, der ideale Ort dafür ist. 1996 war es so weit. Von da ab stand eine kleine Elektroflotte hinterm Dorfplatz für die Gäste bereit. Heute stehen 70 Prozent der gastronomischen Betriebe hinter dem sanften Ferienkonzept.

 

Die Selbstoptimierung setzt auf den liebevollen Umgang

Wer sich sanft bewegen möchte, leiht sich gratis Langlaufski, und gleitet auf einer der drei Runden um das Tal. Abgeschiedenheit-Suchende könnenden Winter-Zauber abseits der Wanderwege erleben, und – wenn sie wollen – auf ebenfalls gratis verliehene Schneeschuhe zugreifen. Auch von Waltraud geführte Wanderungen in kleinen Gruppen haben ihren Reiz. Sie Frau versteht es, eine fröhliche Atmosphäre zu verbreiten. Außerdem erklärt sie das Bergpanorama, wie es nur Einheimische können.
Wer Leistung anregend empfindet, kann sich auf Abfahrten von 1800 bis ins Tal vergnügen, sich von der lichtblauen bis zur grauschwarzen Piste ausprobieren. Und das sind immerhin über 32 Kilometer.

 

Mit Alpakas und Fackeln durch den Winterwald.

K1024_Lama und KindDer Alpaka-Vater heißt Gerhard (www.bikehike-Salzburgerland.at). Sein braunes Lama hört auf den Namen Ibor, das schwarze auf Issidor. Gerhards prächtige Laune überträgt sich schnell auf uns. Wie bei der Fackelübergabe.

Anfangs sind die Tiere etwas störrisch, die kurze geräumte Asphaltstrasse schätzen sie nicht. Erst als ihre Hufe den weichen Schnee berührten, bewegen sie sich freudig. Sie an ihrem Hinterteil zu kraulen, wie von Gerhard empfohlen, verlangt Zärtlichkeit. Die darin nicht „Geübten“ erlebten, dass der schwarze Issidor mal kurz nach hinten auskeilte. Eindeutiger als Worte es können, drückte diese Reaktion aus, dass Issidor den Entspannungsgrad der „Streichler“ für noch verbesserungswürdig hielt.

 

Auf der Alm kann man leicht lustig sein.

Werfenweng liegt auf schneesicheren 1200 Metern. Einst war es das Almgebiet der Werfen Bauern. Die Zufahrtswege hatten gerade mal Karrenbreite. Jeder kannte jeden. Für die ersten Urlauber in den dreißiger Jahren brauchte die Pferdekutsche vom Bahnhof Pfarrwerfen noch eineinhalb Stunden. Der erste Ski-Lift wurde 1956 aus zweiter Hand gekauft. Von da ab tröpfelte der Tourismus. Von Mund zu Mund verteilte sich die Werbung. Langsamkeit bemerkte man nicht, sie war die Norm. Und mit der war man glücklich.

Einen Hauch dieser Zeit spürt man im 400 Jahre alten „Hochhäusel“ am Rande des Ortes. Solange man zurückdenken kann, war es das „Wirtshaus hoch oben“. Vor fünfzehn Jahren änderte sich das Geschick. Christine Huber machte aus ihrem Heimathaus eine Fremdenpension. Resch und lustig sorgt sie seither für ein gutes Frühstück, fragt nach Vorlieben und erfüllt sie auch. Die gepflegten haben Zimmer noch moderate Preise.

 

Fotos Tourismusverband Werfenweng. Text: Veronika Zickendraht

Deutschland: Sonneninsel Usedom

Usedom (Seebrücke in Herinmgsdorf)Mit einer „Zeitreise in die Vergangenheit“ feiert Heringsdorf am 6./7. Juni 2020 sein 200jähriges Jubiläum. Hans Peter Gaul nimmt uns im Vorfeld mit auf eine kleine Inselrundfahrt.

Einer Legende nach soll im Jahr 1820 der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. mit seinem Vater, Preußenkönig Friedrich Wilhelm III., Fischer beim Heringe puhlen und salzen am Strand der kleinen Siedlung unterhalb des Kulms beobachtet haben. Dieser Moment in der Geschichte ist die Geburtsstunde des Ortes Heringsdorf. Durch kaiserliche Anordnung vom 4.6.1879 wurde Heringsdorf zum Seebad. Der erste deutsche Kaiser und König von Preußen, Wilhelm I., hatte das Dekret auf Schloss Babelsberg unterzeichnet. Sein Enkelsohn, Wilhelm II., letzter Deutscher Kaiser und König von Preußen kam in den Jahren 1909 bis 1912 regelmäßig nach Heringsdorf, um mit Elisabeth Staudt, Witwe des Konsuls Wilhelm Staudt, im Haus „Miramar“ Tee zu trinken.

Usedom (Sven Brümmel am Denkmal Wilhelm I. in Heringsdorf)Mit der abwechslungsreichen Geschichte der Kaiserbäder hat uns im Seebad Heringsdorf der „Insulaner“ Sven Brümmel als Wilhelm von Rummelsburg bekanntgemacht. Der 34jährige Lehrer für Deutsch und Geschichte, Heimatkunde und niederdeutsche Sprache an der Grundschule Heringsdorf sowie Co-Vorsitzender des Geschichtsvereins der Kaiserbäder Ahlbeck –  Heringsdorf – Bansin lässt bei einem Rundgang mit historischem Wissen und Anekdoten die Entstehungszeit des Kaiserbades wieder lebendig werden. In seiner Uniform als Offizier vom Füsilier Regiment Nr. 34 „Königin Viktoria von Schweden“ (Pommersches Nr. 2) aus dem Jahre 1909 verkörpert er den Zeitabschnitt von 1871 – 1910.

An der längsten Seebrücke Deutschlands und dem lt. Guinnessbuch größten Strandkorb der Welt erfahren wir von ihm, dass zum Jubiläum „200 Jahre Heringsdorf – von der namenlosen Fischerkolonie zum Weltbad“ auch ein Stationsbetrieb mit historischen Szenen aus der Geschichte Heringsdorfs im 19. Jahrhundert und frühen 20. Jahrhundert geplant ist. Sven Brümmel wird dann natürlich wieder in Uniform mit dabei sein.

Usedom (Riesen-Strandkorb in Heringsdorf)Bevor wir uns in Europas erstem Kur- und Heilwald gleich hinter der Heringsdorfer Strandpromenade mit ihren u. a. durch die einstigen Bewohner und prominenten Gäste berühmt gewordenen Villen im Stil der Bäderarchitektur umsehen, erleben wir im historischen Strandcasino den Marc O’Polo Concept Store mit einem smarten Gastronomiekonzept inmitten lässiger Mode und zeitlosem skandinavischen Design. Entlang der mit 12,5 km längsten europäischen Küsten-Promenade, die sich von Bansin über Heringsdorf und Ahlbeck grenzüberschreitend bis ins polnische Swinemünde erstreckt, laden ganzjährig diverse Restaurants zu vielfältigen kulinarischen Genüssen und Entdeckungen ein. Vom 6. – 8. März 2020 wird es zudem ein Schlittenhunderennen in den Kaiserbädern geben.

Der Usedom-Tourismus möchte die Potentiale der Sonneninsel als ein attraktives Ganzjahresziel für in- und ausländische Touristen noch bekannter machen. Bei einem kulinarischen Streifzug mit Pressesprecherin Karina Schulz im Herbst gab‘s da auch jenseits leckerer kulinarischer Spezialitäten zwischen Ostsee und Achterwasser viel Interessantes zu entdecken.

Fisch frisch auf den Tisch

Usedom (Hotel Aurelia Heringsdorf 1)Perfekter Auftakt im Aurelia Hotel St. Hubertus mit der „Neuen Pommerschen Küche“ im „Restaurant 1900“. Es gab traditionelle pommersche Gerichte aus Großmutters Zeiten, die der langjährige Küchenchef Jörg Gleißner in Archiven der Region entdeckt hatte. Auf der Speisenkarte findet sich neben den „Klassikern“ Apfelfleisch mit Schweinefilet und Backpflaumen sowie Honig-Krustenbraten auch „Zander auf Haferstroh“, wie ihn sich die Fischer einst am Strand von Usedom zubereitet haben. Die meisten Zutaten der „Gerichte mit Geschichte“ kommen frisch aus nachhaltiger Zucht vom hauseigenen Gutshof Varchentin und aus der Ostsee.

Usedom (Rankwitz-HafenFrischen Fisch von den Fischern gibt’s auch in der Alten Fischräucherei im Hafen von Rankwitz. Spezialität des familiengeführten Unternehmens ist Matjes, der u. a. nach einem eigenen Rezept maximal 72 Stunden in Rote Beete-Saft eingelegt wird. Geräuchert wird in Rankwitz nach alter Tradition mit Buchen- und Erlenholz. Vom idyllisch am Peenestrom gelegenen Hafen u. a. mit einigen Ferienhäusern und Hausbooten – hier kommen im Sommer auch moderne Fluss-Kreuzfahrtschiffe auf ihrer Fahrt von Stralsund nach Potsdam vorbei – starten wir zu einer Rundfahrt über den noch wenig bekannten Lieper Winkel.  Unseren „Reiseleiter“ Dr. Klaus Kögler aus dem Ruhrpott hat es durch Zufall vor einigen Jahren nach Usedom „verschlagen“. Hier fühlt er sich als Mitglied der Gemeindevertretung, 2. stellvertretender Bürgermeister und Vorsitzender des Heimatvereins längst sichtlich wohl. Im Achterland, der reizvollen Landschaft hinter der Ostsee, will er auch seinen Lebensabend verbringen. Über holprige und teils naturbelassene Wege sind wir mit ihm im idyllischen Lieper Winkel unterwegs, der wie eine Halbinsel in das Achterwasser und in den Peenestrom ragt.
Usedom (Fischerboote im Lieper Winkel)Ins Auge fallen immer wieder reetgedeckte Fischerkaten und imposante Backsteinscheunen. „Jahrhunderte lang waren die beschaulichen Fischerdörfer nur über das Achterwasser zu erreichen“, so Klaus Kögler, der sich auch um den Erhalt eines dörflichen Museums im einstigen Gemeindeamt kümmert. Hier kann man u. a. heute kaum noch bekannte landwirtschaftliche Gerätschaften bewundern. In Liepe lernen wir die älteste Kirche Usedoms mit ihrem typisch freistehenden Glockenstuhl und umgeben von Kunstwerken aus Granit kennen.  Vom Warther Haken sticht Falk Bialowons, einer der letzten der etwa 20 noch aktiven Usedom-Fischer mit seinem Boot in See. In der von ihm belieferten „Bauernstube Morgenitz“ treffen wir ihn dann später wieder und lassen uns von den Wirten Carolin und Rene Bobzin in einer Riesenpfanne traditionell zubereitete leckere Fischgerichte schmecken – eine wahre kulinarische Entdeckung. Wer hier fangfrischen Fisch (je nach Angebot Barsch, Zander, Aal oder Schnäpel) genießen möchte ist gut beraten, rechtzeitig zu reservieren. Falk Bialowons fährt im Sommer ab vier Uhr und im Winter solange es noch kein Eis auf dem Peenestrom und Achterwasser gibt zu seinen Fisch-Reusen raus. Sorgen machen nicht nur ihm die immer wieder diskutierten Fischquoten.

Vom Waldladen zum Wasserschloss Mellenthin

Kontrastprogramm wenig später bei einer Rundfahrt mit MS Jessica auf den Achterwasser. Die etwa zweistündigen Fahrten der Ückeritzer Personenschifffahrt vom Hafen Stagnieß sind bei den Usedom-Urlaubern sehr beliebt.

Usedom (MS Jessica im Hafen Stagnieß) Im Gespräch mit Karina Schulz vom Usedom-Tourismus, die in Koserow ihr Büro hat, erfahren wir mehr über Usedom, die besonders im Sommer gut gefüllte „Badewanne der Berliner“, lernen in ihrer Begleitung immer wieder kulinarische Köstlichkeiten der Sonneninsel kennen und schätzen. Während übrigens die Schiffe der ADLER-Fahrgastschifffahrt vor allem auf der Ostsee zwischen den Seebrücken und dem polnischen Swinemünde bei teils bewegter See unterwegs sind, ist Seekrankheit auf dem Achterwasser kaum ein Problem.
Bei einem Spaziergang mit dem engagierten Forstamtsleiter Felix Adolphi macht er uns mit den Besonderheiten des Usedomer Küstenwaldes und der Jagd auf der zu den wildreichsten Gegenden Deutschlands zählenden Insel bekannt. Die perfekte Einstimmung auf die alljährlich besonders gefeierten Usedomer Wildwochen, die wir ebenfalls bei unserem kulinarischen Streifzug erleben konnten. Einen kleinen Vorgeschmack bot da bereits der Besuch des Waldladens im Forstamt Neu Pudagla. Hier kann man u. a. Wildprodukte wie Hirschpastete, Wildsalami, Hirschschinken oder Rehrillette, aber auch diverse Bio-Produkte aus den heimischen Wäldern erwerben – Verkostung inklusive.

Usedom (Wasserrschloss Mellenthin 1)Nur wenige Kilometer sind es bis zum prächtig erleuchteten wiederbelebten Wasserschloss Mellenthin am Mittelpunkt der Insel Usedom.  Eine Attraktion der Schlossanlage aus dem Jahre 1575 ist die Gasthausbrauerei, die u. a. neben Hell und Dunkel auch Sorten wie Mellenthiner Weizen, Eis-Bock, Rauch, Schwarz und Alt anbietet. So lange der Vorrat reicht sind im stimmungsvollen Gewölbekeller des Wasserschlosses auch Bier mit Kaffee, Ingwer oder Bernstein im Angebot. Schlossherr Jan Fidora legt zusammen mit seinem Braumeister besonderen Wert auf kreative Biervielfalt und Experimente mit besonderen Aromen. Selbst kaltgehopfter Wein „Wine & Hops“ zählt zum beliebten Angebot. Wir gehörten zu den ersten Gästen, an deren Tischen Philipp Fournes von der hauseigenen Destille von uns selbst zusammengestellte Obstaromen zum Verkosten gebrannt hat.

Pralinen, Kräuter und Kaiserbäder

In Wolgast, dem Tor zur Insel Usedom, lernen wir Torsten Riel aus Sachsen-Anhalt kennen. Als Urlauber hatte er die Region kennen- und schätzen gelernt und 2019 nach 14jähriger Tätigkeit in den Halloren-Werken in Halle/Saale in der traditionsreichen Konditorei Biedenweg Wolgast seine Schokoladen-Manufaktur eröffnet. Sein Mut wurde belohnt. Getreu dem Motto „Hier läuft nichts vom Band, hier fertigt man mit Herz und Hand“ hat sich der umtriebige Konditormeister mit seinen traditionell gefertigten Pralinen sowie Schokoladenpräsenten längst einen guten Namen gemacht.

Usedom (Kräuterexpertin Ina Schirmer 1)Wieder auf die Insel zurückgekehrt empfängt uns Kräuterexpertin Ina Schirmer in ihrem Refugium, bestehend aus Hofladen und Kräutergarten, mitten im Wald bei Prätenow. Bei geführten Touren durch ihren Kräutergarten mit rund einhundert verschiedenen Duft-, Heil- und Küchenkräutern und den Wald kann man mehr über die Naturschätze und ihre Verwendung erfahren und sich auch an der Zubereitung eines leckeren 3-Gänge- Wildkräutermenüs beteiligen. Für uns hatte Ina nach der Führung aus Zeitgründen bereits einen besonderen Kräuter-Imbiss vorbereitet – eine weitere interessante kulinarische Erfahrung auf der Sonneninsel, an die uns die im Hofladen gekauften Pestos, Kräuter- und Gewürzmischungen sicher zu Hause erinnern werden.

Wild Fashion Dinner

Eine Initiative der IG „Wildwochen auf Usedom“ hat 2019 Jubiläum gefeiert. Zum 15. Mal wurden unter dem Motto „schmecken, staunen, erfahren, erfühlen und genießen“ die beliebten Wildwochen auf Usedom zelebriert. Von der Berliner Acksteiner-Eventagentur organisiert gab es dazu zum Auftakt bereits zum 10. Mal das exklusive „Wild Fashion Dinner“ im Hotel Forsthaus Damerow.
Von Sylvia Acksteiner moderiert erwartete die Gäste des stimmungsvollen Gala-Abends ein exzellentes Fünf-Gänge-Menü mit korrespondierenden Weinen vom sächsischen Weingut Schloss Proschwitz Prinz zur Lippe sowie eine hochkarätige Modenschau u. a. mit Stoffen im Lichterglanz von Moon Berlin, ein Highlight der Fashionshows. Frische regionale Küche prägt auch hier das Hotel-Angebot während des ganzen Jahres.
Mein Fazit: Essen und Trinken liegen auch auf Usedom als Reisemotiv für einen Ganzjahresbesuch voll im Trend. Qualitätsvolle regionale Speisen an authentischen Orten innovativ angeboten schmecken nicht nur gut, sondern laden zum Wiederkommen, Entdecken und Genießen – vor allem außerhalb der Bade-Saison – ein.

 

China: Hinter dem herben Charme von Songzhuang blüht die Kunst

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C. Nowak

Die Industriestadt Songzhuang bei Peking hat sich zum kreativsten Zentrum der modernen Kunst in China gemausert und selbst der Beijing 798 Art Zone, bekannt durch die Kunstikone Ai Weiwei, den Rang abgelaufen. Maler, Bildhauer, Fotografen und Konzeptkünstler haben in Songzhuang Fabrikgelände in Ateliers umgewandelt und können hier von der Staatsmacht relativ unbehelligt arbeiten.

Ein wenig schüchtern steht Li Xiu Fang in ihrer Werkstatt, denn Besuch aus dem fernen Deutschland hat sie noch nie gehabt. So wirkt sie zwischen all den extravaganten Lampen, an denen sie gerade arbeitet, ein wenig verloren. Aus Guandu, der Hauptstadt der Provinz Yunnan, stamme sie und arbeite seit zehn Jahren als Künstlerin. Früher sei die Werkstatt Teil eines kleinen Bauernhofs gewesen, hinter dem Haus liegen noch heute Felder. Für ihre Kreationen verwendet sie viele Naturmaterialien, aber auch Kunststoff und Metall. Sie zeigt auf die gerade Daumennagelgroßen braunen Punkte auf den Lampenschirmen: „Das sind Jadeschmetterlinge, hauchzarte Samen, die im Herbst von jedem Windhauch wie Schmetterlinge über die nahen Felder getragen werden.“ Aber erst, wenn sie das Licht in ihren Lampen anschaltet, erwachen sie zum Leben. Dann erstrahlen sie in warmen Farben, werden zu fast magischen Kunstobjekten, die die Fantasie anregen. Gleich mitnehmen möchte man sie, doch fürs Handgepäck sind sie viel zu groß.

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C, Nowak

China, Songzhuang, Li Xiu Fang und ihre Lampen, Foto: C, Nowak

Songzhuang nennt sich Art Village – Künstlerdorf. Wer jedoch ein pittoreskes Dorf erwartet, wird enttäuscht. Der Ort, gut eine Autostunde östlich des Pekinger Zentrums, ist keine ländliche Idylle sondern eine Industriestadt mit 100.000 Einwohnern. Selbst der künstliche See mit seinen felsigen, nur von spärlichem Grün bewachsenen Ufern wirkt wie eine Industriebrache. Schnurgerade, trostlos und staubig zieht sich die von Industrieanlagen gesäumte Hauptstraße durch den Ort. Nur die vielen, teils meterhohen Skulpturen, die schon von der Straße auszumachen sind, lassen erahnen, welch kreatives Potential in den schmucklosen Lagerhallen und Bürogebäuden am Werke ist.

„Viel Platz, viel Ruhe, erschwingliche Mieten und wenig Kontrolle“ waren für Li Xiu Fang entscheidende Argumente, sich in Songzhuang niederzulassen. Mittlerweile fährt sie nur noch selten mit dem Bus nach Peking, für häufigere Besuche ist ihr der Millionenmoloch zu laut und zu hektisch.

Unbehelligt von der Staatsmacht

Seit Anfang der 1990er-Jahre zieht es Künstler nach Songzhuang und jedes Jahr kommen mehr. Viele auch aus der Beijing 798 Art Zone, wo auch der bekannteste chinesische Künstler Ai Weiwei lebt. Denn mittlerweile ist das ehemalige Fabrikgelände 798 trendgerecht saniert und Anlaufpunkt für Touristen und angesagte Galeristen. Vor allem Kunst teuer zu verkaufen statt Kunst zu produzieren, werfen deshalb immer mehr der Art Zone 798 vor. Ganz anders dagegen Songzhuang: Touristen verirren sich bis jetzt nur ganz selten hierher, dabei organisiert das Sunshine International Art Museum – immerhin eines der größten seiner Art in China – seit 2008 jedes Jahr mehrere hochkarätige Ausstellungen. Da größtenteils private Sponsoren die Finanzierung übernehmen, mischt sich der Staat nur selten ein.

China, Songzhuang, Künstler Wu Zhen Huan, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Künstler Wu Zhen Huan, Foto: C. Nowak

Li Xiu Fang und Wu Zhen Huan sind Nachbarn und Kollegen. Wus Gemälde sind groß – sehr groß, dementsprechend gleicht sein Atelier auch eher einer Lagerhalle. Eimerweise verteilt er schwarze Farbe auf weißen XXL-Leinwänden. Seine Werke kennt man mittlerweile auch außerhalb Chinas. Stolz erzählt er von Ausstellungen in Italien, England und Malaysia. „Moderne Kunst hat in China keine Tradition“, sagt er, „früher habe ich anders gemalt, gegenständlicher und farbiger.“ Mit seinen großformatigen Schwarz-Weiss-Orgien möchte er eine Verbindung zwischen chinesischer Tuschemalerei und westlicher Ölmalerei herstellen.

Ein wahrer Meister dieser klassischen Tuschemalerei ist Wang Tao, der ebenfalls sein Atelier in Songzhuang hat. Auch Wang Taos Werke sind Schwarz-Weiss-Kunstwerke, passen aber noch auf seinen großen Ateliertisch. Mit unglaublich ruhiger, aber erstaunlich flinker Hand setzt er die Pinselspitze auf das Papier. Zurück bleiben unzählige schwarze Striche, die sich schließlich zu Blättern, Ästen und Bäumen vor Bergen und Seen zusammenfügen.

China, Songzhuang, Künstler Wang Tao, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Künstler Wang Tao, Foto: C. Nowak

Es lohnt sich, in Songzhuang auf Entdeckungstour zu gehen, denn Li Xiu Fang, Wu Zhen Huan und Wang Tao sind nur drei von mittlerweile mehr als 2000 Künstlern, die in dem Ort leben und arbeiten.

Impressionen aus Songzhuang

China, Songzhuang, Sunshine Art Museum, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Sunshine Art Museum, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

China, Songzhuang, Skulpturen in der Stadt, Foto: C. Nowak

Text und Fotos: Christian Nowak

Mehr über Songzhuang lesen Sie HIER

 

 

 

 

 

 

Österreich: Salzburg leicht verschneit

K1024_Altstadt_Salzburg_im_SchneeWer sich in Salzburg die stille Nacht wünscht, sollte noch vor der Weihnachstsaison koimmen, In der Zeit wo alle auf den Spuren von Franz Grubers „Stille Nacht“ Salzburg und die Umgebung nach einer Heiligen Atmosphäre absuchen, ist Stille wegen des hohen Andrangs nur schwer zu finden.

Blick vom Kapuzinerberg Salzburg cathedral in winter

Für stressgeplagte und eventmüde Besucher bietet das Kapuzinerkloster hoch oben auf dem Kapuzinerberg eine besondere Art der „inneren Einkehr“ an. Um sich ein Bild zu machen wie sich eine selbstauferlegte, bescheidene Auszeit anfühlt, lohnt es sich die steilen Stufen auf den Berg zu erklimmen. Die Anstrengung wird mit der grandiosen Aussicht belohnt.

Des weiteren empfehle ich an der Pforte den Klingelknopf zu drücken und nach Pater Karl zu fragen. Mit Sicherheit wird sich das Gespräch bezüglich Unterkunft anders entwickeln als mit einem Hotelportiere. Er strahlt die Ruhe aus, die man sich für sich selbst wünscht. Ohne anzupreisen erzählt er von den Einkehrtagen: Wir nennen sie „die Vater unser Tage“. Sie finden sieben mal statt im Jahr statt. Es gibt zehn Einzelzimmer. Geräumige Zellen mit Dusche und WC. Feste Preise gibt es nicht, Paterc Karl bittet, nach Selbsteinschätzung mit Spenden das Kloster zu unterstützen.Täglich nach dem entspannten Frühstück gibt es einen geistlichen Impuls aus dem Vater unser. Danach sollte man in einer stillen Zeit den eigenen Gedanken dazu, nachgehen. Nachmittags kann jeder ins Ambiente Salzburgs eintauchen, ganz wie es ihm gefällt. Die Gedanken vom Vormittag gehen dabei mit: Egal ob beim Schaufensterbummel, in einer Kirche, im Rummel der Touristen oder beim Wandern: die Impulse und Ideen aus dem Vater-Unser-begleiten. Am Abend gibt es die Möglichkeit zum Gedankenaustausch: Wie habe ich, wie haben die anderen den Tag erlebt? Was braucht es noch an diesem Abend?

Einen Tag im Pulverschnee

Bild 4Flachau_

Jeden Morgen fährt im Winter am Mirabellgarten der Snow Space Salzburg Ski-Shuttle ab und bringt die Gäste die eine Salzburgcard vorzeigen, innerhalb einer Stunde  zu den Pisten in Flachau. Mit an Bord der modernen Ski-Busse sind erfahrene und mehrsprachige Guides, die sich um die Organisation von Skipässen, Ausrüstung oder Kursen kümmern! Das Skigebiet verfügt über 120 bestens präparierte Pistenkilometer, modernste Lift- und Seilbahnanlagen, gemütliche Skihütten und flächendeckende Beschneiungsanlagen.

Mozart lebt!

 

K1024_Bild 5 Ronaldo Vilazon

Der Indenant Ronaldo Villazón gestaltet in den Jahre von 2019 bis 2023 das Programm.

In den kalten Winterwochen von Ende Januar bis Anfang Februar, schwingt er den Taktstock in Salzburg.„Meine intensive Reise mit Mozart begann eigentlich 2011, als ich meinen ersten Don Ottavio sang“, schwärmt Villazón.
Bei der Vorbereitung der Rolle hatte ich nicht nur die wunderbare Partitur im Blick, sondern begann, Mozarts Briefe zu lesen und bald zu verschlingen. Im ungefilterten Fluss seiner Gedanken gibt Mozart einen einzigartigen Blick in seine Seele frei: ein Genie, ein tiefernster Musiker und Denker, eine verspielte Seele. Mozart ist ein Mann der Aufklärung; Mozart ist auch ein liebenswerter Spaßvogel. Mozart ist tiefsinnig, reif und intelligent. Mozart ist zugleich verspielt, witzig und kindisch. Mozart ist so groß wie seine Unsterblichkeit und so nah bei uns wie die Liebe, die er für die Menschen empfand.Die Mozartwoche 2020 bietet rund 50 Veranstaltungen, darunter drei szenische Bühnenprojekte, eine konzertante Opernaufführung, Orchesterkonzerte, Kammermusik, Tanz und vieles mehr. „2020“, sot Villazón, „nähern wir uns auch den besonderen Freundschaften Mozarts an. Wir tauchen ein in Mozarts Welt. Dabei können wir all die wundervollen Schätze entdecken. Das weiß ich aus persönlicher Erfahrung.“

Veronika Zickendraht

 

 

 

 

 

 

An einem Tag von Berlin zum Nordpol und zurück

Nordpolflug 2017 (Bildschirm-Info am Check in-Schalter in Tegel k)Obwohl die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft und Namenspatronin unserer Hauptstadt seit dem 27. Oktober 2017 Geschichte ist, erinnert man sich doch gern immer wieder an schöne, unvergessliche Erlebnisse mit Air Berlin. Dazu gehört unbedingt der weltweit einzigartige Jubiläumsflug zum Nordpol. Selbst für weitgereiste Leute war dieser Polarflug AB 9669 am 1. Mai 2017 von Berlin-Tegel via Nordpol nach Berlin Tegel ein ganz besonderes Erlebnis. 243 Passagiere aus 13 Ländern (u. a. aus Dubai) konnten an Bord eines Air Berlin-Langstreckenjets A 330-200 die Nordpolregion einmal so sehen und fotografieren wie bisher nur wenige Menschen. AirEvents-Geschäftsführer Dr. Sven Maerten: „Seit nunmehr zehn Jahren sind wir weltweit der einzige Anbieter solcher spektakulärer Polarflüge nördlich von Spitzbergen bis zum geographischen Nordpol auf 90 ° N“. Was damals bei diesem erfolgreichen Jubiläumsflug (am 1. Mai 2007 war der erste Polarflug gestartet) keiner wissen konnte: wenige Monate später musste der bewährte AirEvents-Partner Air Berlin Insolvenz anmelden.

Familiäre Atmosphäre an Bord

Ungläubiges Staunen an diesem sonnigen Maimorgen vor der großen Anzeigetafel im Terminal A des Airports Berlin-Tegel. AB 9669 Start 9.20 Uhr – Ziel Berlin-Tegel steht dort. Erst am Check-in-Schalter im Terminal B klärt sich das auf, denn da zeigt der Bildschirm tatsächlich den Polarflug mit Air Berlin an. Begleitet von Kamerateams und weiteren Medienvertretern haben sich hier die Teilnehmer des außergewöhnlichen Langstreckenflugs, darunter auch Familien mit Kindern und eine Ordensschwester, alle ausschließlich mit Handgepäck, eingefunden. Auch für die Flughafenmitarbeiter ein besonderer Moment beim Ausstellen der Bordkarte.

Nordpolflug 2017 (Routenplan auf Monitor)kEin letztes Winken und dann geht es zu Fuß in den Air Berlin-Jet. Freundliche Begrüßung durch die Crew. Es gibt Informationen zum geplanten Flugverlauf und schon geht es los. Bald ist zu merken, dass dies kein normaler Langstreckenflug ist. Die Passagiere haben sich schnell miteinander bekannt gemacht und die extra freigehaltenen Sitz-Reihen (mit perfekter Fotogelegenheit an den Bordfenstern) inspiziert. Man bewegt und fühlt sich wie eine große Familie an Bord. Denn alle haben das gleiche Ziel: das Polargebiet unseres Planeten aus einer ganz besonderen und nicht alltäglichen Perspektive sehen zu können.
Und während die ersten nordisch inspirierten Snacks serviert werden, freut sich unser maritimer Journalisten-Experte Peer Schmidt-Walther, seine Heimatstadt Stralsund beim Überflug und guter Sicht einmal aus der Vogelperspektive erleben zu können. Später werden dann bei ihm Erinnerungen an seine Fahrt vor etlichen Jahren mit einem Eisbrecher Kurs Nordpol wach.

Kürzeste Weltumrundung

Immer wieder vermitteln die mitgereisten Experten ihr Wissen. Spannend auch die Live-Schaltung mit einer Forschungsstation auf der „Bäreninsel“. Nach einzigartigen (Aus)Blicken auf den weitgehend wolkenfreien nördlichen Teil von Spitzbergen steuert der erfahrene Flugkapitän Wilhelm Heinz (er hat 9 der bisherigen zehn Polarflüge von AirEvents perfekt gemeistert) den Nordpol direkt an.

Nordpolflug 2017 (Flugkapitän Wilhelm Heinz im Cockpit k) Zuvor waren noch die notwendigen Überfluggenehmigungen von etlichen Ländern eingegangen. erst am Morgen des Abflugs konnte die exakte Flugroute festgelegt werden. Aber auch hier waren u. a. wetterbedingt durchaus noch Änderungen möglich. Spontaner Beifall der Passagiere für die Ansage aus dem Cockpit: „Wir tun alles Mögliche, um die optimale Route für unvergessliche Eindrücke der Arktis auszumachen und gegebenenfalls auch spontan noch anzupassen“. Dann der Höhepunkt des ungewöhnlichen Langstreckenflugs nur mit Handgepäck: nach dem für alle spannenden, unvergesslichen Countdown in 930 m Höhe über dem nördlichsten geografischen Punkt der Erde (Nordpol 90°) startet bei Champagner die kürzest mögliche Weltumrundung. Mit einer 360 Grad-Kurve werden in einer Minute alle 360 Längengrade und Zeitzonen durchflogen. „Ein erhebendes Gefühl“, so die Berliner Verlegerin Regina J. Schwenke, die ihr Buch „Kreuzfahrt ins Land der Mitternachtssonne“ mit an Bord hat. Wir haben bei diesem Jubiläums-Polarflug ausgesprochenes Wetterglück, was in dieser Region nicht selbstverständlich ist. Bei Sonnenschein und auf wiederum verringerter Flughöhe ist später die zerklüftete Küste Ost-Grönlands prächtig zu sehen.

Nordpolflug 2017 (über Ost-Grönland 20)kRiesige Eisschollen, imposante vereiste Fjorde und hohe Berge faszinieren die begeisterten internationalen Passagiere ebenso wie die „Geburtsstätte“ der Eisberge… Und als die Sonne langsam glutrot hinter dem Horizont verschwindet, passieren wir die Nordküste Islands, dann die Faröer- sowie Shetland-Inseln und steuern Berlin-Tegel an. Nach etwa 9800 Flugkilometern und 12,5 Stunden landen wir pünktlich und sicher. 243 glückliche Polarflieger treten mit vielen unvergesslichen Eindrücken und ihrem Zertifikat die Heimreise an.Nordpolflug 2017 (über Ost-Grönland 22)k
Inzwischen hat AirEvents signalisiert, dass es im Frühjahr 2019 einen weiteren Nordpolflug, diesmal mit der Fluggesellschaft Edelweiss ab Zürich geben wird.

Text und Photos Hans-Peter Gaul

Deutschland: Zur Friesengeistmeile nach Carolinensiel

IMG_9726-Friesengeistmeile 2017-C. NowakAlljährlich versucht das ostfriesische Carolinensiel im Rahmen des Wintermarktes die längste Friesengeistmeile der Welt noch ein Stück länger zu machen. Geboren aus einer Schnapsidee, ist die Veranstaltung mittlerweile Kult und lockt Neugierige aus ganz Deutschland an.

IMG_9807-Friesengeistmeile 2017-C. NowakOrtsbrandmeister Jens Fremy kennt auch im 12. Einsatzjahr kein Pardon: „För de Jugendfüerwehr is dat nix“, so der Ortsbrandmeister mit einem Augenzwinkern. Fremy setzt im ostfriesischen Carolinensiel beim wohl skurrilsten Feuerwehreinsatz der Republik zwischen Weihnachten und Silvester ganz auf bewährte Routine. Gestandene Frauen und Männer entsprechen eher seinem Anforderungsprofil für den Großeinsatz an der Friesengeistmeile am 29. Dezember. Bis es ans „Löschen“ geht, ist aber noch einiges zu tun. Zu beiden Seiten des historischen Hafens werden schmale Tischvorrichtungen aufgebaut, auf denen dann die Holzschuhe mit den Friesengeistgläsern abgestellt werden. Da – wie jedes Jahr – eine neue Weltrekordfriesenmeile erwartet wird, müssen es mehr als 131 m sein, denn dies ist der aktuelle Rekord.

IMG_9800-Friesengeistmeile 2017-C. NowakWas vor zwölf Jahren entstand, war im wahrsten Sinn des Wortes eine „Schnapsidee“. Damals war die „Meile“ nur gut 30 m lang, heute ist sie nicht nur deutlich länger, sondern auch Kult. Nicht nur langjährige Stammgäste, sondern auch neugierige Besucher aus ganz Deutschland möchten inzwischen aktiv dabei sein und Teil der Meile werden. Voraussetzung für das kultige Spektakel ist der Kauf eines Holzschuhs, in den entweder zwei oder sechs Gläser passen. Echte Friesengeistenthusiasten lassen sich auf ihrem Schuh natürlich jedes Jahr eine neue Gravur einbrennen.

IMG_9761-Friesengeistmeile 2017-C. NowakWenn es dunkel wird, stehen die Menschen dann dicht gedrängt an den langen Tischen und warten darauf, dass ihre Gläser mit Hochprozentigem gefüllt werden. So bleibt genug Zeit für ein Schwätzchen mit dem Nachbarn, alle sind gut drauf und es herrscht eine friedliche, fast mystische Stimmung. Gegen 18.30 Uhr brennt dann der Friesengeist in allen Gläsern, dann murmeln alle andächtig den obligatorischen Trinkspruch: „Wie Irrlicht im Moor, flackert´s empor, lösch aus, trink aus, genieße leise, auf echte Friesenweise, den Friesen zur Ehr, vom Friesengeist mehr.“ So ist es seit 50 Jahren in Friesland Tradition. Danach steht man noch ein wenig zusammen, plaudert mit dem Nachbarn, schlendert über den Wintermarkt oder geht in einem der Restaurants essen – und freut sich schon auf das nächste Jahr im winterlichen Carolinensiel, um Teil des neuen Rekords zu sein.

Die Legende vom Friesengeist

Jedes Restaurant und jede Kneipe in Ostfriesland hat Friesengeist auf der Karte. Wer einen bestellt, bekommt das Glas mit dem Hochprozentigen in einem Holzschuh serviert. Während die Bedienung den klaren Kräuterschnaps mit der streng geheimen Kräutermischung entzündet, muss sie den Trinkspruch aufsagen. Nur mit diesem Ritual ist der Genuss perfekt.

Erfunden hat den Friesengeist in den 1950er Jahren Johann Eschen, der damalige Inhaber des Hotels Friesenhof im Ort Wiesmoor. Angeblich hat er beim Torfstechen im Moor ein kleines Fass mit schwarzgebranntem Schnaps gefunden. Dessen Inhalt schmeckte ihm so vorzüglich, dass er jahrelang herumexperimentierte, bis er schließlich hinter das Geheimnis des Geschmacks und der Ingredienzien kam. Den edlen Tropfen schenkte er von nun an in seiner Gaststätte aus und nannte ihn anfangs „Geist vom Friesenhof“, später dann „Friesengeist“. Ob er sich den Fund des Fässchens nur ausgedacht hatte? Wenn ja, war es ein genialer Einfall, denn bald verkaufte er seinen Friesengeist auch außerhalb Ostfrieslands und sogar in Dänemark, Schweden, Frankreich und den Niederlanden.

Drei Häfen, eine Geschichte

IMG_9636-Friesengeistmeile 2017-C. NowakIn den meisten alten Sielhäfen entlang der ostfriesischen Küste ist im Winter wenig los, anders in Carolinensiel da ist Hochsaison, und das nicht nur wegen der Friesengeistmeile. Schon seit 25 Jahren schwimmt zur Adventszeit ein stattlicher Weihnachtsbaum auf einem Ponton im Museumshafen. Vor gut zehn Jahren beschloss man dann, vom ersten Adventswochenende bis ins Neue Jahr, Carolinensiel in ein Lichtermeer zu verwandeln. Vom Museumshafen über die zwei Kilometer lange Harle-Promenade bis zum Harlesiel wurden Bäume und Häuser mit Lichterketten geschmückt. Die stimmungsvolle Kulisse kann man seitdem besonders gut vom Wasser aus bei Glühwein und Grog an Bord des Raddampfers Concordia II erleben.

IMG_9511-Friesengeistmeile 2017-C. NowakMit dem Weihnachtsbaum kommt auch der Wintermarkt in den Museumshafen. Rund zwei Dutzend Buden reihen sich dann zu beiden Seiten des Wassers und tauchen den Hafen bei Dunkelheit in ein warmes Licht. Bratwurst, Fischbrötchen, Glühwein, Grog und Friesengeist sorgen für das leibliche Wohl. Fehlen dürfen natürlich auch die frisch ausgebackenen Prülkers nicht. Immer der Nase nach, dann kann man das ostfriesische Hefegebäck, das andernorts als Ochsenaugen, Broden Klüten oder Krapfen bekannt ist, nicht verfehlen.

IMG_9603-Friesengeistmeile 2017-C. NowakDer Museumshafen

Carolinensiel-Harlesiel ist wegen seiner drei Häfen einmalig an der Nordseeküste. Vom Außenhafen legen die Fähren zur Insel Wangerooge ab, nehmen die Krabbenkutter Kurs auf die Fanggründe und starten die Ausflugsschiffe zu den Seehundbänken. Landeinwärts an der Harle kommt man zum Jachthafen und zum Museumshafen, dem Schmuckstück der Stadt. Eingerahmt von typischen Friesenhäusern liegen hier zahlreiche historische Segelschiffe vor Anker, die von ihren Besitzern liebevoll in Schuss gehalten werden. Rund um den Alten Hafen befindet sich in drei Häusern das Deutsche Sielhafenmuseum. Im Groot Hus, einem ehemaligen Kornspeicher, erfährt man alles über Siele, Häfen, Deiche und Küstenfischerei, im Kapitänshaus geht es um das Leben an Land und in der Alten Pastorei über die teils längst vergessenen Handwerke, die nötig sind, um einen Sielhafen am Laufen zu halten.

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Text und Fotos: Christian Nowak

 

Simbabwe: Durchs Schlafzimmer der Elefanten

K1024_Elefanten am Wasserloch credit ImveloDas südafrikanische Simbabwe gehört zu den schönsten Ländern des Kontinents. Nach Ende der Mugabe-Herrschaft werden nun auch in Tourismus die Weichen für den Neustart gestellt.

Noch steht die Sonne tief am Horizont. Auf den Blättern der Akazien funkelt Morgentau. Vogelschreie dringen durch die nachtkühle Luft. Die Reifen unseres Jeeps pflügen sich durch den sandigen Boden. Mark Butcher, ein drahtiger Endfünfziger, mit sonnengegerbter Haut und schlohweißem Haar kutschiert uns im Safari-Jeep durchs Simbabwes größten Nationalpark. Bald schon lassen wir das Buschland hinter uns, fahren in ein Waldgebiet, wo Zambesi-Teak-Bäume ein dichtes Blätterdach bilden. „Willkommen im Schlafzimmer der Elefanten“, sagt Mark. Und tatsächlich dauert es nur ein paar Minuten, bis wir die ersten grauen Riesen sehen. Elefantenkühe und Jungtiere fächeln friedlich mit den Ohren, verleiben sich Zweige mit zartgrünem Laub ein, nehmen von uns kaum Notiz, obwohl wir nur ein paar Jeep-Längen entfernt vorüberfahren.K1024_Paviane

40 000 Elefanten

Dass heute rund 40 000 Elefanten im Hwange Nationalpark leben gibt und dass nur noch wenige Tiere Wilderern zum Opfer fallen, ist eine erfreuliche Entwicklung, zu der auch Mark Butcher beigetragen hat. „Als ich hier in den frühen 1990er Jahren als Ranger angefangen habe, ist mir klar geworden, dass sich Wilderei durch harte Strafen allein nicht in den Griff kriegen lässt. Elefanten werden eben ja nicht nur von Kriminellen erschossen, die Elfenbein verkaufen wollen“, sagt der weiße Simbabwer mit den wasserblauen Augen. „Wir leben hier in einem Land, in dem über 90 Prozent der Menschen keinen Arbeitsplatz haben, sondern als Selbstversorger von etwas Viehzucht und Ackerbau leben.“ Und genau das sei die Wurzel des Problems. „Denn wenn ein Löwe deine Ziege reißt, ein Elefant die Ernte zertrampelt, dann sind diese Tiere deine Feinde, die du tötest, weil deine Familie wegen dieser Tiere hungern muss.“K1024_Elefant1

Neue Perspektiven durch sanften Tourismus

Die Idee, dass sanfter Tourismus neue Perspektiven schaffen und so Wildtiere nachhaltig schützen könnte, ließ den jungen Ranger nicht mehr los. Viel Überzeugungsarbeit war nötig. „Vor über 20 Jahren wusste hier, im Ngamo-Land am Rande des Nationalparks, keiner, was Tourismus ist und schon gar nicht, welchen Nutzen er bringen könnte.“ Schließlich konnte Butcher Johnson Ncube, das damals noch junge Oberhaupt der Ngamo-Dörfer, für seinen Traum gewinnen.

K1024_Johnson Ncube

Der Dorfälteste Johnson Ncube

Auf Gemeindeland wurden mit Hilfe von Investoren einige luxuriöse Lodges gebaut. Imvelo nannte man das Projekt – in der Ngamo-Sprache heißt das Natur. Die Pacht kommt seither den Dorfbewohnern zugute. Auch die Gemeindeschule profitiert. Jugendliche wurden ausgebildet, verdienen heute als Ranger, Köche, Kellner und Reinigungskräfte ihr Geld. „Wenn ein Elefant ein Feld zertrampelt, dann ist das keine Katastrophe mehr“, sagt Johnson Ncube, der inzwischen 64-jährige „Älteste“ des Dorfes. „Im Notfall können wir Mais und Bohnen auch kaufen.“

K1024_giraffeEine ungetrübte Erfolgsstory ist die Imvelo-Geschichte nicht. Nach der gewaltsamen Enteignung weißer Farmer im Jahr 2000 haben viele Angehörige der kleinen weißen Minderheit das Land verlassen. Touristen, vor allem britische, blieben fern. Seitdem der despotische Dauerpräsident Mugabe 2017 abgesetzt wurde, herrscht Aufbruchstimmung. Die Buchungszahlen steigen wieder. Touristen können den Nationalpark jetzt sogar mit einem Nachtzug erreichen, der die spektakulären Viktoriawasserfälle im Norden Simbabwes mit dem Ngamo-Land verbindet. Die meiste Zeit aber gehört der Schienenstrang, der aus britischen Kolonialtagen stammt, immer noch den Pavianen. Die nehmen frühmorgens auf den Gleisen Platz, lassen sich von den ersten Sonnenstrahlen wärmen, pflegen sich gegenseitig mit Eifer und Hingabe das Fell.

Text: Susanne Kilimann
Fotos: Susanne Kilimann, Imvelo (1)

 

Österreich: Gmunden – Kultur,Kunst und 76 Seen

Zicken gmunden

Im Salzkammergut kann man wahrlich gut lustig sein,….wie Rolf Benatzky die Wirtin in seiner Operette „im weißen Rössel am Wolfgangsee“ trällern lies. Sommerfrische mit prickelnder  Lebensqualität .Morgens Frühstück unterm Apfelbaum, tagsüber abtauchen im See und abends Konzert, Theater oder spritzige Lesung.

„See-hoping“, das ganze Salzkammergut ist eine Wellness Oase. 76 Seen mehr oder weniger warme Seen gibt es. Von glasklaren, gebirgsbachkalten bis pudelig warmen Moor-Seen. Beim Eintauchen spült sich der Stress weg. Wer ausdauernd schwimmt, fühlt, dass sie wahrlich Jungbrunnen sind.

1862 wurde Gmunden, das Herz der Lebenskunst, zur Kurstadt. 1872 überraschte der Salzburger Theaterdirektor Josef M. Kozian, genannt Kotzky, die Bürger der Stadt mit dem Bau eines Saisontheaters. Das prächtige Haus mit den intimen, plüschig-roten Logen und dem funkelnden Kristallleuchter wurde Mittelpunkt des Kulturgeschehens. Beschwingte Operetten erheiterten fortan die Kurgäste. Nestroys „Lumpazivagabundus“, Jaques Offenbachs „Zehn Mädchen und kein Mann“, was im Wiener Frühling Furore machte, erfreute im Sommer das Gmundner Provinzpublikum.

Zicken Historusche

Mit dem Dampfer unterwegs

Nicht nur der Wiener Hof erfrischte sich hier. Schauspieler, Sänger, Dichter und Musiker folgten ihren Mäzenen. Man lebte und liebte wie in den Operetten. Abends wurde schmalzig auf der Bühne besungen, was das „gute Sommer-Leben“ tagsüber hergab. Gmunden am Traunsee war mit seiner eleganten Seepromenade, den stimmungsvollen Weinlokalen und der guten Küche wie geschaffen für diese Szenerie.

Die Stadt galt als Kulturmekka. An der Flaniermeile am See zeigten die Damen der Gesellschaft ihre Luxusgardarobe. Ein mit Absicht verlorenes Spitzentüchlein konnte der Beginn einer Liebesaffäre sein. Die stimmungsvollen Weinlokale, in denen man sich näher kam, sind originalgetreu und auf die heutigen Gäste eingestellt. Die kulinarische Tradition von fangfrischen Seefischen über Semmelknödeln, Kaiserschmarrn und Apfelstrudeln wird von den Traunseewirte mit Stolz hochgehalten.

Tiefer Traunsee

Anspruchsvoll war man hier schon immer. Ob in Kultur, Küche oder kaltem Wasser. Der Traunsee, mit 191 Meter der tiefste See Österreichs, punktet mit „Tafelwasserqualität“. Übrigens schwamm die Gmunder Gesellschaft schon immer oben auf. Hier war der Sitz der Salzbörse, wurde gehandelt, was in den Salzbergwerken hart abgebaut wurde. Noch heute ist man so reich, dass man es sich erlauben kann, den Massentourismus an der Stadt vorbei zu leiten.

Zicken TraunseeKur stand für das, was man heute Wellness nennt. Man ließ sich Zeit. Kurte von der Apfelblüte bis zur Apfelernte. Diese lustvollen Jahre endeten jäh am 28. Juli 1914. Franz Joseph unterzeichnete in seiner kaiserlichen Villa in Bad Ischl (30km von Gmunden entfernt) die Kriegserklärung gegen Serbien. Von da an ging‘s bergab mit der Donau Monarchie.

Festspiele  am See

1987 entsannen sich zwei mutige Wiener (Johannes Jockel und Alfred Werner) der Festspiel-Tradition. Mit einer glanzvollen Operngala öffneten sie ein neues Kapitel der Gmundner Kultur. (www.festwochen-gmunden.at). Seither stehen allsommerlich an die hundert Aufführungen auf dem Programm, Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen… Dies alles auf internationalem Niveau. Kulturgenüsse, die selbst dem Kaiser geschmeichelt hätten. Heute kommen die Sponsoren aus der Industrie. Übrigens werden zu Vorstellungsbeginn – ganz im Stil der K.&K Monarchie – die Besucher im Foyer von der Intendantin Jutta Skokan persönlich willkommen geheißen.

Zickendraht Lesung im Schloss OrthDas Festwochenprogramm wird jedes Jahr neu gestaltet und mit überraschend sozialkritischen Lesungen gewürzt. Eine heftige Prise Salz lieferte der weltweit verehrte Literat Thomas Bernhard. Der österreichkritische Autor, für so manche ein „Nestbeschmutzer“, hat mit seinen bissigen Schriften und Theaterstücken bei etlichen Politikern für zornesrote Köpfe gesorgt. In seinem Wohnhaus, einem alten Vierkant-Bauernhof im Vorort Ohlsdorf, wo er von 1965 bis zu seinem Tod 1989 wirkte, liest man jedes Jahr vor ausverkauftem Haus (www.thomasbernhard.at).

Zickendraht Schloss OrthDas berühmteste Gebäude von Gmunden ist das 1626 erbauten Seeschloss Ort(h), das Wahrzeichen der Stadt. In ihm befinden sich eine bezaubernde Kapelle und das Standesamt. So manche Liebe wird hier besiegelt. Traumhochzeiten haben zurzeit Hochkonjunktur. Übrigens, die Fernsehserie „Schlosshotel Orth“ wurde von 1996 bis 2004 genau hier produziert. Auch in China strahlt man sie aus.

Noch ziehen aber die chinesischen Touristenströme vorüber ins 60 Kilometer entfernte Hallstatt, wo sie der „Magic-Place“ erwartet. Noch wird hier kein „Dirndl to go offeriert“ Trotzdem ist Gmunden ein Geheimtipp für kulturorientierte Genießer.

Text: Veronika Zickendraht, Fotos: Bernd Siegmund

Mehr Österreuch gibts u.a. hier:

Österreich: Die Rückkehr der Murmeltiere am Hochkönig

 

Armenien: Berge und Klöster zwischen Ararat und Kaukasus

1. Im Morgenlicht ein göttlicher Anblick - Kloster Chor Virap vor Armeniens heiligem Berg Ararat.Land der ersten Christenheit mit großer Geschichte – weit, leer und sagen wir ruhig: rückständig. Kostbare Klöster aber, tiefgläubige Menschen, schroffe Gebirgszüge, köstliche Küche und der jahrtausendealte Weinbau sind eine Reise wert.

Etschmiadsin ist das religiöse Zentrum Armeniens. Hier soll Christus mit einem goldenen Hammer Grigor dem Erleuchteten den Platz für den Bau der ersten Kirche gewiesen haben. Die Klosteranlage ist Sitz des Katholikos, ist der „Vatikan“ der armenisch-apostolischen Kirche. Aus aller Welt pilgern Armenier hierher. Die Sakralbauten sind Meisterwerke armenischer Baukunst und Weltkulturerbe.

Aus der Basilika der hl. Hripsime schwingt leise Chorgesang der Frauen und der in schwarzen Kutten verhüllten Mönche – der Katholikos feiert die Sonntagsmesse. Wandmalerei in gedeckten Farben, das Licht der Lüster, goldreflektiert, schaffen eine feierliche Lebendigkeit. Weihrauch durchwabert die Reihen der Gläubigen. Anstelle der Ikonostase hängt auf einer Bühne ein dunkelroter Samtvorhang.

5. Berührender Moment - sakraler Gesang in der hl. Hripsme-KircheArmenien, hochgelegen in grandioser Bergwelt, uralte Kulturlandschaft, in die sich mehr als 5000 Baudenkmäler schmiegen, südlich vom Kaukasus zwischen Georgien, der Türkei und Aserbaidschan, ist nicht größer als Brandenburg. Seine 3000-jährige Geschichte füllt Bibliotheken.

Die Hauptstadt Jerewan am Ufer des Hrazdan aus dem 8. Jh. v. Chr. ist eine der ältesten Städte der Welt. Der kleine orientalische Kern ist zu einer Millionenstadt mit betongrauen Satellitenvierteln angeschwollen. Von elf Millionen Armeniern weltweit leben nur drei im Mutterland, allein 1,4 Millionen hier.

7. Abendlicher Treffpunkt in Jerevan - die singenden Fontänen auf dem RepubliksplatzAm Busfenster ziehen die Gesichter der Stadt vorbei: Zarenreich, Sowjetzeit, Moderne. In gutem Deutsch erzählt Reiseleiter Aram: „Von 1920 an war Jerewan sowjetisch. Der Architekt Tamanjan baute es komplett um. Was schön war, Kirchen und Moscheen, persische Bäder, die Festung, ersetzte er durch neoklassizistische Gebäude aus rosa Tuffstein. Die typischen Flachdachhütten mit wunderschönen Torbögen, großen Fenstern und hölzernen Balkonen findet man nur noch in Seitengassen und in der Abovjanstraße“.

Am Abend ist die Stadt bunt und lebendig, voller Autos, rechts und links teure Designershops neonschrill erleuchtet. Der Maschtots-Boulevard erstrahlt in tausend Farben. Lau ist die Nacht, man trifft sich in den Straßencafés, Restaurants, Weinbars: junge Leute in schicken Klamotten mit ihren Kindern, die angesagte Künstlerszene, Männer und Frauen in Gruppen – wo Platz ist, wird der Nationalsport Schach gespielt. Ein Flair wie auf der Via Veneto in Rom. Getoppt wird der ganze Wahnsinn auf dem monumentalen Republiksplatz, dem Herzen der Stadt. Klassische Klänge im Rhythmus der ‚tanzenden Fontänen‘ im Springbrunnen vor der Gemäldegalerie wehen durch die Nacht.

17. Relikt aus Sowjetzeiten - der russische Bär als Kühlerfigur.Dann seht er da im Morgenlicht, 5165 Meter hoch, schneebedeckt: der Ararat! „Nur 30 Kilometer sind es bis zu unserem heiligen Berg, an dem die Arche Noah strandete – seit dem Genozid von 1915 für uns unerreichbar hinter der türkischen Grenze“, bedauert Aram.

Einsam am Fuße des Ararat das Kloster Chor Virap. Hier saß nach der Legende eingekerkert Grigor der Erleuchtete, bis sich König Trdat III. bekehren und taufen ließ. Der erhob – 79 Jahre vor Rom – im Jahre 301 das Christentum zur Staatsreligion. Die erste christliche Nation wurde gefestigt und vereint auch in gemeinsamer Schriftsprache, zu der Mönch Mesrop mit der Schaffung eines Alphabets um 404 und der Bibelübersetzung 433 den Grund legte.

12. Vollendete Baukunst - Gewölbe im Höhlenkloster Geghard.Einzigartig ist die Schnitz- und Steinmetzkunst im mittelalterlichen Felsenkloster Geghard oberhalb der Azat-Schlucht auf knapp 1800 Meter. Laut geht es hier an Wochenenden zu, es wimmelt von Händlern, Musikanten und Gläubigen. Täuflinge, Brautpaare, Opfertiere, alle wollen vom Priester gesegnet werden. Und bleibt doch ein Ort der Stille in den engen Mönchszellen tief im Berg und im Chorraum vor den Tier- und Wappenreliefs. Drinnen und außen stößt man auf gemeißelte Steinplatten, die aussehen wie bestickte Kissen. Um ihr Kreuz im Zentrum ranken sich Palme und Weinlaub, schnauben Löwe und Stier. Es sind Kreuzsteine, Chatschkare, Symbole armenischen Glaubens. Steinerne Geschichts- und Geschichtenbücher fürs Volk – manche sind Grabsteine, andere erzählen von Schlachten, unerwiderter Liebe oder sollen Unheil bannen. 35 000 gibt es im Land, Armenien ist steinreich!

10. Eine typisch armenisch gedeckte Mittagstafel.Nach dem Besuch des hellenistischen Mithras-Tempels an einer Basaltschlucht bei Garni, bewirtet uns in einem Dorf nah am Sewansee – zweitgrößter Hochgebirgssee der Welt – eine Familie armenisch gastfreundlich. Der lange Tisch ist mit Vorspeisen „beladen“: Salate aus blutroten Tomaten, gebratene Auberginen, Tolma, gefüllte Weinblätter, Lawasch, dies warme Fladenbrot, gefüllt mit würzigem Schafskäse. Zur Forelle aus dem See serviert man roten „Areni“, den ältesten Wein der Welt. Der Gastgeber spielt auf der Tuduk, der armenischen Flöte aus Aprikosenholz. Mit Melonen und einem Glas des hochgelobten Kognaks ‚Ararat‘ endet das Mahl. „Alles, was gut ist, heißt bei uns Ararat“, schmunzelt Aram.

Bilderbuchblick auf 1900 Meter über den Sewansee, „Armeniens Meer“: himmelblau vor schneebedeckten Bergen. Auf der Klosterhalbinsel dicht an dicht drei Kirchen aus dem 9. Jh. Harmonisch-schlicht die Architektur, unauffällig die Fassaden – im blauen Schimmer des Sees braucht’s kein Dekor! Prachtstück ist der Kreuzstein des Christus mit Mongolenaugen und langen Zöpfen.

11. Der griechisch anmutende Sonnentempel Garni.19. Beinahe am Ende der Welt - das gewaltige Kloster Haghpat war wichtig für die Entwicklung des Landes.Eintönig fährt es sich zwischen kargen, farblosen Bergen. „Hinter dem Tunnel ist unsere Schweiz mit Laub- und Kieferwäldern“, verspricht Aram. Zum Lunch treffen wir eine Familie der Molokaner, spiritueller Christen russischer Abstammung, die ähnlich wie die „Amish People“ in den USA ein isoliertes, autarkes Leben führen. Aufgetischt sind gefüllte Teigtaschen, Borschtsch, Blinis, Tee aus dem Samovar.

Die „Klösterstraße“ führt entlang der wilden Solaket-Schlucht durch die fast baumlose, kaukasische Nori-Region, eine offene Ebene mit Schafen, Kühen und Cannabis-Feldern. Auf den Hochplateaus entstanden zwischen dem 10. und 13. Jh. unzählige Klöster, in denen in abgeschiedener Ruhe auch die Geschichte des Landes aufgeschrieben wurde. Und, wie im ganzen Land, Kreuzkuppelkirchen mit Rundbögen über den Fenstern und einem Vorraum, dem Gavith. Kaum Wandmalereien, dafür umso reichere Reliefs in Stein.

Wir sind am Ende der Welt. Bartgeier mit 2,80 Metern Spannweite kreisen über dem gewaltigen Debed-Canyon und über der Rauchsäule der Kupfermine. Wer die Klöster Haghbat und Akhtala erreichen möchte, muss zu Fuß einen steilen Geröllpfad hinauf.  Akhtala besticht mit Fresken aus dem 13. Jh., riesige Figuren auf knallblauem Fond – beste byzantinische Kunst weit weg von Byzanz.

21a. Gigantische byzantinische Freskenkunst in der Muttergotteskirche von Achthala.Mit „Kenaz“ prosten die Armenier zum Abschied. In Erinnerung bleibt das bunte, uralte, heilige Armenien.

Text und Fotos: Katharina Büttel

 

Israel: Eine gar nicht klassische Rundreise – Gay-Bars und Kippa-Träger

K1024_israel stickerBei meiner Sitznachbarin im Flieger lag ich völlig daneben, als ich über ihren Beruf nachdachte. „Ich wünsche mir, dass du etwas Gutes über Israel schreibst. Bitte!“ Die Augen von Or, einer 19-jährigen Israelin, funkeln, als sie im Flugzeug nach Tel Aviv diese Bitte ausspricht. Or, eine zarte Gestalt, der die Haare bis über den Po reichen, leistet zur Zeit ihren Militärdienst ab.  „Vorher dachte ich, es wäre schrecklich, aber jetzt gefällt die Arbeit mir wirklich gut“, gibt sie zu verstehen. Natürlich kennt sie die Geschichten, die im Ausland über Israel geschrieben werden. Und eine Reise nach Israel ist für Deutsche noch immer vorurteilsbeladen und belastend.K1024_Soldatinnen Jerusalem

Stressig am Flughafen, entspannt in Tel Aviv

Eine Reise nach Israel ist immer eine besondere Reise. Schon die dreimalige Kontrolle des Handgepäcks am Flughafen in Deutschland, bei der der Beamte sogar jede einzelne Seite eines mitgebrachten Buches umblättert, weist auf besondere Umstände hin. Tel Aviv dagegen ist mindestens so entspannt wie Berlin. Religiös gekleidete Juden sind kaum zu sehen, die Strandpromenade wird von einem Heer von Joggern in Anspruch genommen. Touristen gehen gerne nach Old Yafo, wie Jaffa bei Einheimischen heißt. Galerien, Läden und Cafés haben das alte Quartier am Ende des langen Sandstrandes besetzt, das von Napoleon 1799 zerstört wurde und dann von den Türken wieder aufgebaut wurde. Hier hat Ilana Goor ihr Haus, das sie schon seit längerem zum Museum ausgebaut hat. Man könnte es ein Gesamtkunstwerk nennen – neben den Bildern, Skulpturen, Fotografien, Antiquitäten und Objekten, die sie in allen Räumen und auf der großen Dachterrasse ausgestellt hat, finden sich auch zahlreiche Installationen im Dalí-Stil. „Man mag es kaum glauben, aber bevor ich das Haus hier kaufte, stand es 30 Jahre leer“, erzählt Ilana, immer noch erstaunt. In den 80er Jahren war Jaffa ein schmutziges, kriminelles Viertel – niemand wollte dort auch nur einen Fuß hinsetzen. Wie oft, kamen Künstler, weil es so billig war, und markierten den Beginn einer Veränderung. Goor ist heute in Israel eine Berühmtheit, sogar Benjamin Netanyahu stattete sein Haus mit ihren Kunstwerken aus. „Er musste dafür aber wie jeder andere auch bezahlen“, fügt Ilana an. Das war ihr wichtig.
Tel Aviv ist richtungweisend, was internationale Trends angeht. Einat Rotfus liebt „ihr“ Tel Aviv. „In Jerusalem, Bethlehem oder Jericho mag es mehr Geschichte geben, aber wen interessiert das?“ Die 38-jährige genießt das Nachtleben der Stadt, das sich vor allem um den Rothschild-Boulevard herum abspielt. Viel Zeit hat sie nicht, denn sie ist die Gründerin des Verbandes der Modedesigner Israels und die Managerin der „Minicards“, einem Kartensystem für Gewerbetreibende. Es gibt Clubs für jeden Geschmack: im „22“ kostet alles 22 Shekel, deshalb ist es immer voll. „Polly“ hat sich in einer alten Bankfiliale eingenistet, und im Tresorkeller kann man einen Drink nehmen, wenn es oben zu voll wird. IMG_3541Im „Evita“ läuft die beste Musik, die Bar wird von Schwulen betrieben, während im „Solo“ zu Hip Hop wie in New York getanzt wird. Tagsüber zieht der Rothschild-Boulevard die Besucher vor allem wegen der Bauhaus-Architektur an. Viele Häuser sind allerdings dem Verfall nahe, einige auch besetzt. Insgesamt hat Tel Aviv rund 4000 weiße Häuser im Bauhaus – Stil! Nun bemüht sich die Stadtverwaltung, wenigstens 1000 von ihnen vor dem Verfall zu retten. Ein altes, leerstehendes Kino im Bauhaus-Stil der 30er Jahre wurde sogar zum Hotel umgebaut, es steht am Dizengoff Square.

Taufe im braunen Nass

Israel hat viel zu bieten für ganz unterschiedliche Zielgruppen. Eine ganz andere Art von Touristen sieht man dagegen am Qasr el Yahud, der Taufstelle am Jordan, an der Johannes der Täufer einstmals wirkte.

IMG_3404Eine russische Reisegruppe, gekleidet in weiße Gewänder, die man hier kaufen kann, taucht nacheinander in das braune Nass. Der Jordan ist an dieser Stelle nicht tief und nur wenige Meter breit. Gleichzeitig verläuft hier auch die Grenze zwischen Israel und Jordanien. Zwei sehr junge israelische Soldaten mit Maschinengewehren beobachten die Szene, auf der anderen Flussseite stehen ihre jordanischen Kollegen. Business as usual. Wer zum ersten Mal nach Israel reist und jene Stellen aus der Bibel kennt, ist vielleicht etwas enttäuscht, diesen Ort so zu sehen. Von Anspannung ist jedoch keine Spur, eine eher schläfrige Hitze liegt über der Szenerie.

Kippa und Handy

Auch Nazareth, die Geburtsstadt von Jesus, liegt friedlich da. Heute ist sie mit 60.000 Einwohnern die größte arabische Stadt in Israel. In der Josefskirche ist eine Grotte mit einem Quell, in der die heilige Familie einst genächtigt haben soll. Ziel der meisten Pilger ist die Verkündigungskirche, die erst im Jahr 1966 gebaut worden ist und ebenfalls eine Grotte hat. Architektonisch enttäuscht sie allerdings, und das liegt nicht nur am Baujahr.
DAS Ziel der Pilger ist jedoch Jerusalem, wo sich die Religionsgeschichte dreier großer Religionen kreuzt wie sonst nirgends.

IMG_3482Hier sieht man religiös gekleidete Juden mit Kippa und Schläfenlocken am Handy telefonieren. An der Grabeskirche, die von nicht weniger als 6 Religionen verwaltet wird, zieht sich eine lange Menschenschlange durch das Kirchenschiff, man wartet auf Einlass zum heiligen Grab. Ruth Holtzman, eine 66-jährige Jüdin, die Gäste durch Jerusalem führt, hat Verständnis, wenn man sich hier nicht anstellen möchte.

Meze bis zum Abwinken

Ihr Restaurantvorschlag ist ungewöhnlich. Statt in Jerusalem zu essen, führt sie uns hinaus aus der Stadt in ein „Schnellrestaurant“, in dem der Tisch so lange mit neuen Schälchen mit den köstlichsten Meze vollgestellt wird, bis auch der letzte satt ist. Eine Speisekarte gibt es nur auf hebräisch – da man jedoch eine geringe Pauschale für das Essen bezahlt, ist diese auch nicht mehr wichtig. Alkohol wird hier allerdings nicht serviert.
Dass die Reise durch ein Land führt, das andauernd wegen Bombenanschlägen, Hamas-Terroristen und kriegerischen Auseinandersetzungen in den Nachrichten ist, haben wir unterdessen völlig vergessen. Auch an den restlichen Orten der Rundreise, am Toten Meer, in Haifa, Magdala, Tiberias, Massada und Capernaum, ist die Stimmung absolut friedlich. Nicht einmal ein Panzer ist auf der Landstraße zu sehen.

IMG_3432Ein Gastbeitrag  von Dirk Engelhardt, der den Blog www.dergutereisende.com betreibt

Fotos: Dirk Engelhardt (4), Rasso Knoller (2)

Kanada: Zum Biertrinken nach Edmonton

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Sonnenaufgang über Edmonton

Eine Gesetzesänderung hat Edmonton zu einem Lieblingsreiseziel für Biertrinker gemacht.   

Edmonton, die Hauptstadt der kanadischen Provinz Alberta, kennen hierzulande vor allem Eishockeyfans. Bei den dortigen Oilers hat nicht nur NHL-Legende Wayne Gretzky, der bekannteste und vermutlich beste Spieler aller Zeiten gespielt, aktuell steht auch der deutsche Spitzenspieler Leon Draisaitl bei den Kanadiern unter Vertag.

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Kult für Hockeyfans – Rogers Place, die Halle der Oilers

Die Art Gallery of Alberta gehört zu den wichtigen Museen des Landes und ist wegen ihrer wegweisenden Architektur im Stil der Brutalismus Besuchsziel für so manchen Architekten, das Flusstal von Edmonton bietet die größte innerstädtische Parkfläche aller kanadischen Städte und die West Edmonton Mall zählt zu den größten Einkaufszentren der Welt. Und halt – auch eines der bedeutendsten Rodeos Nordamerikas findet in der Hauptstad Albertas statt.

Hippster am Braukessel  

Doch jetzt gibt es einen viel besseren Grund die Stadt zu besuchen – ihre Kneipen und Mikrobrauereien. Vor einigen Jahren setzte das Provinzparlament ein Gesetz außer Kraft, das Brauereien bis dahin eine Mindestproduktionsmenge verordnete. Sinn hatte das Gesetz keinen, außer dass es  Großbrauereien vor der Konkurrenz der Kleinen schützte. Seit einigen Jahren darf nun jeder sein eigenes Bier brauen. Wie viel oder wie wenig auch immer.

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Chefbrauer Brandon Smith

Das hat Leute wie Brandon Smith an den Braukessel gelockt. Der junge Mann mit Zopf und Hippsterbart ist seit eineinhalb Jahren Chefbrauer bei Situation Brewing, einer der vielen lokalen Mikrobrauereien. Beigebracht hat sich Smith seine Braukünste selbst, vor fünf Jahren hat er als Hobbybrauer angefangen. Damals war er noch bei einer Helikopterfirma angestellt. „Dass ich damals so viel unterwegs war, hat meiner damaligen Beziehung nicht gut getan“ sagt er und erzählt weiter, dass er jetzt „beziehungsfreundlich“ nur zwei Blocks von seiner Arbeitsstelle entfernt wohnt. „Frau Lisa“ ist aber nicht der Name seiner neuen Freundin, sondern der des beliebtesten Bieres auf der Karte von Situation Brewing.

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Situation Brewing: Bier in allen Farben

Wem Lisa, ein eher klassisches „Vienna Style Lager“, nicht schmeckt, hat noch viele weitere Sorten zur Auswahl, u.a. in den Geschmacksrichtungen grüner Tee, Lavendel oder Pomeranze.

Leichte Küche statt Chips

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Biera: Der Name ist Programm

Im Biera, einer anderen Microbrewery,  steht Christine Sandford in der Küche. Ihr ist wichtig, dass das Essen mit dem Bier harmoniert – deshalb  stimmt sie die Speiskarte auf die Getränkeliste ab. Trotzdem sind die typischen Bierbegleiter wie Chips, Würstchen oder fette Rippchen für sie tabu – leichte Küche und Bier stehen für die resolute blonde Mitdreißigerin nicht im Widerspruch.
Yellowhead Brewing, Town Square Brewing, Brewster Brewing, Two Sergeants Brewing – die Liste der Mikrobrauereien in Edmonton ist lang. Auch die Zahl der Kneipen nimmt beständig zu. Besonders im Stadtteil Old Strathcona rund um die Whyte Avenue hat sich eine ganz neue Restaurantszene entwickelt. Edmonton kommt – und das nicht nur im Eishockey.

Text und Fotos: Rasso Knoller

Schweiz: Rhätische Bahn: Halt auf Verlangen!

K1024_Bernina Express (2)144 Kilometer nur sind es vom schweizerischen Chur ins italienische Tirano. Für die Hochgebirgsfahrt durch 55 Tunnel und über 196 Brücken benötigt der Bernina-Express volle vier Stunden. Und bietet ein grandioses Seh-Vergnügen!

K1024_Bernina Express (30)Die Reise zum Thema Rhätische Bahn ist auf die Minute genau geplant. Militärisch knapp kommen die Anweisungen per E-Mail. Zürich Hbf an: 11.59. Zürich Hbf ab: 12.07. Chur an: 13.22. Und wirklich… Bei Einfahrt des Zuges in den Bahnhof springt der Minutenzeiger in sekundengenauer Arbeitserfüllung auf die zweiundzwanzig. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte man wahrscheinlich sofort die Uhr ausgewechselt. Auf die Idee, der Zug könnte sich verspätet haben, kommt kein Schweizer. „Bei uns“, sagt Michael Christ, der Marketing-Chef von Chur-Tourismus, „kann man die Uhr nach dem Zug stellen.“ Er ist, wie alle Eidgenossen, stolz auf die helvetische Eisenbahn.

K1024_Chur (9)Wir sind in Chur. Die schöne Bischofsstadt residiert am Fuße imposanter Berggipfel. Sie hat 37 106 Einwohner, davon sind 21 930 steuerpflichtig und 7 372 Ausländer. Von denen die meisten auch steuerpflichtig sind. Offensichtlich lebt man gut in Chur. Im verkehrsberuhigten Zentrum gibt es schöne Cafés, Buchläden, Juweliere, Weinlokale, die Sonne sitzt vergnügt auf den Dächern der alten Häuser und taucht so manch kleine städtische Unvollkommenheit in mildes, warmes Licht. Mit über 5000 Jahren auf dem „Buckel“ ist Chur die älteste Stadt der Schweiz. Doch sie wirkt frisch und temperamentvoll. Vielleicht liegt das auch an den vielen modernen Kunstobjekten, die auf den Straßen und Plätzen der Innenstadt überraschen. Sie sind ein magischer Gegenpol zum Alter. Aber Chur ist nicht nur alt und liebenswert, Chur ist auch Verwaltungszentrum des Kantons Graubünden. Und Hauptsitz einer roten rollenden Schmalspur-Legende, der Rhätischen Bahn.

K1024_Chur (13)Von hier streben die Gleise in alle Himmelsrichtungen. Westwärts geht es durch das Felsentor des Vorderrheins nach Disentis, nördlich bis Landquart, in den Osten nach Arosa, Kloster oder Davos, südlich durch den Albula-Tunnel ins Engadin. Und über den Bernina-Pass hinab ins italienische Veltin. Soweit aber wollen wir nicht. Wir wollen nur von Chur nach Tirano. Viele Eisenbahn-Liebhaber halten diese Strecke für die schönste der Welt.

Die Reise beginnt am nächsten Morgen. Planmäßig! Chur ab: 08.32 Bernina Express. Tirano an: 12.45. Dazwischen liegen kühne Viadukte, Bergseen und Gletscher, tiefe Schluchten und schroffe Felswände, Dorfstraßen, wichtige Bahnhöfe und einsame Haltepunkte, an denen der Bernina Express auf ganz persönlichen Wunsch einer einzelnen Person seine Fahrt stoppt. Für Herrn Müller. Oder Frau Hagedorn. „Halt auf Verlangen“ nennt sich dieser Service, der oft wahrgenommen wird, um von hier aus durchs Gebirge zu wandern, in die Berge zu kraxeln oder ein kleines Kirchlein zu besuchen, dass eine Stunde Fußmarsch von der Bahn entfernt liegt, und einen Zwischenstopp wert ist. Mal wird der Halteknopf gedrückt, mal nicht. Diese Ungewissheit ist natürlich im Fahrplan eingepreist, der Bernina Express wird deswegen nie unpünktlich sein. Hoffentlich!

K1024_Bernina Express (42)Denn schnell ist er nicht gerade. Kein Wunder bei dieser atemberaubenden Gebirgslandschaft. Schade eigentlich, dass man im Zug sitzt, von innen nach außen gucken muss. Sicher wäre es bei einigen Passagen interessanter, von außen zu beobachten, mit welcher Fitness, mit welchem Mut sich der rote Bernina Express im Hochgebirge bewegt. In engen Schleifen geht es den Berg hinauf, durch schroffe Täler und Trassen, die an steile Felswände geklebt sind. Kurz bevor der Zug die Station Filisur erreicht, drängen sich die Fahrgäste schon an den Panoramafenstern. Was es jetzt zu sehen gibt, ist einmalig. Der unmittelbar an eine senkrechte Felswand gebaute Viadukt über die 65 m tiefe Landwasserschlucht.

K1024_Bernina Express (26)Kaum hat man Zeit, einen Blick in den schwindelerregenden Abgrund zu werfen, da ist der Bernina Express auch schon im Tunnel verschwunden. 1901/02 wurde diese architektonische Sensation gebaut. Ohne Gerüst! Nur mit zwei Kränen. Was Mut zum Risiko, Bautechnik und Linienführung anbelangt, macht den Schweizern keiner etwas vor. Die Trasse über den Bernina-Pass wurde 2008 von der UNESCO als Welterbe anerkannt.

K1024_Poschiavo (26)Nach so viel Aufregung ist es schön, am Ende des Tages in Poschiavo aussteigen zu dürfen. Nicht nur am Stand der Sonne merkt man, dass sich hier etwas verändert hat, die Schweiz ist italienisch geworden. Der warmherzige Ort Poschiavo hat 3 500 Einwohner, 5 Bäckereien, 4 Metzgereien, 1 Bierbrauer, 1 Spaghetti-Fabrik, 5 Weinproduzenten, 1 Schwimmbad, 1 Spital, 3 Coiffeure, 3 Allgemein-Mediziner, das ehrwürdige Hotel Albrici à la Poste und mit Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) einen bekannten deutschen Dichter, der hier seine Heimat gefunden hat. Und sein Grab. 30 Jahre hat er in Poschiavo gelebt, 1982 wurde er Ehrenbürger. Was ihm hier besonders gefallen hat? „Das hier das Kleinkarierte, Spießbürgerliche, Engherzige fehlt, das Hosenträgerische, Hemdsärmlige.“

Text und Fotos: Bernd Siegmund

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