Kroatien: Wenn Saphirblau auf Gold und Weiß trifft

_DSC0098Die Insel Krk in der Kvarner Bucht ist ein Paradies nicht nur für den entspannten Familienurlaub

Der Blick aufs Meer und die Nachbarinseln ist fantastisch. Die Insel Krk in der Kvarner Bucht ist nicht nur die größte der Adria, sondern auch ein kleines Paradies für Urlauber.

Die Insel mit dem für Mitteleuropäer unaussprechlichen Namen genießt gerade bei Familien eine besondere Anziehungskraft. Das liegt wohl auch an den vielen schönen Stränden der „goldenen Insel“ und dem saphirblauen, glasklaren Wasser, das zum Baden einlädt. Fische ziehen hier ihre Kreise und haben sich wohl an die vielen Besucher schon gewöhnt. Sie lassen sich zumindest von den Zweibeinern nicht stören. Mit Badelatschen, Schnorchel und Taucherbrille gehen große und kleine Urlauber auf Erkundungstour in die Unterwasserwelt. Denn durch die steinigen Strände bleibt das Wasser stets angenehm sauber.

Die Inselhauptstadt Krk im Westen ist ein schmucker Ort mit einer großen Historie. Die gut erhaltene Stadtmauer zeugt von einer langen Geschichte. Ein Spaziergang durch die engen Gassen der autofreien Altstadt ist gerade im Sommer angenehm, die Häuser spenden genügend Schatten. Vorbei am runden venezianischen Turm und dem Kastel kommt man unausweichlich an den breiten Hafen mit seinen Yachten, die hier zigfach vor Anker liegen. Die Fischer, die nach dem Fang ihre Netze flicken, lassen sich vom Trubel der Touristenströme nicht beeindrucken.

Ein Augenmerk sollte man auf die Kirche Sv. Kvirin legen. An das im romanischen Stil im 11. Jahrhundert gebaute zweistöckige Gebäude schmiegt sich ein drittes Kirchenschiff an. Doch das wird heute als Durchgang zur Straße genutzt. Betreten kann man das Gotteshaus über den Glockenturm. Auch die Marienkathedrale, die gleich nebenan liegt und damit genau gegenüber dem Bischofspalast, ist ein kleines Schmuckstück. Sie wurde auf den Überresten einer römischen Therme errichtet.

P1120259Oliven und Feigen kosten

Der Gang durch die Ribarska Straße führt zum Vela Placa, dem Platz vor der Hauptwache. An Markttagen darf man genüsslich zwischen den Ständen schlendern und die heimischen Produkte, von köstlichen Feigen über Oliven bis zu Lavendel schnuppern, kosten und sich damit eindecken.

Über die gut ausgebaute Hauptverkehrsstraße durch das Hügelland der Insel, vorbei an Olivenhainen und Kiefernwäldchen, gelangt man in den Süden, nach Baska. Straßenhändler sitzen am Rand unter dicken Feigenbäumen und bieten Gemüse und Obst feil. Für den schnellen Imbiss oder das Abendessen eine frische Variante. Manch älterer Herr lässt sich vom Versuch der Touristen, ihre Kroatisch-Kenntnisse anzubringen, wenig beeindrucken. Man sollte sich also nicht gleich abschrecken lassen. Die enge Verbindung Istriens und der Kvarner Bucht zu Italien und der k. und k.-Monarchie hat auch hier ihre Spuren hinterlassen: Italienisch hat der Senior eher verstanden als kroatisches Kauderwelsch.

Die wenig bewaldeten Karstfelsen wirken so unwirtlich und vermitteln das Gefühl, mitten in eine Filmkulisse geraten zu sein. Bei Jurandvor wird der Besucher von einem steinernen Wahrzeichen begrüßt, einem Buchstaben des glagolithischen Alphabets. Mitten in der Landschaft zieht dieses Zeichen aus weißem istrischen Kalkstein die Blicke auf sich, das der Künstler Ljubo de Karina geschaffen hat. Das bescheidene Örtchen sollte man aber nicht links liegen lassen, sondern zur Kirche Sv. Licija abbiegen. Im Innern findet sich nicht nur ein bemerkenswerter Stein mit einer glagolithischen Inschrift, sondern am Eingangsturm auch die kroatische Flagge in Stein gemeißelt.

Umrahmt von Karstbergen

Baska in der weitläufigen Bucht wird von weißen Karstbergen umrahmt. Der Badeort, der schon vor über 2000 Jahren von den Illyrern besiedelt worden ist, lässt sich am besten von der Kirche Sv. Istvan, hoch über dem Ortskern überblicken. Ein Friedhof umgibt das Gotteshaus in luftiger Höhe. Wer zu Fuß den schmalen Weg vom Tal hinauf geschafft hat, wird mit einer grandiosen Aussicht auf die Nachbarinseln Rab, Goli Otok und Prvic und zur Küstenlinie des Festlands belohnt.

_DSC0007Kroatien ist bekannt für gute Campingplätze, die gerade für Familien eine breite Palette an Unterhaltung und Entspannung bieten. Wer nach Krk nicht mit eigenem Zelt oder Wohnwagen anreisen möchte, findet in den Anlagen von Camping Adriatic by Valamar vom geräumigen Familienzelt bis zum Mobilheim mit Klimaanlage und Spülmaschine ganz unterschiedliche Möglichkeiten – je nach Geschmack. Wer beides miteinander verbinden will, bucht ein Glampingzelt: Geräumig und mit allem Komfort ausgestattet, vermittelt es dennoch die Atmosphäre des Zeltens. Im fünf Sterne Camping Resort Krk – mit wunderbarem Blick auf die historische Altstadt – steht es direkt neben dem Kiesstrand. So wird man morgens von Möwenkreischen und Wellenplätschern geweckt und kann am Abend perfekt den Sonnenuntergang am Strand genießen. Die neuen Wasserspielplätze und -rutschen der Anlage begeistern nicht nur den Nachwuchs, gleich nebenan sorgt ein Spa-Bereich mit Massage und Beauty für Entspannung bei den Eltern. Animation, Hobbyraum und eine Sportzone sind zusätzliche Annehmlichkeiten auf dem elf Hektar großen Gelände, umgeben von Pinien und Oliven. Nachhaltigkeit wird hier beim Ökocamping großgeschrieben, wo Solarenergie und Elektromobilität verstärkt genutzt werden.

Text und Fotos: Diana Seufert

Spanien: Keine Fiesta ohne Pintchos und Pimientos

Architektonisches Meisterwerk - das Guggenheim in Bilbao von Frank Gehry.Eine Radtour durchs Baskenland von Bilbao bis San Sebastían begeistert Feinschmecker, Kultur- und Naturinteressierte.

Vor gut hundert Jahren, als das Erz die Stadt reich machte, wurden in Balbao prächtige Jugendstil-Häuser gebaut, eine Art-Déco-Markthalle, das modernste Theater Europas. Mit dem industriellen Niedergang mutierte Bilbao zur hässlichsten Stadt Europas.

Vor 20 Jahren dann die wunderbare Wiederauferstehung. Frank O. Gehry erbaute am Ufer des Río Nervíon das Guggenheim-Museum. Ein Gebäude, mal wie ein Fisch, mal wie ein Schiff oder eine geöffnete Blüte, im Schuppenkleid aus Titan. Es folgten Metro, Brücken, Hotels, Flughafen – von Architekten wie Santiago Calatrava und Norman Foster. Die Touristen kehrten zurück, Bilbao ist schön und boomt.

Louise Bourgois Spinnenskluptur 'Mama' vor dem GuggenheimUnd da ist die Altstadt mit den „Siete Callas“, der Kathedrale, der Plaza Unamuno, den Cafés Iruna und Boulevardar. Kulinarisch sind die Basken eh nicht zu toppen: nirgends auf der Welt gibt es mehr Sterneköche auf engstem Raum. Deren Einfälle kopieren die Chefs der  Tapas-Bars – dicht an dicht in der Altstadt -, wo sich bis zum frühen Morgen das feiernde Volk bei leckeren Pinchos, den Tapas, Bier und Sidra drängt.

Die raffinierte Kulinarik, die museale Kultur und die herrliche Natur erfahren die Radler auf der Reise durch die drei baskischen Provinzen Gipuzkoa, Bizkaia und Araba. Per Fahrrad kann ein ganzer Landstrich mit eigener Kraft, selbstgewähltem Tempo und allen sinnlichen Genüssen erlebt werden.

In Portugalete setzt uns die höchste Schwebefähre der Welt, Unesco-Welterbe, über den Nervíon. Familien sind unterwegs, belagern im Badeort Getxo die Tapas-Theken, probieren Häppchen mit Tintenfisch und Knoblauch, Ei und Kräutern, Chorizo und Bacalao (Kabeljau). Wir steigen die Treppen hinauf zum Dorfplatz, sitzen mit unseren Tellern unter schattigen Platanen, die Musik spielt und Künstler preisen ihre Werke an – Biergarten auf Baskisch.

Fahrt über die Römerbrücke von Puente de la ReinaVorbei an der Hauptstadt Vitoria Gasteiz radeln wir am Stausees Umbalse de Ullibarri entlang. Auf 700 Meter müssen wir, der Elektroradler schiebt den Ganghebel in die vierte Dimension und hoch geht’s. Die erste Station auf unserer „Vuelta de Espana“ ist erreicht: wir ‚residieren‘ und speisen fürstlich in einem Renaissance-Palast, heute ein Parador, ein staatlich geführtes Luxushotel. Über die Terrasse schlingern köstlich Düfte von Steaks und gegrilltem Seehecht.

Auf 1020 Meter bringt uns der Begleitbus auf das Hochplateau der Sierra de Urbasa. Es ist kühl, die Windjacke tut gut. Hinab geht’s konzentriert auf welligem Relief; über uns Gänsegeier. Es riecht nach Kiefern, wir rauschen an Buchenwäldern und sattgrünen Adlerfarnen vorbei. Heidekraut blüht, tausende Herbstzeitlose, dazwischen Wildpferde. Findlinge quer überm Weg markieren die Grenze zu Navarra.

Richtung Estella geht der Märchenwald über in leuchtend grüne Wiesen, Holunderbüsche ducken sich, eine Schafherde zieht hügelaufwärts. Am Horizont die Steinabbrüche der Sierra de Santiago de Loquiz.

In und um Estella zeigt sich Navarras Historie: romanische Kirchen, Klöster und Paläste. „Estella la bella“ heißt es bis heute. Man konkurrierte sogar mit den Pilgerstädten Burgos und Pamplona.

In Puenta de la Reina vereinigen sich zwei Jakobswege.Nach langer Abfahrt mit Kiefernduft um die Nase der nächste Höhepunkt: im kleinen Puente de la Reina vereinen sich die beiden Jakobswege Camino Navarro und Camino Aragonés und führen über die sechsbogige Römerbrücke nach Santiago de Compostela. Im Ortskern enge Gassen, stattliche Adelspaläste mit großen Portalen. In der Iglesia de Santiago zieht eine Jakobusskulptur im Pilgergewand die Blicke auf sich.

Die Sonne wärmt, der Wind kühlt, die Fahrt über offenes Hügelland ist ein Vergnügen. Wie eine Fata Morgana sitzt die Wehranlage El Cerco im Dunst über dem Dorf Artajona. Vor dem Anstieg ins Weinparadies um Tudela noch eine Siesta unter Hibiskusbäumen.

Musiker in der ehemaligen Residenzstadt OliteOlite – der kleine Ort mit der großen Burg südlich von Pomplona! Carlos III. ließ um 1600 über einem Meer von Rebstöcken sein Schloss errichten, eine rechte Disneyburg: Türmchen, Wendeltreppen, Wehrgänge und Höfe ineinander verschachtelt, ein riesiges Gewölbe mit hängenden Gärten.

Während die Navarreser draußen zu Ehren ihres Stadtpatrons Stiere durch die Gassen treiben, die Leute singen und tanzen, mundet drinnen in der Burg-Bar ein kräftiger Roter aus der Bodega Ochoa. Zwischen Ritterrüstungen und Wandteppichen wird am Abend bei schwerem, roten Crianza getafelt. Der Speisezettel des Landes: Fisch und Meeresgetier, Wildschwein, Ente und Lamm, Schinken, Schnecken, Schafs- und Ziegenkäse, Gemüse und fangfrische Langusten.

Auf dem Artxueta. In der Ferne das gewaltige Urbasa-Massiv, in der romanischen Kirche der Klosteranlage San Miguel in Excelsis der Altaraufsatz mit den meisterlichen Emaille-Medaillons. Die Abfahrt bei steifer Brise ist nicht ohne, Regen erschwert das Kurven. Gang durch ein urbaskisches Dorf  mit typischen Bruchsteinhäusern. Am Fluss unter  alten Bäumen erwartet uns ein Picknick vom Feinsten: Käse, Salamis, Schinken vom schwarzen Schwein, fois gras mit Pinienkernen, Salate, Weiß-, Rotweine, kühler Cava.

Durchs grüne Valle del Rìo Ezkurra begleiten uns hohe Felswände und das Gemurmel des Flusses. Mit dem Geruch regennasser Erde radeln wir unserer Unterkunft aus dem 18. Jahrhundert entgegen. Die Piementos de Padron, gegrillte grüne Paprikas, bleiben unvergessen.

am Strand des französichen BaskenortesÜber eine lange Kette von Hügeln und Sare mit den weißen Häusern „reiten“ wir ins französische St. Jean de Luz ein, liebster Badeort der Franzosen an der Südwestküste: frische Luft, Strandpromenade, Cafés im Ortskern, baskische Souvenirs.

Der letzte schweißtreibende Tag führt nach Hondarribia. Das Fisch-Menü mit dem kühlen Weißen direkt am Golf von Bizkaya begeistert alle. Zu Fuß erreichen wir den Monte Ulia, die Concha-Bucht mit der Pracht von San Sebastían liegt uns zu Füßen. Gegenüber, vom Monte Urgull, hält Christus seine Hand segnend über die Bucht.

Text und Fotos: Katharina Büttel

Infos

Land und Leute: Das Baskenland liegt im Nordosten Spaniens an der Grenze zu Frankreich. Die reizvolle Costa Vasca bietet Buchten und weite Strände; das Bergland streckt sich bis zum oberen Ebro, Mittelgebirge im Landesinneren. Höchster Gipfel ist der Pico de Aitzgorri mit 1549 m. Die Herkunft der Basken ist bis heute ungeklärt; ihre Sprache, Euskera, noch immer rätselhaft, sie ist mit keiner anderen Sprache verwandt. Die Basken feiern gern, 300 Gäste bei Hochzeiten sind keine Seltenheit. Viel Zeit verbringen sie beim Essen – mehr in den Pintxos-Bars (sprich Pinchos) und Landgasthöfen als zuhause.

Anreise: Eigenanreise z.B. mit der Lufthansa ab Berlin über München nach Bilbao. www.lufthansa.com;  mit der Bahn (lange Fahrtzeit) oder mit dem Auto.

Verkehrsmittel: Fahrräder mit 8 Gängen werden vom Veranstalter gestellt. Ein Elektrorad kostet je nach Reiselänge ca. 145 Euro Miete. Alle Räder sind mit zwei Radtaschen am Hinterrad versehen.

Unterkünfte: Während der gesamten Reise wird in kleineren Häusern mit Flair – meist in historischen Gemäuern – gewohnt.

Essen: Die Küche zählt zu der besten Spaniens, Experten sagen der Welt. Der Ruf der baskischen Köche ist so groß, dass Spitzenrestaurants in Madrid sie anfragen. Der Klassiker unter den Pintxos: tortilla espagnola, Kartoffelomelett. Auch die raciones, ein Teller mit Schinken, Manchego-Käse, gefüllten Paprikas. Spezialität ist der bacalao (Stockfisch) a la Vizacaína mit getrockneten Tomaten und Schinken; Seehechtbäckchen mit grüner Soße u.a. In den sidrerías dreht sich alles um Apfelwein; in den asadores Lamm oder Spanferkel aus dem Holzofen. An den Küsten, aber auch im Landesinneren, haben Fischgerichte höchstes Niveau.. Rosadas de Navarra-Weine sind sehr bekannt, Rioja-Rotweine zählen zur Weltspitze. Feine Weißweine aus der verdejo-Traube kommen aus Rueda.

Reiseliteratur: DUMONT-Reisehandbuch „Nordspanien und der Jakobsweg“ mit großer Faltkarte, 22,99 Euro, www.dumontreise.de

Veranstalter: bei ROTALIS Reisen kostet die 8-tägige (7 Nächte) Rad-Rundtour im DZ 1.750 Euro/Pers./F/A bei eigener Anreise. Das tägliche Picknick kostet inkl. Wein ca. 16 Euro/Pers./Tag. Rotalis bietet Radtouren in fast ganz Europa, Südafrika, Vietnam, Kuba an.

ROTALIS Reisen, A-4780 Schärding; info@rotalis.com; www.rotalis.com

Russland: 6 Pluspunkte für Skiferien in Sotchi

 

Bild 1Rosa Khutor, nur einen Katzensprung von Sotchi am schwarzen Meeren entfernt, ist der feinste Wintersportort Russlands. Tief im westlichen Kaukasus hat man 2014 am Reißbrett eine Musterstadt für die olympischen Spiele geschaffen, der es noch an Patina fehlt, die sich aber schon heute allemal sehen lassen kann.

Unsere Dolmetscherin Galina Nisitarova unterstrich ihre Ausführungen in jedem dritten Satz mit Attributen wie am höchsten, am weitesten, am schnellsten. Gleich ob es um die Lage des Kurortes, die Qualität der Pisten oder den Service in den Hotels handelte. Lediglich die europäischen Besucherzahlen hinkten den Superlativen ein wenig hinterher. Zurzeit jedenfalls sind sie statistisch (noch) nicht erwähnenswert.

Dabei gibt es in Rosa Chutor 94 Kilometer perfekt präparierte Pisten. Davon sogar 13 Kilometer FIS zertifiziert. Manche Abfahrten sind bis spät in die Nacht beleuchtet. Die 27 Lifte und Seilbahnen sind von berühmten Herstellern, so steht es im Prospekt. In der Tat, das Umsteigen von einer Gondel in die nächste geht trotz der im Schnitt täglich 9000 Besucher reibungslos und flott. Die Schneequalität ist pulvriger als in den Alpen. Das verdankt man der Meeresbrise und dem mediterranen Klima, das hier am Meer, knapp 50 km entfernt, vorherrscht.

 

  1. Bild 2. Wer schon fünfzig Mal in Bayern oder Tirol war, sollte einen Schwenk nach Sotschi wagen. Das Abenteuer ist kalkulierbar. Auf der rot gepflasterten Promenade beiderseits des rauschenden Gebirgsflusses Msymta, verirrt sich keiner. Die Brand-Shops vermitteln ein Gefühl, als flaniere man in Kitzbühel. Alles ist vom Feinsten und noch ein bisschen teurer. Als Putin 2002 mit dem österreichischen Präsidenten Klestil in Tirol Ski fuhr, war er so angetan, dass er beschloss, ein „Alpen-Szenario“ im Kaukasus zu schaffen.

 

  1. K1024_Rosa Chutor (16)Wer Romantik liebt, kommt voll auf seine Kosten. Die Fassaden der 14 drei bis vier Sterne tragenden Hotels entlang der Promenade gestaltete man in einer Art „Zuckerbäcker-Architektur“. Sie erinnern an Disneyland. Bei Tageslicht mit nüchternem Auge betrachtet kam mir das Wort Kitsch leicht über die Lippen. Bei nächtlicher Stille und tausendfacher Beleuchtung kippte meine Kritik um in Verzauberung. Als dann noch zentimetergroße Schneeflocken fielen, verliebte ich mich in die Märchenwelt. Statt Autolärm einen rauschenden Gebirgsfluss zu hören, wann und wo hat man das schon?

 

  1. K1024_Rosa kleine Kamera (17) Autos braucht man nicht, man fährt Bahn, Gondel oder Lift. Die Infrastruktur in Rosa-Khutor ist perfekt. Vom Flughafen fährt in kurzen Takten eine Bahn, die einen in 45 Minuten fast ins Zentrum von Rosa Khutor bringt. Für die letzten 800 Meter Taxifahrt kann man noch ein Auge zudrücken. Die Seilbahnen sind allesamt nur ein paar hundert Meter von den Hotels entfernt und bis 23.00 Uhr in Betrieb. Wenn man sich dafür entscheidet, im Olympiadorf auf 1600 Meter Abendbrot zu essen, kann man zehn Minuten später – bei bester Aussicht – den Aperitif im Tal genießen.

 

  1. K1024_Rosa kleine Kamera (45)Dem Meer und dem milden Klima so nah. Wer dem Frost hinter sich lassen möchte,kann mit dem Bus in 40 Minuten in Sotschi sein, sich bei Frühlingstemperaturen am Meer entspannt die Bäderarchitektur der berühmten Sanatorien von Matsesta ansehen. Stalin schwor auf die Heilkraft dieser Quelle. Der gesamte Regierungsapparat übersiedelte manche Jahre wegen seiner geschwächten Gesundheit mit ins milde Sotschi. Der Botanische Garten gehört zu den drei sehenswertesten im ganzen Land. Oleander, Mandelblüten und die gelben Mimosen, sie alle blühen schon reichlich früh in den ersten Märztagen, kann man in den vielenParkanlagen der Stadt bewundern.

 

 

  1. K1024_Rosa Chutor (35)Rosa Khutor ist leistbar. Wer es klug anstellt, kann schon Packages mit Flug und 7 Tage im Drei Sterne Hotel für 750,- Euro bei pulexpress.de oder go-east.de buchen. Condor plant für den Winter 2017/2018 Direktflüge von Berlin-Schönefeld nach Sotschi. Die Flugzeit beträgt knappe drei Stunden. So kann die Anfahrtszeit mit einer Reise in die Alpen konkurrieren. Den Skipass von morgens um 9.00 bis 23.00 Uhr gibt es ab 25.- Euro. Ein großes bayrisches Bier wird für sechs Euro frisch gezapft von strahlenden jungen russischen Mädeln in roten Dirndlkleider serviert. Bayrische Küche steht hoch im Kurs.

 

  1. K1024_Rosa Chutor (31) Rosa Khutor ist ein jungfräulicher Wintersportort für europäische Touristen. Aus dem Russischen übersetzt hat es den bezaubernden Namen: „Rose – abseits des Weges“. Es ist die gehobene russische Mittelschicht, die die Ski-Hänge bevö Modebewusst, brandorientiert gekleidet und gut geschminkt für Selfis. Weit entfernt vom Image der “All-inclusiv-Jogginghosen tragenden Touristen“. Und noch eins soll nicht unerwähnt bleiben. Man hat ein Herz für Kinder. Die Hälfte der eleganten Lobbys sind offene Spielwiesen für die Jüngsten.

 

Text : Veronika Zickendraht

Fotos :Bernd Siegmund, Rosaski-Tourism

Island: Vulkaninsel im Atlantik

Jökulsarlon

Jökulsarlon

Willkommen auf der Insel der Gegensätze! Willkommen in einem Land, in dem Feuer und Eis Landschaften von atemberaubender Schönheit geschaffen haben!

Wer auf dem internationalen Flughafen Keflavík ankommt und sich mit Bus oder Mietwagen auf den Weg nach Reykjavík macht, wird gleich mit Islands vulkanischer Vergangenheit konfrontiert. Denn bis zu den Vororten der Hauptstadt führt die Straße durch ein rissiges, fast vegetationsloses Lavafeld. Bei trübem Wetter wirkt es trostlos und lebensfeindlich, aber schon einige wenige Sonnenstrahlen verwandeln es in eine faszinierende Märchenlandschaft. Doch dies ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die vielfältigen Formen des Vulkanismus, die allerorts auf den Besucher warten.

Kaum ein Land der Erde ist so abwechslungsreich wie Island, das geologisch noch in den Kinderschuhen steckt und sich deshalb permanent verändert – manchmal sogar höchst dramatisch durch gewaltige Vulkanausbrüche oder Gletscherläufe. Aber auch zwischen diesen Katastrophen bietet Island Spektakuläres: In den zahlreichen Hochtemperaturgebieten brodelt, dampft und zischt es unaufhörlich oder schießen Geysire ihre Wasserfontänen in den Himmel. Blubbernde Schlammtöpfe und Wasserlöcher, gelbe und ockerfarbene Fumarolen und Sinterablagerungen bilden unwirkliche Mondlandschaften. Farbenprächtige Liparitberge, düstere Aschekegel, bizarre Vulkane, sonderbare Pseudokrater, unauffällige Schildvulkane und immer wieder Lavafelder – mal schwarz, kahl und bedrohlich, dann wieder von dicken, grünen Moosteppichen überzogen, prägen weite Teile der Insel.

Neben den Vulkanen sind die Gletscher die größten Anziehungspunkte, denn allein der größte von ihnen, der Vatnajökull, ist größer als alle Gletscher Europas zusammengenommen. Unzählige eisige Zungen schieben sich von seinem gewaltigen Plateau zu Tal, bilden Abbrüche, Höhlen und Lagunen, auf denen bizarr erodierte Eisberge schwimmen.

Aber Island hat auch ein durchaus liebliches Gesicht, das man der fast baumlosen Insel im hohen Norden kaum zutrauen würde. Der schmale Küstenstreifen und einige Täler überraschen mit sattgrünen Wiesen, auf denen unzählige Schafe grasen. Und auch der Mývatn, eigentlich ein geologisch unruhiges, von Vulkanen geprägtes Gebiet, wirkt mit seinen Inseln, Buchten und Landzungen wie eine grüne Oase. Auf dem Wasser tummeln sich Singschwäne und die verschiedensten Entenarten, so dass selbst die ausgefressenen Lavatürme am Ufer kaum das liebliche Bild stören.

Lust auf Islands einzigartige Natur? Dann schauen Sie sich die Bilder an.

Westfjorde, Latrabjarg, Papageitaucher

Westfjorde, Latrabjarg, Papageitaucher

Westfjorde, Breidavik

Westfjorde, Breidavik

Solfatarengebiet Namafjall

Solfatarengebiet Namafjall

Solfatarengebiet am Namafjall

Solfatarengebiet am Namafjall

Snaefell

Snaefell

Seydisfjördur

Seydisfjördur

Seljalandsfoss

Seljalandsfoss

Schlucht Fjardargljufur

Schlucht Fjardargljufur

Papageitaucher, Vik i Myrdal

Papageitaucher, Vik i Myrdal

Ostfjorde, historisches Torfhaus Lindarbakki

Ostfjorde, historisches Torfhaus Lindarbakki

Ostfjorde, Gästehaus Mjoeyri am Eskifjördur

Ostfjorde, Gästehaus Mjoeyri am Eskifjördur

Myvatngebiet, Krafla

Myvatngebiet, Krafla

Landmannalaugar

Landmannalaugar

Jökulsarlon

Hochtemperaturgebiet Hveragerdi

Hochtemperaturgebiet Hveragerdi

Hochland, Hveravellir

Hochland, Hveravellir

Djupivogur

Djupivogur

Eskifjördur

Eskifjördur

Text und Fotos: Christian Nowak

Kanada: Ottawa – die grüne Hauptstadt unterm Ahornblatt

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Mit ihren vielen Parks und dem Ottawa River ist die kanadische Hauptstadt die perfekte Spielwiese für Outdoorfans. Museen der internationalen Spitzenklasse locken Kunstliebhaber an.

Es wird überall gejoggt und geradelt in der Stadt. Dem ersten Eindruck nach ist Ottawa nicht nur die kanadische Hauptstadt, sondern auch die Welthauptstadt des Sports.
Am Mittwochvormittag strecken und recken zwei- bis dreihundert Menschen auf ihren Matten liegend auf der Wiese vor dem Parlament ihre Arme und Beine dem kanadischen Himmel entgegen, schwingen sich zur Kerze auf und gehen in den Hund. Dann ist die Zeit für öffentliches Yoga.

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Gäste der Stadt breiten vor dem Parlament nur selten ihre Yogamatte aus. Sie holen sich ihre Fitness beim Aufstieg zum 92 Meter hohen Turm des Parlaments, dem Peace Tower. Er war nach dem Ersten Weltkrieg in Gedenken an die dort gefallenen 65.000 kanadischen Soldaten errichtet worden. Wer will, kann im Anschluss an die Turmbesteigung an einer kostenlosen Führung durch die Räume des Parlaments teilnehmen. Kanadische Geschichte zum Anfassen sozusagen. Besonders stolz ist man in Ottawa auf die Parlamentsbibliothek, die in den 1860er Jahren im neogotischen Stil erbaut wurde.

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Sportfans haben in und um Ottawa unzählige Möglichkeiten. Die Natur hat hier ihren Kampf gegen die Zivilisation noch lange nicht aufgegeben – große Parks ziehen sich durchs Stadtzentrum und über den Ottawa River kann man bis nach Montreal und Toronto paddeln. Zu Zeiten der ersten Siedler war der Fluss die wichtigste Verkehrsader im Osten Kanadas. Heute ist der Ottawa River Spielwiese für Wassersportler aller Art. Im Winter ist Eishockey die unangefochtene Nummer Eins unter allen Sportarten. Wer nicht selbst die Kufen schnüren will, sollte zumindest ein Spiel der Ottawa Senators besuchen. Wenn die Profis gegen ihre Gegner aus der NHL spielen, ist das 18.000 Zuschauer fassende Canadian Tire Centre meist ausverkauft. Schade nur, dass die Puckjäger aus Ottawa bisher noch kein einziges Mal den Stanley Cup, die gemeinsame Meisterschaft der kanadischen und amerikanischen Eishockeyteams, gewinnen konnten.

Hauptstadt der kurzen Wege
Ottawa zählt knapp 900.000 Einwohner. Trotzdem kann man fast jede Sehenswürdigkeit fußläufig erreichen. Das Canadian Museum of History, das, wie der Name nahelegt, einen Streifzug durch die Geschichte Kanadas anbietet, ist die meistbesuchte Ausstellung des Landes. Besonders aufwendig gestaltet ist die Abteilung, die sich mit dem Leben der Ureinwohner beschäftigt. Beliebtes Fotomotiv sind die riesigen Totempfähle, die, wie der Guide bei seiner Führung durch das Museum betont, nie „zum Martern“ verwendet, sondern zu Ehren eines bedeutenden Häuptlings oder Kriegers errichtet wurden. Ein bisschen waren sie auch zum Angeben da – denn einen Totempfahl weihte man mit einem riesigen, mehrtägigen Fest ein, zu dem man alle Stämme der Gegend einlud. Wer den schönsten Pfahl hatte und das aufwändigste fest feiern ließ, genoss ein besonderes Ansehen.

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Noch mehr über das Leben der kanadischen Indianer erfährt man im Freilichtmuseum „Aboriginal Experiences“ am Rande der Innenstadt. Stephanie Sarazin vom Stamm der Pikwakanagan führt in einem purpurnen Stammeskleid und mit reich geschmückter traditioneller Perlenkette durch das Freilichtmuseum. In launigen Worten und immer lachend erzählt die junge Frau von der Geschichte der Indianer. Wenn sie von der Situation der Ureinwohner im heutigen Kanada erzählt, scheint sich ihre Stimme plötzlich vor Aufregung zu überschlagen. Dann sagt sie auch Sätze wie: „Ja, wir werden hier immer noch benachteiligt, aber damit muss ich lernen zu leben.“ Sie atmet tief durch und erzählt, wie die Regierung die Indianer denselben Jagdbeschränkungen unterwirft wie Hobbyjäger und somit vielen Stämmen die Lebensgrundlage entzieht.
Fast symbolisch ist es da, dass man vom Museum der Ureinwohner den besten Blick der Stadt auf das Parlament hat.

Restaurants in Byward Market

© Rasso Knoller

Ein Schloss am Rande des Zentrums
In der National Gallery werden die Werke der Großen der kanadischen Kunst ausgestellt – Namen wie Tom Thomson, Emily Carr und Alex Colville sind in Europa vermutlich nur wenigen Kunstkennern bekannt. Aber wer nach hierzulande berühmten Namen wie van Gogh, Cézanne oder Picasso sucht, wird ebenfalls fündig. Um die Sammlung mit europäischer Kunst dürfte so manches Museum auf dem alten Kontinent die Kanadier beneiden.
Allein schon das Museumsgebäude ist ein Hingucker. Erbaut von dem kanadisch-israelischen Architekten Moshe Safdie, der sich vor allem durch die Sanierung der Altstadt von Jerusalem international einen Namen gemacht hat, besticht das aus Glas und Granit erbaute Bauwerk durch seine klaren Linien.
Unmittelbar ans Zentrum schließt sich Byward Market an. Kleine Läden, Cafés und Restaurants prägen das Bild dieses Stadtteiles, der besonders bei Touristen beliebt ist. Wer Spitzenküche sucht und sein Steak mit einem hervorragenden kanadischen Rotwein hinunterspülen will, schaut im Play in der York Street vorbei. Die freundliche und kompetente Bedienung gehört in dem Restaurant zwar zum Konzept, doch liegt „Dauer-gute-Laune“ Kanadiern ohnehin im Blut. Muffigen Service gibt es nirgends.
Wie breit in Byward Market das Spektrum des gastronomischen Angebots ist, zeigt sich nur eine paar Schritte weiter die Straße hinunter. In „The Dominion Tavern“ legt man auf feine Tischsitten nur wenig Wert, Bier ist das meist bestellte Getränk und statt „Elchsteak medium rare“ isst man hier fettige Hamburger.

© Rasso Knoller

© Rasso Knoller

Sogar ein Schloss haben die Kanadier zu bieten. Allerdings war das Chateau Laurier niemals eine echte Adelsbehausung gewesen, sondern von Anfang an ein Nobelhotel – eröffnet 1912. Auch im Chateau hat man zum Thema Kunst einiges zu bieten; eine Dauerausstellung mit Fotos des weltberühmten Portraitfotografen Yousuf Karsh, der 18 Jahre lang in dem Hotel gewohnt hatte.

Text und Fotos: Rasso Knoller

 

Schweiz: Die Schatzalp, Thomas Mann’s Zauberberg

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Die Fahrt mit der Zahnradbahn, von der unterirdischen in die oberirdische, 1900 Meter hohe Graubündner Bergwelt, begann unerwartet gastfreundlich. Breit lächelnd sah mich der Mann im Kassenhäuschen an und fragte in typisch kehligem Schwyzerdütsch: „Warum wollen Sie bei mir bezahlen? Moment mal, erst einmal suche ich Sie auf der Gästeliste.“
Und Schwups, ohne weitere Worte, drehte sich die elektronische Schranke auf. Die Fahrt war kostenlos. Nach knappen sechs Minuten erreichte ich die Bergstation, und die Kabinentür zog sich wiederum wie durch Geisterhand beiseite. Dann Hopps, sechs Stufen, links durch die Schwingtür, und zehn Sekunden später tat sich ein atemberaubendes, zauberweißes Bergpanorama vor mir auf. Eine gigantische Bühnenkulisse.

Bild 2Das Einsinken im Neuschnee verlangsamte meinen Schritt, als wäre ich bereits Sanatoriums-Patient. Die abrupte Umstellung auf die dünne Höhenluft fühlte sich an wie Schwindel, wie auf Watte -Wolken wandern.
Vor hundert Jahren pries man die würzige Höhenluft der Schatzalp wie anderswo die Heilquellen. Wieder beschwerdefrei frei atmen zu können war für Tuberkulose-Patienten ein Zeichen von Freiheit und Genesung.
Bis zu Thomas Mann’s luxuriöser Sanatorienwelt war es ein Katzensprung. Keine hundert Meter. Über einen Wandelgang. Hier mussten täglich hüstelnde Kranke, zum Beispiel das von Thomas Mann so makaber beschriebene Grüppchen “Halbe Lunge“, auf und ab getappt sein.
Durch die bogenförmige Glastür warf ich einen Blick in die prachtvolle Jugendstil-Lobby. Auf der marmornen Theke, da wo einst illustre bourgeoise Patienten ihren Pass vorlegten oder ihre Rechnungen mit Geldbündeln beglichen, lag tatsächlich, behaglich ausgestreckt, ein echter schwarze Kater. Er schnurrte, als hätte man ihn mit der Gästebegrüßung beauftragt. Als ich durch die weiteren Glastüren rechts und links in die weißen Salons spähte, dachte ich unwillkürlich: Kein Wunder, das Thomas Mann tausend Romanseiten brauchte, um dieses mystische Berg-Jugendstil-Milieu so ausschweifend zu huldigen.

Bild3

 

 

Die Kategorisierung in Sterneklassen, ließ man mich wissen, würde das Gros der feinsinnigen Gäste als schnöde Normierung empfinden. Auf Perfektion pocht man nicht. Jede Restaurationsarbeit wird mit Bedacht überlegt, um den morbiden Charme nicht zu unterwandern.
Die Gästezimmer sind schlicht. Wie einst die Krankenzimmer. Die Messinglampen, die bollrigen Heizkörper und die eingebauten Kleiderschränke hat man im Original erhalten. Nur Bäder wurden im Zuge der Modernisierung in die Räume gezwängt. Ein kleines hölzernes Radio am Nachtkästchen ist für die Unterhaltung gedacht. Ein Flachbildschirm im Zimmer würde das Ambiente verfälschen.
Die Loggia mit Panorama-Bergblick ist der Schatz der spartanischen Zelle. Sechs Stunden am Tag, so lautete die Verordnung, hatte jeder Patient die Liegekur einzuhalten. Bei Wind und Wetter lag man eingehüllt in braune Kamelhaardecken, und sog die Luft wie Medizin ein.

Bild 4 Beim Bau von 1898 bis 1900, errichtete man hundert Meter oberhalb des Sanatoriums ein eigenes Kraftwerk. Jedes Zimmer verfügte vom ersten Tag an über elektrisches Licht. Vom Keller bis zum Dachboden wurde zentralgeheizt. Telefone installierte man auf allen Fluren.
Kaiser Wilhelm ließ sich in prophylaktischer Weitsicht, sollte er einmal Tuberkulose bekommen, eine noble Suite reservieren. Er kam nie nach Davos, aber man bezahlte über Jahrzehnte. In diesen Räumen ist heute noch das  damalige Mobiliar unberührt erhalten.
Die einstige Pracht ist in den Raucher-, Schach- und Musiksalons zu bewundern. Die meterhohen Jugendstilfenster, volle bunter Ranken und Blumen, sind im Original erhalten. Auf einige malte man Wolkengardinen, weil plüschig Textiles aus Hygienegründen nicht erlaubt war. Die Ölgemälde mit ihren romantischen Motiven sollten beruhigend auf die Psyche der Patienten einwirken.

 

Bild 5

Nur die kuschlig weißen Sofas sind neu. Ab 16.00 Uhr knistert das Kaminfeuer, und am Flügel klimpert eine bezaubernde rumänische Pianistin – mit und ohne Gäste – entspannt vor sich hin. Wer in der verträumt himmlischen Atmosphäre nüchterne Nachrichte aus der „Welt von unten“ möchte, kann sie im ehemaligen Röntgenzimmer auf einer Riesenleinwand sehen.

Wo denn tatsächlich der original Schauplatz für den Zauberberg war, hat Thomas Mann in weiser Voraussicht verschlüsselt. Das Luxussanatorium Schatzalp hat er als einzigen Handlungsort im Roman beim richtigen Namen genannt. Im „Berghof“, dem heutigem „Waldhotel“, litt und lebte nachweislich sein Protagonist Hans Castorp. Das Haus wurde 1911 als „Wald- Sanatorium Professor Jessen“ eröffnet.

Katja Mann begann hier am 22. März 1912 ihre sechsmonatige Kur auf Grund einer Lungenschwäche. Der Professor vermutete bei Thomas Mann während seines Davos Aufenthalts auch eine Tuberkulose. In seinen Aufzeichnungen steht: „Ich befand mich etwa zehn Tage dort oben, als ich mir bei feuchtem und kaltem Wetter auf dem Balkon einen lästigen Katarrh der oberen Luftwege zuzog.“ Na, was lag näher, als den Literaten umgehend als Patienten zu integrieren. Der Literat aber wehrte sich vehement. Sein Ansinnen war einzig und allein, das Milieu zu studieren, und die detaillierten Schilderungen seiner Frau noch illustrer zu Papier zu bringen.

Er schrieb: „Diese Krankenwelt dort oben ist von einer Geschlossenheit und einer einspinnenden Kraft, die Sie ein wenig gespürt haben werden, indem Sie meinen Roman lasen. Es ist eine Art von Lebens-Ersatz, der den jungen Menschen in relativ kurzer Zeit dem wirklichen, aktiven Leben vollkommen entfremdet. Luxuriös ist oder war alles dort oben, auch der Begriff der Zeit. Bei dieser Art von Kuren handelt es sich stets um viele Monate, die sich oft zu Jahren summieren.

Seine Anmerkung, wonach man im Winter die Leichen gefroren über die Bobbahn zu Tal schlitterte, sorgte in ganz Davon für Entrüstung. Dass es mit zur Kur gehörte, so eine Art Seelenklempner wie Dr. Korokowski zu konsolidieren, wollte man verschwiegen wissen. Fünfmaliges Fiebermessung als Lebensinhalt zu reduzieren, das ging zu weit. Die literarische Verarbeitung der amourösen Patienten-Episödchen fanden Sanatoriumsbetreiber ebenso geschmacklos. Bis sie merkten, dass der 1924 erschiene Roman „Der Zauberberg“ zum Muss der Gesellschaftsliteratur avancierte, Davos zum magnetischen Anziehungspunkt aufstieg.

Von 1950 bis 1954 ging es mit der Sanatoriumskultur steiler abwärts als auf der Bobbahn.

Die Erfindung des Penicillins brachte raschere Heilerfolge. Das Höhenklima war nicht mehr von Nöten und keiner wollte sich stundenlangen Liegekuren mit ungewissem Ausgang unterziehen. Mit der Erfindung von Antibiotika wurden die Sanatorien zu einem Schwanengesang einer Epoche, die sich überlebt hatte.

 

Text: Veronika Zickendraht

Fotos: Hotel Schatzalp

Schweden: Die Holzpferde von Nusnäs

 

Für Touristen ist das schwedische Nationaltier der Elch. Die Einheimischen bevorzugen das Pferd – eines aus Holz, hergestellt in Nusnäs.

Bill Clinton hat einen, Elvis Presley hatte einen, Frank Sinatra und Yassir Arafat auch. Die Rede ist von einem Dalahäst, einem Pferd aus Dalarna. Nein, kein lebendiges Pferd. Es ist aus Holz, rot oder blau bemalt und reich verziert. Mehr noch: Dalapferde sind eines der schwedischen Nationalsymbole, und deswegen erhält Lasse Olsson auch des öfteren Bestellungen der Regierung – die Holztierchen sind das ideale Geschenk für Staatsgäste.

Lasse Olsson gehört die „Dalapferdefabrik“ in Nusnäs in der Provinz Dalarna. Er ist der Sohn von Jannes Olsson, dem Erfinder der Holzpferde. 1928 hat dieser zusammen mit seinem Bruder Nils sein erstes Holzpferd geschnitzt. Gerade erst 15 und 13 Jahre alt waren die beiden damals, und doch schon die ersten professionellen schwedischen Holzpferdehersteller. „Anderes gab es damals auf dem Land auch nicht zu tun“, stellt Lasse Olsson trocken fest.

Auch heute ist die Herstellung eines Dalahästs noch Handwerk, allerdings wird ein Pferd nicht mehr nur von einer Person hergestellt, sondern es muss eine ganze Reihe von Arbeitsschritten durchlaufen, bevor es fertig ist. Zuerst werden die Umrisse der Pferdefiguren auf Holzblöcke aufgestempelt, dann mit der Stichsäge ausgesägt. Erst wenn die Grobform festgelegt ist, kommt das Schnitzermesser zum Einsatz. Diese Feinarbeit erledigen „für uns ungefähr 50 Rentner in Heimarbeit“, sagt Olsson. Dalapferdschnitzer sind in der Region angesehene Leute, und in manchen Familien wird der Beruf von Generation zu Generation weitervererbt. Anders als sonst, übernehmen hier aber nicht die Jungen das Geschäft, sondern die Alten. Erst wer aus dem Berufsleben ausgeschieden ist, wird Pferdeschnitzer.

Holzpferde als Nationalsymbol

Sobald die Holzpferde von ihrem Ausflug zu den Schnitzern zurück sind, bekommen sie ihre  Farbe. Es braucht schon seine Zeit, bis ein Dalapferd fertig ist und in den Verkaufsraum hinausgaloppieren kann.

Wie aber kam es eigentlich, dass aus den Holzpferden von Jannes und Nils solche Verkaufsschlager, sie gar zu einem nationalen Symbol wurden? Lasse Olsson schüttelt den Kopf ob meiner Frage, lacht und fordert mich auf: „Die nächste Frage, bitte“. Nicht einmal der Herr der schwedischen Holzpferde kennt die Antwort. Die Dalapferde sind zwar durchaus schön anzusehen, aber genau genommen eben doch nicht mehr als rot oder blau angemalte Holzfiguren. 100.000 verkauft Olsson davon jedes Jahr, und die gleiche Menge bringen auch die Cousins aus dem Laden gegenüber unters schwedische Volk. Obwohl rein rechnerisch inzwischen eigentlich in jedem schwedischen Wohnzimmer ein Dalapferd stehen müsste, lässt die Nachfrage bei Olssons nicht nach.

Rasso Knoller

 

Antarktis: Impressionen vom Ende der Welt

Half Moon Insland
Die „Fram“ ankert in der halbmondförmigen Bucht von Half Moon Island, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Die Insel erinnert an eine Caldera, ist aber nicht durch einen Vulkanausbruch entstanden. Schon vom Schiff aus sind die bizarren Felstürme der Insel, das benachbarte Livingston Island mit seinen Gletschern, die roten Häuser der argentinischen Sommerstation Teniente Camara und die Pinguinkolonien sowie einige Robben auf dem Kiesstrand zu sehen.

Half Moon Island

Half Moon Island

Half Moon Island

Half Moon Island

Half Moon Island

Antarctic Sound
Die Fahrt durch den Antarctic Sound bis zur Grenze des Wedell Meeres ist eine Panoramatour – Eisberge soweit das Auge reicht. Große, kleine, weiße, blaue und als Krönung Tafeleisberge, haushoch und mehrere hundert Meter lang. Jeder sieht anders aus und die „Fram“ gleitet an allem so langsam vorbei, dass jede Einzelheit zu erkennen ist. Trotz des eisigen Windes und mittlerweile Windstärke zehn gibt es nur einen Platz: an Deck mit der Kamera in den eiskalten Fingern.

Antarctic Sound

Antarctic Sound

Antarctic Sound

Antarctic Sound

Deception Island
Deception Island ist eine Vulkaninsel mit rund 13 km Durchmesser und einer mit Wasser gefüllten Caldera. Der einzige Eingang in die Caldera ist eine nur rund 200 m breite Öffnung. Dieser schmale Durchlass in den Vulkankrater wird Neptuns Blasebalg genannt. Deception Island ist ein aktiver Vulkan, der allein im 20. Jahrhundert mehrere Male ausgebrochen ist und dabei neue Vulkankegel gebildet und viel Asche gespuckt hat.

Deception Island

Deception Island

Deception Island

Deception Island

Deception Island

Neko Harbour
Heute sind wir in Neko Harbour an Land gegangen. Wer bei dem Wort „Harbour“ an einen Hafen denkt, liegt völlig falsch, denn es ist nichts weiter als ein kleiner Strand, an dem die Polar Circle Boote landen können, das große Schiff liegt wie immer einige Hundert Meter weiter draußen in der Bucht vor Anker. Schon die Anfahrt nach Neko Harbour ist spektakulär, Gletscher reiht sich an Gletscher, auf dem Wasser schwimmen Eisberge in allen Größen. Das Meer ist still wie ein See, der Himmel Blau, die Sicht schier unendlich.

Am Strand liegt faul eine Wedell-Robbe und lässt sich von uns überhaupt nicht stören. Die Pinguine auch nicht. Sie spazieren gerne ein Stück am Strand entlang, bevor sie ins Wasser springen. Nach erfolgreichem Beutezug kommen sie wieder zurück, um ihren Nachwuchs zu füttern. Die Brutkolonien liegt ein gutes Stück weiter oben am Hang. Die drolligen Vögel sind diesen Weg schon so oft rauf und runter gegangen, dass tief in den Schnee eingelassene Pinguinautobahnen entstanden sind. Mit kleinen Trippelschritten erklimmen sie den Berg, die Stummelflügel nehmen sie zum Balancieren. Auf Eisplatten rutschen sie trotz ausgefahrener Krallen schon mal aus, halten aber immer die Balance.

Neko Harbour

Neko Harbour

Neko Harbour

Neko Harbour

 

Norwegen: Das ruhige Leben der Menschen in Kjerringøy

Einst kamen die Lofotenfischer in Scharen und machten Kjerringøy reich. Als dann der Fischhandel zusammenbrach, verfielen viele Gebäude. Mittlerweile ist aus dem alten Handelsplatz eines der schönsten Freilichtmuseen Norwegens geworden, das an Knut Hamsun und seine Nordlandromane erinnert. Doch die kleine Küstengemeinde inmitten schroffer Berge und der Lofotenwand in Sichtweite lebt nicht nur in der Vergangenheit. Die Kjerringøyer sind ungemein agil, sie malen, töpfern, bauen Nordlandboote, richten Kulturzentren ein und sanieren alte Rorbus.

Der Strandåtind auf Kjerringøy ist Karl Erik Harrs Hausberg. Schon rund 60 Mal hat er das markante Massiv gemalt, zu jeder Jahreszeit und bei allen erdenklichen Lichtstimmungen hat er den Berg auf die Leinwand gebannt. Kein Wunder, dass er gerade den Strandåtind zu seinem Lieblingsmotiv auserkoren hat, denn von der Terrasse seines kleinen, rot gestrichenen Holzhauses hat er einen traumhaften Blick auf die beeindruckende Bergkulisse von Kjerringøy und den alten Handelsplatz auf der gegenüber liegenden Landzunge.

Welch ein Platz zum Leben! In seinem Atelier liegen unzählige ausgedrückte Farbtuben herum, unverkennbar riecht es im ganzen Haus nach Ölfarbe. Harr hat einen unglaublichen Schaffensdrang und arbeitet meist an mindestens einem Dutzend Bildern gleichzeitig. An den Wänden hängen die fertigen und halbfertigen Werke, auf dem Boden stehen die grundierten Leinwände. Doch inmitten dieses Chaos fühlt sich Karl Erik Harr sichtlich wohl, arbeitet konzentriert und strahlt vollkommene Ruhe aus. Wenn er vor seinen Bildern hockt, sieht er mit seinem weißen Bart und der kleinen Brille wie ein alter Seebär aus, der mit haushohen Wellen in unzähligen Blautönen und weißen Schaumkronen kämpft.

Harr zählt schon lange zu den bekanntesten Künstlern Norwegens, mehr als 20 Bücher hat er bisher veröffentlicht, er hat Hamsuns Werke illustriert und schreibt Gedichte. Eine Auswahl seiner Bilder stellt er in seiner Galerie in Henningsvær auf den Lofoten aus. Ohne sein kleines Notizbuch geht Karl Erik Harr nirgendwohin. Computer und Laptops sind nicht seine Welt und so muss sich seine Sekretärin noch immer durch seine handschriftlichen Aufzeichnungen kämpfen. Tag für Tag setzt er sich in sein kleines Boot, das immer auf dem kleinen Sandstrand direkt vor seinem Haus liegt und rudert zum alten Handelsplatz von Kjerringøy hinüber. Bei schönem Wetter findet man ihn dann um die Mittagszeit vertieft in sein Notizbuch Kaffee trinkend und bei einem Stück Kuchen im Garten des Freilichtmuseums. Hier fühlt er sich anscheinend immer noch zu Hause, hat er doch früher in dem Museum gewohnt.

Bergriesen im Meer

Kjerringøy ist ein Platz zum Träumen. Eine Insel der Ruhe vor der nordnorwegischen Küste mit einer grandiosen Landschaft. Hier ist Hektik ein Fremdwort und die Kühe dürfen noch ungestört am Strand spazieren gehen. Auf der Seeseite schweift der Blick und findet erst wieder Halt an den mächtigen Bergen in der Ferne. Dazwischen liegt nur das dunkle Wasser des Vestfjord, das sich bis zur mächtigen Lofotenwand erstreckt. Beim Blick von der Küste ins Inselinnere fallen die schroffen Berge ins Auge, die fast 1000 Meter hoch direkt aus dem Meer aufragen und den Menschen seit jeher nur wenig Lebensraum ließen. Die meisten Besucher kommen zwar im Sommer, aber Kjerringøy hat das ganze Jahr über seine Reize.

Im Sommer lockt die Mitternachtssonne mit ihren unvergesslichen Lichtstimmungen und im Winter erstarrt das Wasser in den kleinen, flachen Buchten zu filigranen Eiswelten. Unentdeckt ist Kjerringøy zwar nicht mehr, dafür lockt das Museum doch zu viele Besucher an, die Insel ist aber noch lange nicht so überlaufen wie die Lofoten. Autos werden von der kleinen Fähre zwischen Festvåg und Misten nur in kleinen Portionen herüber gelassen, sie dosiert den Touristenstrom. So kommen die meisten nur für ein paar Stunden, um sich den alten Handelsort Kjerringøy anzuschauen und am Abend wieder in Richtung Bodø aufzubrechen. Zurück bleiben nur noch die Möwen, die dann die mit Gras bewachsenen Dächer besetzen und mit jedem zetern, der ihnen zu nahe kommt. Allzu Aufdringliche werden von ihnen mit Scheinangriffen in die Schranken gewiesen.

Wie zu Hamsuns Zeiten

Kjerringøy Gamle Handelssted ist ein wunderbar nostalgischer Ort, der sich seit Hamsuns Zeiten nicht verändert hat. Ein gutes Dutzend Holzhäuser in kräftigen Farben auf einer Landzunge, davor eine Landungsbrücke an der auch heute noch die Lofotenfischer anlegen könnten. Doch es dümpeln nur zwei kleine Ruderboote in dem glasklaren, türkisfarbenen Wasser des Fjordes. Früher machten die Fischer auf dem Weg zu den Lofoten hier Station und übernachteten im Handelshaus, dann lagen die Boote dicht gedrängt am Strand.

Das Geschäft mit dem Fischeinkauf und der Fischverarbeitung lief prächtig, die großen Heringsfänge machten den Ort reich. Begonnen hat dieser Aufschwung 1803, als Christian Lorentzen Sverdrup den Betrieb übernahm. Unter seinem Nachfolger Erasmus Benedict Zahl erlebte Kjerringøy dann seine Blütezeit. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchte sich der Handel neue Wege, Kjerringøy verlor an Bedeutung und 1955 musste am Ende auch der Kaufmannsladen schließen. Einige Jahre später übernahm dann die Provinz Nordland den weitgehend verfallenen Komplex und begann mit der Restaurierung der Gebäude.

Heute sind der Laden mit der silbernen Kasse, die gute Stube mit dem kunstvollen Ofen und den feinen Möbeln und die Küche mit Unmengen von feinem Porzellan wieder Schmuckstücke. Hamsun hat hier zwar nie gelebt oder gearbeitet, aber Kjerringøy war für ihn trotzdem ein wichtiger Ort. Erasmus Benedict Zahl war bekannt als Förderer unbekannter Talente, deshalb schrieb der junge Dichter, nachdem er „Der Rätselhafte“ und „Börger“ veröffentlicht hatte, an Nordnorwegens mächtigsten Mann und bat ihn um ein Stipendium. Zahl war nicht abgeneigt und so stand der 20-jährige Hamsun 1879 schließlich vor dem mächtigsten Mann Nordnorwegens. Hamsun wollte hinaus in die Welt und Dichter werden, dafür bekam er von dem Kaufmann als Starthilfe 2000 Kronen, damals eine stattliche Summe. Mit dem Geld in der Tasche fuhr er nach Süden und begann sich seinen Traum vom Schriftstellerdasein zu erfüllen.

Lebendige Filmkulisse

Ulf Mikalsen hat früher als Hausmeister in Kjerringøy gearbeitet. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau Ingvild in einem alten Schulgebäude, das sie, nachdem sie jeden Balken und jedes Brett nummeriert hatten, auf einer Nachbarinsel abgebaut und danach in Kjerringøy wieder aufgebaut haben. Ulf ist einer der wenigen Nordlandbootbauer in Norwegen, der in monatelanger Handarbeit nach alten Bauplänen in seiner Werkstatt wahre Kunstwerke aus Holz entstehen lässt. Seine Boote begeistern durch die wunderschön geschwungene Form und mit dem hochgezogenem Bug und Heck wirken sie wie direkte Nachfahren der Wikingerschiffe.

In dem epischen Filmmelodram Jeg er Dina, das in den 1860er Jahren spielt und in Kjerringøy gedreht wurde, waren der alte Handelsplatz und Ulfs Boote unverzichtbare Requisiten. Er selbst durfte sich in dem Film auch als Schauspieler versuchen und zusammen mit Ingvilds Sohn Bjørn die Bootsmänner spielen. Ulf und Ingvild haben auch maßgeblichen Anteil an der Restaurierung und Eröffnung des neuen Kulturzentrums Zahlfjøsen, das gleich neben dem Freilichtmuseum liegt. Das große, wie eine Scheune wirkende rote Gebäude, wurde noch von Erasmus Zahl gebaut und beherbergt heute eine Bibliothek, ein Filmzentrum, eine Galerie und Ulfs Bootswerkstatt. Die zweite Etage dient als Museum, hier werden Filmausschnitte gezeigt, die nach Knut Hamsuns Werken gedreht wurden. Hamsunliebhaber können in rund 20 Ausschnitten schwelgen, von der Rarität aus dem Jahre 1921 bis zu ganz aktuellen Verfilmungen.

Entspricht Ulf ziemlich genau dem Bild des ruhigen, bedächtigen Nordnorwegers ist Ingvild ein überschäumendes Energiebündel mit immer neuen Ideen. Die gebürtige Kielerin, die über Bergen, Trondheim, Stockmarknes und Tromsø nach Kjerringøy kam, könnte mit ihrem Leben ganze Bücher füllen, scheint aber mittlerweile sesshaft geworden zu sein. Ingvild ist sie Keramikkünstlerin, ausgebildet in Bergen, deren Werke mittlerweile über ganz Nordnorwegen verstreut sind. Von den meisten Arbeiten kann sie Besuchern nur noch Fotos zeigen, aber das stört sie nicht weiter, denn in ihrer Werkstatt entstehen laufend neue, eigenwillige Kreationen. In diesem Sommer waren viele ihrer Keramikarbeiten im Kulturzentrum Zahlfjøsen zu sehen.

Text und Fotos: Christian Nowak

Finnland: Restaurant Day in Helsinki. Essen aus Nachbars Töpfen

Der Restaurant Day macht weltweit Furore. Überall kochen Nachbarn für Nachbarn. Erfunden hat man das Event aber in Helsinki. 

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Viermal im Jahr findet in Helsinki der Restaurant Day statt, dann werden Privatleute zu Köchen und zeigen was sie am Herd alles drauf haben.

Die Dame hatte mich durchs Wohnzimmerfenster zu sich herein gewinkt. Mitte dreißig war sie wohl, schwarze Haare und braune Augen. Sympathisch, sehr sympathisch sogar. Ich solle zu ihr kommen und mit ihr essen, hatte sie gesagt und mich dabei angelächelt. Die Tür stand offen. Aus der Küche rief sie mir zu, ich solle die Schuhe ausziehen. Ich tat wie geheißen und ging ich ins Wohnzimmer. K1024__MG_1997_4524

Da saßen sie dann, die anderen. Andrew aus Glasgow und seine Freundin Anne, Touristen auf der Durchreise. Lena, eine finnische Studentin. Meri, die Nachbarin der Gastgeberin. Und schließlich Wolfgang, „du kannst Wolfi zu mir sagen“, aus einem österreichischen Bergtal. Sie alle hatte die dunkelhaarige Schönheit ebenso wie mich in ihr Wohnzimmer gelockt.
Und dann kam sie, mit einer großen Platte voll Piroggen. Probieren sollten wir und so ihre Heimat kennenlernen.  Unsere Gastgeberin war, so sagte sie, in der ostfinnischen Stadt Joensuu geboren und Piroggen seien dort die Spezialität
Eine Pirogge, oder piirakka wie die Finnen sagen, ist eine mit Fleisch, Gemüse oder anderen Leckereien gefüllte Teigtasche, die man in ganz Osteuropa gerne isst. Die finnische Version, die karelische Pirogge, wird aus einem dünnen Roggenteig gemacht, der mit Milchreis gefüllt wird – früher, als es noch keine Reis in Finnland zu kaufen gab, bestand die Füllung aus Gerstenbrei.

K1024__MG_2027_4525Ein Gläschen Wein zur Pirogge gibt es auch. Der hat nichts mit Karelien zu tun, kommt aus Portugal und ist, wie Alkohol generell, in Finnland, ziemlich teuer. Die schöne Unbekannte verwöhnt uns. Mich sieht sie heute ebenso zum ersten Mal wie die anderen „Mitesser“, auch  diese hat sie von der Straße zu sich hereingewinkt.
Denn es ist Restaurant Day in Helsinki. Überall in der Stadt  wird gegessen und getrunken – aber nicht in Kneipen und Lokalen. Heute darf jeder kochen, der will und seine Speisen verkaufen, oder auch verschenken wie unsere Unbekannte hinterm Fenster. Sie sei Künstlerin, sagt Liisa und verrät schließlich doch noch ihren Namen. „Mir geht es nicht darum, Geld zu verdienen, ich will Leute kennenlernen“, lächelt sie und hebt ihr auf Glas uns, sagt „kippis“ und bringt ihren Gästen so auch das erste Wort Finnisch bei. „Prost“ meint der Finne, wenn er das sagt. Wolfi und ich schauen uns an. „Kipp es“, wie passend.

K1024__MG_2154_4531Den Restaurant Day haben die Helsinkier 2011 erfunden, jeder Hobbykoch und jeder Freizeit- Sommelier sollte an diesem Tag die Gelegenheit bekommen, sein eigenes „Restaurant“ zu eröffnen oder auch seinen eigenen „Weinkeller“. Eigentlich überrascht es, dass gerade die Finnen eine solche Idee hatten, eilt ihnen doch – nicht ganz zu Unrecht – der Ruf voraus,  eher zurückhaltend zu sein und nur selten Gäste zu sich nach Hause einzuladen. An vielen Häusern gibt es gar keine Klingeln – Zutritt nur mit Nummerncode –  und an denen, die Klingeln haben, werden sie abends abgestellt. Keine Chance für die Zeugen Jehovas und auch nicht für Freunde, die unangemeldet auf einen Sprung vorbeischauen wollen. Gastfreundschaft im mitteleuropäischen Sinne sieht anders aus. Gut, so wie offen und großzügig wie die  schöne Liisa gibt sich auch längst nicht jeder Gastgeber beim finnischen Restaurant Day.  An den Tisch in der guten Stube laden nur die wenigsten die fremden Gäste ein. Und kostenlos gibt‘s auch nur selten was.

K1024__MG_2118_4530Die meisten Hobbyköche bauen ihren Stand irgendwo in der Stadt auf, stellen einen Tisch vors Haus, packen ihn mit gefüllten Kochtöpfen voll oder legen einfach eine große Picknickdecke auf einer Wiese aus und präsentieren darauf die mitgebrachten Speisen. Manche errichten sogar Zelte – die sind dann klar im Vorteil, falls es regnet. Das Speise-Angebot reicht von Stullen bis Lachsfilet, von exotischen afrikanischen Gerichten bis zum Hamburger, dem „hampurilainen“,  der aus der Gefriertruhe direkt auf den Grill wandert. Große Kochkunst und Dilettantismus liegen mitunter eng  beieinander. Manchmal auch räumlich, wenn der  begnadete Hobbykoch auf Fast-Sterneniveau virtuos mit Pfannen und Töpfen hantiert und gleich neben ihm ein 15-jähriger für einen guten Zweck Würstchen brutzelt,– für neue Trikots für die B-Jugend im Fußballverein beispielsweise. Spaß haben sie aber alle, die beim Restaurant Day mitmachen. Käufer und Verkäufer. Und deswegen sind die Schlangen vor den improvisierten Ständen auch lang.

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Sizilianer auf Finnlandurlaub würden die Szenerie vermutlich nicht als besonders ausgelassen empfinden. Doch wer genau hinschaut, kann durchaus entdecken, dass an diesem Tag manche Dinge anders laufen als sonst – dass Menschen in der Warteschlange miteinander ins Gespräch kommen und ihre Plauderei sogar weiterführen, nachdem sie ihr Essen gekauft haben. Und, dass zwischen Kunden und Verkäufer nicht nur Geld und Speisen hin – und herwechseln, sondern auch freundliche Worte.
Angeblich baut auch ein Thüringer, der im finnischen „Exil“ lebt, an jedem Restaurant Day seinen Grill auf. Dann gibt es Bratwürste für die Helsinkier. So lernen nicht nur Deutsche und Österreicher – dank karelischer Piroggen – die finnische Kultur kennen, sondern auch Finnen die deutsche. Zumindest die deutsche Esskultur. Ich selbst habe den Mann mit den Rostbratwürstchen bei meinem Rundgang allerdings nicht entdeckt und so verlasse ich mich auf die Aussage meiner finnischen Freunde, die ihn “bisher jedes Mal gesehen haben“ und die sich sehr lobend über die Qualität seiner Grillware äußern. Das ist auch das Wichtigste, den Finnen muss es schließlich schmecken.

Von Rasso Knoller

Norwegen: Fragmente aus Johan Bojers Roman „Die Lofotfischer“

 

Wenn ganz Norwegen im Winterschlaf liegt, kommt Leben in die Inseln am Polarkreis und die Fischer gehen auf Dorschfang. Dann ist noch ein klein wenig von der hektischen Aktivität zu spüren, die hier Ende des 19. Jahrhunderts herrschte.

Schon seit Menschengedenken kommt im Winter der Dorsch zur Laichablage in die Gewässer vor den Lofoten. Und mit ihm kommen die Fischer aus allen Teilen des Landes. Auch heute noch, selbst wenn durch die jahrelange Überfischung die Quoten drastisch zurückgegangen sind. Wie es einst auf dem Vestfjord zuging, erzählt Johan Bojer in seinem Roman Die Lofotfischer. Es ist die Geschichte vom Kampf der Fischer um die Jahrhundertwende gegen Wind und Wellen, und von ihrer Suche nach Reichtum und Glück. Der Held ist Kristaver Myran, der mit seinem Sohn Lars, Henrik Rabben, Kaneles Gomon, Elezeus Hylla und Arnt Aasan in dem neu gekauften Boot Robbe auf Dorschfang geht. Fragmente aus Johan Bojers Roman Die Lofotfischer und Beobachtungen beim heutigen Dorschfang mischen sich zu einem Kaleidoskop der Lofoten zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

„Für Kristaver Myran war es ein großer Tag. Das, wonach er sich viele Jahre lang in aller Stille gesehnt hatte, war endlich Wirklichkeit geworden. Hier stand er als Führer seines eigenen Lofotbootes. Der bekannte Strand mit den kleinen Häusern verschwand und der frische Landwind trug die “Robbe” durch die Krappseen. Es ging den alten Weg nordwärts, Hunderte von Meilen in Sturm, Frost und Schneegestöber. Denselben Weg, den die Vorfahren seit langen, langen Zeiten gezogen waren.“

Auf Flakstadöya hat man Spuren der ersten Lofotenbewohner gefunden. An der Ostküste der Insel, in der Nähe von Napp, gibt es einen überhängenden Fels, der den Menschen wohl schon vor 6000 Jahren Schutz gegen Schlechtwetter bot. Und in Storbathallaren hinterließen sie eine steinzeitliche Müllkippe, die wie ein offenes Geschichtsbuch ist. So wissen wir heute, daß die Bewohner auf die Jagd gingen, aber auch schon Ziegen und Schafe als Haustiere hielten. Sie waren wahrscheinlich die ersten Lofotfischer, denn in ihrer Müllkippe fanden sich Fischgräten, Angelhaken und primitive Harpunenspitzen. Da die Lofoten zu dieser Zeit noch mit ausgedehnten Kiefern- und Birkenwäldern bedeckt waren, hatten sie auch genug Baumaterial für primitive Boote.

„Auf den Klippeninseln lagen mehrere kleine Hütten mit Rasendach, überragt von der Kirche, dem Krankenhaus, dem Seemannsheim, sowie dem weißen Wohnhaus des “Platzkönigs”. In den Sunden und im Hafen wiegte sich ein Wald von Masten, da lagen Dampfer, Segelschiffe, große und kleine Boote. Mehr als dreißig solcher Fischerplätze gab es auf den Lofoten, in dieser Jahreszeit waren sie alle wimmelnden Städten gleich. Hier waren Fischer von Norden und Süden zusammengeströmt und überwinterten auf einem Küstenstreifen von einigen hundert Meilen.“

Rorbuer gehören wie die wilden Berge und das Meer zum Bild der Lofoten. Es sind bunt gestrichene Holzhäuser, direkt am Wasser oder auf Pfählen über dem Wasser errichtet wurden. Heute werden viele von ihnen als luxuriöse Ferienwohnungen im Sommer an Touristen vermietet. Gebaut wurden sie aber für die Lofotfischer, die ersten wahrscheinlich schon von König Öystein, der im 12. Jahrhundert ein Einsehen mit den Fischern hatte. Trotzdem schliefen auch später noch viele Fischer unter ihren umgedrehten Booten, einen ganzen harten Winter lang. Die Rorbuer wurden von den Besitzern an die Fischer für eine ganze Saison vermietet, als Gegenleistung verkauften sie ihnen ihren Fisch. Die Lebensbedingungen in solch einer Rorbu müssen furchtbar gewesen sein. Sie bestanden aus einem Vorraum für die Gerätschaften und Vorräte und einem Raum, den sich eine ganze Bootsbesatzung, in der Regel 10 Mann, teilte. Hier wurde gekocht, gegessen, geraucht, getrunken und geschlafen. Hygiene war ein Luxus, für den der Lofotenwinter keinen Platz ließ. So stank die Rorbu wohl immer nach nassen Kleidern, Schweiß, Fisch und Tran. Am Abend muß die heiße und feuchte Luft im Innern zum Schneiden dick gewesen sein; am Morgen, wenn der Ofen runter gebrannt war, waren die gefrorenen Sachen von Rauhreif überzogen. Heute wohnen die meisten Fischer zwar beengt, aber doch recht komfortabel, auf ihren Booten.

„Endlich war der erste Fischtag, und lange bevor es hell wurde, lag die Fischerflotte in dichtem Schwarm vor der Ausfahrt in die offene See und wartete, daß die Signalflagge von der Aufsicht gehißt wurde. Die Ruder rieben sich knarrend aneinander, ein Boot rannte gegen den Nachbarn und wurde gleichzeitig von der anderen Seite eingepfercht. Schimpfworte und Flüche erfüllten die Luft, alle wollten zuerst hinaus. Jetzt geht die Flagge hoch, war vorher Gedränge, gibt es jetzt wirklich Spektakel, Ruder werden zerbrochen, Geheul und Geschrei ertönt, hier und da fährt ein Bootshaken in die Höhe, um zu schlagen.“

Der arktische Kabeljau wird von den Norwegern “Skrei” genannt, für uns ist es Dorsch. Nach Neujahr brechen Millionen Fische aus dem Eismeer zu einer Wanderung entlang der norwegischen Küste auf. Erst vor den Lofoten, und besonders im Vestfjord, finden sie ideale Laichbedingungen. Hier werden sie von den Lofotfischern schon erwartet. Einige Fische kommen aber noch zum Laichen und die Eier entwickeln sich zu Larven, die mit der Strömung nach Norden treiben. Ab April ernähren sie sich von Plankton, das sich jetzt sprunghaft vermehrt. Der Zug der Jungfische nach Norden dauert ungefähr drei Jahre, im Alter von sieben bis zehn Jahren werden die Fische geschlechtsreif, und der Kreislauf beginnt von Neuem. Gerät der Kabeljau vor den Lofoten nicht ins Netz, kann er viele Laichzüge unternehmen.

„Die Fischer ziehen mit jedem Angelwurf einen Dorsch an Bord, die Netze sind heute schwer beladen, die Männer ziehen und ziehen, der graue Strom, der über die Rolle geht, ist zottig vor Fischen, hier und da fällt einer herunter und schwimmt mit dem Bauch nach oben. Der Bootsführer stürzt fast kopfüber ins Wasser, wenn er ihn mit der Gaff wieder ins Boot reißt. Heute bleiben sie lange auf See, denn alle Fische müssen aus den Netzen genommen werden, damit diese von Neuem ausgelegt werden können.“

Der gefangene Fisch wurde sofort ausgenommen und paarweise an den Schwänzen zusammengebunden auf große Holzgestelle gehängt. Dort trocknete er in einigen Monaten zu Stockfisch. Die Köpfe wurden ebenfalls zum Trocknen aufgehängt und dann zu Fischmehl verarbeitet. Die Zungen gelten als Delikatesse und wurden traditionsgemäß von den Kindern herausgeschnitten. Aus der Leber wurde Tran gekocht, der Rogen eingesalzen und in Holztonnen gefüllt. Die beste Qualität der Stockfische wird auch heute noch nach Italien exportiert, wo er während der Fastenzeit gegessen wird. Afrika bekommt die minderwertigen Trockenfische und, falls Nigeria, einer der Hauptabnehmer, mal wieder in Finanznöten ist, reicht es nur zum Kauf der getrockneten Fischköpfe. Ein Teil des Fanges wurde früher zu Klippfisch verarbeitet, dazu wurden die Fische ausgenommen, gesalzen und auf den Klippen am Ufer zum Trocknen ausgebreitet. Heute werden zuerst die Kühlhäuser mit Kabeljaufilets gefüllt, bevor die Trockengestelle bestückt werden.

„Sie hatten seit einer Woche kein gekochtes Essen bekommen, sie hatten tagelang gehungert, jetzt mußten sie etwas anderes haben als Kaffee und Fladenbrot. “Mölje!” sagte einer. “Mölje!” stimmten die meisten ein. Das war ein Essen, und es war dieses Jahr noch nicht auf den Tisch gekommen. Henrik trug mehrere Schüsseln mit zerstückeltem Fladbröd herein, dann kam der Topf mit gekochter, dampfender Leber, von der er eine reichliche Portion auf jede Schüssel verteilte. Das Fett glänzte auf den Fladbrödhaufen, jetzt wurde Molkenkäse geschabt und darüber gestreut und schließlich wurde Sirup in langen goldenen Schlangen über das ganze gegossen. Dann wird alles mit dem Löffel verrührt, daß es wie ein Brei wird, Herrgott, das schmeckt!“

Die Lofotfischer brachten ihren Fang nach Bergen und deckten sich danach für ein Jahr mit Vorräten ein. War es ein schlechtes Jahr auf dem Lofot gewesen, mußte der Fischer anschreiben lassen. Da die schlechten Jahre überwogen, waren viele bald hoffnungslos verschuldet. Von 1250 bis 1550 war Bergen fest in der Hand deutscher Kaufleute. Die Hanse lieferte Getreide und diktierte die Preise für Stockfisch. Die großen Zeiten der Lofotfischer sind wohl für immer vorbei. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten bis zu 30.000 Fischer auf den Lofoten und Fänge von weit über 100.000 Tonnen pro Saison waren keine Seltenheit. Doch bald machte sich der Raubbau bemerkbar, und trotz staatlich limitierter Fangquoten ging es immer weiter bergab. Dann kamen die Seehunde und fraßen den Fischern angeblich die Dorsche weg. Aber die Seehunde verschwanden wieder, und die Dorsche wurden nicht mehr. Ende der achtziger Jahre kamen deshalb nur noch ungefähr 2000 Fischer im Frühjahr auf die Lofoten. Ihnen wurden gerade noch gut 10.000 Tonnen Kabeljau zugeteilt. Wer heute den Lofotfischfang sehen will, der muß genau hinschauen. In jedem Hafen ein paar Boote, eine Handvoll Fischfabriken, aber die hölzernen Gestelle bleiben lange leer. Von der brodelnden Hektik, wie sie um die Jahrhundertwende einst herrschte, ist nicht mehr viel zu spüren. Nur der Geruch nach Fisch ist geblieben und erinnert an bessere Zeiten.

„Konnte der Sturm noch schlimmer werden? Es war, als berste der rauchende Himmel in großen Rissen, aus denen Feuer hervor züngelte. Die langen, gelben Unwetterlichter am Himmel warfen seltsame Flammenstreifen auf das rauchende Meer. Wenn sie auf einen Wellenkamm hinauf pflügten und von der rasenden Fahrt der Wogen mitgerissen wurden, dann schien das Boot selber sich aus dem Meer emporzuheben und in der Luft zu fliegen. Es war, als verliere das Boot den Halt, an den es sich anklammern mußte. Und in einem solchen Augenblick geschah es, daß die “Robbe” vornüber in ein Wellental hinunterfuhr, sich dann gegen den Wind drückte und kenterte. Die Wellen schlugen darüber hin, aber jetzt war der Kiel nach oben gekehrt. Es ertönte ein Aufschrei von fünf Männern, als sie umschlugen. Sturm und Meer verschlang sie, dann war nichts mehr.“

Christian Nowak

 

Deutschland: Harz – Die steilste Abfahrt nördlich der Alpen

K1024_Brockenbahn_in_Winterlandschaft__Harzer_TourismusverbandSchneesicher sind die Harzer Wintersportorte nicht. Doch sobald sich die weiße Pracht einstellt, bieten Harzer Loipen und Pisten, Rodelbahnen und Natureisflächen jede Menge Winterspaß.

Der erste Schnee fällt oft schon im Oktober. Zumindest auf dem höchsten und berühmtesten Berg des Harzes, dem 1141 Meter hohen Brocken. So auch in diesem Jahr. Bereits Mitte Oktober meldeten die Meteorologen von der Wetterwarte des Deutschen Wetterdienstes auf dem Brocken eine dünne Neuschneeschicht und posteten launig das Foto vom ersten Schneemann der Saison. Bis sich der ganze Oberharz in ein weißes Wintermärchenland verwandelt, gehen meistens noch etliche Wochen ins Land. Ein Garant für weiße Weihnachten ist auch der Oberharz mit Höhenlagen um 800 Meter schon seit den 1960er Jahren nicht mehr. Im Januar und Februar aber stehen die Chancen auf weiße Pracht noch immer ziemlich gut. Und wenn die Fremdenverkehrsbüros auf der Wintersport-Website die passenden Schneehöhen melden, zieht es nicht nur die Niedersachsen und Sachsen-Anhaltiner in ihre Berge. „Unsere Loipen und Pisten locken auch Hamburger und Berliner “, weiß Christin Faust vom Harzer Tourismusverband in Goslar. Mit dem Auto und auch mit Bahn oder Bus lassen sich die Wintersportorte in dem südlich von Braunschweig und Magdeburg gelegenen Mittelgebirge von Berlin aus in etwa drei Stunden erreichen. Spontan ein Hotelzimmer oder eine Ferienwohnung zu bekommen, ist in der Regel nicht schwer. „Die typischen Winterurlauber im Harz sind ja die Kurzentschlossenen“, so Christin Faust. „Die meisten buchen erst, wenn der Wetterbericht für die nächsten Tage Neuschnee und dann knackigen Frost und strahlenden Sonnenschein verspricht. Und denen können die Vermieter vor allem in den kleineren Orten immer noch Fremdenzimmer oder Appartements anbieten.“

K1024_Brockenkuppe_Winter__E._RonkainenWenn man Harzfans nach ihren Winterfavoriten befragt, fallen die Antworten ganz unterschiedlich aus. Für die einen gibt es nichts schöneres, als durch die verschneiten Wälder zu wandern, zum Beispiel auf dem sechs Kilometer langen Rundwanderweg bei Hohegeiß, der vorbei an der Alten Bobbahn durchs Wolfsbach- und durchs Gretchental führt. Andere, die mehr Action wollen, zieht es an den Wurmberg bei Braunlage. Hier liegt das größte Skigebiet des Harzes. Weil die Winterklientel heute anspruchsvoller ist, als noch vor 20 oder 30 Jahren, haben die Harzer hier vor ein paar Jahren die Infrastruktur nachgerüstet und der Natur hier und da nachgeholfen, um den Abfahrtspaß vielseitiger und attraktiver zu machen. Nun gibt es eine neue 1,2 Kilometer lange Piste am Osthang. Kenner loben die ideale Neigung, die zu flotten Carvingschwüngen animiert, Skiläufern und Snowboardern aber auch ganz gemütlich talwärts brettern lässt. Steil und „schwarz“ dagegen ist die neue Piste am Hexenritt, diese Direktverbindung vom Wurmberggipfel zur Mittelstation und ist selbst für Könner kein Spaziergang. Mit einem Gefälle von 60 Prozent sorgt sie – als steilste Skiabfahrt nördlich der Alpen – zumindest bei Nordlichtern für Adrenalinschübe. Anfänger können sich auf einer eigenen Piste ausprobieren, Snowboarder finden ihr Revier am Sonnenhang auf einen Freestyle-Parcours mit verschiedenen Features. Weil sich das größte Harzer Skigebiet vor allem als Freizeitziel für Familien empfehlen will, fehlt auch eine Snow-Tubing-Anlage nicht. In Schlauchreifen rutschen dort schon die Jüngsten jauchzend in den Abhang runter und liefern Bilder, wie sie die regionalen Fernsehsender lieben, wenn sich der norddeutsche Winter einstellt.

Ein Zug der Harzer Schmalspurbahn HSB fŠhrt zum Brocken (Aufgenommen am 7.2.10) Die Strecke zum hšchsten Harzgipfel ist das Zugpferd der HSB. Rund 700000 FahrgŠste nutzen jŠhrlich das Angebot mit dem Zug zum Brocken zu fahren. Auf der Pressekonferenz der HSB werden am Donnerstag den 11.02.10 die neuesten Zahlen des GeschŠftsjahres 2009 prŠsentiert.

Schnelles Gipfelglück

Lange Wartezeiten an den Wurmberg-Liften gehören erst einmal der Vergangenheit an. Eine neue Vierer-Sesselbahn verbindet Mittelstation und Gipfel. Seit dem Ausbau kann die Anlage nun 3000 bis 4000 Menschen pro Stunde auf den mit 971 Metern höchsten Berg Niedersachsens befördern. Um die weiße Saison ein wenig zu verlängern, haben die Betreiber der Wurmberg-Seilbahnen zudem in eine Beschneiungsanlage investiert. Sobald die Temperaturen unter null Grad sinken, können innerhalb von 72 Stunden fünfeinhalb  Pistenkilometer wintersporttauglich machen, ohne dass eine Flocke Naturschnee fällt.
Weniger idyllisch geht es bisweilen auf dem Parkplatz an der Mittelstation zu. Im Zuge der Modernisierung wurden hier 600 PKW-Stellplätze geschaffen. Doch an Wochenenden mit Bilderbuch-Winterwetter reichen die bei weitem nicht aus. Ab zehn Uhr ist meistens schon alles dicht. Zusätzliche Stellflächen will man aber nicht schaffen. Konflikte mit Umweltschützern wären vorprogrammiert. Wer sich den Parkstress ersparen will, muss frühaufstehen oder, wenn das keine Alternative ist, mit der Seilbahn anreisen, die den Ort Braunlage mit der Wurmberg-Mittelstation verbindet.

K1024_Am_Wurmberg_Braunlage__Wurmberg_AlmWer auf die Harzer Superlative verzichten kann, weder die steilste noch die – mit vier Kilometern längste Abfahrt zum Winterglück braucht, kann andere Orte ansteuern. Bad Sachsa, Hahnenklee, Hohegeiß, Sankt Andreasberg und Schulenberg betreiben ebenfalls Liftanlagen und präparierte Abfahrt-Pisten. Darüber hinaus locken, über den gesamten Harz verteilt, rund 500 Kilometer gespurte Langlaufloipen, Natureisflächen, Rodelberge und Rodelbahnen, auch solche, die abends beleuchtet werden. Eine der längsten Naturrodelbahnen kann Bad Harzburg für sich reklamieren, 1500 Meter lang ist das Vergnügen auf der alten Harzburger Molkenhaus Chaussee. Die Bergstation von Torfhaus, einem Ortsteil der Bergstadt Altenau, liegt in 820 Metern Höhe. Ski-Alpin- und Rodelpisten sind  hier zwar nur wenige hundert Meter lang. Dafür bietet sich bei der Talfahrt – klare Sicht vorausgesetzt – ein herrlicher Blick auf den Brocken. Den sagenumwobenen Hochharzgipfel kann man auch im Winter ganz bequem erreichen. Ab Schierke zuckelt die Schmalspurbahn durch die verschneite Märchenlandschaft. Oben angekommen hilft eine heiße Erbsensuppe gegen die klirrende Kälte.

Text: Susanne Kilimann
Fotos: Harz Tourismus