Deutschland: Mit großem Genuss ins Gras beißen

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Essbares Fichtelgebirge: Köche, Bäcker und Metzger verarbeiten frisches Grün aus dem Fichtelgebirge

Die Fichtenspitzen ummantelt eine zarte Hülle aus Schokolade und jede Menge Neugierde. Die hellen Triebe der Nadelbäume finden sich auf dem Dessert, während ein passender Sirup, mit Wasser aufgespritzt, gereicht wird. Kann man das essen, ist die Frage, die unausgesprochen in der Luft hängt. Man kann – und es schmeckt herrlich: nach Wald und nach jungem Grün. Und bei einigen auch nach Kindheitserinnerungen. „Bei uns darf man genussvoll ins Gras beißen“, sagt Jutta Hecht-Heusinger lachend. Die Chefin des Wildkräuterhotels „Schönblick“ in Fichtelberg, nur unweit des Fichtelsees gelegen, hat ihre Kollegen in der Region vom grünen Konzept überzeugt. Zehn Wildkräuterköche, ein Bäcker und ein Metzger haben sich zum „Essbaren Fichtelgebirge“ zusammengeschlossen und bieten Spitzenküche aus der Natur.

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Die Zutaten, die schon der Dichter Jean Paul genossen hat, wachsen bei Friederike Heusinger, bei Thomas Puchtler vom „Deutschen Adler“ in Bischofsgrün oder auch bei Bernhard Raab vom Gasthof „Zum Loisl“ in Mehlmeisel auf den weiten Wiesen direkt vor der Haustüre. Was ungeschulte Augen für Unkraut oder bestenfalls zartes Viehfutter halten, ist für sie Heilkraut und die perfekte Ergänzung für Topf und Pfanne. Täglich frisch werden die Kräuter gesammelt, die auf dem Teller des Gastes landen. Wie der Spitzwegerich, der gegrillt die Bärlauchsuppe dekorativ ziert. Die Brennnessel wandert im Kuchen und Gundermann in der Panna cotta – gekrönt von jeder Menge Gänseblümchen.
Die Vogelbeere lässt sich nicht nur zu Hochprozentigem verarbeiten, sondern kandiert hervorragend als Dekoration nutzen. Cranberrys braucht man im Fichtelgebirge nicht, die hat man sozusagen frei Haus. Dass Bärwurz nicht nur als Kräuterlikör seine heilende Wirkung entfalten kann, lernt der Gast ebenfalls schnell, wenn das dekorative Grün auf dem Teller oder in den Leberkäse kommt.

„Mit Kräutern kann man sehr viel machen“, weiß die Initiatorin des Zusammenschlusses „Essbares Fichtelgebirge“, Jutta Hecht-Heusinger. Der innovative Verein, der 2010 ins Leben gerufen worden ist, hat sich das Ziel gesetzt, Tradition mit Moderne zu verknüpfen, indem er altes Wissen um Wildkräuter mit kreativer Kochkunst kombiniert. 1200 Kräuter wachsen in der Region in Oberfranken, direkt an der Grenze zu Tschechien. Und ein Großteil davon ist essbar.

Diesen reich deckten Tisch nutzen die Köche und probieren bei den regelmäßigen Treffen viel Neues aus. „Jeder interpretiert die Kräuter anders, gibt den Gerichten eine ganz besondere Note.“ Rezepte werden ausgetauscht und je nach Saison abgewandelt. Der größte Erfolg für Jutta Hecht-Heusinger: „Die Gäste kommen gerade wegen der Kräuterküche.“

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Gemeinsam ist den Köchen allerdings der Anspruch, mit regionalen Produkten Außergewöhnliches zu präsentieren – und die Zertifizierung. Nicht jeder kann sich einfach Wildkräuterkoch nennen. Für diese Bezeichnung ist eine umfangreiche Schulung nötig. In vielen Stunden der Theorie und Praxis haben sich die Köche weitergebildet und legen zum Abschluss eine Prüfung vor der IHK Oberfranken ab. Unterstützung erhält der Verein auch durch das Land Bayern.

Wer nicht nur Lust zum Genießen hat, sondern selbst mit Wildkräutern kochen möchte, sollte in der Kochschulküche in Ebnath vorbei schauen. Hier kann man einmal im Monat den Wildkräuterköchen über die Schulter blicken. Bei den Wildkräuterwanderungen durch das Fichtelgebirge bringen die Experten jedem bei, wie man die Kräuter richtig erkennt und verarbeitet. Daneben gibt es so manchen Tipp oder neue Kreation – je nach Saison. Denn auch das ist den Köchen wichtig: „Es kommt nur auf den Teller, was gerade auf den Wiesen wächst.“

Text und Fotos Diana Seufert

 

 

 

Deutschland: Familienurlaub im Fichtelgebirge

Mountainbike am Ochsenkopf , Tourismus GmbH Ochsenkopf

Mountainbike am Ochsenkopf

Ein Urlaubsort für alle – für Groß und Klein, Jung und Alt – gibt es das überhaupt? Es sieht ganz danach aus. Petra Keidel-Landsee hat die Ferienregion Ochsenkopf mit Oma, Opa, Mann und Kind bereist. Ihr Urteil: Das Fichtelgebirge ist für Familien wie geschaffen.

Schöne Aussicht
Die erste Hürde ist geschafft; Oma Nora ist ganz begeistert von unserem Urlaubsdomizil, dem Landhaus Preißinger in Warmensteinach im Fichtelgebirge. “Selbst die Obermutter der Nation, Helga Beimer, war hier schon“, verrät mir meine Mutter und zeigt auf die Fotos im Entree des Drei-Sterne-Hauses, die davon zeugen, dass hier eine Folge der Kultserie gedreht wurde.

Landhaus Preissinger

Landhaus Preissinger

Herzlich empfängt uns die Wirtsfamilie gleich bei der Ankunft mit einem kleinen Umtrunk. Wir relaxen in den Korbmöbeln auf der riesigen Gartenterrasse und genießen die fantastische Aussicht. Weit schweift der Blick über dunkle Wälder hinüber zur tschechischen Grenze und zum Ochsenkopf mit seinem markanten Asenturm.

Jagen und Wandern
Am nächsten Tag ist der 1.024 Meter hohe Ochsenkopf unser Ziel, „der Erlebnisberg für die ganze Familie“, wie es im Prospekt heißt. Erst einmal gehen wir am Fuße des Südhangs mit Pfeil und Bogen auf die Pirsch. Man muss schon genau schauen, um die lebensgroßen Tierattrappen aus Schaumstoff im dichten Wald zu finden.

Der Hirsch ist erlegt

Der Hirsch ist erlegt

“Ich hab den Hirsch“, freut sich Oma, spannt den Bogen und zielt. Doch unser Nachwuchs ist schneller und genauer. Exakt trifft er das runde Schwarz in der Mitte, während Omas Pfeil noch durch die Luft surrt. Beim 3-D Bogenschießen im Outdoorpark Oxsenkopf macht nicht nur Opa, sondern selbst den Kindern das Wandern Spaß.

Auf zum Klettern

Nach erfolgreicher Jagd und einer kleinen Stärkung nehmen wir den angrenzenden Kletterwald ins Visier. “Das ist nichts für mich“, meint Oma und macht es sich mit ihrem Buch in der Sonne gemütlich. Opa Wastl bleibt bei uns. Etwas skeptisch schaut er im Kletterwald nach oben. Schließlich baumeln nicht in jedem Wald ein Bobby Car, Bierbänke, Holzfässer oder ein Schlitten in mehreren Meter Höhe.

Kletterwald Oxenkopf

Ab in die Tonne im Kletterwald Oxenkopf

Opa und ich bleiben lieber am Boden, während sich der Nachwuchs und mein Mann in die Sicherheitsvorkehrungen einweisen lassen, bevor es auf den Parcours in luftiger Höhe geht. “Papa, du wirst mich jetzt beneiden, dass ich kleiner bin als Du“ trumpft unser Sohn auf, während er mit dem Bobbycar souverän über den schmalen Steg fährt, derweil sich mein Mann langsam durch die Tonne robbt.

Kreationen aus Wildkräutern
Zum Abendessen treffen wir uns alle im Gasthof “Deutscher Adler“ in Bischofsgrün. Der heilklimatische Kurort bildet zusammen mit den Gemeinden Warmensteinach, Fichtelberg, und Mehlmeisel die Erlebnisregion Ochsenkopf. Interessiert studiert unser Sohn Valentin die Speisekarte und frägt skeptisch: “Kann man Schlangenknöterich wirklich essen?“ Mit einem verschmitzten Lächeln kommt Chefkoch Thomas Puchtler an unseren Tisch und hält ihm die Vogelmiere mit ihrem langen Schopf unter die Nase. “Das ist der Punker unter den Wildkräutern.“ “Riecht nach Pilzen“, sagt Oma und beißt genüsslich in die längliche Dolde des Spitzwegerichs. Wir lassen uns die Schweinelendchen mit Vogelmiere, Saibling in Schlangenknöterich und Holunderblüteneisgugelhupf zum Nachtisch bestens munden. Nicht nur im Deutschen Adler wird mit Wildkräutern gekocht. Mehr als zehn Wirte der Region bieten kulinarische Reisen durch den Kräutergarten an.

Sicher am Seil
Am nächsten Morgen brechen wir wieder zum Ochsenkopf auf. Denn meine Männer haben sich zu einem Adrenalinkick zwischen Himmel und Erde entschieden: Der längste Zipline-Park Deutschlands steht auf unserem Programm.

Rein in die Gurte im Ziplinepark

Rein in die Gurte im Ziplinepark

Die Guides Tim und Tina führen die angemeldete Gruppe in die Sicherheitsvorkehrungen ein. Alle werden mit Sicherheitsgurten und Handschuhen ausgestattet. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir die erste Plattform auf halber Höhe im Südhang des Ochsenkopfs. Ich behalte zusammen mit Oma lieber die Bodenhaftung. Mir wird schon vom Zuschauen schwindlig, als ich meinen Mann, Opa und Sohn in rund zwanzig Meter Höhe durch die Lüfte sausen sehe. Insgesamt elf Zwischenstopps mit Plattformen in den Baumkronen dienen zum Umhängen zur nächsten Ziplinebahn. Auf fünf von ihnen geht es bei den so genannten Base-Jumps, den seilgesicherten Absprüngen, bis zu 22 Meter in die Tiefe. Die längste der insgesamt 2.200 Meter langen Seil-Strecke ist rund 400 Meter lang. “Ich fliege“, ruft mein Sohn begeistert und sogar Opa hat leuchtende Augen, als er wieder landet.

 

Fertig zum Absprung

Fertig zum Absprung

Mountainbiken im Fichtelwald
Direkt beim Zipline-Park befindet sich auch das Bullheadhouse, der Treffpunkt für Biker. Dort leihen wir uns alle bis auf Oma Mountainbikes aus. Dank des Sessellifts mit Fahrradhaltern schweben wir bequem von der Talstation Süd in Fleckl hinauf auf den Ochsenkopf. Rund zwei Kilometer geht es durch den mystischen Fichtelwald mit den wie von Riesenhand hingeworfenen und mit Moos bewachsenen Granitformationen. Opa und ich wählen die leichte Route, während Vater und Sohn die Herausforderung auf der anspruchsvolleren suchen.
Nach so viel Action lassen wir es am nächsten Tag gemütlicher angehen. Wir besuchen das Waldhaus Mehlmeisel. Hier haust Hansi, der streichelbedürftige Hirsch samt Artgenossen im Wildgehege. Rund um das Waldhaus gibt es auf dem Erlebnispfad jede Menge Holz, nicht nur in Form von Bäumen, die in den Himmel wachsen. Groß aufgeschichtet befindet sich ein Ster Holz, damit man sich unter dieser Größenordnung auch was vorstellen kann. Aber wir erfahren hier auch, welche Spuren ein Luchs hinterlässt und auch sonst noch jede Menge über das Öko-System Wald.

Mit Kettcars ins Tal
Zum Abschluss unserer Familienreise unserer ruft noch einmal der Berg; diesmal jedoch der Geiersberg bei Oberwarmensteinach. Familie Nickl hatte die witzige Idee, ihren Schlepplift im Sommer umzufunktionieren.

Downhill mit dem Kettcar

Downhill mit dem Kettcar

Wir nehmen in den großen Kettcars mit luftgefüllten Reifen Platz. Das Lenkrad der so genannten Dèvalkarts wird in den Schlepperbügel eingehängt und schon zuckeln wir bequem den Berg hinauf. Von dort sausen wir ohne störenden Motorenlärm über Stock und Stein den Hügel hinunter und lassen uns den Wind um die Nase wehen.
Schnell geht unser letzter Urlaubstag zu Ende. Und eines ist sicher, wir kommen wieder. Schließlich gibt es im Fichtelgebirge noch so vieles zu erkunden, wie etwa den Echowaldweg, den Geopark oder das Felsenlabyrinth.

Petra Keidel-Landsee