Italien: Die Traumstädte der Toskana

Blick auf Lucca  Foto: Christel Seiffert

Wo kann man in der Toskana auf der größten, längsten und vollständig erhaltenen Stadtmauer spazieren gehen? In Lucca, der schönen mittelalterlichen Stadt. Mehr als vier Kilometer lang und  zwölf Meter hoch ist diese baumbestandene breite Festungsmauer, die der Stadt  über Jahrhunderte ihre Unabhängigkeit bewahrte. Anwohner, Jogger, Radfahrer und Besucher sind hier gern unterwegs und genießen dabei die Sicht in die Altstadt und auf die Apuanischen Alpen in der Ferne. Zeugen einer glanzvollen Vergangenheit sind die herrschaftlichen Häuser und Paläste, die sich durch die Herstellung und den Handel mit kostbaren Stoffen reich gewordene Bürger erbauen ließen. Beliebte Einkaufs- und Flanierstraße ist die von Palästen und Türmen gesäumte Via Fillungo. Auch die Piazza Antiteatro sollte man unbedingt besuchen. Das Oval des römischen Amphitheaters ist begrenzt von Häusern mit eleganten Geschäften und lockt innen mit zahlreichen Restaurants und Cafés unter freiem Himmel. Mit einer bronzenen Statue vor seinem Geburtshaus erinnert Lucca an seinen prominenten Einwohner Giacomo Puccini, der mit seinen Opern La Boheme, Tosca und Madame Butterfly die Welt eroberte. Palmen umgeben die Piazza Napoleone, doch der schönste aller Plätze ist die Piazza Michele mit der Kirche San Michele aus dem 12. Jahrhundert. Mit ihrer prächtigen Fassade aus fünfzig verschieden gearbeiteten Säulen ist sie auch ein begehrtes Fotoobjekt.

Puccini-Statue in Lucca  Foto: Christel Seiffert

Puccini-Statue in Lucca Foto: Christel Seiffert

Skyline des Mittelalters

Seit einigen Tagen sind wir gespannt auf San Gimignano, das als „Manhatten der Toskana“ beschrieben wird. Schon aus der Ferne ist die auf einem Hügel erbaute Stadt mit ihren ins Blau des Himmels ragenden Türmen beeindruckend. Bis zu 54 Meter hoch sind diese festungsartigen Wohntürme, mit denen adlige Familien nach dem Motto „je höher desto mächtiger“ ihren Reichtum präsentierten. Von den einst bis zu 72 Geschlechtertürmen sind 15 erhalten geblieben und machen San Gimignano zu einem der Höhepunkte jeder Toskanareise. Fast vierhundert Busse steuern täglich das kleine Städtchen an, erzählt unser Reiseleiter. Und so flaniert durch die zum Domplatz führende breite Hauptstraße mit ihren kleinen Geschäften und Souvenirläden ständig ein Strom von Schaulustigen. Ruhiger ist es in den schmalen Seitengassen, wo manches mittelalterliche Schmuckstück zu bewundern ist. Zwei der Türme können bestiegen werden und bieten einen traumhaften Blick auf das grüne Hügelland. Bei einer Wanderung durch Weinberge und Olivenhaine um das Städtchen herum lassen wir uns immer wieder von seiner ungewöhnliche Silhouette verzaubern.

Platz der Wunder

Pisa ist vor allem bekannt durch seinen berühmten Schiefen Turm. Doch der steht nicht allein auf dem Campo die Miracoli, dem „Platz der Wunder“. Es sind drei Monumente aus schneeweißem Marmor, die sich auf rasengrünem Grund erheben und täglich das Ziel wahrer Touristenströme sind: Dom, Baptisterium und Campanile.

Platz der Wunder in Pisa  Foto: Christel Seiffert

Platz der Wunder in Pisa Foto: Christel Seiffert

Als größtes Bauwerk Pisaer Gotik beeindruckt der Dom mit seiner prächtigen Fassade aus Streifen von hellem und dunklem Marmor. Mittelpunkt des Interesses und meist fotografiertes Objekt ist jedoch zweifellos der 55 Meter hohe Glockenturm mit seiner Neigung von etwa 4,20 Metern. Da ein weiteres Absinken des Turmes inzwischen gestoppt werden konnte, dürfen jetzt auch wieder Besucher bis auf die Balustrade steigen. Allerdings braucht es dafür viel Geduld, denn die Schlange der Wartenden ist lang. Wer dem fast volksfestartigen Getümmel auf dem Campo die Miracoli entgehen möchte, dem sei ein Bummel durch den kleinen Stadtkern mit seinen stattlichen Palästen empfohlen. Für uns heißt es jetzt, die Wanderschuhe schnüren. Wir wollen den Naturpark Garfagnana in den nahen Apuanischen Alpen erkunden, dessen schneebedeckte Gipfel schon aus der Ferne grüßen. Auf kurvenreicher Strecke kämpft sich der Bus durch das Tal der Carrara-Marmorbrüche. Hinauf in eine wildromantische Landschaft mit dichten Wäldern, tiefen Tälern und kleinen Dörfern, die sich wie Schwalbennester an den Berg schmiegen. Auf alten Maultierwegen wandern wir bergauf und bergab und genießen den Blick auf die schroffen Gipfel über uns.

Rendezvous mit Michelangelo

Weithin sichtbar überragt die mächtige Kuppel des Doms die Silhouette von Florenz, dem geografischen, historischen und kulturellen Herz der Toskana. Keine andere Stadt hat so viele bedeutende Künstler wie Michelangelo, Pisano, Brunelleschi und Donatello hervorgebracht     keine Stadt beherbergt auf so engem Raum eine solche Fülle von Kunstwerken, Palästen, Kirchen und Museen. Florenz ist eine Sehnsuchtsstadt für alle an Kunst und Kultur Interessierten, darüber hinaus jedoch auch eine lebensfrohe und lebendige Stadt zu beiden Seiten des Arno. Nahezu im Halbstundentakt kommen und fahren von hier Züge in alle Richtungen. Vom Bahnhof aus sind es nur wenige Schritte bis zur historischen Innenstadt, dem UNESCO-Welterbe, und bis zur  Piazza della Signoria. Eingerahmt von Cafés und Restaurants überragt der gotische Palazzo Vecchio mit seinem schlanken Turm diesen schönsten aller Plätze. Seit dem 14. Jahrhundert wurde von hier die Stadt regiert, heute beherbergt der Palazzo mit seinen zahlreichen Sälen voller Fresken und Deckenmalereien das Museo Vecchio. Zwei berühmte Skulpturen – links die Marmorkopie von Michelangelos David – „bewachen“ den Eingang zum Palazzo. Mit dem monumentalen Neptun-Brunnen und der grazilen Loggia die Lanzi ist die Piazza della Signoria ein Freilichtmuseum und stets bevölkert von Touristen. Unweit davon befinden sich die Uffizien, die bedeutendste Kunstgalerie Italiens, und der Dom Santa Maria del Fiore, dessen freitragende Kuppel nach Plänen des genialen Baumeisters Brunelleschi als architektonisches Meisterwerk gepriesen wird. Große Teile der Altstadt sind Fußgängerbereich und locken zu einem Einkaufsbummel durch die eleganten Geschäfte und Boutiquen, an der Piazza della Republica laden Caféterrassen zum Verweilen ein. Zum Pflichtprogramm aller Besucher gehört die berühmte Ponte Vecchio.

Blick auf Ponte Vecchio  Foto: Christel Seiffert

Blick auf Ponte Vecchio Foto: Christel Seiffert

Die älteste der zahlreichen Brücken über den Arno ist mehr als ein steinerner Weg übers Wasser. Auf dem im 14. Jahrhundert erbauten Übergang gab es schon immer Werkstätten und Läden. Heute sind es dutzende Gold- und Juweliergeschäfte, die Käufer und Schaulustige anziehen. Von den drei Arkaden hat man einen schönen Blick über den Fluß und auf die südliche Stadtseite mit dem riesigen Palazzo Pitti und dem Giardino di Boboli, dessen Reiz sich schon Goethe nicht entziehen konnte.

Christel Seiffert

Italien: Dolce Vita in der Toskana

Pisa

In Pisa fällt der Turm um

*Pisa, das Tor zur Toskana, durch das sicher auch schon viele deutscheBesucher kamen und gingen. Oder besser: flogen. Vom Flughafen „Galileo Galilei” erreicht man in kürzester Zeit alle interessanten Ziele der Region. Florenz in einer Auto- oder Zugstunde, Siena in zwei, Lucca und Livorno in weniger als einer halben. Pisa-Sehenswürdigkeit Nr. 1, klar: der schiefe Turm. Der 1173 erbaute Koloss erstaunt durch seine 3,97 Grad Schräglage, die ihm beigestellte Kathedrale, das Baptisterium, imponiert durch gewaltige Architektur. Zwischen den Gebäuden grinsen die Touristen in zahlreiche Nikons, Leicas oder Sonys. Absolutes Must-Have: Das obligatorische „Ich-stütze-mich-gegen-den-Turm-damit-er-nicht-umfällt-Foto“.Pisa, Schiefer Turm

An einem solchen Touristen-Hot-Spot exklusives, ursprüngliches Toskana-Flair zu genießen, fällt schwer, klar.

Cappuccino für fünf Euro

Florenz ist da schon ein besserer Tipp. Exklusiv jedoch sind hier besonders die Preise. So sitzen wir auf dem Piazza della Signoria im Caffé Rivoire, bewundern den Neptun Brunnen und trinken einen sehr guten Cappuccino – für stolze fünf Euro, je Tasse wohlgemerkt. Aber was haben wir anderes erwartet? Immerhin befinden wir uns inmitten der Hauptstadt der Toskana. Also suchen wir weiter fernab der Metropolen.
Funktionierte toskanische Politik heute immer noch wie im Mittelalter, würden Berlusconi & Co. wohl eingepfercht in sogenannten Geschlechtertürmen urlauben. Noch im 16. Jahrhundert nämlich maß man den Einfluss einer Familie an der Höhe des zum Haus gehörigen Turms. Frei nach dem Motto: Die Mächtigste hat den Längsten. Leider jedoch lebte man dort damals wie heute ohne jeglichen Luxus – denn der ist auf so wenig gestapelten Quadratmetern kaum unterzubringen. San Gimignano besitzt insgesamt noch 15 dieser rudimentären Statussymbole. Sehenswert ist in der 7700 Einwohner Stadt außerdem die pittoreske Architektur, die im 16 Jahrhundert stehen blieb.

Champelmo und Dolcemaro

Viel wichtiger jedoch scheinen den vielen Touristen, die selbst hierher in die Peripherie strömen, San Gimignanos kulinarische Highlights zu sein: Crema di Santa Fina (Creme mit Safran und Pinienkernen), Champelmo (rosa Pampelmuse und Spumante) und Dolceamaro (Kräutercreme) – allesamt kreiert von Sergio, Besitzer der inzwischen weltberühmten Gelateria di Piazza. Der Meister der Eisherstellung ist dank seiner Experimentierfreude inzwischen weltbekannt: Der englische Fernsehsender BBC, der schwedische SVT und der deutsche MDR haben ihn schon besucht. Das macht ihn zwar nicht mehr zu einem wirklichen Geheimtipp – schmälert jedoch keinesfalls den originären Geschmack seiner gefrorenen Gaumenfreuden.

Auf dem Heimweg in die verträumten Weinberge Riparbellas, in denen wir ein traditionell möbliertes „Castello“ bewohnen, setzen Weindurst und Magenknurren ein. Nur: Sollen wir jetzt wirklich noch einmal ganz zurück bis in die nächste Kleinstadt Cecina fahren? Immerhin müssen hier in der Gegend für jede kleine Erledigung einige Kilometer zurück gelegt werden. Doch welch ein Glück: An der Bundesstraße SR68 Richtung Volterra kurz vor Cassina die Terra – direkt an der Abzweigung zu unserer bescheidenen Residenz – liegt versteckt zwischen Bäumen auf einem Hügel ein kleines Restaurant: das La Melantina. Während auf der Terrasse die Vorbereitungen für einen durch und durch toskanischen Polterabend stattfinden, sitzen wir drinnen in rustikal-künstlerischer Atmosphäre. Zwar fehlt die Speisekarte, dafür steht schon eine bastumflochtene 2,5 l Weinkaraffe für uns bereit. Eine Katze umstreift unsere Beine und nach und nach füllt sich der Raum mit gut gelaunten Gästen, die den Patrone wie einen lieben Verwandten begrüßen. Natürlich ausschließlich auf italienisch. Etwas verdutzt sind wir schon, als uns schließlich ohne Ankündigung Unmengen an Antipasti serviert werden – fantastische Antipasti! Erst dann kommt der Patrone und erklärt, welche Primi und Secondi heute gereicht werden. Wir essen Ricotta-Ravioli (die auf der Zunge förmlich zerschmelzen) und Risotto (was für eine köstlich-sämige Konsistenz!). Während die Polterabend-Stimmung langsam von draußen nach drinnen überschlägt, gehen wir zum Dessert über: Tiramisu und Pannacotta, wie wir sie – trotz Globalisierungs-Gedöns – in Deutschland noch nie gegessen haben. Nach den Espressi (natürlich aufs Haus) nimmt der Patrone mit beiläufigem Gesichtsausdruck einen karierten Schulblock, setzt sich an seinen Bürotisch, der erstaunlicherweise mitten im Restaurant steht, und addiert alles wie willkürlich zusammen. „Cincin!”, schallt es aus dem Nebenraum. Familie in Toskana

Die Toskana-Fraktion – ein Club der Hedonisten und Luxus-Fans? Ein absolutes Missverständnis, wie Liebhaber der italienischen Provinz wissen. Denn: Der Reiz des Lebens dort besteht in der Einfachheit, vor allem auch der Authentizität der Alltagsküche, der exczellenten „cucina povera“ – wie im La Melantina.

Christina Hollstein