Deutschland: Weinprobe mit Domina

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Herbsturlaub im Frankenland, wie man ihn mag: gepflegte Natur, Weine aus großer Tradition, Architektur und Kultur. Von allem reichlich, jedoch ohne die andernorts anzutreffende Massenfröhlichkeit. Solch ein Fundstück für Genießer ist die Mainschleife nordöstlich von Würzburg mit dem berühmten Weinort Volkach.

Hier ziehen sich die Weinberge – ein Drittel der 6000 Hektar Gesamtanbaufläche Frankens – eben im Flusstal, dann ansteigend, schließlich steil in die Höhe auf die Hochterrasse terroir F. Von diesem magischen Ort des Frankenweins in der Nähe der Wehranlage Vogelsburg schauen wir weit in eine Kulturlandschaft, in der es sich der Main „gemütlich macht“ und seine große Schleife um Weinplantagen und Wälder zieht. Radler genießen die Fahrt durch Weingärten auf dem „Obst-Wein-Main-Panorama-Weg-Fahr“ mit herrlichen Ausblicken auf die alten Weinorte, die man später mit mehr Zeit gern durchstöbert. Escherndorf und Nordheim sind die bekanntesten – und Sommerach, gerade zum schönsten Dorf Europas gekürt.

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Herbst in Franken, das ist natürlich die Weinlese. Mit Weinexpertin Martha Gehring geht‘s in den Weinberg der Winzerfamilie Braun, die in dritter Generation in Fahr eines der größten Güter an der Mainschleife bewirtschaftet. „Ich bin die „Madda“, begrüßt sie fröhlich und entspannt die Lesehelfer. „Für jeden habe ich Schere und Eimer. Hinein kommen nur die gesunden Trauben; faule, angeritzte auf den Boden; die mindern zum Schluss nur das Aroma“. Augenzwinkernd fügt sie hinzu: „Der Roten Domina können Sie sich schmerzfrei unterwerfen, sie ist hier die Rebsorte“. Wird es einen Jahrhundertwein geben? „Das weiß man erst, wenn er in der Flasche ist“, wehrt Madda ab, zieht aber sogleich das Refraktometer, den geeichten Zuckerindikator, zerquetscht darauf eine violette Domina-Traube und hält das Gerät gegen das Sonnenlicht. „86 Grad Oechsle, das riecht nach Spätlese, ein Dessertwein sollte 100 haben“. Die Balance zwischen Süße und Säure ist wichtig. Ein Wein ohne Säure schmeckt wie Traubensaft – und je älter der Weinstock, desto aromatischer die Trauben, umso geringer allerdings der Ertrag.

8.Weinlesehelferin.jpgEine halbe Stunde in gebückter Haltung draußen im Weinberg halten die Helfer durch, dann machen sie Pause auf dem Braunschen Weingut. Von der Kellermeisterin Kristin Zwiener, einer 31-jährigen Blondine aus Sachsen mit der Nase für den perfekten Wein, erfahren sie mehr über den trocken ausgebauten Domina Schwarzriesling, über ihren Lieblingswein Bacchus, die Auslesen und Beerenauslesen und die Pflege der Holzfässer. Quintessenz: „Wein entsteht im Weinberg“ und „Wein ist Poesie in Flaschen“, so einfach ist ihr „vinoses“ Latein. In der Heckenwirtschaft serviert Winzerfrau Heike Braun köstlichen Sauvignon blanc zur deftigen fränkischen Brotzeit: mit Gerupftem, einem angemachten Camembert, Landschinken, würzigen Würsten und „Blauen Zipfeln“ frisch aus dem Sud – so lässt es sich gut leben nach harter Arbeit im Wingert.

Genug ist’s mit der Domina. Im Frankenland hat´s herrliches Barock, gute Weine und Winzer, die es können! Da ist Rainer Müller in Volkach: „Entschuldigung für Arbeitshose und Gummistiefel, die heiße Phase der Lese und Pressung hat begonnen“, begrüßt er herzlich die Runde und geht sogleich in medias res: „Bei uns in Franken ist der Silvaner die klassische Rebsorte; der ist meine Leidenschaft und einer, wo sich die Kollegen schon anstrengen müssen“. Der gehört zu allererst in den Bocksbeutel, dann der Riesling, drittens der Burgunder – und der berühmte „Eschendorfer Lump“ ist sowieso das Beste, was „mer ham“.

Nein, Nachwuchssorgen haben das Winzerpaar mit drei Kindern nicht. Da ist Toni, mit seinen 24 Jahren schon Jungwinzer und auf dem Sprung nach Neuseeland – sobald er den Bachelor in Önologie in der Tasche hat. Dort begeistert ihn die Methode, Schafe zwischen den Rebstöcken grasen zu lassen, um so auf natürliche Weise die Weinberge „sauber und belüftet“ zu halten. Den Vater konnte er mit der Idee begeistern – seitdem gehören zehn dieser „Wollknäule“ zur Familie.

14.Frau Knoll,Weingarten.jpgAuf dem Traditionsweingut am Stein im Süden von Würzburg: berauschender Blick auf Stadt, Residenz und Marienburg. Sandra, Ehefrau des Winzers Ludwig Knoll, charmant wie kompetent als Marketing-Managerin, schaut von der Terrasse auf das Grün der Weinlage Stein. Von diesen berühmten Rebstöcken stammt einer der besten Tropfen Frankens; und von Goethe der Ausspruch: „Kein andrer will mir schmecken“. Knolls Vater hat mit Glück und Weitsicht vor Jahrzehnten die Parzellen erworben, Sohn Ludwig die Anbauflächen erweitert: „Der Würzburger Stein ist heute Deutschlands größte zusammenhängende Weinfläche mit 85 Hektar in Toplage“- Und fügt hinzu: „Guter Wein entsteht nur mit gutem Weingut“. Das erreicht er ohne Pestizide und Düngemittel.

Mitten im Weinberg stehen als das Stein‘sche Wahrzeichen zwei hölzerne Würfel in modernem Design: die Vinothek „WeinWerk“ sowie das Kelterhaus – mit Gästezimmern, Restaurant und Shop. Hier lagert Ludwig Knoll seine Schätze in Weiß, Rot und Rosé. „Der Muschelkalk Silvaner ist unser Flaggschiff; der Riesling, trocken ausgebaut, ist nicht besser zu machen“.

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Fügung oder Zufall: in Würzburg regierte insbesondere ein Geschlecht, das nicht nur kapitalkräftig, sondern auch künstlerisch hochbegabt war: die Schönborner. Die Marienburg über der Stadt war der bischöfliche Sitz. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Fürstbischof Johann von Schönborn der mittelalterlichen Festung überdrüssig; er träumte von Glanz und Glamour in der Stadt. Das war die Stunde des noch unbekannten Balthasar Neumann. Mit der barocken Residenz – seit 1982 UNESCO-Kulturerbe – schuf er das fränkische Versailles und hat sich mit diesem Meisterwerk als der wohl größte Baumeister des deutschen Barock unsterblich gemacht. Atemlos und stumm vor Bewunderung wird, wer in das gewaltige Treppenhaus tritt – Kundige sprechen von dem stärksten profanen Raumeindruck überhaupt – ,gekrönt von Tiepolos Deckengemälde, dem größten der Welt.

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Weinmacher Jochen Meintzinger und Frau Micha bitten zur ‚Kulinarischen Weinprobe‘ auf ihr renommiertes Gut im kleinen Frickenhausen, einst fürstbischöflicher Sommersitz. An der Weinbar wird mit der trockenen, roten Domina „geschöppelt“. Wie der schmeckt? Kräftig, erdig, ganz unverwechselbar, klassischer Franke eben. Der Graue Burgunder zur Brühe mit Leberklößchen hat die Noten von reifer Ananas und Quitten; das Aroma des Ricotta in leichtem Sherry-Jus rundet ein fruchtiger Spätburgunder ab. Das Weinschaumeis mit Zimt-Crunch krönt ein süßer Rieslaner. „Eine Traube aus Riesling und Silvaner, an die 90 Jahre alt“. Wer sich dann noch in einen Silvaner Novemberlese 2013 vertieft, wird Meintzingers Philosophie verstehen: der Wein ist wie eine Familie – jeder hat seinen Kopf, seinen Stil, seinen Charakter, seinen Charme. „Unverwechselbare Weine entstehen im Kopf, im Bauch und im Herzen; 60 Prozent macht der liebe Gott mit dem Wetter, 30 Prozent der Winzer und 10 Prozent steuert der Kellermeister bei“.

Text und Fotos: Katharina Büttel

Deutschland: Die Jeans ist ein Franke

Die Jeans ist der Inbegriff Amerikas. Doch Levi Strauss, der Mann der die blaue Arbeitshose weltweit bekannt gemacht hat, kam aus dem fränkischen Buttenheim.

In weit mehr als 100 Ländern der Welt kann man Levi’s Jeans kaufen, über 10.000 Menschen arbeiten für den Konzern und wohl kaum eine Marke hat weltweit ein solchen Bekanntheitsgrad. Doch Levi Strauss, der Gründer und Namengeber der Firma, kam ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Franken.

1983 bekam der Bürgermeister von Buttenheim einen Brief aus Milwaukee. Darin bat eine Amerikanerin, die eine Ausstellung über erfolgreiche deutsche Einwanderer organisieren wollte, um Informationen über die Jugendzeit von Levi Strauss. Der Bürgermeister war vermutlich ziemlich verwundert über das Schreiben – niemand in Deutschland wusste damals, dass der Erfinder der Jeans aus der Fränkischen Schweiz stammte. Neugierig geworden, durchsuchte man in Buttenheim die Geburtsregister und fand heraus: Ein Löb Strauss war tatsächlich am 26. Februar 1829 als Sohn eines jüdischen Hausierers in Buttenheim zur Welt gekommen. Und Löb war – wie sich bald herausstellte – nichts anderes als die deutsche Namensform von Levi.

Sogar das Geburtshaus von Löb Strauss stand noch, war aber in schlechtem Zustand. Die Stadt kaufte das baufällige Gebäude, überlegte dann aber lange hin und her, was damit passieren sollte. Zunächst hofften die Buttenheimer, der Levi’s Konzern in den USA würde den Umbau unterstützen. Doch der kam erst viel später – und dann auch nicht als Sponsor für den Bau – ins Boot. Anstelle dessen meldete ein japanischer Vergnügungspark sein Interesse an. Der wollte das Gebäude Stein für Stein abtragen und in seinem Heimatland als Attraktion zwischen Loopings und Autoscootern wieder aufbauen lassen. Trotz klammer Kassen lehnten die Buttenheimer das Angebt ab. Löbs Haus sollte in der Heimat bleiben. Schließlich machte man sich dann doch an die Renovierung des Gebäudes, und im Jahr 2000 wurde das ehemalige Wohnhaus der Familie Strauss als Museum eröffnet.

Seitdem arbeitet Tanja Roppelt Levi Strauss Museum als Direktorin. Mit sichtbarem Stolz führt die junge Frau Besucher durch ihr Haus. „Das hier war der einzige Wohnraum der Familie Strauss“, erklärt sie im ersten Ausstellungsraum. Mit geschätzten 30 Quadratmetern ist der alles andere als groß – kaum vorstellbar, dass hier der kleine Löb zusammen mit sechs Geschwistern und seinen Eltern gelebt haben soll. Der zweite Ausstellungsraum ist noch kleiner. „Die Küche der Straussschen Wohnung“, sagt Roppelt. Im Obergeschoss, in dem heute mit Fotos und Videos der Lebensweg von Levi Strauss in den USA nachgezeichnet wird, wohnte damals schon eine andere Familie.

Mit Kurzwaren durchs Land

Familie Strauss hatte immer zu wenig Geld. Der Vater zog als Händler von Hof zu Hof und verkaufte Kurzwaren. Seine Familie konnte er davon kaum ernähren. Deswegen wanderten die beiden ältesten Brüder in die USA aus, um dort ihr Glück zu versuchen. Nach dem Tod des Vaters folgte auch die Mutter, zusammen mit Löb und den jüngeren Geschwistern.

Löb arbeitete zunächst für seine beiden Brüder. Die hatten im New Yorker Stadtteil „Little Germany“ einen kleinen Laden eröffnet und es damit zu bescheidenem Wohlstand gebracht. Bald nahm Löb die amerikanische Staatsbürgerschaft und gleichzeitig den Namen Levi an. Im Auftrag seiner Brüder zog er in den frühen 1850er Jahren an die Westküste. Er sollte dort eine „Zweigstelle“ des New Yorker Betriebes eröffnen. In Kalifornien hatte man nämlich Gold gefunden und Tausende von Glücksrittern machten sich auf den Weg dorthin. Levi Strauss folgte zwar auf ihren Spuren,  kam selbst aber nicht, um Gold zu schürfen. Sein Geld verdiente er damit, dass er den Goldsuchern all das verkaufte, was sie zum Leben brauchten: Äxte und Tassen, Messer und Schaufeln, Hemden und Hüte. Und Hosen aus stabilem Denimstoff. Levi Strauss wurde schnell zu einem erfolgreichen Unternehmer und belieferte bald den gesamten Westen.

Jacob David hat’s erfunden

Die Jeans hat aber eigentlich nicht er, sondern Jacob Davis erfunden. Der aus Riga eingewanderten Schneider war auf die Idee gekommen, Hosen an den Stellen, an denen sie besonders strapaziert werden, mit Metallnieten zu verstärken. Strauss lieferte zwar den Stoff für die Jeans, verkaufte das fertige Endprodukt und besaß zusammen mit Davis das Patent für die „Waist Overalls“, wie die Jeanshosen damals noch hießen. Erfunden hat die Jeans aber eigentlich Davis. Doch dem fehlte das  Geld, um die Idee für die Jeans patentieren zu lassen und die Hosen zu vertreiben. Zumindest die berühmte Levi’s 501 geht auf Levi Strauss zurück – auf seinem Orderformular hatten nämlich die „Waist Overalls“ die Bestellnummer 501.

Rasso Knoller