Frankreich: Korsikas Höhepunkte

Calvi

Auf Korsika gibt es Blutrache, die Siesta, politische Intrigen, den aromatischen Käse Casjiu Merzzu, wilde Schweine, Esskastanien und alterslose Greise, die einfach nur zuschauen, wie die Zeit vergeht. Den Korsen sagt man nach, sie seien Individualisten von überschäumendem Temperament, doch gleichzeitig beherrscht und gelassen in ihrem Gehabe, gastfreundlich, ihren Freunden treu, heimatverbunden, redegewandt und mutig – aber auch leicht beleidigt. Das ist die Quintessenz des Kultcomic „Asterix auf Korsika“. Recht hat der kleine Gallier, denn treffender kann man die Ile de Beauté, die Insel der Schönheit, wie die Franzosen Korsika nennen, kaum beschreiben.

Italienisches Flair im Norden

Bastia gibt sich geschäftig. Vor allem auf der Place Saint-Nicolas und am alten Hafen. Die weite Place Saint-Nicolas verströmt südländisches Flair, wirkt aber nicht unbedingt typisch korsisch, man wähnt sich eher in Italien. Hier trifft man sich zum Flanieren, zu einem Aperitif im Café, am Wochenende zum Flohmarktbesuch oder zu einem der Konzerte im Pavillon. Natürlich kommen auch die Boulespieler hierher und werfen mit stoischer Ruhe ihre Kugeln. Wer lieber einen Schaufensterbummel machen möchte, kein Problem, denn die Shoppingmeilen, der Boulevard Paoli und die Rue César Campinchi sind nur wenige Schritte entfernt.

BastiaZwei winzige Leuchttürme rahmen den alten Hafen mit seinen Jachten und Fischerbooten ein. Die hoch aufragenden Häuser der Altstadt Terra Veccia erinnern mit ihren bunten Fensterläden an ein ärmliches Dorf in Ligurien, im Hintergrund sind die Ausläufer des Pinto-Massivs zu erkennen. Überragt werden die Häuserschluchten von der Fassade der Barockkirche Saint-Jean Baptiste, dem Wahrzeichen Bastias. Hier lag einst die Keimzelle der Stadt.

Im alten Hafen reiht sich ein Restaurant ans andere, sie locken mit exklusiven Meeresfrüchteplatten, aber auch günstigen Touristenmenüs. Ein Drei-Gänge-Menü muss es aber schon sein, man ist schließlich in Frankreich. Zum Auftakt trinkt man statt des französischen Pastis lieber den korsischen Traditionsapéritif Cap Corse, den Myrtenlikör Murtellina oder den Kastanienlikör Castagnja. Als Vorspeise steht fast immer die Charcuterie Corse, eine Auswahl deftiger Wurst- und Schinkensorten auf der Speisekarte. Alternativ kommen eine kräftige Leberpastete oder eine Suppa Corsa infrage. Zum Hauptgericht sind Wildschwein, Lamm oder Zicklein immer eine gute Wahl. Als Nachspeise beliebt sind würziger Schaf- und Ziegenkäse. Der König der korsischen Käse ist der Brocciu, der vorzüglich mit Feigenmarmelade mundet. Als Alternative bieten sich Fiadone, die korsische Vairante des Käsekuchens oder die Torta Castagnina, ein süßer Kuchen aus Kastanienmehl an. Im alten Hafen bleibt jeder gerne länger sitzen, genießt die in warmes Licht getauchte Kulisse und lässt den Abend bei einer Flasche Wein oder einem Cocktail ausklingen.

Von L’Île Rousse nach Calvi

In Saint-Florent und L’Île Rousse, westlich von Bastia, geht es im Sommer fast wie in Saint Tropez zu. Im Hafen von Saint-Florent liegen Segelboote und Jachten dicht an dicht, auf der Promenade flanieren die Reichen, in den Clubs und Bars lässt man sich den Champagner munden. Die Altstadt von L’Île Rousse ist ebenso voll wie der Stadtstrand, wer viel Trubel mag, ist hier genau richtig.

Zwischen den beiden Städten ist nur Wüste – der Désert des Agrigates. Noch vor 100Calvi Jahren breitete sich hier fruchtbares Land aus, heute gibt es nur noch kahle Felsen und undurchdringliche Macchia. Doch an der Küste liegt ein Traumstrand am anderen, unvergesslich ist der Anblick der Plage de Saleccia mit seinem schneeweißen Sandstrand und dem azurblauen, glasklaren Wasser. Wer Robinson spielen will, kommt mit dem Boot, nimmt eine der Allradpisten oder bricht zu Fuß auf dem Küstenweg in die Einsamkeit auf.

Die Suche nach einem Traumstrand geht aber auch bequemer, denn im Sommer fährt die Tramway de Balagne mehrmals täglich auf der Strecke von L’Île Rousse nach Calvi. Ohne Eile ruckelt die Schmalspurbahn durch eine wunderschöne Landschaft, tutet vor jeder Kurve und hält unterwegs an rund einem Dutzend Strände.

Weithin sichtbar thront die mächtige Zitadelle von Calvi auf einem ins Meer ragenden Felsen, sie gilt als eines der imposantesten Bauwerke aus der Genuesenzeit. Zu ihren Füßen liegt der Jachthafen, in dem es ähnlich mondän wie an der Côte d’Azur zugeht. In den Bars und Restaurants trifft man sich nach einem Tag am Strand und lässt den Tag ausklingen.

Fruchtbare Hügel und kariöse Felsen

IMG_5184_DxO-klein-Les CalanchesNur wenige machen einen Abstecher ins Hinterland, in die fruchtbaren Hügel der Balagne, die bis zu den Gebirgsmassiven Zentralkorsikas reichen. Dank der guten Böden gedeihen im Garten Korsikas Zitrusfrüchte, Oliven und Vermentinu-Trauben der Spitzenklasse. Uralte Dörfer wie Sant’ Antonio, mit windschiefen Häusern aus Natursteinen, thronen wie Adlerhorste auf Bergrippen. Früher war es für die Bewohner wichtig, seeräuberische Sarazenen rechtzeitig auszumachen und sich in ihrer uneinnehmbaren Festung zu verbarrikadieren. Heute genießen Besucher den Rundumblick von der Küste bis zu den Bergen des Monte Grosso.

Zwischen Porto und Piana wird es spektakulär. An diesem Küstenabschnitt wird nicht gebadet sondern gestaunt. In unzähligen Kurven schlängelt sich die Straße durch die eigentümliche Felslandschaft der Calanche de Piana. Es ist die Steilküste der zerfressenen Felsen, ein Gebirge der kariösen Steine. Je nach Tageszeit erscheinen die Felsen Rot, Rosa oder Braun. Nur wenig Fantasie ist nötig, um allerlei Gesichter und Figuren, wie zusammen gekrümmte Löwen oder gehörnte Teufelsköpfe, in ihnen zu erkennen.

Auf Napoleons Spuren

Ajaccio, die größte Stadt Korsikas, verehrt noch heute Nepoleon Bonaparte. Sein AjaccioGeburtshaus, die Casa Buonaparte, ist heute Museum, im Rathaus wird seine Totenmaske ausgestellt, auf der Place de Gaulle zeigt er sich mit seinen vier Brüdern als römischer Imperator, auf der Place Maréchal Foch gibt er den Ersten Konsul, mit Löwen zu seinen Füßen. Höhepunkt des Napoleonkults ist die Place d’Austerlitz, die Heldentaten vor ihm in Stein gemeißelt, wacht er am Ende einer Triumphtreppe auf einem Sockel mit strengem Blick und Dreispitz über seine Geburtsstadt.

Aber auch wer mit Napoleon nichts am Hut hat, sollte sich für Ajaccio Zeit nehmen. Wegen Korsikas größter Kunstsammlung im Musée Fesch, dem bunten Markt auf dem Square Campinchi, der Einkaufsstraßen Cours Napoléon und Rue du Cardinal Fesch und dem mediterranen Treiben auf den mit Palmen und Platanen bestandenen Plätzen der Stadt.

Sandstrände und traumhaft schöne Buchten

An der Ostküste wartet das Kontrastprogramm. Von der Alsani-Mündung über Aléria bis nach Solenzara erstreckt sich die Plaine Orientale. Hier beginnen die Berge erst einige IMG_6298_DxO-klein-PinarelloKilometer hinter der fruchtbaren Schwemmlandebene des Tavignano und lassen Platz für Weinstöcke, Obstbäume, Weiden und Wiesen. Die gesamte Ostküste ist die Badewanne Korsikas, denn ein Sandstrand reiht sich an den anderen. Jeder Küstenabschnitt schmückt sich mit einem klangvollen Namen: Im Norden liegt die Costa Verde, die grüne Küste, um Aléria die Costa Serena, die heitere Küste, daran schließt sich die Côte des Nacres, die Perlmutt-Küste, an. Hinter dem Strand bleibt noch Platz für Dutzende Villages de Vacances, Campingplätze, Feriendörfer, Bungalowanlagen, FKK-Zentren und private Ferienhäuser.

Im Gegensatz zur Ostküste mit ihren rund 80 Kilometer langen Sandstränden ist die Südküste stärker gegliedert. Kleine Buchten werden immer wieder von vorspringenden, felsigen Landzungen unterbrochen. Jede dieser Buchten besitzt ihren ganz eigenen Charme. Doch überall gibt es glasklares, türkisfarbiges Wasser und einen feinkörnigen Strand, der von Felsen, Dünen und Pinienwäldern eingerahmt wird. Fotogen sind sie alle, die Buchten von Rondinara und Pinarellu, traumhaft auch die Plage de Santa Giulia und die Plage de Palombaggia südlich von Porto Veccio.

Bonifacio, die schönste Stadt Korsikas, thront im Süden der Insel auf einem hohenBonifacio Kreidefelsen. Die exponierte, früher strategisch ungemein wichtige Lage am Südzipfel Korsikas weckte über Jahrhunderte Begehrlichkeiten und machte Bonifacio immer wieder zum Zankapfel zwischen Pisa, Genua und Frankreich. Die scheinbar uneinnehmbare Zitadelle am höchsten Punkt mit ihren abweisenden Mauern hat die unruhigen Zeiten bis heute überdauert. Die Zukunft einiger Häuser scheint dagegen fraglich, denn sie stehen so dicht an der Kante der von Wind und Wellen zerfressenen Steilküste, dass ihr Absturz nur eine Frage der Zeit scheint. Im Winter ist Bonifacio fast menschenleer, doch ab Juni kommt wieder Leben in die schöne Kulisse, öffnen Restaurants und Souvenirläden und bald darauf füllen sich die Straßen wieder mit Touristen.

Christian Nowak

 

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Frankreich: Der Westen Korsikas zwischen Calvi und Ajaccio

Offiziell gilt Kolumbus als Entdecker Amerikas. Auch wenn er nur durch Zufall auf den neuen Kontinent gestoßen ist, denn eigentlich wollte er ja nach Indien segeln. Genau genommen hat er Amerika aber nur wiederentdeckt, denn schon 500 Jahre vor ihm war höchstwahrscheinlich schon der Isländer Leif Eriksson dort. Soweit sind sich die Historiker einig, doch bei Kolumbus‘ Geburtsort streiten sie sich, ob er nun Spanier, Italiener, Portugiese oder gar Franzose war. Lange schien Genua die besten Argumente zu haben und verwies auf das Testament des genuesischen Seefahrers in spanischen Diensten.

Doch auch die Korsen sind felsenfest davon überzeugt, dass Kolumbus in Calvi geboren wurde. Sie verweisen auf die angeblichen Reste seines Geburtshauses in der Zitadelle und um ihren Anspruch zu untermauern, haben sie kurzerhand eine Straße und einen Platz nach ihm benannt. Seit dem 550jährigen Jubiläum der Entdeckung Amerikas 1992 gibt es an der Außenmauer der Zitadelle auf dem Place Christophe Colomb eine Bronzebüste in einem halben Boot. Da bis jetzt selbst die gentechnische Untersuchung seiner Knochen keine eindeutige Klärung brachte, darf sich Calvi wohl noch eine Weile als Geburtsort des großen Entdeckers fühlen.

Eigentlich hat Calvi das Heischen nach Aufmerksamkeit gar nicht nötig, denn die Stadt und ihre Umgebung gelten als Côte d’Azur Korsikas. Die mächtige Zitadelle thront weithin sichtbar auf einem ins Meer ragenden Felsen und gilt mit der von Bonifacio als imposantestes Bauwerk aus der Genuesenzeit. Auch der Jachthafen und der Quai Landry am Fuß der Festungsmauern brauchen sich vor der Côte d’Azur auf dem Festland nicht zu verstecken. In den Bars und Restaurants herrscht im Sommer Hochbetrieb, hier trifft man sich am Abend nach einem Strandtag in der Bucht von Calvi. Dass es am Quai eher mondän als volkstümlich zugeht, überrascht nicht bei den meist großen Jachten im Hafen.

Der Garten Korsikas

Zwischen den beiden Touristenzentren Calvi und L’Île Rousse erstreckt sich die Balagne. Eingeklemmt zwischen zwei wüstenhaften Gebieten, im Nordosten der Désert des Agrigates und im Südwesten der Balagne Déserte, breitet sich ein fruchtbares Hügelland bis zu den Gebirgen Zentralkorsikas aus. Dank der guten Böden gedeihen im Garten Korsikas Zitrusfrüchte, Oliven und Vermentinu-Trauben der Spitzenklasse. Doch selbst hier können die Menschen kaum noch von der Landwirtschaft leben, deshalb sind viele in die Städte oder gleich aufs Festland gezogen und haben ihre Felder der Maccia überlassen.

Nur wenige Touristen machen sich von den Stränden ins Hinterland auf, zu den kleinen Dörfern mit uralten, windschiefen Häusern aus Natursteinen, die oft wie Adlernester auf Bergrippen und Hügelkuppen thronen. Früher waren die rund zwei Dutzend Dörfer der Balagne durch den Anbau von Zitronen, Clementinen, Orangen und Mandeln relativ wohlhabend, heute sind die landwirtschaftlichen Erzeugnisse zwar immer noch gefragt, doch eine wirtschaftliche Bedeutung haben sie kaum noch. Nur der Tourismus bietet eine Chance, dass die wunderschönen Dörfer nicht noch weiter überaltern und entvölkern.

Die Küste der kariösen Felsen

Zwischen Porto und Piana schlängelt sich die Straße kurvenreich durch die bizarre Felslandschaft der Calanche de Piana, überall möchte man anhalten und atemlos auf das Gebirge der kariösen Steine schauen. Schon in Porto sind nicht der Ort oder der Strand die größte Attraktion, sondern die roten, zerfressenen Felsen der Steilküste, die bei Sonnenuntergang regelrecht zu glühen anfangen. Noch viel dramatischer sind die Calanche de Piana, hier erreichen die Verwitterungen, die Steine wie Bienenwaben aussehen lassen, ihren Höhepunkt. Je nach Tageszeit erscheinen die Felsen in allen Rot-, Rosa- und Brauntönen, wer nur etwas Fantasie besitzt, erkennt allerlei Gesichter und Figuren. Einer Legende nach sollen die Tafoni sogar ein Werk des Teufels sein. Kein Wunder also, dass sie auch so manchen Literaten beeindruckt haben. Der korsische Dichter Pierre Bonardi schrieb:„ Felsen des Gemetzels, ein letztes Aufbäumen blutverschmierter Gladiatoren, eine ganze Armee von vor Blut triefenden Tieren und Männern sind dort, dem Stoß des Monte-Cinto und des Monte Rotondo Widerstand leistend.“

Die Heimat des Großen Korsen

In Ajaccio begegnet man Napoleon auf Schritt und Tritt. Seine Präsenz ist so auffällig, dass man sich irgendwann fragt, womit der französische Kaiser diese unverblümte Huldigung eigentlich verdient hat. Er wurde zwar hier am 15. August 1769 geboren, doch schon mit neun Jahren verließ er die Stadt in Richtung Festland. Seine weiteren Aufenthalte in Ajaccio waren nicht unbedingt von Liebe geprägt und kurz. Immerhin machte er seine Geburtsstadt 1811 zur Hauptstadt Korsikas, negierte aber gleichzeitig ihre Autonomieansprüche. Nicht gerade beliebt machte er sich durch die Zwangsrekrutierung Tausender Korsen für seine Armee. Auch sein Bruder Lucien war für negative Schlagzeilen gut, als er einen Aufstand blutig niederschlug. Als Napoleon mit all seinen Großmachtplänen gescheitert war und 1814 abdanken musste, war die Freude in Ajaccio groß.

Heute ist sein Geburtshaus in der Rue Saint-Charles ein vielbesuchtes Museum. Interessant ist der weitverzweigte Stammbaum, der verdeutlicht, über welche Macht der Napoleon-Clan einst verfügte. Der gegenwärtige Chef des Hauses Bonaparte, Prinz Charles Napoleon, auch Napoleon VII. genannt, hat nur einige Jahre in der Lokalpolitik mitgemischt und sich dann frustriert auf das Festland abgesetzt. Im Rathaus huldigt man dem großen Korsen mit Devotionalien wie der bronzenen Totenmaske. Auf der Place de Gaulle zeigt er sich mit seinen vier Brüdern als römischer Imperator, auf der Place Maréchal Foch gibt er den Ersten Konsul, mit Löwen zu seinen Füßen. Höhepunkt des Napoleonkults ist die Place d’Austerlitz, die Heldentaten vor ihm in Stein gemeißelt, wacht er am Ende einer Triumphtreppe auf einem Sockel mit strengem Blick und Dreispitz über seine Geburtsstadt. Als Dank an ihn und seine Sippe gibt es auch noch den Cours Napoleon, die Rue Bonaparte, die Rue du Roi de Rome, die Rue Letizia und die Rue du Cardinal Fesch.

Christian Nowak

Frankreich: Das Ecomusée d’alsace im Elsass wird zum Adventsdorf

Seufert,

Noch ist der Teig für die Plätzchen ein bisschen klebrig. „Einfach noch weiter kneten“, sagen Manon Morgen und Funda Kara. Bredala, die für das Elsass typischen Plätzchen, wollen sie mit den Besuchern zaubern. Es ist kalt in der guten Stube. Rauch zieht aus dem Ofen in den Raum. Gemütlichkeit sieht anders aus. Die beiden jungen Frauen tragen keine flotten Shirts und lässige Jeans, sondern Kleider mit weiten Schürzen, die Haare unter einer hübschen Haube züchtig versteckt.

Im Ecomusée d’alsace, Foto: Diana Seufert

Im Ecomusée d’alsace, Foto: Diana Seufert

Sie und weitere 150 Freiwillige wollen das elsässische Dorfleben wie vor 100 Jahren wieder zum Leben erwecken. Das Ecomusée d’Alsace von Ungersheim – das Freilichtmuseum wenige Kilometer nördlich von Mulhouse – steht derzeit ganz im Zeichen von Weihnachten.
Stimmungsvoll sind die mehr als 70 Häuser geschmückt und verbreiten eine heimelige Atmosphäre. Draußen kräht der Hahn lauthals, während drinnen im großen Haus zusammen mit den Besuchern die Plätzchen ausgestochen oder aus süßem Hefeteig Manalas, Hefemänner, geformt werden. Nicht nur Kinder machen sich gerne ans Werk. Auch viele Erwachsene holten sich so die Erinnerungen an schöne Kindertage wieder zurück.
Im Ecomusée d’alsace, Foto: Diana Seufert Vor 30 Jahren öffnete das Freilichtmuseum im Oberelsass seine Pforten und ist seither zum Besuchermagnet geworden. Fast 200 000 Gäste zählt man jährlich. Und schon bei der Eröffnung der Weihnachtsschau, die bis 4. Januar geht, strömen die Besucher in Scharen. Sie lassen sich gefangen nehmen von der interessanten Symbiose zwischen historischen Häusern und der Moderne, die immer wieder miteinander verwoben werden.
„Unser Museum ist einzigartig“, schwärmt Direktor Eric Jacob. Denn es werden nicht nur über 40 000 Exponate aus dem Alltag ausgestellt, sondern hier wird das Dorfleben Anfang des 20. Jahrhunderts lebendig. Drei Häuser seien sonntags regelmäßig bewohnt, erzählt er. „Wir wollen die Zeiten nicht verklären, sondern authentisch darstellen und Emotionen vermitteln.“ Das ist dem Direktor wichtig.
Durch die Häuser streifen, einen Blick in die Spezerei mit den historischen Spielsachen und der hübschen Puppenstube werfen, Schmied und Wagner, Schuhmacher und Töpfer über die Schulter schauen oder selbst beim Backen und Töpfern Hand anlegen: Die Besucher sollen eintauchen in die Welt der Vorfahren, die bei weitem nicht so romantisch war, sondern harte, mühevoller Arbeit und Entbehrung bedeutete. Um Holz zu sparen, trafen sich die Familien eines Dorfes früher reihum in den einzelnen Häusern. Während die Frauen für das Essen zuständig waren oder auch strickten, fertigen die Männer unterschiedliche Bastelarbeiten an. „Das war einfach das Fernsehen vor vielen Jahrzehnten“, sagt Jacob.

Seufert,  Ecomusée d’Alsace
Einer der 150 Freiwilligen ist Guy Macchi. Der 66-jährige Sundgauer ist gelernter Mauer und hat beim Wiederaufbau der Häuser geholfen. Bei der Kutschenfahrt über das weitläufige Gelände gerät er ins Schwärmen. „Wir wollten die alten Gebäude nicht verfallen lassen“, erzählt er mit einem Leuchten in den Augen. Das älteste Gebäude, ein Wohnhaus aus Turckheim, ist von 1492. Auf das Fachwerk mit den verschiedenen Konstruktionen lenkt er den Blick. Gleich neben dem Wohnturm von Mulhouse schmiegt sich ein Fischerhaus von 1520 an den kleinen See, den sich die Enten erobert haben. Jetzt im Winter müssen sie das Wasser nicht mit den Störchen teilen. Im Frühjahr dagegen kommen wieder mehr als 30 Brutpaare zurück und bauen ihre Nester auf den Dächern weiter aus. „Das kann auch ein Problem werden“, macht Experte Macchi deutlich. Denn so ein Nest wiegt mehrere Hundert Kilogramm. „Eine schwere Last für so ein altes Haus.“
Ecomusée d’Alsace, SeudertAnfang der 1980er Jahre wurden die ersten Häuser auf das zehn Hektar große Dorf „umgepflanzt“. Mit 19 Gebäuden startete das Museum, nun sind es über 70. „Die alten Häuser können uns Antworten geben für das Zusammenleben der Menschen für die Zukunft.“ Davon ist Jacob überzeugt. Und deshalb entsteht inmitten der historischen Gebäude eines aus dem 21. Jahrhundert aus Holz und Lehm, an dem Interessierte gerne mithelfen können. Zum Gelände, dessen Fläche sich vervierfacht hat, gehören auch Wald, Streuobstwiesen mit 215 diversen historischen Apfelsorten, Rebland, Kräuter- und Gemüsegärten sowie Seen.
Ecomusée d’Alsace, SeufertWeihnachtliche Atmosphäre verströmt das Museum allerorten – nicht nur in den drei Gärten, die dem Christkind, dem Nikolaus und dem bösen Hans Trapp, dem elsässischen Knecht Ruprecht, gewidmet sind. Die Blicke zieht vor allem das blaue Haus des Christkinds und dessen zauberhafter Garten auf sich: mysteriös, poetisch und geheimnisvoll zugleich. Die Krippe der Handwerker wird auch schnell zum Besuchermagnet, die Geschichte des Weihnachtsbaums gibt neue Einblicke auf die grünen Zweige und das abendliche Schauspiel erinnert an die Geburt des Jesuskindes – Weihnachtsstimmung ohne kommerziellen Kitsch und blinkende Lichterketten.

Text und Fotos: Diana Seufert
Info
Das Ecomusée d’Alsace
Im Freilichtmuseum im Elsass, zwischen Colmar und Mulhouse, haben Besucher seit 1984 die Möglichkeit, in den historischen Häusern das dörfliche Leben kennenzulernen. 150 Freiwillige und 40 hauptamtliche Mitarbeiter vermitteln ein authentisches Bild. Mittlerweile ist es eines der bedeutendsten Museen Europas.
Zu erreichen ist das Gelände nicht nur mit dem Auto, sondern auch per Zug über Straßburg oder Mulhouse an den Bahnhof Bollwiller. Wer will, kann sich von dort mit der Pferdekutsche abholen lassen und im Hotel im Museum übernachten.
Geöffnet hat das Freilichtmuseum bis 4. Januar und macht danach wieder im Frühjahr auf.

Frankreich: Inselhopping vor der bretonischen Küste

Wenn die „Vindilis“ oder eine ihrer Schwesterfähren auf den Hafen der Belle-Île-en-Mer zusteuert, muss sie erst einmal ordentlich die Fahrt drosseln. Gebremst und in einer Linkskurve geht es durch die nicht allzu breite Einfahrt, vorbei an Dutzenden Segelbooten. Am Quai warten bereits Laster, Kleinbusse und Taxis – auf Waren oder auf die Tagestouristen, die von Quiberon aus auf die „Schöne Insel“ kommen. Doch kaum sind Container und Kisten vom Schiff geladen und die Inselbesucher in einem der Busse verstaut, verfällt die Inselhauptstadt Le Palais wieder in ihr eigenes deutlich entschleunigtes Tempo.

057Das kleine Ortszentrum ist mit den Restaurants am Hafen, der Kirche mit ihrem spitz zulaufenden Glockenturm und dem Marktplatz überschaubar. Durch eine schmale Straße geht es zum Binnenhafen, wo vor alten pastelfarbenen Häusern mit bunten Fensterläden Boote dümpeln – für viele Besucher eines der beliebtesten Fotomotive. Die meisten zieht es von hier weiter zur Zitadelle, die wuchtig über der Inselhauptstadt thront. Vor dem Eingang wartet Serge Albagnac, kurze graue Haare, Brille, Schirmmütze. Früher war er Bürgermeister von Le Palais und kennt sich wie kein Zweiter mit der Geschichte der Belle Île aus. Die sei bereits im Mittelalter von Mönchen besiedelt worden, erzählt er, und ging dann im 17. Jahrhundert an den Finanzminister Ludwigs XIV. Allerdings fiel der Minister bald in Ungnade und das Stückchen Land an die französische Krone. Der Sonnenkönig wies seinen Militärarchitekten Vauban an, die Zitadelle auf dem Hügel über Hafen und Inselhauptstadt auszubauen, denn die Belle Île sollte geschützt werden – vor den sich häufenden Piratenüberfällen. Schade nur, dass Vaubans Pläne aus Geldmangel nicht ganz umgesetzt werden konnten und die Insel schließlich ausgerechnet von den Engländern eingenommen wurde!

Für heutige Verhältnisse ist der Bau – auch wenn nicht ganz vollendet – beeindruckend genug .Nicht alle Bereiche sind zugänglich, schließlich ist in Teilen der Zitadelle ein schickes Hotel eingezogen. Trotzdem, es gibt genug zu entdecken – den Pulverturm mit seiner besonderen Akustik, das alte Arsenal mit den massiven Deckenbalken, die ehemaligen Gefängniszellen, in denen noch Graffitti der Gefangenen zu sehen sind.

087Von Le Palais aus geht es weiter in den Nordwesten der Insel – steile Klippen, karge Vegetation, an der Pointe des Poulains weht fast immer ein frischer Wind. Ausgerechnet in dieses Fleckchen verliebte sich die Schauspielerin Sarah Bernhardt, als sie 1894 auf die Belle Île kam. Und kaufte kurzerhand das halb verfallene Fort an der Inselspitze, ließ es nach und nach instand setzen. Der Theaterstar der Belle Époque reiste aber nie allein, hatte stets Familie, Freunde, Personal um sich – weitere „Villen“ mussten gebaut werden, um die Entourage unterzubringen. Heute ist die Anlage ein Espace muséographique – mit den originalgetreu eingerichteten Wohnräumen Bernhardts, mit alten Fotos und Tondokumenten. So wird der Besucher in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts zurückversetzt. Und kann sich in etwa vorstellen, wie es gewesen sein muss, als die schicken Pariser auf die in bescheidenen Verhältnissen lebenden Inselbewohner trafen- und ganz langsam der Tourismus auf der „Schönen Insel“ Einzug hielt.

Künstler oder reiche Müßiggänger auf der Suche nach dem „Exotischen“ – das waren auch die ersten Touristen, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts nach Ouessant kamen. Die schroffe Insel liegt vor dem Fischerort Le Conquet rund 20 Kilometer vom Festland entfernt – und ist somit der westlichste Punkt Frankreichs. Die Region ist in der Schifffahrt berühmt-berüchtigt, das schnell umschlagende Wetter, Untiefen und tückische Klippen haben in den vergangenen Jahrhunderten viele Schiffe sinken lassen. Kein Wunder also, dass es auf der Insel mehrere Leuchttürme gibt, einige davon können auch heute noch besichtigt werden. Ondine Marin, die selbst aus einer Seemannsfamilie auf Ouessant stammt, sorgt dafür, dass Neugierigen der Phare Stiff aufgeschlossen wird.

Er ist einer der ältesten Leuchttürme Frankreichs und wurde zu Vaubans Zeiten auch als Teil eines Befestigungsgürtels um Frankreich angelegt – der Leuchtturmwärter musste nach englischen Schiffen Ausschau halten und im Notfall den Hafen von Brest vor den anrückenden Feinden warnen.

049104 Stufen geht es eine Wendeltreppe hinauf – ein Aufstieg, der sich lohnt. Denn aus gut 30 Metern Höhe kann man die gesamte Insel überblicken. Mit ihrer Heidekrautlandschaft, den kleinen Weiden mit Schafen, der zerklüfteten Küstenlinie. Und mit den grau gedeckten Dächern der kleinen Inselhauptstadt Lampaul. Eine große Kirche mit Friedhof, auf dem auch zahlreiche Opfer von Schiffsunglücken beerdigt sind, ein paar Lädchen und Creperien – zu besichtigen gibt es hier nicht viel. Dennoch, selbst der Tagesbesucher spürt die besondere Atmosphäre des Örtchens, in dem ein bisschen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Schmale Straßen läuft man entlang, zwischen Feldern und Weiden hindurch, an kleinen Windmühlen oder verwitterten alten Häusern vorbei. Und kommt schließlich zum kleinen Museum von Niou, das 1969 als Frankreichs erstes „Ecomusée“ gegründet wurde. Ein schiefergedecktes Bauernhaus aus wuchtigen Feldsteinen, mit blauen Fensterrahmen. Innen dann der Kontrast zwischen weißgekalkten Wänden und farbenfrohen Holzmöbeln. Blau gestrichene Anrichten und Wandregale mit bunten Keramiktellern, dazu blank geschrubbte Esstische und lange Bänke – gut kann man sich vorstellen, wie die Inselbewohner vor über 100 Jahren lebten – und wie sie versuchten, aus den schwierigen Lebensbedingungen der abgelegenen Insel das Beste zu machen.

Ein wenig, sagt Ondine, gelte das auch noch heute. Klar, es gibt regelmäßige Fähr- und sogar Flugverbindungen und abgehängt sei man auf Ouessant schon lange nicht mehr. Dennoch, gerade im Herbst könne es gut sein, dass es für Schiff und Flugzeug zu stürmisch werde und dann sei es auf der Insel ein bisschen wie früher. Gut also, dass es seit einigen Jahren eine ganze Reihe von Festivals und Kulturveranstaltungen gibt – von Film über Literatur bis hin zu Musik. Ondine findet das gut. Nicht nur für den Tourismus auf der Insel sondern auch, weil sie so als Bewohnerin von Ouessant viele interessante Menschen aus aller Welt kennenlernt.

Sabine Loeprick

Frankreich: Aube en Champagne

Foto - Aube en Champagne Tourisme - Kathedrale Troyes

Champagner und mehr

Geschätzte Einhundert Mal bin ich auf der A 26 durch die „Aube en Champagne“ gerauscht, ohne dabei von der Autobahn abzufahren. Das wird sich heute ändern. Ich nehme die „Sortie 22“ und steuere auf Troyes zu, mit dem guten Vorsatz an einem Tag gleich mehrere Sehenswürdigkeiten des französischen Departements der Südchampagne zu entdecken.

Troyes, die Hauptstadt, ist eine wahre Schönheit aus dem Mittelalter. Die Innenstadt hat den Umriss eines Champagnerkorkens und ein Spaziergang im historischen Stadtkern mit seinen vielen eindrucksvollen Fachwerkhäusern entführt zu einer Reise in die Vergangenheit. Augenblicklich werde ich in die Zeit der Champagnermärkte versetzt, die inmitten von Kramläden und herrschaftlichen Stadthäusern, den Ruhm der Stadt begründeten.

Troyes war einst von Kirchen, Klöstern, Abteien und anderen religiösen Bauten wie übersät. Heute enthalten die neun unter Denkmalschutz stehenden Kirchen und die Kathedrale viele Meisterwerke der Bildhauerei und Glasmalerei.

So wie die Stadt bieten auch die Museen von Troyes dem Liebhaber eine Mischung aus Tradition und Moderne: Museum für moderne Kunst, Geschichtsmuseen, die alte Apotheke im Hôtel-Dieu-Le-Comte…

Aber Troyes ist nicht nur eine historische Schönheit, sondern auch eine dynamische Stadt mit einer sehr starken Textiltradition. Viele große Marken haben ihre Karriere in Troyes begonnen wie zum Beispiel Lacoste. Heute sind hier die bekanntesten Textilmarken und -unternehmen vertreten. Schnell entwickelte sich Troyes zur Hauptstadt der Fabrikläden. Die Besucher strömen herbei, um Schnäppchen zu machen und Qualitätsmarken 30 bis sogar 50 % preiswerter als in einer Boutique zu erstehen.

Beim Mittagessen in einer „Brasserie“ muss ich unbedingt herausfinden, was sich hinter „AAAAA“ verbirgt. Ich bestelle also eine Andouillette aus Troyes, eine ganz besondere französische Spezialität, eine Wurst die kräftig gewürzt ist, wobei der Innereiengeschmack stärker hervortritt. Die „Association Amicale des Amateurs d’Andouillettes Authentique“ wacht über erstklassige Qualität.

Foto - Aube en Champagne Tourisme - Hobby Rahn Galerie Leica

Der Naturpark Forêt d’Orient

So gestärkt kann die Erkundungstour durch das Departement weitergehen. Östlich von Troyes erstreckt sich der beeindruckende regionale Naturpark Forêt d’Orient über 80.000 Hektar und 57 Gemeinden. In diesem waldreichen Gebiet gibt es drei riesige Stauseen und unzählige Teiche. Jetzt bedauere ich, dass ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs bin, denn ein hervorragend ausgebauter Radweg führt in das Gebiet der großen Seen.

Der größte, der Lac d’Orient hat eine Fläche von 2.500 Hektar gefolgt vom Lac du Temple mit 1.800 Hektar und dem Lac Amance mit 490 Hektar. Ich stoße bei Géraudot auf den Lac d’Orient mit seiner riesigen Wasserfläche und überlege, ob ich noch einen Abstecher zu einer von 15 Fachwerkkirchen machen soll. Nachdem sie lange vernachlässigt waren, sind diese Holzkirchen heute restauriert und erstrahlen fast wie neu. Besonders die Kirchen von Longsols (15. und 16. Jh.) und Lentilles (16. Jh.) lohnen. Oder ein Schlenker nach Brienne-le-Château, das als Ausbildungsort Napoleons, der hier von 1779 bis 1784 als Internatszögling an der damaligen königlichen Militärschule studierte, bekannt geworden ist ?

In diesem Jahr denken Geschichtsinteressierte ganz besonders an den französischen Kaiser und an den Frankreichfeldzug vor genau 200 Jahren. Hier wurden mehrere Schlachten gegen die 6. Koalition geschlagen und ein reiches Programm erinnert jetzt an diese Ereignisse.  Ich entscheide mich jedoch dem Champagnergebiet um Bar-sur-Aube einen näheren Besuch abzustatten.

Der König der Weine

Vorbei am Erlebnispark Nigloland erreiche ich die am Rande von Champagne und Burgund gelegene Côte des Bar, die die Hauptregion der Aube ist, in der man den König der Weine erzeugt. Neben den Weinbergen von Montgueux oberhalb von Troyes und von Villenauxe im Nordwesten des Departements konzentrieren sich die Gemeinden mit der Herkunftsbezeichnung „Champagne“ bei der Côte des Bar zwischen Bar sur Seine und Bar sur Aube.

Foto - Aube en Champagne Tourisme - Spezialitäten

Eine markierte Strecke von 220 km, schlängelt sich gemütlich durch Höhenzüge und Täler, Winzerdörfer und Champagne-Häuser. Entlang dem sprudelnden Reiseweg öffnen 29 Weinkeller dem Publikum ihre Pforten. Hier haben die Champagnerhäuser noch eine menschliche Dimension. Ich halte zu einer autofahrergerechten Minimalverkostung an. Der nette Franzose versieht wie die meisten Winzer  die Traubenernte, die Weinbereitung und den Verkauf selbst. Höchstpersönlich empfängt er in seinem Weinkeller und weiht in die Geheimnisse seines berühmten Gebräus ein. „Santé“, ein königlicher Augenblick!  Und dann noch der Gedanke, dass manche dieser Keller aus dem 12. Jahrhundert stammen!

Es ist nicht leicht, sich von diesem angenehmen Ort zu trennen, aber es warten noch weitere Sehenswürdigkeiten auf meiner Route. Etwa acht Kilometer südöstlich wurde Glas schon seit dem Jahr 1300 bearbeitet. 1678 gründete ein venezianischer Glasmacher in Bayel die „Cristalleries“ und unter Ludwig XIV. wurden sie zur königlichen Kristallmanufaktur der Champagne. Bis heute weiß die Fabrik ihren Glasmachermeistern die vielfältigsten und ausgefeiltesten Techniken zu übermitteln. Eine Besichtigung lässt mich über ihre Fertigkeiten staunen: Glasblasen, Schneiden und Gravieren von Hand sowie Anfertigen von gebräuchlichen und dekorativen Gegenständen aller Art.

Ein Meisterwerk der Klosterarchitektur

Ganz in der Nähe auch die Zisterzienserabtei von Clairvaux. Sie ist ein Meisterwerk der Klosterarchitektur und wurde im 12. Jahrhundert von Bernhard von Clairvaux gegründet und in der Revolution unter Napoleon Bonaparte zu einer Strafanstalt umgebaut. Obwohl ein Teil der Örtlichkeiten immer noch als Gefängnis dient, kann man bei einer Besichtigung des Kellers, einer Schlafsaaletage, der Prälatur und des wundervollen Gebäudes der Laienbrüder einige Juwelen der Zisterzienserarchitektur bewundern.

Bei der Auffahrt 23 auf die Autobahn A 5 endet meine Besichtigungstour. Für heute ! Schließlich gibt es in der „Aube en Champagne“ noch so viele Überraschungen. Das Champagnerdörfchen Les Riceys, die Kirche Saint-Jean-Baptiste in Chaource mit bewundernswerter Grablegung von 1515, das Renaissance-Schloss La Motte Tilly in der Nähe von Nogent-sur-Seine, der botanische Garten in Marnay-sur-Seine, Renoirs Atelier in Essoyes, warten auf einen Besuch. Und wer weiß, vielleicht komme ich auch einmal mit dem Rad.

Jörg Hartwig

Foto - Aube en Champagne Tourisme - Kirche

Foto - Aube en Champagne Tourisme -Velovoie

Foto - OT Brienne-le-Château - Napoleon

Frankreich: Die Vendée an der Atlantikküste

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Die Vendée gehört zu den französischen Departements mit den meisten Sonnenstunden, hat jährlich rund 36 Millionen Übernachtungen von Touristen, besitzt 250 Kilometer Küstenlinie, organisiert mehr als 500 große Veranstaltungen im Jahr und lockt mit mehr als 300 Touristenattraktionen. Dennoch ist das Gebiet in Deutschland noch ein Geheimtipp.

Die Vendée ist ein sehr geschichtsträchtiges Gebiet. Ein großes Freizeit- und Besichtigungsangebot und viele namhafte Veranstaltungen machen es das ganze Jahr über zu einem lohnenden Reiseziel. Entweder man genießt Ferien an der 250 Kilometer langen Küste, man sucht im Herzen der Heckenlandschaft der Vendée nach Spuren der Geschichte oder taucht in das üppige Grün der Sümpfe „Marais Poitevin“ ein.

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Die Küste der Vendée ist in Sonne und Licht getaucht

Die Vendée, besitzt 250 Kilometer Küstenlinie. 140 Kilometer davon sind lange feine Sandstrände. Zahlreiche Seebäder empfangen Gäste und bieten vielfältige Aktivitäten an um alle Besucher zufrieden zu stellen. Nicht nur Verliebten ist ein Aufenthalt auf den Inseln der Vendée, Noirmoutier oder Yeu, zu empfehlen. Familienurlaub im Ferienhaus, Camping, Feriendörfer, Hotels. Für viele Wünsche gibt es ein Angebot.

Warum nicht an den feinen Sandstränden eine riesige Sandburg bauen, baden oder einfach das angenehme Mikro-Klima genießen? Viele Sportarten sind möglich: Segeln, Surfen, Drachensurfen, Tauchen, Kajak fahren. In der Vendée gibt es ein Radwegenetz von mehr als 1.000 Kilometer Länge aber auch Wanderungen, Reitsport, Golf und Fischen sind sehr beliebt. In zwei Zentren für Thalassotherapie erfährt man die Wohltaten des Ozeans.

Die Vendée Globe ist eine Non-Stop-Regatta für Einhandsegler, die einmal um den Globus führt und deswegen als die härteste Einhandregatta der Welt gilt. Die letzte Regatta startete am 10. November 2012 in Sables d’Olonne und die Nächste wird ab November 2016 ausgetragen.

Die Küste und das Meer bringen schmackhafte Spezialitäten hervor wie feines Salz aus Noirmoutier, die Sardine von Saint Gilles Croix de Vie, die Seezunge, die Muscheln von l’Aiguillon sur Mer und die frischen Atlantikaustern der Vendée.

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Die grüne Vendée der Heckenlandschaft, der Ebene und der Sümpfe

Mit Wäldern, kleinen Tälern, Hügeln, Ebenen und Sümpfen ist das Hinterland der Vendée ein wahres Mosaik.

Die Heckenlandschaft bietet zahlreiche kleine Wege, die zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Pferd zu erkunden sind. Hier ist auch die Geschichte sehr gegenwärtig. Schlösser, Abteien und Kirchen stammen aus der Zeit des Vendée-Krieges. Die grüne Vendée ist auch ein Land der Sagen und Legenden. Blaubart, Gargantua und die Fee Melusine haben ihre Spuren hinterlassen. Wenn man durch die Landschaft streift, kommt man rasch ins Träumen. Man denkt an die Zeit, als sich Prinzen und Feen begegneten und mit einer einzigen Bewegung des Zauberstabes Bergfriede, Mauern, Herrenhäuser und großartige Kirchen erbauten.

Liebhaber von Natur und Stille finden in den Sümpfen Marais Poitevin, dem grünen Venedig ein wahres Paradies. Ein unglaubliches Labyrinth von Kanälen wird von Eschen gesäumt und lässt den Besucher in ein zauberhaftes Gebiet eindringen, wo Bäume und Wasser ein harmonisches Zusammenspiel eingehen.

Neben der landschaftlichen Fülle besitzt die Vendée auch ein reiches Kulturerbe und mehr als 300 touristische Attraktionen und Aktivitäten. Der Attraktionspark Le Puy du Fou wird jährlich von 1,74 Millionen Gästen besucht.

Frankreich: Südseefeeling in der Bretagne

 Blick auf Benodet  Foto: Christel Seiffert

Nach schroffen Klippen und wilder Brandung im Norden zeigt die Küste der Bretagne im Südwesten ihr sanftes Gesicht – mit langen Sandstränden, idyllischen Buchten und karibischem Flair

 „Mit seinem Klima, seinen Feigenbäumen und seinem klaren Himmel erinnert es an Cote d´Azur“, schwärmte der Dichter Guillaume Apollinaire 1917 über das Seebad Bénodet. Auch Maler wie Paul Gauguin und Eugene Boudin, Schriftsteller wie Emile Zola und Marcel Proust fühlten sich vom mediterranen Charme der Küste des Lichts angezogen. Weit mehr als Hundert Jahre ist es her, dass aus dem Fischerdorf ein moderner Badeort wurde, der sich dank seiner überschaubaren Größe eine persönliche Note bewahrt hat. Keine Bettenburgen sondern kleine Hotels und charmante Ferienhäuser, ein Kasino, ein Zentrum für Thalassotherapie mit beheiztem Meereswasserschwimmbad, das Meeresmuseum und ein großer Yachthafen locken Gäste aus aller Welt an.

Den schönsten Blick auf Bénodet hat man von der Cornouaille-Brücke, die 610 Meter lang den Odet überspannt, der hier in den Atlantik mündet. Das Panorama ist atemberaubend: eingebettet in das Grün der Wälder erstrahlen kleine Häuser in schneeigem Weiß unter einem pastellfarbenen Himmel. Die Sonne zaubert glitzernde Lichter auf das in tiefem Blau schimmernde Meer, auf dem hunderte Segelboote wie weiße Tupfer schweben. Kein Maler könnte dieses Bild schöner komponieren. An vier Stränden sind dem Badevergnügen keine Grenzen gesetzt. Beliebt bei Familien ist der breite Sandstrand Le Trez, von Felsen gesäumt der von Saint Gilles, Le Letty liegt an einer natürlichen Lagune und der kleine Strand am Leuchtturm Le Cog, der im Abendlicht goldfarben schimmert.

Foto: Christel Seiffert

Ein schöner Meeresboulevard führt hinunter bis zum Fährhafen, vorbei an der prächtigen weißen Villa im marokkanischen Stil, die einst für den Pascha von Marrakesch erbaut wurde. Rings um den Hafen bieten zahlreiche Restaurants neben Gaumen- und Augenschmaus auch Meerblick. Beliebt als Mittagstisch ist Crépes, das Nationalgericht der Bretonen. In der Créperie Ker Bonne Aventure, der sogenannten Piratenkneipe, kann man wählen unter 31 verschiedenen herzhaften Crépes, die ausschließlich aus Buchweizen hergestellt werden. Auch bei den süßen Crépes aus Weizenmehl mit Füllungen aus Maronencreme oder Erdbeer- und anderen Konfitüren ist das Angebot riesig. Ein kulinarisches Highlight ist die „Plat de Fruits de Mer“ – mit sechs Sorten Muschen und Schalentieren, die auf einem Bett aus Eis und Algen serviert werden.

Foto: Christel Seiffert

Apropos Crépes: unverzichtbar ist ein Abstecher zur „Biscuiterie Francois Garrec“. Dort kann hinter Glas beobachtet werden, wie Crépes und bretonisches Gebäck in Handarbeit hergestellt werden. Kosten sollte man unbedingt den berühmten Butterkuchen „Kongin Amanu“, der köstlich schmeckt aber leider sehr kalorienreich ist. Und wer ein typisch bretonisches Souvenir sucht, wie z.B. den Bol – eine Kaffeeschale mit dem eigenen Vornamen – hat hier die Qual der Wahl. Es heißt, jeder Bretone habe seinen eigenen Bol, und der ist oftmals schon das erste Geschenk nach der Geburt eines neuen Familienmitglieds.  

Reizvoll ist auch die Umgebung von Bénodet. Eine Fahrt auf dem Odet – die Bretonen preisen ihn als den schönsten Fluss Frankreichs – gehört zu den eindrucksvollsten Erlebnissen. Majestätisch schlängelt sich der Fluss durch bewaldete Ufer, vorbei an kleinen Herrensitzen oder Schlössern versteckt im Grün, an alten Mühlen und stillen Buchten. Zwei Stunden dauert die Schiffsreise bis Quimpere, der alten Hauptstadt der Cornauaille. Schon von Weitem sind die grazilen Türme der Kathedrale St. Corentin zu sehen.

Kathedrale von Quimpere  Foto: Christel Seiffert Beim Bummel durch die restaurierte Altstadt wird der Blick immer wieder von den Fachwerkhäusern aus dem 14.-18. Jahrhundert gefangen. Die schönsten und ältesten Erkerhäuser säumen die Rue Kreon, die zur gotischen St. Corentin führt, eine der größten und prächtigsten Kathedralen der Bretagne. Mittelalterliche Atmosphäre bietet auch das Städtchen Concarneau, eine knappe Autostunde östlich von Bénodet. Wie eine schwimmende Festung liegt die berühmte Altstadt in dem großen Fischereihafen. Hinter den Wällen der 350 Meter langen und hundert Meter breiten La Ville Close tobt tagsüber touristischer Trubel. Durch die engen Gassen mit ihren zahlreichen Geschäften, Souvenirläden, Restaurants und Créperien drängen sich die Besucher. Beim Gang auf der Stadtmauer geht der Blick weit über den Hafen. Besonders im August wimmelt es in Concarneau von Touristen aus nah und fern, denn das Féte des Filet Bleus, das Fest der blauen Netze, ist eines der ältesten und schönsten Volksfeste der Bretagne. Höhepunkt dieses großen Sommerspektakels mit vielen Veranstaltungen ist die Parade der Trachtengruppen, bei der die Frauen stolz ihre herrlichen bretonischen Spitzen und weißen Spitzenhäubchen tragen.

Glénan-Inseln Foto: Christel SeiffertKaribisches Flair verspricht ein Ausflug zu den Glénan-Inseln. 18 Kilometer vor dem Festland erstreckt sich der Archipel aus zahlreichen kleinen und fünf größeren Inseln. Von April bis September ist St. Nicolas – die größte und einzige mit einem Hafen – das Ziel vieler Tagesausflügler. Etwa eine Stunde dauert die Überfahrt, bei der die Besucher per Bordfunk viele Informationen über die unter Naturschutz stehende Inseln erhalten. Auch von Kommissar Dupin ist dann die Rede, denn seit er auf den Glénan-Inseln „ermittelt“, wollen immer mehr begeisterte Leser aus Deutschland seinen Spuren folgen. „Bretonische Verhältnisse“ und „Bretonische Brandung“ sind nicht nur zwei raffinierte Krimis von Jean-Luc Bannalec, sondern gleichzeitig eine Liebeserklärung des Autors an die Schönheit dieser Inselwelt. Nur die Hauptinsel St. Nicolas ist bewohnt, doch es gibt kein Hotel, keinen Campingplatz, nur ein Restaurant – eben Natur pur. Ein Bohlenweg führt durch Dünen rund um das Eiland und mitten hinein in viel weißen Sandstrand und kristallklares Wasser, das im Sonnenschein smaragdgrün erstrahlt. Weit geht der Blick über die Lagune zu den anderen Atollen, an denen bunte Fischerboote und Segeljachten Anker geworfen haben. Spätestens dann stellt es sich ein –  das Südseefeeling in der Bretagne.

Text und Fotos: Christel Seiffert

Frankreich: Unbekannte architektonische Visionen

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Fast andächtig nähere ich mich der Königlichen Saline von Arc-et-Senans in der französischen Region Franche-Comté nahe der Schweizer Grenze. Das Ensemble, das heute zum Weltkulturerbe zählt, beeindruckt durch rationale Linienführung und erhabene Größe. Durch einen monumentalen Portalbau, mit einem von massiven Säulen getragenen Architrav mit glattem Schaft und dorischen Kapitellen, die von der griechischen Antike inspiriert sind, gelange ich in das Innere der Anlage.

Hier wurden Visionen Realität. Die Königliche Saline von Arc-et-Senans wurde im 18. Jahrhundert vom berühmten Architekten Claude Nicolas Ledoux unter Ludwig XV. gebaut. Schon im Mittelalter wurde im zwanzig Kilometer entfernten Salins, Salz aus salzhaltigen Quellen gewonnen. Da jedoch viel Brennstoff zum Verdampfen des Wassers nötig war, entschloss man sich das Wasser auf Reisen zu schicken, und eine neue Saline in der Nähe immenser Holzvorkommen zu bauen: Elf Gebäude in einem perfekten Halbkreis. Mit Siedewerken, Haus des Direktors und Verwaltungs- und Salzsteuergebäuden.

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Ich halte mich links und werde sofort von einer spannenden Ausstellung im Böttcherhaus angezogen: Modelle des Architekten Claude Nicolas Ledoux, die zu seinen Lebzeiten verwirklicht wurden: Herrenhäuser, Theater, das letztendlich bewilligte Projekt der Saline. Im zweiten Flügel, die von Ledoux erträumten Projekte, wie sie in seiner 1804 erschienenen Abhandlung der Architektur dargestellt werden, nachdem er der Guillotine, nicht aber dem Gefängnis von 1793 bis 1795 entkommen war. Die Modelle zeigen traumhafte oder utopische Projekte, die Idee einer »idealen Stadt«. Diese sprudelnde Vorstellungskraft ist die eines Mannes, der nicht mehr den Druck der zu realisierenden Bauten oder der zu erfüllenden Aufträge hat, und der der Nachwelt alle Facetten seines schöpferischen Geistes vermachen will.

Ein paar Schritte weiter symbolisiert ein Okulusfenster im monumentalen Haus des Direktors, die Allwissenheit und Macht der Obrigkeit. Wohnungen des Direktors und des Finanzverwalters; im Erdgeschoss Versammlungsräume, Verwaltung, Gerichts- und Bankwesen. Die Hausangestellten wohnten in der obersten Etage. Die wuchtige Treppe, die die Form eines Schiffes annimmt und die Mitte des Gebäudes einnimmt, führte zu einer Kapelle wo sonntags die Messe vor der gesamten Belegschaft gefeiert wurde. Der Gottesdienst spiegelte das soziale Organisationssystem der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts wieder. Heute informiert hier eine fesselnde Ausstellung über die Gewinnung, Bedeutung und den Gebrauch von Salz. Jetzt erst wird mir klar, was Salz mit Käse zu tun hat. Jetzt erst wird mir der enorme Wert des Salzes bewusst. Erst jetzt verstehe ich, warum es eine Salzsteuer gab und warum die ganze Anlage von einer hohen Mauer umgeben ist.

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Die beiden ehemaligen Siedewerke haben mit 1.890 und 1.100 m², beeindruckende Dimensionen. Heutzutage finden hier Wechselausstellungen, Aufführungen oder aber Seminare und Tagungen statt.

Auch die ehemaligen Gemüsegärten der Salzarbeiter innerhalb der Anlage sind sehenswert: Gartenfestivals lassen die Besucher durch Blumen- und Pflanzenwelten schreiten, die von 300 Gärtnern aus Burgund und der Franche-Comté angelegt werden.

Nun ins nahe gelegene Restaurant. Wer jetzt eine »gesalzene Rechnung« für ausgezeichnete französische Küche erwartet, der war noch nicht in der Franche-Comté.

Jörg Hartwig

Frankreich: La Rochelle, die schöne Rebellin

La Rochelle HafenDie charmante Hafenstadt La Rochelle wurde im 10. Jahrhundert gegründet und war zunächst ein Fischerdorf, das aufgrund des Wein- und Salzhandels ab dem 12. Jh. an Bedeutung gewann. Der Hafen von La Rochelle gehört heute zu den schönsten Atlantik-Häfen Frankreichs. Historische Reederhäuser mit Restaurants und Cafés säumen die Uferpromenaden. Die drei Türme der Stadt, Saint-Nicolas, Chaîne und Lanterne, sind die Überreste der Befestigungen der Stadt. Der Tour de la Chaîne und der Tour Saint-Nicolas wurden im 14. Jahrhundert gebaut und verteidigten den Eingang des Hafens. Der Tour de La Lanterne aus dem 15. Jahrhundert diente als Landmarke, Leuchtturm und Gefängnis. Er unterscheidet sich von den beiden Hafentürmen durch seine gotische Spitze. Von seiner fast 300-jährigen Funktion als Gefängnis zeugen etwa 600 Wandmalereien von spanischen, holländischen und britischen Gefangenen. Die malerische Altstadt der Hugenotten- und Protestanten-Hochburg ist geprägt von mittelalterlichen Häusern und prächtigen Patrizier-Villen, deren Fassaden mit Wasserspeiern und steinernen Köpfen geschmückt sind. Auch das Rathaus der Stadt, ein imposanter Renaissancepalast, erbaut von König Heinrich IV., sowie der Justizpalast und das Hôtel de la Bourse, beides eindrucksvolle klassizistische Bauwerke auf dem 18. Jahrhundert, sind einen Besuch wert.  Schmale Gassen und geheimnisvolle Passagen führen zu versteckten Plätzen und Hinterhöfen. Die rue de l’Escale wirkt wie eine Zeitmaschine: Man fühlt sich um Jahrhunderte zurückversetzt. Der Bischöfliche Palast aus der Zeit Ludwig XVI. beherbergt das sehenswerte Musée-des-Beaux-Arts, das in erster Linie der Malerei des 15. bis 19. Jahrhunderts gewidmet ist. Eine Pause legt man am besten in dem schönen Jugendstil-Café „Café de la Paix“ ein. Hier war der Schriftsteller Georges Simenon Stammgast.

Info: www.poitou-charentes-vacances.com

Frankreich: Elsässischer Wein

 

Elsässischer Wein zur traditionellen Küche ist ein Muss. Über 170 Kilometer schlängelt sich die  Weinstraße am Rhein an der französisch-deutschen Grenze entlang und bietet köstliche Tropfen. Weiter im Norden liegt die kleine Weinstraße mit der nördlichsten Weinlage des Elsass in Cleebourg, nur wenige Kilometer von Rheinland-Pfalz entfernt.  Und dort ist eine von zehn Weinbruderschaften des Elsass zu finden.

„Lupfet s’Glasl bis zur Nasl, trinket noch en gute Schluck, Gsundheit.“ Die Mitglieder der Weinbruderschaft in Cleebourg, in grüne Mäntel und weiße Handschuhe gehüllt und mit einem schwarzen Hut geziert, singen ihren Trinkspruch aus voller Kehle. Und mit Begeisterung. Die vier Orte Cleebourg, Oberhoffen, Rott und Steinseltz bilden die „Confrérie des Vins des  Quatre Bans“, die 1996 ins Leben gerufen wurde, um den nördlichsten Wein des Elsass bekannt zu machen. Und der kommt teilweise sogar aus Deutschland, denn einige Weinberge liegen nicht nur an, sondern direkt auf der Grenze in Schweigen, wo auch das deutsche Weintor steht.

Seit Jahrhunderten wird im Herzen des Naturparks der Vogesen, rund 60 Kilometer nördlich von Straßburg, ein edler Tropfen gekeltert. Die Wurzeln des traditionellen Weinanbaus im Pays de Wissembourg reichen zurück bis auf die Dominikanerabtei aus dem 13. Jahrhundert. „Schon damals verstanden es die Mönche, die geistige Nahrung mit den Freuden des Leben zu vereinen“, lächelt Richard Juncker. Er weiß, wovon er spricht, seit drei Jahrzehnten ist er Kellermeister der Genossenschaft. Die ersten, die bei Cleebourg Wein anbauten, waren allerdings  im 8. Jahrhundert die Benediktiner.

Zwar blieb auch das Elsass und die Gegend rund um Wissembourg nicht vor der Reblaus verschont, doch sorgten ein  mildes Klima und der lehm- und mergelhaltige Boden für eine fruchtbare und ertragreiche Arbeit der Winzer. 1946 taten sich Anbauer  mit einer Rebfläche von 70 Hektar schließlich zu einer Genossenschaft zusammen, die im Laufe der Jahre mehr und mehr ausgebaut wurde. Heute werden 200 Hektar Fläche bewirtschaftet, vor allem mit den Reben  Auxerrois und Pinot Gris. Selbst Bioweine gibt es mittlerweile rund um Cleebourg. Und die Klimaerwärmung schreckt die Winzer nicht: „Dadurch sind wir bald die einzigen, die noch typischen Elsässer Wein produzieren.“ Ausgewogene und harmonische Tropfen eben.

„Cleebourger Wein im Glasl is ä Pläsier für Zung‘ und Nasl“, findet Kellermeister Juncker, der sich bei einer Führung durch den Weinkeller und die neue Abfüllanlage gerne über die Schulter schauen lässt. Nach dem Einblick in die Vinifizierung und den Gang durch den Keller lädt er zur Weinprobe in der Empfangshalle. Im Ornat der Bruderschaft. Denn Juncker ist einer von 160 Mitgliedern der Bruderschaft, die sich als Botschafter des heimischen Tropfens sehen. Drei Stufen musste er wie alle Novizen bis zur Reife in der Vereinigung erklimmen. Will der Novize für würdig befunden werden, ein erleuchteter Bruder zu sein, muss er schließlich sechs Elsässer Weißweine bei einer Verkostung erkennen. Für richtige Weinkenner dürfte das mit etwas Übung zu schaffen sein. Der Bruderschaft kann übrigens jeder Interessierte beitreten.

Diana Seufert

Für die Besichtigung des Cleebouger Weinkellers sollte man sich unter www.cave-cleebourg.com anmelden. Dort sind auch die Öffnungszeiten und Infos zur Direktvermarktung zu finden.

Frankreich: Die Insel des Marinemalers

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«Bald fahren wir zur Ile d’Yeu» sagte meine Frau. Ich hatte zunächst „Ile Dieu“ verstanden, was im Französischen so viel bedeutet wie Insel Gottes. Das wäre gar nicht so unwahrscheinlich gewesen, schließlich liegt die Insel in Frankreich und die Atlantikküste hat allgemein einen guten Ruf.

Auf dieser Insel hatte lange Zeit der Großvater meiner Frau gelebt. Der 1999 verstorbene Mann war offizieller Maler der französischen Marine, eine seltene Auszeichnung für hervorragende Arbeit von Künstlern, die vor allem Meereslandschaften, Häfen und Schiffe auf ihre Leinwand bannen. Jean Rigaud gehörte zu den Bekannten unter ihnen. Zahlreiche Werke in großen französischen Museen, wie der „Hafen von La Rochelle“ im Pariser Marinemuseum oder der „Felsen von Yport“ ebenfalls in Paris im Museum für moderne Kunst, tragen seine Unterschrift mit dem Marineanker.

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Der Maler hatte sich 1955 in die kleine Insel Yeu verliebt, ist von den Einwohnern akzeptiert worden und hatte einige Jahre später dort ein Haus mit Künstleratelier ganz im Stil der Region erbaut.

Vor Ort werden wir von einer Tochter des Malers erwartet, die uns, ganz französisch, mit einem schmackhaften Diner empfängt. Fischsuppe mit Croutons, eine Spinat-Tarte, dazu schmeckt ein süffiger Rosé-Wein der Vendée. Doch noch bevor wir das Dessert gekostet haben, ziehe ich ein Buch über Jean Rigaud aus meiner Reisetasche. „S’il vous plaît Madame, erzählen Sie uns!“. Die Bilder, die der Marinemaler auf seiner Insel in vielen Jahren geschaffen hat, haben wir bereits genau betrachtet. Wir möchten gerne die Insel entdecken, und die Malerei soll uns als Wegweiser dienen. Noch am selben Abend markiert uns die nette Dame die „Anse des Broches“, den Schiffsfriedhof, „Saint Sauveur“, „Ker Chalon“ und noch manch andere Orte, an denen Jean Rigaud seine Staffelei aufgestellt hatte, auf einer Karte der kleinen Insel, die mit dem Fahrrad in einigen Stunden zu umrunden ist.

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Mit Fahrrädern machen wir uns am nächsten Morgen auf Entdeckungstour. Am Hafen werden Leihräder angeboten, aber wir finden einige ältere Modelle in einem Schuppen zwischen alten Bilderrahmen, Blechdosen mit Pinseln und Terpentinbüchsen.

Zunächst geht es nach „Port Joinville“, dem quirligen Hauptort der Insel. Die Straßen sind ein einziges Gewirr aus Fußgängern, Radfahrern und alten 2 CV Modellen. Normalerweise hat der Ort etwa 4.000 Einwohner, doch im Sommer verfünffacht sich die Zahl. Hier kommen je nach Gezeiten die Fähren vom Festland an und bringen neue Urlauber und Tagesausflügler. Vor einem Fischgeschäft wird ein toter Hai in den Auslagen bestaunt. Antiquitätenläden, Fahrradverleih, Bars.

Uns zieht es zur „Coopérative Maritime“, wo man alles findet, was ein Seemann benötigt: Barometer, Stiefel, Schnüre und Kordeln, Tauchanzüge, Bücher zur Meereskunde. Unter den Fachbüchern ist auch ein Farbband über Werke der Marinemaler, in dem uns zwei „Jean Rigaud“ begegnen.

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Jetzt zieht es uns in die kleinen engen Gassen des Ortes in Richtung zur Kirche hinauf. Wir müssen den Ort, an dem der Marinemaler seine Staffelei aufgestellt hatte, um dieses Bild von Port Joinville 1961 zu malen, nicht lange suchen. In mehr als fünfzig Jahren hat sich hier kaum etwas verändert. Wir können jede Linie des Bildes in der Natur nachvollziehen.

Die westliche Küste ist wild und voller Granitfelsen. Als wir an der „Pointe du But“ von den Rädern steigen, fährt ein Fischkutter mit rostroten und weißen Segeln an uns vorüber. Etwas weiter liegt eine Bucht mit feinem Sandstrand: die „Anse des Broches“. Die Szenerie, die wir als 1991 gemaltes 50×73 cm Ölbild kennen, liegt in voller Größe vor uns. Diese Perspektive hatte der Maler ausgewählt, und selbst die kleinen Hüttchen, in denen die Fischer ihr Material aufbewahren, sind noch unverändert vorhanden. Nur der Himmel ist heute etwas freundlicher als auf dem Gemälde von Jean Rigaud.

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Auf der Fahrt nach „Saint Sauveur“ begegnen uns wieder Fahrräder in Massen. Sie sind hier das Hauptverkehrsmittel. Am großen Leuchtturm vorbei und am winzigen, tief eingeschnittenen Hafen von „La Meule“, erreichen wir den Ort im Zentrum der Insel mit seiner beeindruckenden romanischen Kirche aus dem 11. Jahrhundert. Hier findet allmorgendlich ein kleiner Markt statt. Die „Patisserie Mousnier“, die wie eine Puppenstube anmutet, verkauft die besten Pflaumenkuchen, die Spezialität der Insel und „Betchet“, kleine trockene Kuchen in Brötchenform. Wir suchen eine Perspektive, die Jean Rigaud als Ölgemälde 1963 auf eine 40×100 cm große Leinwand gebannt hat. Eine markante Turmruine hilft uns weiter. Die Häuser sind hier wie überall auf der Insel ebenerdig, weiß getüncht und mit blauen Blendläden versehen. Eine Kiefer, die auf dem Gemälde bedeutend kleiner ist, zeigt uns die vergangene Zeit. Auf dem Ölbild stehen die hellen Häuser in starkem Kontrast zu einem tiefdunklen Himmel.

Uns ist der Wettergott wohl gesonnen und schickt Sonnenstrahlen in Fülle vom Himmel. Das genießen auch die Touristen, die durch die engen Gassen des historischen Ortes schlendern. Für sie ist die Insel ein Paradies zum Baden in versteckten Sandbuchten, Bräunen, Tauchen, Segeln, Promenieren und Nichtstun. Für uns ist die Ile d’Yeu die Insel des Marinemalers.

Jörg Hartwig