Schweiz: Hermann Hesse am Luganer See

Lugano

Spaziergänge auf den Spuren Hesses

Lugano: Zwischen Schnee bedeckten Gipfeln und üppig sprießenden Palmen im südlichen Tessin

Gegensätze ziehen sich an am Luganer See: Die üppig sprießenden Palmen und die schneebedeckten Berge, uralte Kirchlein und modernste Architektur, Dolce Vita und Extremsport. Das Tessin, die südlichste Region der Schweiz, ergänzt sich durch die Nähe zu Italien zu einer harmonischen Symbiose, die den Gast schnell gefangen nimmt und ihn nicht wieder loslässt.

Dieser Faszination ist bereits Hermann Hesse Anfang der 20. Jahrhunderts erlegen. Als „heruntergekommener Literat auf der Suche nach einer Bleibe“ kam der Deutsche 1919 nach Lugano und dessen Nachbarort Montagnola. Das kleine Örtchen bot ihm Inspiration für meisterliche Werke wie „Siddharta“, „Klingspors letzter Sommer“ oder auch „Steppenwolf“. Aber auch das nötige Maß an Ruhe und Erholung in der Natur. Weit konnte Hesse seinen Blick auf den Luganer See und die beiden Berge, den Monte San Salvatore und den Monte Brè schweifen lassen oder zu ausgedehnten Spaziergängen durch die Hügel rund um den See und die heutige Bankenmetropole in der Bucht wandern. Hesse in Lugano

Auf seinen Spuren sind zahlreiche Hesse-Fans Jahr für Jahr unterwegs. Und in diesem Jahr werden zu seinem 50. Todestag wohl noch mehr kommen. Sie pilgern nach Montagnola und ins Hesse-Museum, das unter der Leitung von Regina Bucher viel Wissenswertes über den Menschen, den Künstler und sein Werk zusammen getragen hat. Direkt neben der Casa Camuzzi, wo der Schriftsteller und Maler eine Bleibe fand, ist auf mehreren Stockwerken eine umfassende Schau mit Manuskripten und Briefen, Gemälden und seiner alten Schreibmaschine zu sehen. Und sie werden in Scharen an sein Grab auf dem kleinen Friedhof des Ortes pilgern. Per Audioguide mit Hesse im Ohr darf man sich aber auch zu „seinen“ Spaziergängen durch den Ort aufmachen, vorbei an Olivenbäumen, Zypressen und Maronenbäumen und mit seiner Faszination der Landschaft im Herzen.

Sicherlich hat bereits Hesse den faszinierenden Ausblick vom Monte Brè, den Hausberg der Luganesen genossen. Ob er auch des öfteren mit der Standseilbahn zum Gipfel auf 933 Metern Höhe gefahren ist? Seit 100 Jahren befördert die Bahn die Besucher nach oben, um von dort einen atemberaubenden Blick auf den Ceresio, das „Horn“ wie bereits die Etrusker den See bezeichneten, zu genießen. Und zum gegenüberliegenden Monte San Salvatore, den bereits seit 1890 eine Seilbahn für Ausflügler erschließt.

Ob Hesse bei seinen Besuchen in Lugano auch am traditionsreichen Grand Hotel Villa Castagnola, am Fuße des Monte Brè, vorbeigekommen ist? Das Haus, das 1880 von einer russischen Adelsfamilie als Winterresidenz erbaut worden war und schon wenige Jahre später als Hotel fungierte, bietet mit seinem fünf Sternen jeden nur erdenklichen Komfort. Und zudem noch von fast allen Zimmern aus einen herrlichen Blick auf den Luganer See und einen wunderbaren Park. Duftende Kamelien und das frische Gelb der Forsythien umgeben gerade im Frühling die hoch in den Himmel ragenden Palmen und die verschiedenen Kunstwerke im Park. Denn Familie Zorloni bietet Künstlern immer wieder die Gelegenheit, nicht nur im Freien, sondern bei wechselnden Ausstellungen auch im nahe gelegenen Restaurant „Arté“ ihre Werke bei kulinarischen Genüssen von Sternekoch Frank Oerthle zu präsentieren. Übrigens stammt er wie Hermann Hesse aus Calw im Schwarzwald.

Kunst trifft man in der Stadt am See auf vielfältige Weise. Und wer sich die Gassen der Altstadt oder den Park Giani, die grüne Lunge Luganos, nicht selbst erschließen möchte, hat mit Christa Branchi eine kompetente Führerin. Vorbei an moderner Architektur, vor allem aus der Feder des berühmten Mario Botta, geht es über den Markt- und Festivalplatz durch die Gässchen der Altstadt. Beim ehemaligen Nonnenkloster, das heute das Grand Café al Porto beherbergt, bekommt man Lust auf verführerische Schokoladenkreationen, wenige Meter weiter baumeln zahlreiche Riesensalami in der Eingangstür eines Geschäfts. Das Ziel ist aber die fast unscheinbare Kirche Santa Maria degli Angioli. Jede Kirche sei ein Schmuckkästchen, sagt Branchi. Aber dieses ist ein ganz besonderes: Der Lettner ist mit einem kompletten Kreuzigungsfresko von Bernardino Luini ausgemalt. Und ein „Abendmahl“-Fresko vervollständigt das Werk. Lugano

Das milde Klima am Luganer See hat schon vor Jahrzehnten wohlhabende Winterfrischler angelockt. Und in diesem Klima genießen nicht nur Tessiner und Touristen. „Die Region hat von allen Kontinenten Vegetation“, zählt Christa Branchi von der Bananenstaube bis zur Zaubernuss viele exotischen Pflanzen auf, die sich hier heimisch fühlen. Das Tessin ist aber schon immer eine arme Gegend gewesen, wo man aß, was die Natur einem bot. Diesem Grundsatz der regionalen, bodenständigen Küche haben sich auch viele der typischen Grotti verschrieben, wie das Grotto Morchino von Pier und Marion Olgiati in Pazzallo, hoch über Lugano. Selbst Hesse soll hier auf seinem Weg nach Carona gespeist haben. Nach einem kräftigen Risotto mit Zinkarlin-Käse aus dem Valle di Muggio und einer aromatischen Kastanienrolle darf man sich noch ein „Mez‘ e Mezzo“ gönnen. In einer Tessiner Tazzina, einer breiten Tasse, wird Rotwein mit Limo gemischt. So ist man gut gestärkt für eine Wanderung auf Hesses Spuren.

Diana Seufert

Weitere Informationen unter www.ticino.ch oder  www.villacastagnola.com

 

 

 

 

Schweiz: Beim Kaiser vom Bodensee

Thurgau Tourismus,  Ermatingen am Untersee

„Echt Schweiz – ganz ohne Berge“ ist das Motto des Kantons Thurgau am Ufer des Bodensees. In dieser uralten Kulturlandschaft haben seit Jahrhunderten Mönche ihre Klöster gebaut, Könige sich Residenzen und Künstler ihre Ateliers errichtet.

Die Landschaft ist licht und hübsch…Sie sollten einmal kommen“, schrieb Hermann Hesse, der viele Jahre in Gaienhofen auf der deutschen Seite am Untersee, dem westlichen Teil des Bodensees, lebte. Eine Empfehlung, die ebenso für den Kanton Thurgau gilt. Die liebliche Landschaft mit malerischen Dörfern und Schlössern, mit Obstplantagen und  Weinbergen hat einen eigenen Zauber.

Auf einer Landzunge gegenüber der Insel Reichenau liegt Ermatingen am Ufer des Untersee. Dass der beliebte Ferienort über Jahrhunderte ein Fischerdorf war, daran erinnern die sechzig Jahre alten und elf Meter langen Fischerkähne an der Uferpromenade. Heute fahren nur noch sieben Berufsfischer zum Netzfischen auf den See. Felchen, Egli oder Hecht und Seeforelle kann man dennoch in einem der zahlreichen Restaurants genießen – so im Fischerlokal „Seegarten“ oder dem mehr als 500 Jahre alten Hotel Adler. Ch. Seiffert, Hotel AdlerDas prachtvolle Fachwerkhaus mit einem bunten Freskenband, das1926 von einem spanischen Maler gemalt wurde, gilt als ältestes Restaurant der Schweiz. Im Gästebuch sind Namen vieler Prominenter zu finden – so Königin Hortense, die Schriftsteller Dumas und Hesse, Graf Zeppelin. Beim Bummel durch die schmalen Gassen bezaubern immer wieder die schönen Fachwerkhäuser, die Behäbigkeit oder Gemütlichkeit ausstrahlen. Manch idyllischer Winkel ist zu entdecken und über die kleinen Gärten am Ufer geht der Blick auf den See, auf dem unzählige weiße Segel in der Sonne blinken.

Bekannt geworden ist Ermatingen besonders durch den nahen Arenenberg, auf dem sich ein kleines Stück Weltgeschichte ereignete. Seit dem Mittelalter war der Arenenberg einer der begehrtesten Landsitze am Bodensee. Es war das Frühjahr 1816, als Königin Hortense de Beauharnais, Stieftochter und Schwägerin Napoleons I., nach ihrer Flucht aus Frankreich dieses bezaubernde Fleckchen Erde kennen lernte und beschloss, hier ihren kleinen Exil-Hofstaat zu errichten. Durch den Umbau der alten Schlossanlage entstand eine „Insel“ französischer Kultur am Bodensee. Nach dem Vorbild der berühmten Pariser Salons ihrer Mutter, der Kaiserin Josephine, gelang es ihr, auf dem Arenenberg ein internationales gesellschaftliches Leben im sonst so provinziellen Bodenseegebiet zu etablieren. Bedeutende Wissenschaftler, Politiker, Künstler wie List und Schriftsteller wie Chateaubriand, Duma und Delavigne waren hier zu Gast.

Thurgau Tourismus, Napoleonmuseum

 Rund um das Schloss ließ die botanisch interessierte Königin einen für damalige Verhältnisse spektakulären Park nach den wichtigsten Elementen zeitgenössischer Gartenbaukunst anlegen. Nach seinem Vorbild entstanden entlang des Bodensees bis nach Schaffhausen zahlreiche herrschaftliche Parkanlagen, die als „Cote Napoleon“, die napoleonische Küste bezeichnet wurden. In diesem Umfeld erlebte der junge Prinz Louis Napoleon und spätere Kaiser Napoleon III. einen Teil seiner Kindheit und Jugend. Später kehrte der letzte Monarch Frankreichs mit seiner Frau Eugenie hierher zurück, bevor er 1873 im Exil in England starb. Bis 1906 war der Arenenberg im Besitz der Bonapartes, dann schenkte Kaiserin Eugenie Schloss und Park dem Kanton Thurgau.

Als Napoleonmuseum lockt das schönste Schloss am Bodensee nun Besucher aus aller Welt an. Seinen französischen Charme hat das Ensemble bis heute bewahrt. Mehr als dreißig Räume können besichtigt werden. Und so flanieren die Gäste in Filzpantoffeln durch den Wintergarten und die Salons, das Boudoir und Schlafzimmer der Königin Hortense, bewundern die wertvollen Bücher in der Bibliothek und die mit edlem Porzellan gedeckte Tafel im Speisesaal, können am Schreibtisch des Kaisers Platz nehmen und vom prächtigen Salon der Kaiserin Eugenie die Aussicht auf den See genießen. Erst vor einigen Jahren entdeckt und frisch restauriert präsentiert sich das Kaiserbad im Prinzenflügel. Krönender Abschluss des Museumsbesuchs ist ein Spaziergang durch den Park mit seinen Fontänen, Grotten, dem Nymphäum und Wasserfällen. Immer wieder bezaubert der traumhafte Blick auf den See und die Insel Reichenau. Obwohl nur 12 Hektar groß, gehört der Park durch seine einzigartige Lage und Schönheit zu den bedeutenden europäischen Landschaftparks.

Christel Seiffert