Cabo Verde: Grogue – Das Lebenselixir von Santo Antão

Die alten Kupferkessel sind löchrig und von Grünspan überzogen. Jahrelang wurde in ihnen Grogue destilliert, jetzt warten sie darauf, in Luís Werkstatt ausgebessert zu werden. Luís ist Kesselflicker in der Ribeira do Paul auf Santo Antão. Ohne ihn würde die Insel wohl schon bald auf dem Trockenen sitzen, würde der Strom aus Zuckerrohrschnaps, der die ganzen Kapverden bei Laune hält, schon längst versiegt sein.

Aus seiner kleinen Werkstatt dröhnen die Hammerschläge monoton im Sekundentakt. Im Moment wird gerade ein neuer Kessel aus dickem Kupferblech gedengelt. Der Lehrling sitzt im Kessel und kontert die Nieten, die Luís mit wuchtigen Hammerschlägen durch das Blech treibt. Zwei Wochen dauert es, bis der Kessel fertig ist. Stolz zeigt Luís auf den kleinen Zettel an der Wand, auf seine Konstruktionszeichnung. Mehr als diese Zeichnung, ein Stück Kupferblech und seinen Hammer braucht er nicht, um einen perfekt geformten Kupferkessel herzustellen.

Die Ribeira do Paul ist ein wildzerklüftetes Tal zwischen bizarr gefalteten Berghängen und seit jeher das Zentrum der Zuckerrohrschnapsproduktion, der auf den Kapverden Grogue heißt. Das Tal liegt auf der dem Passatwind zugewandten und damit feuchten Seite der Insel. Hier ist die Vegetation teilweise üppig tropisch mit Bananenstauden, Kokospalmen, Papayas, Mangos und Brotfruchtbäumen.

Aber auf dem größten Teil des fruchtbaren Bodens wird Zuckerrohr angebaut. Das Zuckerrohr kam schon mit den ersten schwarzen Sklaven aus Afrika und schon bald danach fingen die Menschen auf Santo Antão an, Schnaps zu brennen. Anfangs war das Brennen illegal, aber niemand kümmerte sich um das Verbot, es wurde eben schwarz gebrannt. Bis die Behörden Mitte des letzten Jahrhunderts aufgaben und stattdessen beschlossen, sich am Gewinn der Schnapsbrenner mit einer Steuer zu beteiligen.

Über der ganzen Ribeira do Paul liegt ein charakteristischer Geruch nach vergorenem Zuckerrohrsaft. Die zahlreichen Rauchsäulen, die im ganzen Tal in den blauen Himmel aufsteigen, sind weitere, untrügliche Wegweiser zu den Destillerien. Oft versteckt hinter hohen Mauern, so als ob es noch verboten wäre, steht die Trapiche, die Zuckerrohrpresse. Früher wurde sie von Mulis oder Ochsen angetrieben, heute sind es meistens lärmende Benzinmotoren. Stundenlang wird die Maschine mit einer unendlichen Kette von Zuckerrohrstängeln gefüttert. Zwischen mehreren rotierenden Stahlwalzen wird der trübe, grünbraune Saft aus dm Zuckerrohr gepresst und kommt anschließend zum Gären in mehrere tausend Liter fassende Tanks. Die ausgepressten Reste werden getrocknet und dann unter dem Destillierofen verfeuert.

Der fermentierte Zuckerrohrsaft wird eimerweise in einen von Luís Kupferkesseln gekippt und zum Kochen gebracht, was dem Tal seinen charakteristischen Geruch verleiht. Irgendwann beginnt das Destillat dann tröpfchenweise zu fließen. Jetzt gilt es den richtigen Zeitpunkt abzupassen, wann statt Methylalkohol genießbarer Grogue herauskommt. Jeder Schnapsbrenner hat ein Gespür für den richtigen Zeitpunkt, trotzdem schmeckt der Schnaps in jeder Kneipe anders.

Grogue ist ein Rachenputzer, besonders wenn man ihn noch warm direkt aus dem Destillierapparat trinkt. In jeder Kneipe auf Santo Antão bekommt man ihn nicht in Schnapsgläsern ausgeschenkt, sondern gleich die ganze Flasche auf den Tisch gestellt. So wie es zu John Waynes Zeiten im wilden Westen üblich war. Für die nicht ganz so harten gibt es aber auch noch die entschärfte Version, den Ponche. Das ist Grogue, gestreckt mit Limonen und Honig. Davon kann man schon ein paar Gläser trinken, ohne gleich zu erblinden.

Christian Nowak

Cabo Verde: Trittsteine im Atlantik zwischen Europa und Afrika

Bom dia, Cabo Verde! Willkommen auf den Kapverdischen Inseln – im Niemandsland zwischen Europa, Afrika und den beiden Amerikas – winzige Punkte in der Weite des Ozeans. Braune, verdorrte Geröllwüsten vulkanischen Ursprungs, bizarr gefaltete Gebirge, endlose Sandstrände und hin und wieder ein paar grüne Tupfer tropischer Vegetation – neun Inseln mit Herz und Seele, die niemand vergisst, der sie gesehen hat.

Die Kapverden – Inseln unter dem Wind, Inseln über dem Wind

Ilhas de Sotavento, Ilhas de Barlavento – Inseln unter dem Wind, Inseln über dem Wind. Der Wind ist hier allgegenwärtig, prägt Menschen und Landschaft. Fast das ganze Jahr hindurch bläst der Nordostpassat – verlässlich, stetig, treu. Manchmal, wenn der Harmattan aus der fernen Sahara Staubfahnen über das von der Trockenheit IMG_0478kerbarmungslos geschundene Land jagt, erscheint die Luft trübe und die Sonne milchig. Nur im Sommer, wenn der feuchtheiße Südwestwind weht, steigt die Hoffnung auf Regen. Dann prallt der Passat gegen die hohen Bergkämme, steigen die Wolken auf und kühlen sich ab, kondensieren, spenden in den höheren Lagen ein wenig Feuchtigkeit in Form von Wolken und Nebel. Gerade genug für ein paar grüne Oasen inmitten von Schutt und Geröll. Die Inseln ohne hohe Berge gehen leer aus, ihnen bleibt nur die Hoffnung auf den spärlichen Niederschlag, der an ein paar Tagen im Jahr etwas Linderung bringt. Viel zu oft aber vergehen Jahre ganz ohne Regen – auch die Kapverden bleiben von der Sahelkatastrophe nicht verschont.

Eine Geschichte zum Weinen

Cabo Verde – Inseln am grünen Kap von Afrika, ein Name wie er tragischer nicht sein könnte. Wer kann hier leben? Wer der Armut und der Dürre trotzen, fernab vom 21. Jahrhundert, am Rande der Zeit? Beim Blick in die Geschichte wird es düster: 500 Jahre portugiesische Kolonie, als ausgebeuteter Außenposten zwischen den Welten.IMG_0318k Piratenunterschlupf und Zwischenstation im Sklavenhandel zwischen Afrika und Amerika, dann Kohlehafen der East India Company. Dazwischen immer wieder Hungersnöte und Elend – eine Geschichte zum Weinen. Als letzte Hoffnung blieb immer wieder nur die Emigration. Hunderttausende machten sich im Laufe der Jahrhunderte auf den Weg in eine bessere Zukunft, hauptsächlich nach Amerika. So ist es nicht verwunderlich, dass heute mehr Kapverdianer im Ausland als auf den Inseln leben. Aber immer war die Trauer der Auswanderer groß, und die Bande in die alte Heimat blieben bestehen – materiell und immateriell.

Unerschütterlicher Optimismus

Auch wenn jede Insel ihre landschaftlichen Höhepunkte hat, das wirklich Faszinierende sind die Menschen. Geboren aus einer ewigen Vermischung von Schwarz und Weiß, die alle nur erdenklichen Brauntöne der Haut hervorgebracht hat. Europa, Indien, Afrika – die Erdteile haben ihre Spuren hinterlassen und an Augen-, Haar- und Hautfarbe mitgewirkt. Bei solch einer Vielfalt sind auch genetische Kapriolen nicht verwunderlich, die manchmal dunkelhäutige Menschen mit blonden Kraushaaren und blauen Augen IMG_1023khervorbringen. Allen Kapverdianern gemeinsam ist der unerschütterliche Optimismus und die ansteckende Fröhlichkeit. Weder die jahrhundertelange Ausbeutung durch die Kolonialherren noch die zahlreichen Dürrekatastrophen haben daran etwas ändern können. “Wir sind Kapverdianer und leben am schönsten Ort der Welt”, ist ihre Botschaft, so als sei die Geschichte der letzten 500 Jahre spurlos an ihnen abgeprallt.

In jedem noch so entlegenen Dorf schlägt dem Fremden eine unglaubliche Freundlichkeit entgegen. Dem vielstimmigen Bom dia kann man sich einfach nicht entziehen. Es ist ein ehrlich gemeinter Gruß, begleitet vom einem entwaffnenden Lächeln und dem Versuch trotz unüberwindlicher Sprachbarriere ein wenig über den Besucher zu erfahren.

Christian Nowak

 

Cabo Verde: Inseln des Windes und des ewigen Sonnenscheins

 

Auf den Kapverdischen Inseln weht ein ständiger Wind vom Atlantik. Er wirbelt Staub auf, formt die Landschaft und erfreut die Surfer.

Mehr als 300 Sonnentage auf Sal

Pfeilschnell jagen die Kitesurfer und Surfer unter den Augen der schläfrigen Sonnenanbeter am Strand über das Wasser. Eine schnelle Wende, Fahrt aufnehmen und schon kann das Adrenalin wieder durch den Körper strömen. Hier, an der Punta Preta, auf der Kapverdeninsel Sal werden Surferträume wahr, hier können sich die Besten hemmungslos dem Geschwindigkeitsrausch hingeben. Und danach an den Strandbars der Luxushotels mit Gleichgesinnten über Wind und Wellen fachsimpeln. Grund zur Klage gibt es so gut wie nie, denn auf 300 Sonnentage und den stetigen Wind kann man sich hier verlassen.

Ilhas de Sotavento, Ilhas de Barlavento – Inseln unter dem Wind, Inseln über dem Wind, haben die Portugiesen den Archipel vor dem grünen Kap von Afrika genannt. Ein Name, wie er passender nicht sein könnte, denn der Wind ist allgegenwärtig. Fast das ganze Jahr hindurch bläst der Nordostpassat – verlässlich, stetig, treu, und wenn er mal Pause macht, löst ihn der Harmattan ab, ein heißer Wüstenwind, der die Luft mit feinem Saharasand trübt. Im Sommer ist dann der feuchtheiße Südwestwind an der Reihe, der die Hoffnung auf Regen mit sich bringt. Seit Ewigkeiten formt der Treibstoff der Surfer Menschen und Landschaft, zerzaust das Gemüt und die wenigen Palmen, wirbelt Staub auf und treibt ihn ungehindert über die kahle, platte Wüsteninsel, die nur zum Baden und Surfen taugt.

Dünen soweit das Auge reicht

Auch Boavista gilt bei Surfern seit Jahren als Top-Spot. Hier ist der heiße Atem der Sahara besonders deutlich zu spüren, denn keine Kapverdeninsel liegt näher an Afrika. Schattenlose, menschenleere Sandstrände, die sich irgendwo im Hitzedunst am Horizont verlieren, gehen nahtlos in endlose Dünenlandschaften über. Einzig verstreute Dattelpalmen, die auch noch den letzten Tropfen Feuchtigkeit aus dem sandigen Meer saugen, trotzen der Trockenheit. Doch die schöne Kulisse, die gut für jeden Werbeprospekt wäre, täuscht. Unerbittlich laugt der Wind den Boden aus, treibt den Sand über die Insel, dringt in alle Ritzen, verweht Straßen und begräbt Hoffnungen.

Vielleicht bringt irgendwann der Tourismus die Rettung, denn die Voraussetzungen für Strandliebhaber und Sonnenhungrige könnten kaum besser sein. Boavista könnte mit allen Strandtraumzielen dieser Welt mithalten. Doch in Cabo Verde gehen die Uhren langsamer als anderswo und so wird es wohl noch eine Weile dauern, bis die hochfliegenden Pläne vom massenhaft besuchten Traumziel Wirklichkeit werden. Noch döst die Insel am Rand der Zeit und kann mit ihrem spröden Charme nur wenige Besucher anlocken.

Doch der Wind bringt auch Leben. Nicht den flachen Inseln Sal und Boavista, die gehen leer aus. Die gebirgigen Eilande Fogo, Santo Antão und São Nicolau haben mehr Glück. Denn wenn der Passat gegen ihre hohen Bergkämme prallt, steigen Wolken auf, kühlen sich dabei ab, die Luftfeuchtigkeit kondensiert, und hüllt die höheren Lagen in feuchten Nebel. So kommt genug Feuchtigkeit für ein paar grüne Oasen auf der Windseite zusammen, im Windschatten bleiben Schutt und Geröll ohne Vegetation.

Christian Nowak: Rother Wanderführer Kapverden – Neuauflage!

Kapverden ChristianBom Dia Cabo Verde Willkommen auf den Kapverdischen Inseln! Nur rund sechs Flugstunden liegt die Inselgruppe der Kapverden entfernt und doch liegt sie in einer anderen Welt. Massentourismus gibt es hier nicht, der raue Charme dieses Inselparadieses lässt niemanden los. Vulkane, tiefe Täler, wilde Steilküsten und endlose Sandstrände begeistern jeden Naturliebhaber. Mit den 46 Touren aus dem Rother Wanderführer »Kapverden« lässt sich auf Streifzügen so manch Neues entdecken. Das Tourenspektrum ist breit: Vorgestellt werden kurze Spaziergänge durch tropische Oasen, gemüt-liche Küstenwanderungen und Bergtouren, die aufgrund ihrer steilen und langen Aufstiege eine gute Kondition verlangen. Die Tourenvorschläge verteilen sich auf alle neun bewohnten Inseln und sind eine bunte Mischung aus Küsten- und Höhenwanderungen, Ausflügen in die Wüste und Touren durch immergrüne Nebelwälder. Jeder Tourenvorschlag verfügt über eine zuverlässige Wegbeschreibung, einen detaillierten Karten-ausschnitt mit eingezeichnetem Routenverlauf und ein aussagekräftiges Höhenprofil. Ein Touren-steckbrief informiert über Anforderung, Einkehrmöglichkeiten, Varianten und vieles mehr. Die farbige Schwierigkeitsbewertung erleichtert die Auswahl der Ziele, zahlreiche Farbfotos wecken die Wander-lust. Die Reisejournalisten und Autoren Christian Nowak und Rasso Knoller sind hervorragende Kenner der Kapverden. Sie haben mit diesem Rother Wanderführer einen zuverlässigen Begleiter für Wanderer verfasst, der dieser Inselwelt voller Kontraste und ursprünglicher Schönheit in jeder Hinsicht gerecht wird. Für die zweite Auflage wurde der Rother Wanderführer »Kapverden« sorgfältig aktualisiert.

Cabo Verde: São Nicolau – Auf der Suche nach den letzten Drachenbäumen

São Nicolau, mit 346 Quadratkilometern die fünftgrößte Insel der Kapverden, wäre sicherlich ein Touristenmagnet, wenn die Verkehrsanbindung nicht so schlecht wäre. Denn landschaftlich hat die Insel viel zu bieten und muss sich nicht hinter der größeren Schwester Santo Antão verstecken.

Die vier- bis fünfstündige Passage von Sal oder São Vicente mit dem betagten Frachtschiff, das sich traditionell an keinen Fahrplan hält, tun sich nur wenige Besucher an. So bleibt nur die Anreise mit dem Flugzeug. Auf dem kleinen Flugplatz landen aber selbst in der Hauptsaison nur selten mehr als 3-4 Maschinen pro Woche. Erschwerend kommt hinzu, dass wegen der kurzen Landebahn selbst die Fokker 50 der TACV São Nicolau nur halbvoll anfliegen können. So ist es nicht verwunderlich, dass die wenigen Sitzplätze in den Maschinen heiß begehrt sind und so mancher Tourist Opfer der nicht immer nachvollziehbaren Buchungspolitik der Fluglinie wird.

Ist man dann aber auf São Nicolau gelandet, sollte man sich mindestens eine Woche Zeit nehmen, denn die Insel bietet exzellente Tourenmöglichkeiten und viel Abwechslung. Klimatisch ist die Insel zweigeteilt, nördlich des Monte-Gordo-Massivs, stauen sich die Passatwolken, deshalb ist es hier feucht und grün. Der weitaus größere Teil São Nicolaus südlich des Monte Gordo und der weit nach Osten reichende Finger sind trocken und wüstenhaft.

Das beste Standquartier ist die charmante, ein wenig verschlafen wirkende Inselhauptstadt Vila da Ribeira Brava mit ihren schönen, pastellfarbenen Kolonialbauten. Der Hauptplatz zählt architektonisch zum Schönsten, was die Kapverden zu bieten haben. Noch ist die touristische Infrastruktur selbst im Hauptort äußerst bescheiden, einige Pensionen und Restaurants sind neben einigen kleinen Läden schon alles. Individualisten, die abseits des Massentourismus wohnen und wandern möchten, werden schnell dem Charme dieses vergessenen Eilandes verfallen und wünschen, sie hätten mehr Zeit eingeplant.

Entlang der Hauptstraße, die von Vila da Ribeira Brava kurvenreich und beileibe nicht auf direktem Weg nach Tarrafal führt, befinden sich die Ausgangspunkte der meisten Wanderungen. Regelmäßig fahren Aluguers zwischen den beiden Hauptorten, so dass man nie lange auf eine Transportmöglichkeit warten muss. Tarrafal, auf der Sonnenseite der Insel gelegen, hat mittlerweile den Hauptort Vila da Ribeira Brava in Bezug auf die Einwohnerzahl überflügelt und besitzt wirtschaftlich wegen des Hafens und der Thunfischfabrik wohl auch die besseren Zukunftsaussichten. Wegen des langen Sandstrandes im Ort und der Nähe zu einem der schönsten Wanderreviere bei Praia Branca lohnt auch Tarrafal einen Aufenthalt.

Die Berge São Nicolaus sind zwar nicht so hoch und die Ribeiras nicht so steil wie auf Santo Antão, was den Vorteil hat, dass die meisten Wanderungen nicht so anstrengend sind. Spektakuläre Ausblicke gibt es aber trotzdem genug. Erstaunlich grün und dank künstlicher Bewässerung intensiv landwirtschaftlich genutzt, ist das weite, dicht besiedelte Fajãtal. Hier kann man relativ einfache Spaziergänge und Wanderungen unternehmen. Spektakulärer ist die Kulisse am Vulkan Monte Gordo, an dessen Nordflanke dank der Feuchtigkeit spendenden Passatwolken üppig grüne Wälder wachsen. Wild, rau und einsam ist die Landschaft zwischen Monte Gordo und Praia Branca sowie an der Nordküste um Ribeira Funda und Ribeira da Prata.

Drachenbäume wachsen zwar auch auf Santo Antão und Brava, aber nirgendwo sind sie so häufig wie auf São Nicolao. Besonders zahlreich und stattlich kommen sie im Fãjatal vor.

Nicht versäumen sollte man einen Abstecher auf den schmalen Finger, der sich weit nach Osten erstreckt. Eine Pflasterstraße führt bis zum einzigen Ort Juncalinho, der nur rund 500 Einwohner hat, ansonsten ist dieser Inselteil verlassen. Sonnenverbrannte, fast vegetationslose Steinwüste soweit das Auge reicht, hier zeigt sich die immer mehr zunehmende Trockenheit der Kapverden, die eine Folge der sich ausdehnenden Sahelzone ist. Denn noch vor einer Generation war dieser Inselteil besiedelt, bewirtschafteten Bauern ihre Felder. Geblieben sind die gepflasterten Maultierpfade, die immer mehr verfallen und verlassene Dörfer wie Morro Alto, die an bessere Zeiten erinnern. Hier kann man endlos durch eine vom Vulkanismus geprägte Wüste wandern, die Aussicht entlang menschenleerer Küsten genießen und an einsamen Stränden baden.

Christian Nowak

Cabo Verde: Boavista – Sonne, Sand und schöne Strände

Schon beim Anflug auf Boa Vista sieht man das Kapital der Insel – ihre kilometerlangen Sandstrände. Aber auch die Probleme Boa Vistas sind augenscheinlich, denn der Sand bleibt nicht dort, wo ihn Einheimische und Touristen gerne hätten – am Strand. Der ständig kräftig wehende Wind treibt ihn stattdessen über die gesamte Insel und so müssen die Sandmassen in einer beständigen Sisyphosarbeit aus Dörfern und von Straßen weggeschafft werden.

Traumstrände und Wüstensand

Boa Vista, was soviel wie „schöner Anblick“ bedeutet, verdankt ihren Namen wohl einem der ersten Seefahrer, Aloiso Cadamosto, der hier im 15. Jahrhundert vorbeikam. Sie ist mit 620 Quadratkilometern die drittgrößte und östlichste Insel der Kapverden, nur 50 km von Sal und rund 450 km vom afrikanischen Kontinent entfernt.

Die Besiedlung verlief relativ schleppend, anfangs lebten auf dem kargen Eiland nur ein paar Hirten. Erst als der Salzhandel Anfang des 17. Jahrhunderts in Schwung kam, wurde der erste Ort, Povação Velha, gegründet. Rund 100 Jahre später entwickelte sich dank des immer mehr aufblühenden Salzhandels Porto Inglês, das heutige Sal Rei, zur wichtigsten Stadt der Insel und sollte sogar Hauptstadt des gesamten Archipels werden. Doch die guten Jahre waren bald vorbei, Dürrekatastrophen, Gelbfieberepidemien und der Zusammenbruch des Salzhandels brachten Armut und Elend.

Heute ist Boa Vista eine Insel im Umbruch, die in den nächsten Jahren ihr Gesicht wohl vollständig verändern wird. Erste Anzeichen wohin die Entwicklung geht, sieht man schon am Praia da Chave südlich von Rabil, wo ein riesiger Hotelkomplex entstanden ist. Und auch Rabil dehnt sich immer weiter aus. Es gibt viele, die Boa Vista besser für den Massentourismus geeignet halten als Sal, vor allem nach Fertigstellung des neuen internationalen Flughafens.

Die Inselhauptstadt Sal Rei ist eine einzige Baustelle, vor allem in den Außenbezirken entstehen unzählige Neubauten, wobei allerdings auf vielen Baustellen die Arbeit oft monatelang ruht und es nicht sicher ist, ob sie jemals wieder aufgenommen wird. Seit einigen Jahren haben vor allem Italiener die Insel für sich entdeckt – als Touristen und Investoren.

Boa Vista ist sicher keine klassische Wanderinsel, schon wegen des relativ flachen Inselreliefs kann sie Santo Antão keine Konkurrenz machen. Die höchsten Berge erreichen nicht einmal 400 m, deshalb darf man hier keine wilden Schluchten und spektakulären Ausblicke erwarten. So kommen die meisten Touristen wegen der phantastischen Strände zum Baden nach Boa Vista. Doch hin und wieder sollte man zu einer Erkundungstour aufbrechen. Wer dies tut, wird schnell feststellen, dass die Insel groß und relativ schlecht erschlossen ist. Preisgünstige Aluguers verkehren praktisch nur zwischen Sal Rei und Rabil, alle anderen Strecken muss man mit dem Taxi zurücklegen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Pisten in solch einem schlechten Zustand sind, dass das Befahren selbst mit einem Allradfahrzeug mühsam und zeitraubend ist. Da fast alle Touristen in und um Sal Rei wohnen, bieten sich in erster Linie Ausflüge von der Inselhauptstadt aus an.

Empfehlenswert ist die Küstenwanderung in Richtung Süden zum endlosen Sandstrand Praia da Chave, aber auch ein Ausflug zur Nordküste, zum Wrack der „Santa Maria“ ist problemlos machbar. Von Rabil oder Estância de Baixo ist die wüstenhafte Dünenlandschaft der Deserto Viana gut zu Fuß zu erreichen. Für alle anderen Unternehmungen, wie den Wanderungen zum Praia de Santa Mónica oder nach Oi d’ Água muss man sich für Hin- und Rückfahrt ein Taxi mieten.

Cabo Verde: Mindelo – Heimliche Hauptstadt und Hafenstadt mit Seele

Die Kinder von Mindelo sind allgegenwärtig. Von früh bis spät toben sie vor der Schule Jorge Barbosa und machen den Platz mitten im Zentrum von Mindelo zum Pausentreff. Das Gewirr ihrer hellen Stimmen übertönt mühelos den Autoverkehr. In jeder Pause versammeln sie sich um den längst ausgetrockneten Brunnen mit der Weltkugel. Unentwegt werfen sich die Mannschaften einen kleinen Gummiring mit Wucht und Geschmeidigkeit zu. Wird er mal nicht gefangen, schwillt der Geräuschpegel fast bis zur Schmerzgrenze an. Die schlichten Schuluniformen sollen für Gleichheit sorgen, aber die Gesichter bleiben vielfältig. Sie erzählen die Geschichte der letzten 500 Jahre. Von der immerwährenden Vermischung von Europa und Afrika. In allen Brauntönen schimmert ihre Haut, von einem nur zart angedeuteten Hellbraun über Bronze bis hin zum Blauschwarz sind alle nur denkbaren Farbtöne vertreten. Sie sind die fröhliche, optimistische Seele der Kapverden.

Die heimliche Hauptstadt der Kapverden

Ein paar Schritte weiter, den rosafarbenen Präsidentenpalast im Blick, sind aus deinem kleinen Café die Mornas von Cesaria Evora zu hören. Es sind Lieder von melancholischer Traurigkeit, die tief unter die Haut gehen. Sie haben die Ende2011 verstorbene „Diva mit den nackten Füßen“ berühmt gemacht. Keine hatte soviel Gefühl und Nostalgie in der Stimme. Gebannt muss man ihr zuhören, wenn sie das Schicksal der Sklaven in ihren Balladen besingt oder wenn sie Dürre und Hunger und Emigration in zarte Lieder verpackt. Ihr ganzes Leben hat sie in Mindelo verbracht. Hat in Bars gesungen, um zu überleben. Hat miterlebt wie der Hafen Ende der 1950er Jahre immer mehr an Bedeutung verlor und viele Künstler ins Ausland gingen. Sie ist geblieben. Hat sich den Schmerz von der Seele gesungen.

Der Harmattan, ein heißer, trockener Wind, kommt direkt aus der Sahara. Über 500 Kilometer weit bringt er im Januar unzählige, mikroskopisch kleine Sandkörnchen. Sie machen die Luft über Mindelo trübe, die ansonsten zum Greifen nahe Nachbarinsel Santo Antão verschwindet dann für Tage hinter einem undurchdringlichen Dunstschleier. Doch der Harmattan hat auch seine Guten Seiten. Wenn die Sonne gelblichrot und diffus wird, werden die Schiffswarcks im Hafen zu schwarzen Silhouetten.

Mindelo ist keine Liebe auf den ersten Blick. Die Vororte sind ein Sammelbecken für all diejenigen, die nicht unbedingt freiwillig sondern eher aus Verzweiflung in die Stadt gekommen sind. In der Hoffnung auf Arbeit und ein menschenwürdiges Leben. Aber Mindelo kann ihnen diese Hoffnung nicht erfüllen. In diesen Vororten wird die Statistik plötzlich lebendig, die lapidar feststellt, dass die Kapverden zu den ärmsten Ländern der Welt gehören. Auch die rostenden Schiffswracks im Hafen lassen Mindelo nicht reizvoller erscheinen.

Irgendwann springt dann aber der Funke über. Zeigt sich dem Reisenden der Charme der Stadt. An der Hafenstraße, sie Promenade uz nennen, wäre nicht angemessen, steht das Denkmal von Amilcar Cabral, der den Inseln die Freiheit gebracht hat und schaut in die Ferne. Zu seinen Füßen haben sich Matrosen und Zocker niedergelassen. Gleich daneben steht der Torre de Belem, ein Nachbau des Vorbildes in Lissabon, aber auf kapverdische Maße reduziert. Autos und Lastwagen rumpeln spärlich beschattet von einigen Palmen über das Basaltpflaster, vorbei an den bunten Fassaden der Kolonialhäuser.

Im Fischmarkt hinter dem Torre de Belem schlägt das Herz der Stadt und verschlägt es einem den Atem. In der Halle drängen sich die Marktfrauen, streiten, zanken und zetern mit Kunden und Konkurrentinnen gleichermaßen. Zentnerschwere Thunfische werden von Pick-Ups auf die Straße geworfen, in die Markthalle gezerrt und in einer blutigen Prozedur in kleine Stücke zerteilt. Hier gibt es alles, was das Meer zu bieten hat. Vor der Markthalle gibt es die Zutaten zum Fisch. Die Frauen stehen und sitzen am Straßenrand und verkaufen Kräuter und Gemüse, kostbare Beilagen in einem ausgedörrten Land.

Seine Existenz verdankt Mindelo nur der strategisch günstigen Lage mitten im Atlantik, auf halben Wege zwischen Europa und Südamerika. Ansonsten hätte sich wohl niemand die Mühe gemacht, die Insel zu besiedeln. Nach der Entdeckung 1462 geriet sie für Jahrhunderte in Vergessenheit. Nur für Piraten war der natürliche Hafen ein idealer Unterschlupf. Erst als die Schiffe statt unter Segeln mit Kohle die Weltmeere befuhren, kam für Mindelo eine kurze Zeit des Aufschwunges. Denn die Engländer benötigten Kohlebunker auf der Insel. Mindelo wurde wichtigster Zwischenstop bei der Atlantiküberquerung. Aber der Boom dauerte nicht einmal 50 Jahre, größere Reichweiten und der Vormarsch der Dieselmotoren ließen Mindelo schnell in der Bedeutungslosigkeit versinken. Letzte Spuren der Vergangenheit sind die typischen Kolonialbauten am Hafen.

Aber auch heute hat Mindelo noch immer viel von einer Hafenstadt. Für kapverdische Verhältnisse geht es in den Straßen hektisch zu. Ein ungewohnt reichhaltiges Angebot an Läden und Restaurants unterstreicht Mindelos Bemühen Praia den Ruf als wichtigstes wirtschaftliches und kulturelles Zentrum streitig zu machen. Und dann gibt es natürlich noch die vielen Kneipen und Bar rund um den Hafen, von denen einige nach Einbruch der Dunkelheit nicht unbedingt zum Besuch einladen.

Christian Nowak