Grönland: Rock ’n’ Roll in der Diskobucht

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Neun Monate ist kein Durchkommen rund um Grönland. Aber dann kann man an Bord eines Expeditionsschiffes das Wunder des arktischen Sommers hautnah erleben.

Zart taucht die Mitternachtssonne die stille, arktische Landschaft aus Fels, Eis und Meer in magisches Licht – goldfarben wie schmelzendes Edelmetall. Morgens, Schlag acht Uhr kracht, bebt und vibriert es. Voller Schwung schlägt der Bug der ‚MS Disko II hart auf die Wellen, unsanft werden die Passagiere geweckt. „Zur Abwechselung tanzen wir jetzt Rock ’n’ Roll, doch bei der Einfahrt in die Diskobucht ist das Wasser wieder sanft und süß“, tönt heiter und beschwingt die Stimme des Kapitäns über das Mikrofon.

1.Kamiken.jpgDabei haben sich die Gäste in den vergangenen Tagen wahrlich nicht gelangweilt. Sie haben den längsten Fjord der Welt, den Kangerlussuaqfjord, durchfahren, in Sisimiut erstmals arktisches Festland betreten. In Ukkusissat, 500 Kilometer nördlich des Polarkreises, tanzten sie mit Grönlands Ureinwohnern, den Inuits. An der Gletscherfront des Eqip Sermia schauten sie begeistert den Eiskolossen zu, wie sie mit donnerndem Getöse ins Meer kalbten. Doch der sechste Tag an Bord soll den Höhepunkt bringen.

Einfahrt in den Eisfjord

Sehnsuchtsziel ist der sagenhafte Kangia Ilulissat Eisfjord an der Westküste. Aber noch tänzelt die Disko II, Eisklasse 1A, vorbei an Schären nach Süden. Aus den Orten hört man ab und an das Heulen der Hunde. Plötzlich verändert sich etwas. Je mehr das Schiff in die spiegelglatte Diskobucht vordringt, umso größer und häufiger werden die Eisberge. Im Licht der Morgensonne strahlen sie blau, türkis und weiß wie Diamanten. Bizarre Skulpturen, manche höher als 100 Meter. Wie Fregatten unter vollen Segeln treiben sie dicht an der Reling vorbei hinaus in den arktischen Eisgarten. Kameras werden vors Auge gehalten, klamme Finger fummeln am Auslöser. Es zoomt und blitzt, schließlich will man die Zauberwelt im Bild festhalten.

4.Hundeschlitten.jpgUnd es kommt noch besser, als diese vier Worte ertönen: „Whales on the left!“ Kapitän Jesper stoppt die Maschinen, hundert Meter weiter bricht die Wasseroberfläche ungestüm auf. „Er bläst, er bläst“, ruft er den ersten Wal persönlich aus. Der Wassernebel des meterhohen Atemstrahls glitzert in der Sonne wie Blattgold. Ein zweiter und dritter Blas folgen, dann tauchen gewaltige, grauschwarze Rücken auf. Finnwale! Abwechselnd wedeln sie mit ihren imposanten Flossen, um dann blitzschnell und elegant in der Tiefe zu verschwinden. „Was für ein Anblick“, murmelt eine Dame aus Bremen und wippt verzückt auf ihren Zehen.

Walfleisch und Stockfisch

Blau ist der Himmel, grün, rot oder gelb leuchten in Ilulissat die Giebelhäuser aus dänischer Kolonialzeit. Im Sommer, wenn die Tage kein Ende nehmen, nimmt hier das Leben der 5000 Einwohner seinen gewohnten Lauf: Grönlandfrauen präparieren auf Gestellen Walfleisch und Stockfisch für den Winter. Kajaks werden ausgebessert und neu mit Robbenhaut bespannt, Schlittenhunde sonnen sich auf porösem Basaltgestein. Wie bei uns die Autos, parken hier neben den Häusern Holz- und Motorschlitten. Davor sitzen die Männer und rauchen Pfeife.

7.Trachtenpaar.jpgHeute, am Nationalfeiertag, grüßen Jung und Alt freundlich die Besucher. Die Grönländerinnen tragen ihre zauberhafte, spitzen- und perlenverzierte Tracht und Kamiken, beinlange, mit Eisbärenfell gefütterte Stiefel. Ganze Familien sind in traditionelle Seehund-Kleidung gehüllt. „An die 1000 Euro kostet eine Frauentracht, alles Handarbeit“, verrät Bürgermeister Antan während er mit Fahnenträgern zur Zionskirche zieht. Einsam thront sie auf einem Felsplateau direkt am Meer. Der Innenraum ist in den Farben Weiß, Türkis und Gelb gehalten – Symbole für Schnee, Eisberge und Sonne. Leise, wie die Landschaft, dringen Kirchenlieder nach draußen bis zu den Kajakfahrern, die im Eiswasser Eskimorollen vorführen. Jugendliche springen übermütig in die alten Frauenboote, die Umiaqs, in denen früher Nomadenmütter mit ihren Kindern von Siedlung zu Siedlung fuhren.

Einladung zum Kaffeemik

„Die Sommerzeit müsse man ausnutzen. Die Menschen sind fröhlich und ausgelassen und das Land bekommt Farbe – weiße, gelbe, pinkfarbene Blüten bedecken den Boden wie kostbare Teppiche“, freut sich das Inuitpaar Ajako und Nivi. Vergnügt schauen sie den Tanzpaaren vor dem Knud Rasmussen-Museum zu.

6.Eisbären-Design.jpg„Ein ehrenvolles Andenken an unseren großen Polar- und Grönlandforscher (1879-1933). Er liebte uns und das Land und machte unsere Insel draußen bekannt“, sagt Ajako und lädt spontan zum „Kaffeemik“ ein. Dabei erzählt er aus seinem bewegten Jägerleben: 74 Eisbären habe er erlegt, Wale und Ringelrobben – sie waren ideale Jagdbeute für alle Bedürfnisse des Lebens. „Heute haben sie keine wirtschaftliche Bedeutung mehr. Die jungen Leute lernen lieber in der Schule und wollen Jobs im Tourismus oder in der IT-Branche.“

Die Wiege der Eisberge

Endlich! Der Flug im Helikopter über den Kangia-Eisfjord. Es ist der Höhepunkt, lässt alles ringsum vergessen. Einer der Mythen Grönlands liegt in seiner ganzen Erhabenheit und kalten Schönheit unter uns – 11 Kilometer breit und über 40 lang. Seit 2004 ist die Wiege der Eisberge UNESCO-Weltnaturerbe. Die Jahrtausende alten Schneemassen werden von der 50 Kilometer entfernten Abbruchkante des Sermeq Kujalleq-Gletschers mit Urgewalt ständig hierher geschoben, um dann ihren Weg hinaus aufs Meer anzutreten. Die Größten davon, nahezu 1000 Meter dick, schaffen es bis zur amerikanischen Küste. Einer dieser „Nomaden“ erwischte die „Titanic“ vor gut 100 Jahren.

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„Der Gletscher bricht pro Tag soviel Eis ab, wie New York in einem Jahr verbraucht“, erklärt der Pilot und dreht gekonnt eine Extraschleife für die Fotografen: Auf riesigen Eisschollen tummeln sich Robben in aquamarinblauen Seen, die sich durch die wärmenden Sonnenstrahlen gebildet haben.

Der Blick auf die zerklüfteten Eisfelder des Fjords ist überwältigend und ähnelt an diesem Tag dem Paradies, das sich mancher Naturliebhaber von seiner Reise in arktische Gewässer erträumt hat. Hier begreift man auch das berühmte Zitat von Rasmussen: „Gebt mir Winter, gebt mir Hunde, dann könnt ihr den Rest behalten“.

Katharina Büttel

Karibik: Zwischen Korallen, Reggae und Natur

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Mit der Norwegian Epic in die Karibik

Es riecht nach Salz. Weniger nach Fisch oder Meer, einfach nur nach Salz. Der Himmel ist blau mit nur einigen kleinen Wölkchen behangen und liegt wie ein subtropisches Tuch über mir. Das Wasser unter mir zeigt gar keine Farbe. Es schäumt. Sonntag um 16 Uhr legt der Ozeanriese Norwegian Epic von der Pier in Miami ab. Die meisten Leute, die uns zuwinken, tun dies von den anderen Megaschiffen aus, die ebenfalls in diesem Moment in See stechen. Unser Signalhorn blökt noch um einiges lauter, als das der anderen. Die Skyline von Miami, die Hochhäuser und die Brücke, zoomen sich langsam weg und lösen sich in Nichts auf.

Kapitän Trygve Vorren hat das Schiff gegen die offene See gedreht. Wir, groß und weiß nehmen die Fahrt in die westliche Karibik auf. In den Mayastätten Chacchoben, Costa Mexiko und Honduras werden wir an Land gehen. Dort wo die weißen und pudrigen Strände Lagunen säumen und Legenden und Ruinen die Landschaft mit einem Geheimnis aufladen.

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Norwegian Epic heißt das Schiff. Seit seiner Taufe ist es in amerikanischen Gewässern unterwegs. Das Herzstück des Schiffes ist das Pool Deck 15. An der Bar sieht man amerikanische Mittelschichtsurlauber, die sich vor dem hellen Himmel gegenseitig fotografieren. Ein Deck höher steht Linda mit ihrem Mann Gerry. Sie ist Immobilienmaklerin aus Michigan. Ihr Mann arbeitet bei der Bank. Beide halten einen Cocktailbecher in der Hand. „Die sieben Tage hier, das ist unser Jahresurlaub. Wir arbeiten hart. Wir brauchen Entspannung.“

Zum Entspannen gehe ich dann doch lieber in meine Kabine. Ich blicke vom Balkon aufs Meer. Das hat etwas ungemein Beruhigendes. Es scheint als lächele die ganze Welt einen an. Nach einer Stunde mache ich mich auf den Weg in die Lounge, zu anderen Alleinreisenden. Robert sitzt an der Bar und nippt an seinem Cocktail. Er hat ein kleines Studio gebucht, geräumig und stilvoll eingerichtet, mit Fenster zum Gang. „Ist vom Flur nicht einsehbar“, sagt Robert. Ohne Fenster und Balkon, das wäre für mich die Hölle. Ich möchte das Meer sehen und riechen.

Wir beide werden in sieben Tagen gemeinsam mit fast 4000 Passagieren 1607 Seemeilen zurücklegen. Wir werden sieben Tage auf einem 329 Meter langen und 40 Meter breiten Gefährt gefangen sein. Sieben Tage das Gleiche: Den gleichen Sonnenaufgang, den gleichen Sonnenuntergang, Frühstück vom Buffet, Sport im Fitnessstudio mit Blick auf das Meer, Mittag vom Buffet. Wir werden die gleiche Hitze ertragen und die gleiche Aufzugsmusik im Fahrstuhl hören.

Abends sehe ich Robert wieder. Robert tanzt im Zweiviertel-Takt zur Disco-Musik. Ich sehe nur noch blasslila Hosenanzüge, luftige bunte Sommerkleider und weiße Freizeitschuhe. Und ich sehe Michael Jackson. Das Double singt Lieder aus den 80ger Jahren. Viele, der Gäste kommen aus einem Amerika, das die Welt nicht so gut kennt: Indiana, Tennessee, Wyoming.

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Ein paar Europäer findet man auch. Sogar aus Deutschland, aus Hamburg. Andreas und Kerstin haben diese sieben Tage Urlaub gebucht, um die Freiheit zu genießen, an Land zu gehen und durch fremde Länder zu stöbern. In der Handtasche befindet sich nur das Nötigste für unterwegs. Sie wollen Maya Städte besuchen. Sie informierten sich in Reisebüchern über Yucatán, wo die Maya vor eineinhalbtausend Jahren die Paläste und Tempel ihrer Stadtstaaten in den dampfenden Regenwald bauten, oder an Buchten wie in Tulum Terrassenfelder und schwimmende Gärten anlegten, ihre Welt mit sprechenden Bildern aus den rund 800 Glyphen ihrer Schriftsprache schmückten und den Mondmonat auf 23 Sekunden genau berechneten. Eine Hochkultur, deren rasanter Untergang bis heute rätselhaft ist.

Alle Schiffe halten in Costa Maya in Mexiko. Eine halbe Stunde Busfahrt und dann ist man mitten im Dschungel zwischen Maya-Pyramiden und Tempeln in Chacchoben. Wer hofft, jetzt mit den Geheimnissen der Maya allein zu sein, der wird enttäuscht. Obwohl noch nicht vom Massentourismus überlaufen, etliche sonnenverbrannte Touristen sind bereits da und klettern zwischen den Ruinen, die zum Teil noch vom Regenwald überwuchert sind. In San Miguel, der Hauptstadt der Insel Cozumel, befinden sich im Regionalmuseum Ausgrabungsstücke der Maya-Kultur. Auch wer sich zuvor in die Welt der Maya vertieft hat, wird während dieser Stippvisite die Rätsel der geheimnisvollen Hochkultur nicht verstehen. Aber immerhin, Maya Kultur für Anfänger.

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Robert entscheidet sich für den Naturpark und besucht die verschmusten Delfine. Samantha ist ein achtjähriges Delfinweibchen. Zusammen mit einem Dutzend ihrer Artgenossen lebt sie in der Lagune Colombia im Naturpark Faro Celarain. Die Touristen, die sie besuchen, stehen bis zum Bauch im glasklaren Wasser der Karibik und dürfen unter Leitung eines Trainers die handzahmen Tiere streicheln.

Die Einheimischen offerieren den Epic-Leuten am Kai, sich mit einem grünen Leguan fotografieren zu lassen. Ein schöner Tagesabschluss, findet ein Pärchen. In den folgenden Seetagen an Bord lerne ich, was „Rollen“ und „Stampfen“ bei schwerer See bedeutet. Ich habe festgestellt, dass das Meer nicht immer ein und dasselbe Meer ist. Das Wasser verändert sich. Mal ist es trübe, lichtlos und wirkt bedrohlich. Mal leuchtet der See hell aquamarin, mal tiefblau oder fast violett.

Nach zwei Seetagen hat man genug vom prallgefüllten Veranstaltungskalender mit all seinen Spiel-und Spaßaktivitäten, Bordfesten, Discos und Bühnenshows. Die verbreiten zwar eine Menge Partylaune, kitzeln das Adrenalin und machen müde Knochen munter. Ich möchte wieder festen Boden unter den Füssen spüren und freue mich schon auf den Morgen im Hafen, auf Honduras mit dichten Regenwäldern und unberührten Riffs.

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Während aus dem Nabel des Schiffs der Anker an seiner Kette in die Tiefe rattert, strömen die ersten Gäste nach draußen. Die Epic-Leute suchen sich zu zweit, zu viert oder in kleinen Gruppen ihren Weg über die Gangway in die Hafenstadt.

Die See vor der Insel Honduras ist hellblau, so dass man den weißen Meeresgrund sehen kann. Glasklares Wasser sagen die Leute dazu. Noch immer ist die Karibik fast geruchlos. Der Strand ist pudrig, fast weiß. In einiger Entfernung beginnen violette, wolkenartige Korallenformationen. Hinter den Korallen wird das Wasser in kartographisch – präzisen Stufen immer dunkler. Statt Piratenschiffe kreuzen Glasbodenboote vor den Korallenbänken vor Honduras. Schwerfällig teilen sie das Wasser, denn sie sind entsetzlich überladen mit Kreuzfahrern, die sich diese Exkursion nicht entgehen lassen wollten.

Im lagunenflachen Wasser erlernt eine Gruppe das Schnorcheln. Gut 50 Leute treiben reglos auf den Wellen. Das Ganze wirkt wie das Resultat einer Schiffskatastrophe.

Am späten Nachmittag gehen wir wieder auf das heimatlich anmutende Schiff zurück. Hier trifft man auf Bekannte, die vorgestern noch Unbekannte waren. Ich begrüsse den Kabinensteward, dessen asiatisches Gesicht mir vertraut geworden ist. Der Geruch der Kabine, das frisch aufgeschlagene Bett ist eine kleine Welt für sich geworden.

Heidrun Lange

FIAT schwimmt auf Kreuzfahrtschiff zu

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Der Empfang war einer echten Diva würdig: Eine Flotte schwimmender FIAT 500 geleitete die MSC Divina nach ihrer 18-tägigen Atlantiküberquerung am 19. November 2013 mit einer spektakulären Show in den Hafen von Miami. Von hier aus werden nun ganzjährig Kreuzfahrten durch die Karibik angeboten. Schon vom Abfahrtshafen Venedig an war als Reminiszenz an die Heimat des Kreuzfahrtunternehmens ein metallic-roter Cinquecento mit an Bord.

Französisch-Polynesien: Die Aranui 3 steuert Bora Bora an

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Bora Bora – alleine der Name dieses Atolls in Französisch-Polynesien weckt Sehnsucht nach der Südsee. Die Aranui 3, eine Kombination aus Fracht- und Kreuzfahrtschiff,  legt 2014 auch zweimal in Bora- Bora an. Kurz vor Ostern und an Weihnachten, geht das normalerweise im Linienverkehr zwischen Tahiti und den Marquesa- Inseln verkehrende Schiff in der Lagune von Bora-Bora vor Anker. Die Kreuzfahrtgäste werden einen ganzen Tag lang Zeit haben, die Südseeidylle der berühmten polynesischen Trauminsel kennenzulernen.

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Aranui Cruises bietet auf der Aranui 3 ein ganz besonderes Kreuzfahrterlebnis zu den Marquesa-Inseln in Französisch-Polynesien.

Bora BoraDas Schiff versorgt die Inselgruppe der Marquesas mit allen Gütern, die zum Leben auf diesen abgelegenen Südseeinseln notwendig sind. Ausgangspunkt der Reise ist Papeete, die Hauptstadt von Tahiti.

Grönland:Kreuzfahrt ins Land der Eisberge

Eisberge Grönland

Auf dem Weg nach Grönland muss auch der moderne Kreuzfahrer einigen Herausforderungen widerstehen, sei es einem übervollen Buffet auf dem Schiff oder einem Orkan im rauen Nordmeer. Am Ende aber warten Grönlands Eisberge, die Kathedralen des Meeres, auf die Schiffsurlauber.

Frau Uhrmacher steht als erste am Buffet. Die grauhaarige Dame in den Sechzigern hat ihren Teller gut gefüllt. Kein Wunder: Der Küchenchef auf der MS Ocean Nova kommt aus Österreich, und er macht dem ausgezeichneten Ruf seiner Landesküche alle Ehre.

Nach eineinhalb Tagen bei Windstärke 12 sind die Mägen geleert und die Passagiere ausgehungert. Doch seit das Schiff an der westgrönländischen Küste entlangfährt scheint die Sonne. Keiner der 74 Passagiere denkt mehr an den zurückliegenden Tag, als sich das 73 Meter lange Schiff durch die Dänemark Straße quälte. Als es ächzend gegen die Wellen ankämpfte, die hoch über dem Deck zusammenschlugen.

Erik der Rote und Edvard Grieg

Fast drei Wochen ist die MS Ocean Nova auf den Spuren von Erik dem Roten von Kopenhagen in Richtung Grönland unterwegs. Das jedenfalls verspricht der Katalog des Veranstalters Lernidee Reisen. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn tatsächlich war Erik nie in Kopenhagen. Er lebte ungefähr um das Jahr 950 in Norwegen. Von dort musste seine Familie nach Island fliehen, weil sein Vater in seiner Heimat einen Mord begangen hatte. Der Jähzorn lag offenbar in der Familie, denn auch Erik erschlug einen Mann und wurde nach Grönland verbannt. Eisberg vor grönl. Südküste

Obwohl die MS Ocean Nova zu Beginn der Reise weit abseits der historischen Route fährt, werden sich die Passagiere gern an die ersten Tage an Bord zurückerinnern – vor allem an das ruhige Meer. Die Sonne strahlt, als die MS Ocean Nova in Bergen – der angeblich regenreichsten Stadt Europas – vor Anker geht.

Die Hansestadt Bergen, bekannt wegen des Kaufmannviertels Bryggen,  ist eine Stadt der Musik. Einmal im Jahr findet ein großes Musikfestival statt und von hier stammte auch Edvard Grieg, Norwegens bekanntester Komponist. Auch deswegen führt der Landgang nach Troldhaugen, dorthin wo der Meister von 1885 bis zu seinem Tod im Jahre 1907 wohnte und arbeitete.

Die Reisenden haben noch die Griegs Peer-Gynt Suite im Ohr, als das  Schiff hinaus ins Nordmeer aufbricht. Die Färöer sind sein Ziel. Als die MS Ocean Nova im Hafen von Thorshavn einläuft, begrüßen die Inseln die Passagiere mit Sonnenschein, nur um von da an im schnellen Wechsel Regen, Schneeregen und  Hagel zu bieten – alles, was das Wetter in seinem Spektrum vorsieht, ein Jahr im Schnelldurchlauf. Wolkenfetzen ziehen um die steilen Berge, die Sonne kämpft gegen sie an, behält für kurze Zeit die Oberhand und taucht die Hänge in mildes Licht.

Später in Island ist der Aufenthalt nur kurz – aber doch lange genug für eine Bustour zu drei Sehenswürdigkeiten die stellvertretend für das stehen, was Island bekannt gemacht hat: Thingvellir, Geysir und Gullfoss – also die Wiege der Demokratie, Geysire und mächtige Wasserfälle. Auch den inzwischen weltberühmten Eyjafjallajökull sehen wir, allerdings nur in der Ferne und in friedlicher Ruhe.Island, Gullfoss

Ins Zauberland der Eisberge

Und dann geht es hinüber nach Grönland durch die berüchtigte Dänemarkstraße. Sturm und schlechtes Wetter sind in der Meerenge zwischen Island und Grönland normal. Aber einen Orkan hat selbst Kapitän Niels Kallesen hier noch nie erlebt. Und der alte Haudegen, der sein Schiff mit kurzärmligem Oberhemd und in Lederpantoffeln kommandiert, hat schon einige Abenteuer durchgestanden. Seine Reederei hat ihn für ein paar Wochen aus dem Ruhestand zurückholt.

Die MS Ocean Nova hat aber schon kniffligere Situationen gemeistert. Im Februar 2009 wurde über sie in der Tagesschau berichtet –  sie war in der  Antarktis in der Nähe eines Gletschers auf Grund gelaufen. Die Gäste an Borde blieben zwar unverletzt, doch der Urlaub war für sie zu Ende. Sie mussten auf ein anderes Schiff evakuiert werden. MS Ocean Nova

Der Kapitän hatte es den Passagieren versprochen und der Wettergott hat Wort gehalten. „Sobald wir das Kap Farvel umrundet haben, scheint die  Sonne“, hatte Kallesen angekündigt. Und tatsächlich: Nur wenige Seemeilen nachdem das Schiff den südlichsten Punkt Grönlands umrundet hat, legt sich der Orkan.

Und dann tauchen ganz weit „backbord voraus“ – die ersten Eisberge auf.  Zwei schwimmende Kathedralen, die je nach Sonneneinstrahlung ihre Farbe verändern. Blau, weiß, grün und dann wieder blau. Unwirklich sehen sie aus, wie Gäste aus einer anderen Welt.

Gegrillter Lachs vor Gletscherzunge

Auf der Fahrt nach Norden steigen wir immer wieder in die Zodiacs. Die Beiboote bringen uns zu Ausflügen an Land. Etwa zur alten Kryolith Mine von Ivitut. Sie ist seit 1987 verweist und erinnert als Geisterstadt an bessere Zeiten. Wenn aber ein Kreuzfahrtschiff anlegt, fährt jemand aus dem fünf Kilometer entfernten Ort Kangilinnguit über den Berg und öffnet für die Passagiere das Museum. Man ist stolz  auf die Vergangenheit. Der Ort wirkt so, als hätte man ihn erst vor kurzem fluchtartig verlassen. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude der Mine liegen noch die Lohnabrechnungen auf dem Tisch. In einem der Häuser steht eine Bierflasche auf dem Tisch, so als wäre derjenige der sie geleert hat, nur eben mal kurz vor die Tür gegangen.

Kurz vor Ende der Reise legt das Schiff in der Hauptstadt Nuuk an. Schön ist die 15.000 Einwohner Hauptstadt Grönlands wahrlich nicht. Moderne Zweckbauten bestimmen das Bild. Nur am alten Hafen stehen noch ein paar der alten roten und gelben Holzhäuser, die so typisch sind für die Dörfer und Städte in Grönland. Dort liegt auch das Nationalmuseum. Absolut sehenswert sind dort die Eismumien von Qilakitsoq. Unter einem Steinhügel wurden in der westgrönländischen Gemeinde acht unglaublich gut erhaltene und mit Robbenfellen bekleidete Mumien gefunden. Ihr Todesdatum schätzt man ungefähr auf das Jahr 1475. Bei der Mumie eines vier Monate alten Babys, schaut jeder Besucher instinktiv zweimal hin. Das mumifizierte Kind sieht so aus als würde es nur schlafen. Als müsste es gleich aufwachen und nach seiner Mutter schreien. Vermutlich aber wurde das Baby lebend neben seiner toten Mutter begraben. Das war damals durchaus üblich. Ohne Eltern hatte ein Kleinkind keine Überlebenschance. Und in einer Natur, die kaum genug für das eigene Überleben hergab, wurden elternlose Kinder nur selten von Fremden adoptiert. Nuuk Nationalmuseum, Eismumie

Wer sich nach dem Museumsbesuch noch ein paar Wünsche erfüllen lassen will, wirft in den riesigen roten Briefkasten unten am Hafen einen Brief an den Weihnachtsmann ein. Einer meiner Wünsche geht gleich bei der Ausfahrt aus dem Nuukfjord in Erfüllung. Zwei Wale begleiten minutenlang unser Schiff, bevor sie sich dann mit einem wuchtigen Schlag der Schwanzflosse in die Tiefe verabschieden.

Noch beeindruckender ist der Evighedsfjord in den die MS Ocean Nova als nächstes einfährt. Direkt aus dem Meer ragen einige der höchsten Berge Grönlands, teilweise über 2000 Meter hoch, in den strahlend blauen Himmel. Am Ende des Fjords kalbt ein Gletscher ins Meer. Dort lässt der Kapitän auf Deck das Abschiedsessen auftragen. Gegrillten Lachs, zubereitet von dem jungen, österreichischen Koch. Trotz des Sonnenscheins zieht es kühl herüber vom Eis des Gletschers. Doch davon lässt ich Kapitän Kallesen nicht abschrecken. Wie immer trägt er seine offenen Lederslipper und das kurzärmlige Hemd. Frau Uhrmacher hat sich das Teller vollgepackt und balanciert zurück zu ihrem Stuhl. Sie setzt sich, stellt sich das Teller auf den Schoß und schneidet sich ein großes Stück von dem gegrillten Lachs ab.

Rasso Knoller

Eisberg vor der grönländischen Südküste

 

Norwegen: Hurtigruten fördert Umweltschutz

Eine Studie zum Umwelteinfluss von Expeditionskreuzfahrten bescheinigt den Veranstaltern ein hohes Umweltbewusstsein. Das Hurtigruten-Schiff MS Fram war eines von vier Schiffen, das von einem Forscherteam für diese Studie begleitet wurde. Im Fokus standen vor allem umweltfreundliche Reiseabläufe. Mit der Teilnahme am Programm „Clean up Svalbard“ auf den Expeditions-Seereisen mit MS Fram unterstützt Hurtigruten insbesondere die Reinhaltung der schwer zugänglichen oder nur per Schiff erreichbaren Regionen. Die Expeditions-Seereisenden sind mit Eifer dabei: Eine Broschüre des Gouverneurs, die vom Expeditions-Team ausgehändigt wird, informiert über das Projekt und lädt zur Teilnahme ein. Wer sich engagieren möchte, sammelt bei den Anlandungen beispielsweise Plastik, Glas und kleinere Abfallstücke. Die Entsorgung erfolgt in vom Schiff bereitgestellte Müllsäcke.

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 1: Ushuaia)

Fin del mundo, das Ende der Welt. So wirbt Ushuaia auf Dutzenden von Plakaten für sich. Durchaus zu Recht, denn es ist die südlichste Stadt der Welt. Nur noch 3926 km sind es von hier bis zum Südpol, aber 14105 zurück nach Berlin. Heute regnet oder stürmt es mal nicht und so zeigt sich die Stadt mit ihren bunten Häusern durchaus malerisch zwischen Beagle-Kanal und Andenkette. Im Hafen liegen die Kreuzfahrtschiffe, darunter auch unsere „Fram“ von den Hurtigruten, um Passagiere für einen Antarktistrip an Bord zu nehmen oder sie am Ende der Reise wieder an Land zu bringen. Rund 300 Schiffe starten von hier jedes Jahr in Richtung Süden. Entstanden ist Ushuaia aus einer Strafkolonie, denn freiwillig wollte niemand am Ende der Welt wohnen. Erst als 1978 die Zoll- und Steuerfreiheit eingeführt wurde, explodierte die Stadt förmlich und wuchs auf rund 70000 Einwohner.

Sieht so das Ende der Welt aus? Eigentlich nicht, das könnte auch ein Ort in Island oder Grönland sein. Sehenswürdigkeiten besitzt Ushiaia nicht, aber die bunt zusammen gewürfelten Häuser sind ganz nett anzuschauen. Auch ich schlendere, wie jeder, die Hauptstraße San Martin hinauf und hinunter, schaue in mindestens ein Dutzend Souvenir- und Outdoorläden, trinke einen Kaffee und gehe dann nach einer Stunde zur „Fram“. Bereit, in die Antarktis aufzubrechen.

Selbst einen Irish Pub gibt es am Ende der Welt, wirklich typisch sieht er allerdings nicht aus.

Pinguine an jeder Ecke: Nach Größen sortiert in den Schaufenstern der Souvenirläden, auf Plakaten, die Ausflüge in die Antarktis anpreisen und selbst als überlebensgroße Exemplare, die als Werbefiguren durch den Ort watscheln. Hoffentlich gibt es die bald in Natura.

Noch sind es genau 3926 km bis zum Südpol. Heute Abend legt die „Fram“ ab und bringt uns in den nächsten zwei Tagen noch einmal rund 1000 km näher an den Pol. Durch die wegen ihrer Stürme legendäre Drake-Passage!

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 2: Drake-Passage)

Irgendetwas stimmt hier nicht! Entweder ich bin auf dem falschen Schiff oder der Kapitän hat sich mit dem Kurs vertan. Warum? Weil das einfach nicht die Drake-Passage sein kann.

Gestern Abend war noch alles o.k. Einschiffen auf der „Fram“, Begrüßung durch den Kapitän, Sicherheitseinweisung, eben das normale Kreuzfahrtprogramm am ersten Tag.

Schon zu Hause habe ich alles gelesen, was es über die Drake-Passage zwischen Feuerland und der Antarktischen Halbinsel gibt. Egal, zu welcher Jahreszeit man unterwegs ist, der pure Horror solle sie sein, zumindest für Landratten, die nicht ganz seefest sind – zu denen ich mich leider zähle. Endgültig geglaubt habe ich die Schauergeschichten nach einem Video im Internet, in dem ein ausgewachsenes Kreuzfahrtschiff mit haushohen Wellen kämpfte. Daraufhin habe ich mir drei verschiedene Mittel gegen Seekrankheit griffbereit im Reisegepäck.

Beim Ablegen in Ushuaia weht nur eine leichte Brise und der Beagle-Kanal ist glatt wie ein norwegischer Fjord. Am späten Abend gleitet das Schiff durch die enge, geschützte Wasserstraße, die Ufer mit dem spärlichen Grün und den kahlen Bergen erinnern an Nordnorwegen.

Am nächsten Morgen, der Beagle-Kanal liegt schon lange hinter uns, wiegt sich das Schiff in einer nur leichten Dünung. Die Sonne scheint von einem blauen Himmel, soweit das Auge reicht, nur Wasser, keine Spur mehr von Land. Das also ist die gefürchtete Drake-Passage! Die Tabletten gegen Seekrankheit sind noch immer unbenutzt im Gepäck, stattdessen ist Sonnenbaden an Deck angesagt. Kapitän und Expeditionsleitung behaupten unisono, so eine ruhige Überfahrt hätten sie die ganze Saison über noch nicht gehabt – und so soll es bleiben!

Versprochen wurden uns Seevögel, die dem Schiff folgen würden, aber bis auf einen Albatros in weiter Ferne ist den ganzen Tag über kein Vogel zu sehen. Die brauchen Wind, viel Wind, um kraftsparend segeln zu können. Das ist heute nicht ihr Tag, sie schaukeln irgendwo auf den nicht vorhandenen Wellen und warten auf kräftigen Wind.

So ein Tag heißt im Kreuzfahrtprogramm normalerweise „Erholung auf See“. Bei unserer Expeditionskreuzfahrt stehen jede Menge Vorträge auf dem Programm. Wie man bessere Fotos macht, was man über Wale wissen muss oder warum man die Antarktis nur mit sauberen Schuhen betreten soll. Zu den sauberen Schuhen später mehr.

Morgen sollen wir die ersten Pinguine live zu sehen bekommen, deshalb gehört der Vortrag „Antworten auf die meistgestellten Pinguin-Fragen“ quasi zum Pflichtprogramm. Jetzt wissen wir unter anderem, dass einige der Frackträger mehr als 500 m tief tauchen können und nicht nur in der Antarktis, sondern auch am Äquator leben.

Der Beagle-Kanal ist nur 2-5 km breit, aber 250 km lang. Auf argentinischer Seite liegt Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, auf der chilenischen Seite die kleine Siedlung Puerto Williams. Den Namen erhielt die schmale Wasserstraße von Charles Darwins Schiff „Beagle“, mit dem er 1833 diese Gegend erkundet hat. Die Berge im Hinterland wurden später ihm zu Ehren „Cordillera Darwin“ genannt.

Das Ziel der nächsten Tage, die antarktische Halbinsel. Sie ist knapp 1000 km von Feuerland entfernt.

Hier geht es zum 2. Teil

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 3: Half Moon Island)

Das Ende der Drake-Passage kündigt sich durch Seevögel an, die das Schiff begleiten. In der Ferne tauchen die ersten kleinen Eisberge und Landfetzen auf und wenn man lange genug Ausschau hält, verraten sich einige Wale durch ihren Blas.

Heute, endlich, nach rund 15 000 km Anreise, steht der erste Landgang in der Antarktis auf dem Programm. Half Moon Island ist das Ziel. Doch davor gibt es umfangreiche Einweisungen, was wir tun dürfen und was wir auf jeden Fall lassen sollen.

Für die nassen Anlandungen sind Gummistiefel, wasserdichte Jacke und Hose sowie eine Schwimmweste Pflicht. Damit keine Pflanzensamen eingeschleppt werden, müssen Rucksäcke, Kleidung und Schuhe gründlich gereinigt werden. Alles ist generalstabsmäßig geplant, als erstes geht das Expeditionsteam an Land, schaut, ob eine Landung problemlos möglich ist, deponiert eine umfangreiche Sicherheitsausrüstung, damit wir, falls eine planmäßige Rückkehr zum Schiff nicht möglich ist, wir auch bei einem Wettersturz ein paar Stunden überleben. Wege werden markiert, auf denen wir uns bewegen dürfen. Die ganze Prozedur ist extrem aufwändig, vor allem, da jeder nur rund eine Stunde an Land bleiben darf. Bei 200 Passagieren dauert ein kompletter Landgang rund vier bis fünf Stunden. Denn es dürfen immer nur 100 Passagiere gleichzeitig an Land sein, um die Tiere möglichst wenig zu stören. Da sich das Wetter in der Antarktis innerhalb weniger Minuten dramatisch verschlechtern kann, hat Sicherheit oberste Priorität.

Dann endlich ankert die „Fram“ in der halbmondförmigen Bucht, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Die Insel erinnert an eine Caldera, ist aber nicht durch einen Vulkanausbruch entstanden. Schon vom Schiff aus sind die bizarren Felstürme der Insel, das benachbarte Livingston Island mit seinen Gletschern, die roten Häuser der argentinischen Sommerstation Teniente Camara und die Pinguinkolonien sowie einige Robben auf dem Kiesstrand zu sehen.

Schon die ersten Schritte an Land sind einfach umwerfend. Mitten auf dem Strand stehen Dutzende von Zügelpinguinen, hin und wieder springen einige aus dem Wasser und watscheln über den Kiesstrand mitten zwischen den faul herumliegenden Pelzrobben hindurch. Von den Menschen, die zu Dutzenden in ihr Revier eindringen, nehmen weder Pinguine noch Robben Notiz. Bis auf wenige Meter können wir uns den Pinguinen nähern, sie lassen sich von uns überhaupt nicht stören, stehen entweder in Scharen auf den Felsen oder pendeln auf Pinguinstraßen zwischen Kolonie und Meer.

Wir erkunden die Insel auf dem uns erlaubten Pfad, treffen immer wieder auf neue Pinguinansammlungen, sehen spielerisch miteinander kämpfende Pelzrobben aus nächster Nähe und das alles vor der vergletscherten Kulisse der Nachbarinsel Livingston Island.

Beeindruckender könnte der erste Landgang in der Antarktis nicht sein, umgeben von einer grandiosen Landschaft sind wir Pinguinen und Robben näher als im Zoo gekommen.

Auch das morgige Programm verspricht einiges: Geplant ist der Besuch der argentinischen Station Esperanza und die Passage durch den Antarctic Sound, der auch „Straße der Eisberge“ genannt wird.

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 4: Esperanza)

Heute ist Pinguin-Wetter. Einige Grad unter Null, Windstärke acht, Schneetreiben, kaum Sicht – für uns mindestens gefühlte -15° C. Die Pinguine stört das alles wenig. Sie stehen stoisch im Schneesturm oder watscheln zum Wasser und gehen schwimmen, für sie fühlt sich das heute wahrscheinlich wie laues Sommerwetter an.

Heute früh tastete sich die „Fram“ langsam durch den Antarctic Sound, der die Antarktische Halbinsel von den vorgelagerten Inseln trennt. Rechts und links vom Schiff tauchen immer wieder Eisberge, allerdings noch in beruhigender Entfernung, auf. Darunter auch einige größere Tafeleisberge. Dieses Jahr gibt es laut Expeditionsteam selbst im Spätsommer noch sehr viel Eis, das sich unberechenbar in dem Sund festsetzt und die Durchfahrt schwierig machen kann. Versprochen hat man uns jedenfalls spektakuläre Eisberge hautnah.

Doch davor gibt es den ersten Landgang an der argentinischen Station „Esperanza“. Schon aus der Ferne ist sie an den gut zwei Dutzend roter Gebäude auszumachen. Rund 50 Menschen – darunter auch einige Kinder, die hier sogar zur Schule gehen – leben das ganze Jahr über auf der Station. Davon sind mehr als die Hälfte Militärangehörige. Ein wenig wird auf der Station auch geforscht, aber der eigentliche Zweck ist wohl eher politisch, denn Argentinien möchte mit dieser kleinen „Stadt“, die es schon seit 1952 gibt, seine Gebietsansprüche untermauern. Jedes Land, das sich um ein Stück Antarktis bemüht, hat seine eigenen Argumente, warum gerade seine Ansprüche legitim sind. So rühmen sich die Argentinier damit, dass in der Station schon 1972 das erste Kind in der Antarktis geboren wurde.

Wir haben heute jedenfalls erstmals den Fuß auf das antarktische Festland gesetzt, Half Moon Island gestern war ja „nur“ eine Insel.

Gut ein Jahr bleiben die Menschen in „Esperanza“, bevor sie wieder nach Hause dürfen. Um ihnen den Aufenthalt am Ende der Welt zu versüßen, bekommen sie deutlich mehr Lohn als anderswo. In jedem Fall freuen sie sich über den Besuch und laden uns zu einer Besichtigungstour ein.

Es gibt eine kleine Schule, die Kinder sind jetzt allerdings schon in den Sommerferien, eine Kapelle, ein Kasino sowie ein kleines Antarktis-Museum, in dem Ausrüstungsgegenstände früherer Expeditionen und einige Fossilien zu sehen sind. Außerdem gibt es einen Radiosender, eine Krankenstation und eine Halle zum Fußball spielen – sie ist das größte Gebäude der Siedlung. Mitten in der Station sind die Reste einer Hütte aus aufgeschichteten Steinen zu sehen, sie diente vor 100 Jahren drei Mitgliedern der schwedischen Nordenskjöld-Expedition als Notquartier, in dem sie einen ganzen antarktischen Winter überstanden.

Auf der Suche nach den Pinguinen, die im Schneesturm zwischen den Felsen mit ihrem schwarz-weißem Outfit so gut getarnt sind, dass man aufpassen muss, nicht auf sie zu treten.

Auf der Suche nach den Pinguinen

Pinguin in der Mauser

 

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 5: Antarctic Sound)

„Fragt uns nicht, wann der nächste Landgang ist, fragt uns nicht, wie lange ihr an Land bleiben könnt, erwartet auch nicht, dass wir euch einen genauen Wetterbericht geben können. Wir können euch nicht mal garantieren, ob der nächste Landausflug überhaupt stattfinden kann. Dies ist eine Expeditionskreuzfahrt!“

Diese Sätze mussten wir uns in den ersten Tagen vom Expeditionsteam mindestens ein halbes Dutzend Mal anhören. Geglaubt hat sie kaum jemand, zu schön war das Wetter, zu ruhig das Meer. Heute hat die Antarktis zum ersten Mal gezeigt, dass sie auch anders kann. Schon beim Vormittagslandgang hat es geschneit und der Wind war ziemlich frisch. Am Nachmittag sollten wir in Brown Bluff, einer vulkanischen Klippe, anlegen, doch der Wind war mittlerweile so stark, dass die kleinen Boote nicht mehr anlanden konnten.

Als Entschädigung gab es eine Panoramatour durch den Antarctic Sound bis zur Grenze des Wedell Meeres. Eisberge soweit das Auge reicht. Große, kleine, weiße, blaue und als Krönung Tafeleisberge, haushoch und mehrere hundert Meter lang. Jeder sieht anders aus und die „Fram“ gleitet an allem so langsam vorbei, dass jede Einzelheit zu erkennen ist. Trotz des eisigen Windes und mittlerweile Windstärke zehn gibt es nur einen Platz: an Deck mit der Kamera in den eiskalten Fingern.

Morgen fahren wir durch Neptun’s Blasebalg. Wer wissen möchte, was das ist, kann es morgen hier nachlesen. Oder einen Tipp im Kommentar abgeben.

Parade der Eisberge im Antarctic Sound

 

Antarktis: Unterwegs mit der „Fram“ (Teil 6: Deception Island)

Hier kommt die Auflösung der Frage von gestern: Was ist Neptuns Blasebalg? Über Nacht hat die „Fram“ Kurs auf Deception Island genommen, eine Vulkaninsel mit rund 13 km Durchmesser und einer mit Wasser gefüllten Caldera. Um 7 Uhr wurden wir geweckt, damit wir dem Kapitän dabei zuschauen können, wie er durch die nur rund 200 m breite Öffnung in die Caldera manövriert. Dieser schmale Durchlass ist der einzige Weg in den Vulkankrater und wird Neptuns Blasebalg genannt. Deception Island ist ein aktiver Vulkan, der allein im 20. Jahrhundert mehrere Male ausgebrochen ist und dabei neue Vulkankegel gebildet und viel Asche gespuckt hat.

Heute ist ein bedeckter Tag mit leichtem Schneefall, was Schnee und Vulkanasche zu einer Symphonie in Schwarz-Weiss mit zahlreichen geometrischen Mustern werden lässt. Der erste Landgang ist an der Telefon Bay im Norden des Kraters. Hier laufen wir ein wenig am Strand entlang, beobachten zwei faule Pelzrobben, die von uns keine Notiz nehmen und erklimmen dann über lose Vulkanasche ein kleines Plateau, von dem sich eine grandiose Aussicht über die Insel bietet. Über einen Grat geht es weiter bergauf durch eine vollkommen monochrome Landschaft, in der nur wir mit unseren hellblauen Jacken und roten Schwimmwesten die einzigen Farbkleckse bilden.

Drei Stunden später bietet sich ein völlig anderes Bild: Die Sonne scheint, der Himmel ist Blau und die Farben sind in die Vulkanlandschaft zurückgekehrt. Auf dem Programm steht Am Nachmittag ist eine Landung in Walers Bay, einer alten, verfallenen Walfangstation im Krater geplant. In der Bucht gibt es noch einige verfallene Gebäude und eine Handvoll großer rostiger Tanks, in denen früher das Walöl bis zum Abtransport aufbewahrt wurde, zu sehen. Auf dem Strand liegen noch einige Boote, deren Holz von Wind und Wetter im Laufe der Jahrzehnte weiß und morsch geworden ist.

Am Strand laufen einige Eselspinguine herum und wenn man nicht aufpasst, tritt man auf eine Pelzrobbe, die sich auf dem schwarzen Sand sonnt und aufwärmt. Ganz nah kommt man auch an die großen, braunen Raubmöwen Skua heran, die ebenfalls keine Scheu zeigen und gar nicht daran denken, wegzufliegen.

Nachdem alle wieder an Bord sind, nimmt der Kapitän in der Abendsonne wieder Kurs auf Neptuns Blasebalg und tastet sich langsam in Richtung offenes Meer. Was für ein Tag!