Schweden: Kunst im Untergrund – die Stockholmer Tunnelbana

Wer in die U-Bahn steigt, möchte möglichst schnell sein Ziel erreichen. Das kann man auch mit der Stockholmer Tunnalbana. Doch man kann sich auch Zeit lassen und an jeder Station aussteigen und die U-Bahnfahrt so zu einem Kunsterlebnis machen – eine wunderbare Beschäftigung an verregneten Tagen. Denn die Bahnhöfe der Tunnelbana bilden die längste Galerie der Welt – behaupten zumindest die Stockholmer. Besonders reizvoll sind diese Streifzüge im 10-Minuten-Takt der blauen Metrozüge zu nächtlicher Stunde. Wenn die Züge fast menschenleer über die Bahnhöfe huschen und die letzten Nachtschwärmer zu Skulpturen auf den Sitzbänken werden, hat man die nötige Muße, um die moderne Kunst auf sich wirken zu lassen.

Ganz bewusst haben sich die Stockholmer im Untergrund gegen fahles Neonlicht, eintönig gekachelte Wände und überlebensgroße Reklametafeln entschieden. Für die Pendler, die tagtäglich mit der Tunnelbana zur Arbeit fahren, sind die Kunstwerke an den Tunnelwänden zwar nur Hintergrundkulisse, trotzdem ist jeder Stockholmer stolz auf seine Metro. Mittlerweile sind fast alle der 100 Stationen in irgendeiner Weise künstlerisch gestaltet. Mehr als 125 verschiedene Künstler haben in den letzten 40 Jahren an den Stationen der Untergrundbahn ihre Spuren hinterlassen.

Die in den Fels gehauenen Tunnel sind zur Spielwiese der künstlerischen Avantgarde geworden, die ihre moderne Höhlenmalerei als Kunst für die Masse versteht. Die Fahrt durch die Stockholmer Unterwelt offenbart immer wieder Überraschendes: Die freundlich lachende Sonne am Thorildsplan oder den imaginären Blick durch den Fels auf einen strahlend blauen Himmel. In der Station Rådmansgatan weisen Strindbergs stechende Augen den Touristen den Weg zu seinem Museum. Solna Centrum ist ein Alptraum in Grün und Blutrot: Die Wandgemälde „Schweden in den Siebzigern“ illustrieren die Zerstörung der Natur, die Vergiftung der Gewässer und den Tod des Waldes in düsteren Bildern.

Höhepunkt der unterirdischen Bilderreise ist die blaue Linie von Kungsträdgården nach Akalla und Hjulsta. Beinahe jede Station auf dieser Linie ist ein kolossales Kunstwerk, überraschend, faszinierend oder dramatisch, ein überzeugender Sieg über die Monotonie öffentlicher Verkehrsmittel. Die Station Stadion mit ihren bunten Wegweisern, den Blumen und dem leuchtenden Regenbogen, der über die rauen Felswände fließt, strahlt Fröhlichkeit und Optimismus aus. Tekniska Högskolan dagegen ist geometrisch gestaltet, die strengen Formen der Kunstwerke in dieser Station symbolisieren die vier Elemente. Die Faszination für die Tunnelkunst erfasst nicht nur Besucher, auch die hartnäckigsten Graffiti-Sprayer sind beeindruckt, und verschonen Wanddekorationen, Skulpturen, Reliefs und Mosaike.

Christian Nowak

Slideshow: Motive aus der Stockholmer U-Bahn

 

 

Australien: Kunstausstellung am Strand

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Vom 12. bis 21. September verwandelt sich der südliche Küstenabschnitt der Gold Coast in eine große Kunstausstellung. Beim „Swell Sculpture Festival“ werden am Strand von Currumbin Beach im Süden Queenslands über 50 faszinierende Skulpturen lokaler, nationaler und internationaler Künstler gezeigt.

Swell Sculpture Festival 2012Mit seiner ausgedehnten Küstenlandschaft umgeben von zwei Landzungen ist Currumbin Beach für eine solche Ausstellung förmlich perfekt. Verschiedenste vergängliche und ortsspezifische Kunstwerke mit enormer Wirkungskraft werden hier Teil der Landschaft. Die kostenfreie Ausstellung ist 24 Stunden am Tag geöffnet, wodurch sich die Skulpturen je nach Tageszeit und Lichtverhältnissen dem Besucher immer wieder anders erschließen.  Die Veranstalter rechnen mit mehr als 200.000 Besuchern.

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Deutschland: Neues Kunstmuseum in Ahrenshoop

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Seit Anfang September 2013 kann Ahrenshoop mit einem Kunstmuseum von überregionaler Bedeutung aufwarten. Das Haus präsentiert  mit Werke von Paul Müller-Kaempff, Friedrich Wachenhusen oder Elisabeth von Eicken die Gründerjahre der Künstlerkolonie Ahrenshoop. Darüber hinaus werden aber auch Künstler der Klassischen Moderne von Marianne von Werefkin über Lyonel Feininger, Max Pechstein, Max Kaus bis zu Ernst Wilhelm Nay ausgestellt. Mit einem Investitionsvolumen von 7,7 Millionen Euro gehört das Museum zu den größten Investitionen im Kunstbereich in Mecklenburg-Vorpommern.  

Hongkong: Ein Diamant im Kohlestück

 

Kunst aus der Volksrepublik China erzielt derzeit Höchstpreise. Hongkongs Kunstszene dagegen ist noch unentdeckt. Dort können auch Spitzenkünstler kaum von ihrer Arbeit leben.

Hongkong ist das Zentrum des Kunsthandels in Asien: Hier sind alle großen Auktionshäuser und Galerien vertreten. Etwa die von Nicole Schoeni, die sich auf den Verkauf von moderner Kunst vom chinesischen Festland spezialisiert hat. Manfred Schoeni, ein Schweizer Hotelier, hatte die Galerie 1993 gegründet und bis im Jahre 2004 geleitet.

Seitdem führt seine Tochter die Geschäfte. Im Träger-Shirt, Sommerrock und in Flip-Flops sitzt sie mir gegenüber. Entspannt lächelnd und gut gelaunt, wirkt die 29-jährige so gar nicht wie eine geschäftstüchtige Galeristin, die mit millionenschweren Gemälden handelt und zugleich eine der wichtigsten Figuren der Hongkonger Kunstszene ist.

Die Galeristin Nicole Schoeni

Nicole Schoeni erzählt von den Zeiten, als ihr Vater noch die Bilder unterdrückter Künstler eigenhändig aus China herausschmuggelte und Malern wie Yue Min Jun zu den ersten Ausstellungen verholfen hatte. Heute ist Yue Min Jun weltberühmt, seine Werke erzielen Millionenerlöse auf dem internationalen Kunstmarkt. Die von ihm geschaffenen „lachenden Gesichter“,  die Menschen mit einem entstellenden oder entfremdeten Lachen darstellen, sind weltbekannt.

Manfred Schoeni war ein Pionier, was den Handel mit chinesischer Kunst angeht. Der richtige Boom begann aber erst 2004, erzählt seine Tochter. „Damals sind auch die Preise für die Kunstwerke explodiert, chinesische Kunst wurde zu einem  lohnenden Investment.“ Kaum ein Kunstmarkt hat eine solch rasende Entwicklung genommen wie der chinesische. Nicole Schoeni mutmaßt, dass dies daran liege, dass China ein großes Land sei und deswegen im Bewusstsein der Sammler auch eine entsprechend wichtige Rolle spiele.

Kunst zwischen zwei Welten

Von der Beliebtheit moderner chinesischer Kunst konnten die Hongkonger Künstler bisher nicht profitieren – international werden sie kaum wahrgenommen. „Das ist schon ein bisschen komisch“, sagt Nicole Schoeni. „Der Kunst hat es hier schon immer an Unterstützung gefehlt“. Nur die wenigsten Künstler könnten von ihrer Arbeit leben.

Zudem fehle es den Hongkong-Chinesen an einer eigenen Identität. Das spiegele sich auch in der Kunst wider. „Die Künstler bewegen sich zwischen zwei Welten – Europa und Asien, bzw. Großbritannien und China – und wissen nicht  so recht wo sie hin gehören“, so Schoeni.

Das bestätigen auch Kacey Wong und  Cassian Lau, zwei Künstler, denen ich im Madhouse begegne, einer der wenigen Galerien der Stadt die auch einheimische Künstler ausstellt. Beide haben in London studiert und sprechen akzentfreies Englisch.

Sie jedoch bewerten ihre Stellung zwischen den Kulturen  positiv und als zusätzliche Quelle der Inspiration. Nirgendwo auf der Welt finde man diese einmalige Mischung: Künstler, die sowohl vom Westen als auch vom Osten beeinflusst sind. „In unseren Adern fließt chinesische Blut, wir denken wie Briten,  tragen italienische Mode, fahren deutsche Autos und schauen amerikanische Filme an“, sagt Cassian Lau.

Cassian Lau erklärt sein jüngstes Gemälde

Er beschreibt die Kunstszene in Hongkong als ein Kohlestück, das einen wertvollen Diamanten in sich trägt.  Noch jedoch hat niemand den Diamanten entdeckt.

Selbst Lau, der zu den bekanntesten Malern Hongkongs zählt, kann allein vom Verkauf seiner Gemälde nicht leben. Seine Frau hat eine kleine Textilfabrik, die sie zusammen leiten, sagt er.

Für die Leute in Hongkong sei Geldverdienen das Wichtigste. „Kunst ist für sie zweit- oder sogar drittrangig“, so Kacey Wong. „Die Menschen sind früher als Flüchtlinge nach Hongkong gekommen und mussten immer Geld verdienen  um zu überleben“, sagt er. Diese Mentalität habe sich bis heute fortgepflanzt.

Kunst wird deshalb in Hongkong nicht um ihrer selbst Willen geliebt, sie wird erst dann interessant wenn sich mit ihr Geld verdienen lässt.

Im Bereich der Hollywood Road reiht sich eine Galerie an die andere. In denen kann man aber entweder moderne chinesische Kunst oder aber Antiquitäten kaufen – Kunst, die einen hohen Preis erzielt, und mit der sich entsprechend viel verdienen lässt.

Vicki Lui leitet die Galerie Madhouse

Galerien wie das Madhouse, die Hongkonger Künstler ausstellen gehören zur Ausnahme. Bilder von Malern aus der ehemaligen Kronkolonie werden fast ausschließlich von Expats, in Hongkong lebenden Ausländern, gekauft. „Hongkonger hassen Langweile“, sagt Vicki Lui, die Galeriechefin im Madhouse.  „Kunst ist für die Leute in Hongkong etwas Langweiliges, wir müssen die Menschen nun vom Gegenteil überzeugen.“

Rasso Knoller

 

 

 

 

 

Frankreich: Albi, die Stadt der verlorenen Ketzer

Bernd Siegmund, Die Kathedrale Sainte Cécile am Ufer der Tarn

Die kleine Provinzstadt Albi im Département Tarn hat im Buch der französischen Geschichte einen unverwechselbaren Fingerabdruck hinterlassen. Hier wurde am 24. November 1864 der Maler Henri-Marie-Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa geboren. Der verkrüppelte, nur 1,52 Meter kleine große Graf, der letzte Spross eines uralten Adelsgeschlechts, litt Zeit seines Lebens unter der Tatsache, dass nicht er, sondern die Behinderung sein Leben bestimmen würde. Von der eigenen, aristokratischen Gesellschaftsschicht ins Abseits gedrängt, fühlte sich Toulouse-Lautrec immer mehr zur Pariser „Halbwelt“ hingezogen. In den Tingeltangel-Bars des Montmartre, in den Nachtlokalen und Bordellen fand er seine Modelle und Sujets. Er machte die Huren und Tänzer, die Zirkusreiter und Clowns mit seiner Kunst unsterblich. Genutzt hat ihm das wenig. Toulouse-Lautrec‘s Genie wurde sein Leben lang missachtet. Es ist kurios, aber genau dieser Tatsache verdankt die Stadt Albi einen Schatz, um den sie heute die Museen der Welt beneiden. Als der Künstler im September 1901 starb, bot seine Mutter, die Gräfin Marie-Marquette de Toulouse-Lautrec, die Werke ihres Sohnes dem Louvre und anderen bedeutenden Museen an. Pikiert lehnten die Direktoren ab.

Bernd Siegmund, Das „Musée Toulouse-Lautrec“ ist für Touristen der Hauptgrund, Albi zu besuchen.

So fand das künstlerische Erbe, bestehend aus rund 600 Gemälden, Tausenden von Entwürfen und Zeichnungen, aus 350 Lithografien und den berühmten Plakaten, seinen endgültigen Platz in dem 1922 eigens dafür geschaffenen Musée Toulouse-Lautrec zu Albi. Ironischer weise befindet sich diese öffentliche Kunstaufbewahranstalt in den Räumen des ehemaligen bischöflichen Palais de la Berbie (13. Jh.). Seither „leben“ die frivolen „Kinder“ des Malers sozusagen zur Untermiete beim Bischof.

Toulouse-Lautrec-Menü auf der Speisekarte

 Auch außerhalb des Museums begegnet man dem Künstler auf Schritt und Tritt. In vielen Restaurants der Altstadt steht ein Toulouse-Lautrec-Menü auf der Speisekarte. In der Regel handelt es sich um Gerichte, die der begeisterte Hobbykoch selbst gern gegessen hat. Zum Beispiel Steinpilze in Weißwein. Oder Täubchen mit Oliven. Dazu wird ein Wein aus dem Gaillac gereicht, einem der bekanntesten Weinlagen Südfrankreichs. Es macht einfach Spaß, durch die kleine Provinzstadt mit ihren romantischen, autofreien, renovierten mittelalterlichen Gassen zu schlendern. Reich geworden ist die Stadt links und rechts der Tarn durch den Handel mit Färberwaid, einer unscheinbaren, gelb blühenden Pflanze aus der Familie der Kreuzblütengewächse, die, von den Franzosen „pastel“ genannt, zum Blaufärben von Stoffen benutzt wurde. Erst mit der Herstellung von synthetischem Indigo im Jahre 1897 versiegte die ergiebige Geldquelle.

Bernd Siegmund, Rund um die Kathedrale liegt die Altstadt. Sie wurde 2010 Teil des Weltkulturerbes.

Das Gesicht Albis ist vom Backstein geprägt. Er ziert alle Häuser und gibt ihnen einen warmen, ockerfarbenen Ton, der sich mit dem Licht des Tages verändert. Man staunt über die schönen Häuser mit Holzfüllungen, bewundert den Kreuzgang der Kirche Saint-Salvi und das altehrwürdige Rathaus aus dem 17. Jahrhundert. All das Schöne aber wird überstrahlt von der roten Kathedrale Sainte Cécile, die ihren Turm so hoch in den Himmel reckt, dass man glauben möchte, in ihm befindet sich der Eingang zum Reich Gottes. Der Bau des massigen, mehr als 40 m hohen, frommen Steinkörpers aus Ziegel wurde 1282 begonnen und 200 Jahre später vollendet. Die schnörkellose Außenhaut, in die Fenster wie Schießscharten eingelassen sind, erinnert an gute Industriearchitektur. Die mächtigen Mauern sind teilweise bis zu 7 m dick und sorgen dafür, dass die Basilika ohne einen einzigen Strebepfeiler auskommt. Kurt Tucholsky notierte im Angesicht der Kathedrale: „Ihr Anblick schlägt jeden Unglauben für die Zeit der Betrachtung knockout.“

Der Triumph der katholischen Kirche  

Die Kathedrale Sainte Cécile ist der zu Stein geronnene Triumph der römisch-katholischen Kirche über die Albigenser oder Katharer (catharos [griech.]: rein), wie die Abtrünnigen auch genannt wurden. Die Katharer revoltierten (ähnlich wie Jahrhunderte später Martin Luther) gegen die Scheinheiligkeit der römischen Amtskirche, die in Saus und Braus lebte, Wasser predigte und Wein trank. Normalerweise tat Rom solche Leute als Spinner ab. Aber als die Lehre der Katharer immer mehr Gläubige anzog, wurde Papst Innozenz III. nervös. 1209 sandte er ein Heer gegen die Ketzer, das unter dem Motto „Tötet sie alle, Gott wird die seinen erkennen“ einen grausamen Feldzug begann, der mehr als 20 Jahre dauerte und unter dem Namen Albigenser-Krieg in die Geschichte einging. Der Bau der Kathedrale besiegelte die Niederlage der Ketzer.

Nur von außen ist Sainte Cécile martialisch, das Innere ist prachtvoll und raubt einem fast die Sinne. Da sind der Lettner aus weichem Kalk mit seinem filigranen Maßwerk, die pompöse Barockorgel, der Chor mit den Heiligen und die berühmte Darstellung des Jüngsten Gerichts. Die Bestrafung der 7 Todsünden ist ein riesiges Fresko aus Folter, bestialischen Qualen und bizarren Grausamkeiten. Die armen Sünder werden gesotten, ertränkt und zerrissen, keine Bestialität ist bestialisch genug, um den Gläubigen die Schrecken der Hölle vor Augen zu führen. Auf dass niemand den reinen Pfad der Tugend verlasse! Ein schrecklich-schönes Bild. – Wie groß ist dagegen die Wonne, vor der Kathedrale zu sitzen, Wein zu trinken und sich die Sonne auf den „Pelz“ scheinen zu lassen. Und das ist ganz bestimmt keine Sünde!

Bernd Siegmund

 

China: Sunshine in Songzhuang

China hat sich gewandelt. Zumindest zum Teil. Der Staat geht zwar immer noch mit Härte gegen Regimekritiker vor, doch viele Künstler haben sich inzwischen Freiräume ermalt.

80 Prozent  der „richtigen Künstler“ des Landes wohnten in Songzhuang, sagt Guangming Li, der Leiter des dortigen Sunshine-Museums. „Das Zentrum der Kunst in China ist Peking und das künstlerische Zentrum von Peking wiederum Songzhuang.“  Das „Dorf der Song“, so die wörtliche Übersetzung, liegt etwa 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt und ist für chinesische Verhältnisse in der Tat ein Dorf. Hierzulande würde man Songzhuang eher als Industriestadt bezeichnen. Ländliche Idylle sucht man vergebens. Der See, der Künstlern zur Inspiration dient, ist nichts als ein viereckiges künstliches Wasserloch, an dessen felsigem Ufer sich ein paar magere Bäume festklammern.

Guangming Li lebt wie fast 2000 andere Künstler in Songzhuang. Anfangs der neunziger Jahre zogen immer mehr Maler, Bildhauer und Fotografen aus ganz China hierher, um billig zu wohnen und abseits der Überwachung durch die Staatsregierung arbeiten zu können. Anfangs gab es Konflikte mit der einheimischen Bevölkerung. Die Bauern und einfachen Industriearbeiter hatten Zimmer an die Neuankömmlinge vermietet, aber mit deren  unangepasster Lebensweise Probleme. Inzwischen hat man sich aneinander gewöhnt und lebt friedlich nebeneinander.

Viel Platz und wenig Kontrolle

Der Kunstkritiker Xianting Li zählt zu den Gründern des Künstlerdorfs. Er war einer der ersten, der hierher kam. Der kettenrauchende Mitsechziger wird heute von allen Künstlern als ihr Sprecher, als graue Eminenz, die die Fäden in der Hand hält, anerkannt.  „Songzhuang  ist der ideale Ort für uns“, sagt Xianting Li. Hier finden Künstler, was sie für erfolgreiche Arbeit brauchen: „Viel Platz, viel Ruhe und wenig Kontrolle“.

Heute könnten die Künstler im wesentlichen ausstellen was sie wollten, betont Museumsdirektor Guangming Li. Zum größten Teil würde das „Sonnschein-Museum“ ohnehin von Sponsoren aus der Privatindustrie unterstützt, und damit sei man unabhängig. Wenn man dennoch Geld von der Regierung wolle, müsse die das Konzept der Ausstellung absegnen, so Li. Sie bestimme dann auch, welche Künstler ausgestellt werden dürfen. Doch Li, der lässig in Jeans und gestreiften T-Shirt im Stuhl lümmelt, sieht das entspannt: „Manchmal ist die Regierung gegen das, was wir ausstellen wollen“, sagt er, „dann gibt´s eben kein Geld“. Eine Ausstellung verändern, nur um staatliche Förderung zu bekommen, würde er nicht. „Doch wir versuchen schon, dass eine von unseren drei  Ausstellungen pro Jahr der Regierung gefällt und wir von ihr dann finanziell unterstützt werden“, so Guangming Li.

China hat sich verändert und der Maler Guolei Yang auch. Er sei ruhiger geworden und seine Bilder seien nicht mehr so kritisch wie früher, sagt er und lächelt. Auf den ersten Blick scheint sein Werk auch vor allem aus Selbstbetrachtung zu bestehen. Wo man in seinem Atelier hinsieht, auf jeder Leinwand entdeckt man Guolei Yang selbst – vorzugsweise nackt. Bei näherer Betrachtung ist sein Werk aber voller politischer Anspielungen. Selbst vor Mao macht er mit seinem Spott nicht halt. Auf einem Gemälde ist der große Vorsitzende mit heraushängender Zunge vor einem ausgeweideten Kadaver zu sehen. Viel Fantasie braucht es nicht, um die Symbolik zu verstehen. Staatstragende Kunst sieht anders aus.

Einzelausstellungen könne er in China zwar keine mehr zeigen,  aber durchaus ungestört arbeiten, betont Yang. Vor drei Jahren sei die Polizei das letzte Mal dagewesen, doch außer, dass die Beamten sein Atelier durchsucht hätte, sei nichts passiert, so der großgewachsene Künstler. Er habe sogar Freunde unter den Polizisten, betont Yang, der nicht nur in China mit seinen Werken aneckt. Auch in den USA werde er nicht mehr ausgestellt, sagt der Mitvierziger, der  sich nur ungern von seiner Zigarette trennt. Während er in einer Hand einen Glimmstengel balanciert, kramt er mit der anderen einen alten amerikanischen Ausstellungskatalog heraus. Auf dessen Titel ist ein Bild von ihm abgebildet, dass ihn in Unterhose zeigt. Die Unterhose habe er nachträglich anfügen müssen, sagt er.

Die Pistole am Kopf

Ihr politisches Engagement scheint Yan Ling Ma nicht geschadet zu haben. Mit ihrem ebenmäßig geschnittenen Gesicht und ihren braunen Rehaugen könnte Ma das Cover jeder Modezeitung zieren. Sie aber arbeitet als Künstlerin und beschäftigt sich neben Malerei auch mit Fotografie. Der Bungalow, den sie bewohnt, ist erst ein Jahr alt und verfügt einen riesigen Innenhof mit eigenem Basketballplatz. Und das Atelier im Nebengebäude ist noch einmal so groß wie der Bungalow. Die Wohnung ist auch im Winter mollig warm, etwas das in China nicht überall selbstverständlich ist. Geheizt wird bei Mas stilecht mit offenem Kamin. Am Wohnungseingang ist ein mehrere Quadratmeter großer Teich mit glücksbringenden Goldfischen in den Boden eingelassen. Yang Ling Ma achtet auch bei der Wohnungseinrichtung auf Stil. Bevor wir bei Ma an der Haustür klingelten, hatte mir der Übersetzer zugeflüstert: „Frau Ma ist eine reiche Frau“. Vor Reichtum hat man Respekt in China. Yan Ling Ma besitzt zwei Galerien in China und eine in New York.

Eines ihrer bekanntesten Werke zeigt sie selbst, wie sie sich auf dem Platz des Himmlisches Friedens eine Pistole an die Schläfe hält. Als ich nach der symbolische Bedeutung des Fotos frage, wird der Übersetzer vorsichtig. Er lächelt mich an und sagt: „Über Politik sprechen wir hier nicht immer gern“. Später erfahre ich, dass Ma das Bild, das ursprünglich im Kunstzentrum von Songzhuang ausgestellt war, dort hatte abhängen müssen.

Sie erzählt, dass sie mehrere Versuche gebraucht hatte, bevor sie die Pistole auf den Platz schmuggeln konnte. Wieder und wieder sei sie entdeckt und aufgehalten worden. Meine erstaunte Frage, ob ihr denn sonst nichts passiert sei, bleibt unübersetzt. Dass der Pistolenschmuggel überhaupt gelingen konnte, verwundert ohnehin: Der Platz des Himmlischen Friedens ist nur durch einen Fußgängertunnel erreichbar, und der Zugang wird ähnlich streng kontrolliert wie ein internationaler Flughafen.

Huang Wen Feng ist der direkte Nachbar von Frau Ma. Er verdient noch mehr als sie und gehört zu zehn bestbezahlten Künstlern Chinas. Er ist im ganzen Land unterwegs, um seine Ausstellungen zu organisieren, und deswegen empfängt mich auch sein Sekretär, ein langhaariger Künstlertyp mit schlechten Zähnen und Ledermantel. Er zeigt mir Fengs jüngstes Werk. Das zehn Meter lange und vier Meter hohe Monumentalgemälde, auf dem alle 97 Kaiser der chinesischen Geschichte und neun Drachen abgebildet sind,  braucht einen Raum für sich. Gemütlich ist es in der eiskalten Betonhalle nicht. Doch am Geld liegt es sicher nicht, dass Huang Wen Feng an der Heizung spart. Das Bild mit den 97 Kaisern ist längst verkauft. Für umgerechnet 1,2 Millionen Euro. Der Käufer ist Chef einer Firma die mit Abnehmtees ihr Geld verdient. Die aufstrebende chinesische Wirtschaft lässt die Kunstszene florieren. Die neuen Reichen schmücken sich gerne mit den Werken einheimischen Künstler. Was genau in den Vorstandszimmern hängt, scheint dabei egal zu sein: Regimekritisch oder angepasst – Hauptsache teuer.

Rasso Knoller

Deutschland: Artists in Residence auf Schloss Elmau

Kloster Elmau

Kunstgenuss vor Alpenpanorama

Musiker von Weltrang und unbekannte Künstler gastieren gern: Ein ungewöhnliches Konzept macht’s möglich.

Bei klarer Sicht ist die Zugspitze zu sehen;  vor dem Fenster liegt das Wettersteingebirge. Nicht nur die spektakulär malerische Lage am Fuß der bayerischen Alpen macht Schloss Elmau zu einem Urlaubsresort, das man so schnell nicht wieder verlassen möchte. Das betrifft auch einige Künstler, die hier als Resultat eines ungewöhnlichen Konzepts ein oder zwei Tage Urlaub während ihrer anstrengenden Tournee einlegen. Die Idee: Kostenlose Entspannung gegen honorarfreies Konzert. Bekannte und weniger bekannte Meister erholen sich und geben als Artists in Residence kostenfrei für die Gäste des Hauses und zahlende Besucher, die bis aus München anreisen, in entspannter Atmosphäre Hauskonzerte. Das ambitionierte Kulturprogramm präsentiert Klassisches mit Weltstars wie Gidon Kremer  oder Sabine Meyer, Jazz, Autorenlesungen und Klavierfestivals. NFO: Schloss Elmau Luxury Spa & Cultural Hideaway, In Elmau 2, 82493 Elmau/Oberbayern, Tel. 08823/180,  www.schloss-elmau.de.

Bernhard Mogge

Und noch mehr Musik: Alphornblasen auf der Zugspitze

Australien: Naturfotografien von Peter Jarver in Berlin

Das Automobil Forum in Berlin zeigt vom 1. bis 28. September Bilder des im Jahre 2003 im Alter von nur 50 Jahren verstorbenen australischen Fotografen Peter Jarver. Mit 59 Bildern ist „Australien – Poesie und Dramatik der Natur“ die umfangreichste Werkschau eines australischen Künstlers, die je ihren Weg nach Deutschland gefunden hat. Weltbekannt wurde Peter Jarver für seine Fähigkeit, magische Momente und Naturschauspiele in Bildern festzuhalten. Über 20 Jahre bereiste der australische Landschaftsfotograf sein Heimatland. Donnernde Wasserfälle, reißende Flüsse, Gewitter, sinnflutartige Regenfälle gehörten ebenso zum Alltag, wie das zermürbende Warten auf den perfekten Moment. Die dabei entstandene Serie großformatiger, farbenfroher Bilder wurde mit zahlreichen Awards prämiert und findet sich in vielen Bildbänden und auf Postern.

Die Ausstellungsräume, die täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet haben, befinden sich in Berlin-Mitte, Unter den Linden 21 (Ecke Friedrichstraße). Der Eintritt ist frei. Weitere Einzelheiten unter www.Automobilforum-Berlin.de. Details zur Peter Jarver Gallery in Kuranda unter www.PeterJarver.com.

Österreich: Gormley am Berg

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Seit August 2010 stehen 100 schweigende Männer im Hochgebirge von Warth-Schröcken. Es handelt sich um lebensgroße Gusseisen-Figuren, die der weltbekannte britische Bildhauer Antony Gormley für sein Projekt „Horizon Field“ aufstellen ließ. Einige Figuren können Kunst-Interessierte Bergfreunde zweimal im Monat bei einer geführten Wanderung entdecken. Unterwegs erfahren sie mehr über den Künstler und auch darüber, wie schwer es war die gusseisernen Männer auf die über 2000 Meter hohen Gipfel zu schleppen. Die Wanderungen, die am Hochtannbergpass starten, werden noch bis zum 3. Oktober 2011 angeboten. Wer in den Hotels und Pensionen von Warth-Schröcken übernachtet, kann an der Führung  kostenlos teilnehmen. Die Anmeldung läuft jeweils bis Sonntag 10.30 Uhr im Tourismusbüro Warth. Treffpunkt für die drei- bis vierstündige Wanderung ist um 9.40 Uhr am Hochtannbergpass.

INFO: www.warth-schroecken.com

Mehr zu den Statuen von Antony Gormley in dem Artikel Im Winter zu Gormleys Statuen