USA: Mit dem Motorrad durch Alaska

Polarkreis in Alaska

Ich fahre nun schon seit Tagen durch Nordamerika und habe immer noch keinen Bären vor die Augen bekommen. Ständig zeigen mir Mitreisende Bilder von Bären, die sie gerade aufgenommen haben. Ich werde richtig neidisch! Wann wird es endlich bei mir soweit sein? Ich fahre gemütlich an Seen mit glasklarem Wasser vorbei. Gewaltige Wasserfälle plätschern die Berge herunter. Eine landschaftlich reizvol­lere Abkürzung beschert mir kleine Seen mit Binsen am Ufer, frisches grünes Gras, dichter Baumbestand am Wegesrand. Ein Teil der Strecke führt über einen geschotterten Holzabfuhrweg. Kein Auto kommt mir entgegen. Die Straße ist einsam, aber erstaunlich gut in Schuss. Bei Ki­lometer 22 passiert es: ein Bär kommt langsam aus meterhohem Gras gestiefelt. Ich bin völlig überrascht. Obwohl ich die ganze Zeit sehn­süchtig auf diese Begegnung gewartet habe, weiß ich nicht so recht, was ich tun soll. Ich habe Angst und hupe. Sogleich verschwindet das scheue Tier im Unterholz. Im Nachhinein ärgere ich mich ein wenig über meine panische Reaktion, denn ich hätte es gern noch länger beobachtet.

Stur geht es weiter durch die Fichtenwälder Nordamerikas. Volle Konzentration auf die Straße, denn Tiere könnten die Straße kreuzen. Beim meterhohen Gras am Straßenrand bleibt dann nicht mehr viel Zeit zum Reagieren. Bei Kilometer 41 kreuzt erneut ein Bär die Stra­ße. Obwohl ich diesmal stehen bleibe und ihn ruhig beobachte, ist er schnell wieder verschwunden. Ich erreiche wieder die Teerstraße. Nur noch 140 Kilometer bis nach Hyder, Alaska. Hyder ist der südöstlichste Punkt von Alaska. Gerade einmal 65 Einwohner, dafür aber immerhin drei Bars! Ein kleines Wildwest-Örtchen! Darauf sind die Einwohner stolz. Nur wirklich Hartgesottene wohnen hier.

Meine Warnlampe leuchtet auf. Der Sprit geht zur Neige – na ja, nach 20 Kilometern kommt die nächste Tankstelle. Als ich die Mediazin Junction erreiche, überkommt mich ein trostloses Gefühl. Eine verlassene Tankstelle, Autowracks, zerbrochene Fensterscheiben, Müll, aber kein Benzin! Was tun? Hyder ist noch 60 Kilometer entfernt. Ich muss es probieren, denn eine andere Chance habe ich nicht. Gemäch­lich mit 3000 u/min und Tempo 90 lass ich es bergab laufen. Ich feu­ere uns gegenseitig an, mein Motorrad und ich schaffen es. Wir sind eben ein gutes Team. Wir rollen an einem riesigen Gletscher vorbei, der Fotostopp muss auf den Rückweg verschoben werden. Jetzt nur nicht trocken fahren! Ein dritter Bär sitzt direkt am Straßenrand und frisst gemächlich Gras in sich hinein. Vielleicht wäre ich da die noch fehlende Kostergänzung?

Das Schild zwei Kilometer bis Hyder erscheint. Ich reiße die Arme in die Höhe und schreie vor Freude in den Helm. Ein Gang mit leerem Kanister zur Tankstelle, wie in der Aral-Werbung, bleibt mir er­spart. Dann geht der Motor aus. Ich lasse die Maschine im Leerlauf wei­terrollen. Starte erneut und… Sie schafft es und springt noch einmal an. Mit vereinten Kräften schaffen wir es an die Tankstelle. 80 Kilometer habe ich aus der Reserve gekitzelt. Ich bin mächtig stolz auf uns!

Heute Abend geht es auf einen richtigen Campingplatz, zu viele Bären in der Gegend, um wild zu campen. Ich treffe auf Jean. Er hat sein Geld in Hollywood verdient. Jetzt radelt er mit dem Fahrrad durch Nordamerika. Ihm ist der Campingplatz zu „eng“. Morgen will er in die Wildnis losziehen und unter „Bären“ campen. Für mich wäre das nichts, aber jedem das Seine.

Ich gehe unterdessen in eine der drei Bars am Ort. Ein dunkler Raum mit langem Tresen. Dort sitzen die Einheimischen und trinken ihr Bier. Bis auf eine Frau, die trinkt Cola. Jane ist seit 25 Jahren für die hiesige Wetterstation zuständig. Sie erzählt mir freimütig von ihrem Brustkrebs und dass sie gerade eine Chemotherapie macht. Ihrer Laune scheint das keinen Abbruch zu tun. Sie ist bestens drauf und reißt einen Witz nach dem anderen. Ich finde es bewundernswert, wie positiv sie mit der Krankheit umgeht.

Ach so, ich war ja hier um „Hyderized“ zu werden. Was ist „Hyderized“? Es wird ein Schnapsgläschen voll gemacht, um die Flasche ist eine braune Papiertüte gehüllt. Damit ich auch wirklich nicht erken­ne, was eingeschenkt wird. Jetzt heißt es trinken ohne abzusetzen. Ich gieße das Feuerwasser herunter. 73 Prozent Alkohol! Die Kehle brennt. Danach bekomme ich ein kleines Zertifikat und darf meine eigene One Dollar Note mit Unterschrift an die Wand der Bar heften. Willkommen im „Club“!

Buchcover Echt mutig Der Text ist ein Auszug aus dem Buch Echt mutig  -Vom Banker zum Abenteurer – von Joachim von Loeben. Erschienen im Selbstverlag 19,90 Euro.

Venezuela: Der Angel Fall

Angel Fall, Venezuela

Venezuelas Tafelberge

Zum Abschluss meines Venezuela-Aufenthalts will ich den Angel Fall besuchen. Da hilft nur fliegen, mit dem Motorrad ist kein Durchkommen. Der höchste Wasserfall der Welt liegt mitten im Ur­wald. Endstation ist Ciudad Bolivar. Dort schlage ich seit langem Mal wieder mein Zelt auf. Schon am nächsten Tag kann ich nach Canaima in den Dschungel flie­gen, dort starten die Touren. Ich will den Last Minute-Effekt nutzen und habe deshalb nur einen Flug gebucht. Der Schuss geht aber nach hinten los, denn hier scheint es keinen Markt für Last Minute- Angebote zu geben. Ungewöhnlich, aber Realität in Canaima, so zahle ich im End­effekt genau soviel wie bei einer im Voraus gebuchten Package Tour. Dafür geht es aber gleich am Nachmittag los.

Wir fahren zuerst einige kleinere Wasserfälle in der Nähe an. Dann müssen wir ein wenig wandern und erreichen den Wasserfall El Saipa, unter dem wir durchlaufen können. Ein schö­nes kleines Abenteuer. Wir laufen nur wenige Meter von den gewalti­gen Wassermassen entfernt, die sich hier in die Tiefe stürzen. Tosender Lärm, und nass werden wir natürlich auch. Ein Deutscher hat den Weg unter dem Wasserfall per Hand in den Fels geschlagen. Er kam 1940 hierher und lebte drei Jahre im Dschungel, ganz auf sich allein gestellt. Nach der erfolgreichen Querung nehmen wir auch noch ein Bad. Dabei werde ich heftig von den Wassermassen weggedrückt und muss ganz schön paddeln, um nicht abzutreiben. Auf dem Rückweg zum Camp se­hen wir eine gefährliche Giftschlange. Glücklicherweise hat unser Füh­rer die Bedrohung gleich erkannt und wir können aus gebotener Dis­tanz Fotos machen.

Am nächsten Morgen werden wir in einen Einbaum platziert. Jetzt heißt es vier Stunden still sitzen, erst dann erreichen wir den Angel Fall. Nach der Hälfte der Strecke spüre ich meinen Rücken – kein Aus­flug für einen Menschen meiner Größe, aber die Entschädigung soll bald kommen. Vorher geht es noch über einige Stromschnellen. Selbst größere Steine umschifft unser Pilot professionell. Endlich tun sich die Tafelberge, die sogenannten Tepuy auf. Über tausend Meter hohe Fels­massive ragen aus dem dichten grünen Urwald heraus. Kleinere Was­serfalle stürzen hinab. Dann erblicke ich in der Ferne einen riesigen Wasserfall: der Angel Fall. Mit seiner Höhe, Größe und Schönheit stellt er alle anderen Wasserfälle in den Schatten. Mit 979 Metern ist er in der Tat der höchste Wasserfall der Welt.

Um seinen Fuß zu erreichen, müssen wir noch eine Stunde durch dichten Urwald laufen. Danach bietet sich uns ein atemberaubendes Bild. Nur wenige Meter von uns knallen die endlosen Wassermassen herunter. Ein leichter Regenschleier erfüllt die Luft. Einige Menschen baden am Fuße des Falls. Andere stellen sich gekonnt in Pose. Sie brau­chen noch ihr Beweisfoto für daheim. Ich lausche dem Rauschen des Wassers. Im Hintergrund zwitschern Vögel. Gerne würde ich oben auf dem Hochplateau stehen und von oben runter gucken, wie sich der Wasserfall vom Tafelberg stürzt. Doch dafür muss man zwei Wochen andern. Der Zugang ist äußerst schwierig. Diesmal nicht, aber beim nächsten Besuch, nehme ich mir vor…

Unser Leser Joachim von Loeben ist mit dem Motorrad um die Welt gefahren.  Bei uns im WeltreiseJournal erzählt er in unreglmäßigen Abständen von seinen spannendsten Erlebnissen. Die ganze Reise hat er in seinem Buch Echt mutig. Vom Banker zum Abenteurer beschrieben.

Pakistan: Mit dem Motorrad zum Nanga Parbat

Motorrad am Nanga Parbat, Pakistan

KILLER MOUNTAIN

Ich breche allein zum Nanga Parbat-Basiscamp auf. Die Straße hat es in sich. Mehrfach muss ich mein Motorrad abfangen und vier Stürze vermeiden. Dann ist es geschafft. Ich stehe vor dem „Killer Mountain“ – Der Berg gilt als schwierig zu besteigen. 126 Menschen, haben hier schon ihr Leben gelassen. Es geht weiter talabwärts nach Is­lamabad. Plötzlich überholt uns ein Buswrack. Es darf nicht wahr sein: es ist der Bus, der im Skardu-Tal auf der Seite lag. Sie haben ihn fahr­fertig gemacht, und demnächst transportiert er wieder Menschen. Da bevorzuge ich doch lieber mein eigenes Transportmittel. Ein Schlenker führt uns in die Kashmir-Region. Der Aufstieg nach Murree erinnert mich an Österreich mit seinen kurvigen Straßen durch Kiefernwälder. Dann will uns die Polizei nicht mehr weiterfahren lassen. Sperrgebiet! Wir müssen umkehren, Richtung Lahore.

Es beginnt ein kleines Motorradabenteuer. Wir müssen in der Nacht in das uns unbekannte Lahore einfahren. Unbeleuchtete Kamelwagen, entgegenkommende Busse, quer stehende Ochsenkarren, Schlaglöcher, Staub, etc. Wir sind froh, als wir unverletzt in der Altstadt ankommen. Hier wollen wir eine Motorradfahrerlegende besuchen, den alle nur Dr. Masoud nennen. Zwar haben wir nicht die genaue Adresse, wo er wohnt, doch wir kennen die Gegend, in der er residiert. Wir stellen uns an den Straßenrand und tatsächlich in wenigen Minuten lernen wir seinen Nachbarn kennen.

Der Mann hat nur leider eine schlechte Nachricht für uns – die Motorradfahrerlegende ist vor zwei Monaten verstorben. Ich möchte sein Reich trotzdem sehen. Er führt mich durch enge Altstadtgassen zu seinem Haus. Dr. Massouds Neffe öffnet die Tür. Ich bitte höflich um einen Blick in die Werkstatt. Unglaublich – ein Paradies für Schrauber! Unzählige Ersatzteile, fünf funktionstüchtige Motorräder. Der Blick­fang ist eine polierte BMW 100 GS. Die würde ich am liebsten mitneh­men. Die Wand ist mit Motorradplakaten und -postern übersät. Einige Urkunden zeichnen ihn aus. Eindeutig: hier hat eine Persönlichkeit ge­lebt! Schade, dass ich ihn nicht mehr persönlich kennen lernen kann.

Am nächsten Tag verlasse ich das Land mit einem weinenden Auge in Richtung Indien. Pakistan war für mich das landschaftlich schönste Land der Tour!

Buchcover Joachim von Loeben, Echt mutigWieder ein Text unseres Lesers Joachim von Loeben. Er ist ein Auszug aus dem Buch Echt mutig -Vom Banker zum Abenteurer. Erschienen im Selbstverlag 19,90 Euro.