Deutschland: Mit Rad und Skizzenblock

Lyonel Feininger war nicht nur Architekturmaler, sondern auch passionierter Radfahrer. Auf seinen Radspuren führen zwei ausgeschilderte Rundwege zu Motiven des Künstlers auf Usedom und in Thüringen

Ein bisschen suchen muss man schon, doch wenn nicht gerade ein Auto auf der bronzenen Plakette parkt, ist sie schnell gefunden. Vor dem hölzernen Schlauchturm des alten Feuerwehrgebäudes in Benz liegt sie und zeigt mit einem Pfeil genau die Richtung an, in die der Betrachter schauen muss. Der Blickwinkel auf den Kirchturm der kleinen Gemeinde Benz auf Usedom beträgt ungefähr 45 Grad und ist ziemlich exakt der gleiche, mit dem der Maler, Grafiker und Karikaturist Lyonel Feininger (1887-1956) den Turm betrachtet und bis zuletzt wiederholt in unterschiedlichen Techniken auf seinen berühmten Bildern verewigt hat.

Ein Radweg führt seit einiger Zeit zu den Malorten des Deutsch-Amerikaners im hügeligen, mit Buchenwäldern bestandenen Hinterland der Ostseeinsel Usedom, knapp 40 Kilometer lang mit 45 bronzenen Sichtpunkten versehen. Ein aufwändig gestaltetes Buch mit dem Titel „Papileo auf Usedom“ und eine ebensolche Homepage geben Orientierungshilfe. Benz, Mellenthin, Alt-Sallenthin, Balm, Zirchow, Korswand, Gothen und natürlich Neppermin, das Feininger oft Peppermint nannte – kleine Dörfer auf der Insel, die im übergroßen Schatten der historischen Seebäder praktisch unsichtbar sind. Gäbe es nicht die kraftvollen Bilder Lyonel Feiningers, der dem Charme der Moränenlandschaft und der typischen Dorfarchitektur erlegen war.

Inmitten der Motive

Zwischen 1908 und 1918 verbrachte der Maler regelmäßig die Sommermonate an der Ostsee, logierte sowohl in der Villa Zander in Heringsdorf als auch im alten Gasthaus von Neppermin. „Ich bin inmitten der Motive, die ich kenne und lieb gewonnen habe“, schrieb der Künstler 1912 aus Benz. So ist die dortige Dorfkirche in New York ebenso ein Begriff wie in Australien – zumindest unter den Liebhabern Feiningers. Und davon gibt es einige. Nicht zuletzt unter der Dorfbevölkerung von Usedom, die den Maler praktisch nur noch mit seinem familiären Spitznamen „Papileo“ betitelt. Der einstige Bauhaus-Lehrer hat mittlerweile sogar eine eigene Fanpage bei Facebook.

Vielleicht liegt es daran, dass der so wichtige Vertreter der Klassischen Moderne vor allem kleinen Städten und Dörfern große Aufmerksamkeit schenkte. Vielleicht hatten diese auch Glück, dass Feininger so ein passionierter Radfahrer war. Stets besaß er die neuesten Sporträder, Tausende Kilometer soll er im Jahr gefahren sein. Unterwegs füllte sich sein Skizzenblock mit seinen berühmten Natur-Notizen, mit Ansichten alter Scheunen, knorriger Alleebäume, weiter Ackerflächen, erhabener Kirchen oder pompöser Villen. Mit diesen Skizzen ist Feininger zugleich Chronist seiner Zeit geworden. Denn in ihrer Detailliertheit und Wiederholung über die Jahre geben sie auch heute einen Einblick in das Leben der damaligen Zeit. Die Natur-Notizen waren für den Künstler noch wertvolle Erinnerungshilfe, als er – in Deutschland als „entartet“ verfemt – längst zurück in den USA war. Viele seiner damaligen Malorte lassen sich zumindest erahnen, manche genau so besichtigen wie zu Lebzeiten des Künstlers.

Durch die Dörfer Thüringens

Nicht nur auf Usedom und später an der pommerschen Ostseeküste hat er seine Motive gefunden. Auch in den Städten und Dörfern Thüringens rund um das Weimarer Bauhaus. Die Marktkirche von Halle, die Dorfkirche von Gelmeroda, von Mellingen, von Vollersroda oder Niedergrunstadt, ohne Feininger wären sie kaum über ihren Sprengel hinaus bekannt geworden. So verwundert es kaum, dass auch Thüringen seit einigen Jahren einen knapp 30 Kilometer langen Feininger-Radweg ausgewiesen hat. Statt bronzener Plaketten im Boden stehen dort Pulte vor dem Malort, auf denen etwas zur Geschichte des Motivs zu lesen ist sowie das daraus entstandene Bild Feiningers gezeigt wird.

Die Initiatoren der Themenradwege mögen von der Strahlkraft des Feiningerschen Werks getrieben worden sein. Doch sie folgen damit einem Trend, sagt der Hamburger Tourismusforscher Dr. Ulrich Reinhardt von der Stiftung für Zukunftsfragen: Der gemeine Tourist heutzutage sucht das Erlebnis, will eintauchen in eine Traumwelt – und sei es die eines Anderen, eines Künstlers umso besser. „Bedingung ist, dass das angebotene Erlebnis authentisch ist und die Qualität stimmt“, sagt Reinhardt. Authentischer, als ein Motiv des Malers Feininger mit dem Fahrrad anzusteuern und praktisch den gleichen Blick darauf zu werfen, geht es wohl nimmer. Die umfangreichste Sammlung Feiningerscher Holzschnitte findet sich übrigens nur 200 Kilometer nördlich von Weimar: in der Lyonel-Feininger-Galerie zu Quedlinburg.

Papileo auf Usedom

Die Radtour besteht aus zwei Rundkursen, die miteinander verbunden werden können. Die kleinere Runde führt von Benz über Neppermin, Balm nach Mellenthin und zurück und ist etwa 15 Kilometer lang. Die größere Tour ist etwa 40 Kilometer lang und startet ebenfalls in Benz. Sie führt über Sallenthin in die Kaiserbäder Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin, weiter nach Swinemünde und zurück über Zirchow, Korswandt, Gothen und Neuhof nach Benz. Wen die häufigsten Motive Feiningers interessieren, der sollte unbedingt den kleinen Rundkurs abfahren – und sich dabei von der hügeligen und bewaldeten Landschaft des Usedomer Hinterlandes faszinieren lassen. Sehenswert ist auch die Villa Oppenheim in Heringsdorf, ebenfalls häufiges Motiv. Nehmen Sie sich unbedingt Zeit, die Punkte zu finden und den Blick lange ruhen zu lassen.

Feininger in Weimar und Weimarer Land

Start und Ziel der etwa 28 Kilometer langen Tour ist das Hauptgebäude der Bauhaus-Universität in Weimar. Von dort führt die Route zunächst zu Arbeits- und Wohnorten des Malers in der Stadt. Dann geht es ins Kirschbachtal und nach Niedergrunstedt. Nächste Stationen sind Gelmeroda, Possendorf, Vollersroda, Mellingen und Oberweimar. Von dort gelangt man durch den Goethepark von Weimar zurück in Stadtzentrum. Neben der Kirche von Niedergrunstedt, die Feininger 1919 in einem Gemälde verewigt hat, ist dort das an die sehenswerte Barockkirche angrenzende Hofatelier einen Besuch wert. Ebenfalls ein Muss: Die byzantinischen Secco-Malereien der ganzjährig geöffneten (Autobahn-)Kirche von Gelmeroda. Das Dorf ist durch allein zehn Ölgemälde Feiningers weltberühmt. Bei Vollersroda öffnet sich der Blick auf die bewaldeten Höhenzüge des „Mittleren Ilmtals“. Zwischen April und Oktober werden ein bis zweimal pro Monat jeweils an einem Samstag geführte Radtouren angeboten.

Nadine Kraft

Frankreich: Eine etwas andere Tour de France

Thomas Bauer mit dem Postzrad unterwegs

4.000 Kilometer, 15 Regionen und über 50 verzehrte Crêpes: Reisebuchautor Thomas Bauer hat Frankreich auf einem Postrad umrundet.

Eine Handvoll Touristen steht unschlüssig am Ufer der legendären Hafeneinfahrt von La Rochelle. Mal richten sie ihre Fotoapparate auf ein heimkehrendes Fischerboot, mal auf die Altstadtfront. Erst als ich an ihnen vorbeifahre, geht ein Ruck durch die Gruppe: Alle Kameras folgen mir. Zwei junge Männer stupsen ihre Partnerinnen an und zeigen mit dem Finger auf mich. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Das Fahrzeug, auf dem ich unterwegs bin, ist ein dreieinhalb Meter langes, quietschgelbes Postfahrrad, an das sich ein einrädriger Anhänger anschließt. Dieser trägt, in einem ebenfalls leuchtend gelben Seesack verstaut, meinen Rucksack, fünfundvierzig Radwanderkarten, vier Liter Wasser und eine unvernünftige Menge Schokoladenkekse. So ausgerüstet beginnt meine Tour de France.

Treffen mit einer alten Liebe

Die ersten anderthalb Wochen meiner Reise waren eine Aufwärmübung für das, was mich am Nordrand der Pyrenäen erwartet. Dort legt mir die Strecke täglich neue Anstiege in den Weg. Mein Wasserverbrauch steigt auf sieben Liter pro Tag. Das T-Shirt haftet wie eine zweite Haut am Körper. An meinem ersten Tag im Baskenland presst mich die Sonne aus wie eine reife Orange, als ich mich an einer Anhöhe abmühe und direkt dahinter zu meiner Überraschung auf einen Haufen auf- und abspringender Menschen treffe. Weit ausholend schlagen sie auf Trommeln ein, die sie um die Hüfte gebunden haben. Männer, Frauen, Kinder laufen ungeordnet durcheinander, dazwischen huschen Hunde in entstehende Lücken. Gerade frage ich mich, ob ich an einem Sommerfest teilnehme oder ohne mein Wissen für die Loslösung des Baskenlands von Frankreich demonstriere, als ein weißhaariges, spindeldürres Männchen wie ein Wurfgeschoss von einem Tross tanzender Männer zur Seite geschleudert wird und mit voller Wucht in meine linke Flanke prallt. 

„Aïe, faut faire gaffe, putain!“, schreit er den feierwütigen Jugendlichen hinterher, was an dieser Stelle unübersetzt bleiben soll, mir jedoch augenblicklich klar macht, dass ich mit meinem Französisch bei ihm weiterkomme.
„Versuchen Sie erst mal, ein Postrad hier hindurch zu schieben“, merke ich an, als wir unsere Seiten massieren, er seine rechte, ich meine linke.
„Mein Gott, wohin wollen Sie denn mit diesem Ding?“
Einmal um Frankreich herum. Ich bin schon so oft hier gewesen – in La Rochelle, Le Puy und Lorient, in Metz, Narbonne und Orléans, in Paris, Pau und Perpignan – dass ich Frankreich inzwischen besser kenne als Deutschland. Doch je öfter ich herkomme, desto weniger weiß ich von eurem Land! Darum will ich es dieses Mal anders kennenlernen, von seinen Rändern her. Was feiert ihr da eigentlich?“
„Keine Ahnung „, sagt er reflexartig, um sofort darauf loszuprusten. „Mann, ich weiß es wirklich nicht! Es gibt bestimmt einen Anlass für das hier. Aber soweit ich mich erinnere, ist es seit siebenundzwanzig Jahren halt so, dass der Bürgermeister zum Fest einlädt, und alle machen mit.“ ThomasBauer_IlluMeyer_Rad

Die Franzosen haben sie also nicht verloren, denke ich erleichtert, die Augenblicksbezogenheit und die Gabe, aus den Umständen das Beste zu machen, die mich noch bei jedem meiner bislang vierzig Frankreichaufenthalte beeindruckt hat! Meine stetig wachsende Leidenschaft für alles Französische hat mir manche Diskussion mit kulturgeschockten Frankreichbesuchern eingebracht, die von der vermeintlichen Arroganz der Franzosen abgeschreckt wurden. Ein nicht geringer Teil von mir findet sich nämlich im Spielerischen und im (Lebens-)Künstlerischen wieder, das man gern mit den Franzosen assoziiert. Und, ja: auch in der eigenbrötlerischen Schrulligkeit vieler Franzosen, dem zur Schau gestellten Individualismus und dem abgehobenen Künstlertum. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es Frankreich in Zeiten, in denen der Massentourismus längst exotischere Ziele wie Marokko und Thailand bevorzugt, nicht länger mit spielerischer Lässigkeit schafft, sich als Mekka aller kultivierten Genussmenschen zu präsentieren. Im Land selbst rangieren inzwischen sogar die Ungarn in Sachen Liebeskunst vor den eigenen Einwohnern. Die Ungarn!

Die Lust am Fabulieren und der Hang zur gezielten Übertreibung sind den Franzosen aber geblieben. Frankreichgeschädigte mögen anmerken, dass es gerade darum kein Wunder ist, dass ausgerechnet der Hahn zum Nationalsymbol des Landes avanciert ist, ein Tier also, das sich gern aufplustert und auch dann lauthals kräht, wenn es mit beiden Beinen im Mist steht. Aber, im Ernst: Wer verzeiht das den Franzosen nicht, wenn er, wie ich, gerade in einer der schönsten Ecken Südfrankreichs unterwegs ist? Von den Bergspitzen der Pyrenäen, die sich halbkreisförmig im Südosten aufgestellt haben, scheinen Schneefelder Morsezeichen herabzublinken. Darüber sind  Andeutungen von Wolken fein wie Zuckerwatte in den Himmel gestreut. Kirchturmspitzen lugen neugierig aus Talmulden, in denen sich reizende Dörfchen und ausgedehnte Gehöfte verstecken. Ich kann meinen Blick kaum von der Landschaft lösen.

Kurz vor Oloron-Sainte-Marie stürzt die Straße der Stadt entgegen und katapultiert mich direkt vor eine Herberge. Dort suche ich das hauseigene Restaurant auf – und  treffe auf eine alte Bekannte!

Es war Liebe auf den ersten Blick, als wir das erste Mal in einer bretonischen Küstenkneipe aufeinandertrafen. Zuerst fand ich sie – ich war ja so jung! – einfach nur süß. Dann aber offenbarte sie mir nach und nach ihr wahres Wesen, vertraute mir mehrere Geheimnisse an und stürzte mich in eine lang anhaltende Sehnsucht, die mich, wenn ich ehrlich bin, bis heute nicht losgelassen hat. Zuweilen ertappe ich mich gar bei dem Gedanken, dass mich all die anderen, auf die ich mich nach jener denkwürdigen Begegnung eingelassen habe, in Wahrheit nur an jenen Abend erinnern sollten. Und doch können sie niemals mehr sein als ein schaler Abklatsch, unfähig, mich auch nur in die Nähe der Intensität jenes ersten Mals zu führen.

Île flottante, „treibende Insel“, nennt sich die Köstlichkeit, von der hier die Rede ist. Ich war sechseinhalb, als wir uns begegneten. Der bretonische Kellner wusste nicht, was er auslöste, als er nach geglücktem Hauptgang einen tiefen Teller mit Vanillesoße vor mich stellte, aus dem ein kleiner Berg aus geschlagenem Eiweiß und reichlich Zucker ragte. Sorgsam darauf bedacht, den Löffel jeweils höchstens halb zu füllen, schiebe ich mir wie damals in der Bretagne die perfekte Mischung aus Eiweiß und Vanillesoße in den Mund und schlucke das Ganze schließlich mit dem Ausdruck höchsten Entzückens hinunter. Statt Straßen und Plätze nach Kriegsherren zu benennen, hätten die Franzosen so viele echte Helden zur Auswahl, die der Menschheit wahre Dienste erwiesen haben, denke ich, als wirklich kein Tropfen Soße mehr aus dem Teller herauszuholen ist. Der Kellner scheint meiner Meinung zu sein. Verständnisvoll zwinkert er mir zu, als er unaufgefordert eine zweite Portion „schwimmende Insel“ auf den Tisch stellt. Radfahrpause

Die Katastrophe von Rouen

Leider sind in Frankreich nicht alle Mahlzeiten ein kulinarischer Hochgenuss. Genau wie die Liebesbereitschaft der Damen, der Baguettekonsum und die Anzahl der Baskenmützen wird auch die Qualität des französischen Frühstücks gern überschätzt. Meist reicht man mir morgens nur zwei Scheiben Toastbrot, ein Flugzeugpäckchen Butter und einen Klecks Marmelade zu einem wässrigen Kaffee oder einer dickflüssigen Schokolade. Vielleicht liegt die Lösung, aus diesen knapp bemessenen Zutaten etwas Brauchbares herzustellen, ja wirklich in der Eigenart der Franzosen, den bestrichenen Toast so lange ins Getränk zu tunken, bis er sich in eine klebrige, schwammartige Masse verwandelt hat und eine feine Schicht aus Fett und Marmelade an der Oberfläche des Getränks schwimmt. Ich bringe das schlichtweg nicht fertig.

Dabei hätte ich es dringend nötig: Als ich mein Postrad westlich aus Rouen lenke, fühle ich mich in den späten Abend versetzt, obwohl es noch früh am Mittag ist. Das Sonnenlicht besitzt in Nordfrankreich keinen klaren Fokus; es umhüllt Dinge eher, statt sie zu erhellen. Aber trotzdem: Ist das hier noch Rouen, ist das noch die Normandie, oder bereits Mordor, das dunkle Schreckensreich aus „Der Herr der Ringe“? Parallel zu den rostigen Schienen eines Industriegebiets, auf denen Güterzüge entlangkriechen, folge ich dem Verlauf einer pitschnassen Asphaltstraße. Lastwagen mit stinkender Ladung überholen mich so eng, dass mein linker Ellbogen ihre rechte Wand entlangstreift. Überall um mich herum verpesten Fabrikanlagen die Luft. Das Gehupe der Lastwagen bringt das Postrad unter mir zum Beben, die Güterzüge schreien in jeder Kurve auf, als fahre ein Riese mit Kreide über eine gigantische Schreibtafel. Zu allem Überfluss sammeln direkt über mir pechschwarze Wolken Energie für eine Entladung von Kraft und Wut.

Just in diesem Moment bahnt sich die Katastrophe an. Ein Lastwagen überholt mich noch etwas dichter als seine Vorgänger. Ich spüre, wie mein linker Ellbogen auf hartes Metall stößt und reiße vor Schreck den Lenker meines Postrads nach rechts. Noch während ich über den ungewöhnlich hohen Bordstein rumpele, fällt mein Blick auf die direkt dahinterliegenden Glasscherben. Einen absurden Augenblick lang genieße ich die Sicht auf die scharfkantigen Kunstwerke, die den Boden sprenkeln. Gewaltige Wolken spiegeln sich darin wie die Nacht selbst – als sei Darth Vader allzu nah an einen zerbrochenen Spiegel getreten. Gleichzeitig weiß ich, dass es bereits zu spät zum Ausweichen ist. Mit allen drei Rädern fahre ich direkt in den Scherbenhaufen hinein. Ich höre ein entsetzliches Knirschen unter mir und sofort darauf ein lautes „Pffft“, einer Lokomotive gleich, die in der Ferne Dampf ablässt. Glas stiebt nach allen Seiten davon. Meine Hände krallen sich um die Bremse. Ich lasse ein gutes Zehntel meiner Reifenmäntel als spektakuläre Gummispur auf der Straße zurück und komme vier Meter hinter dem Tatort zum Stehen. Dort stoße ich einen international verständlichen Fluch aus, steige ab und öffne meinen Rucksack, um an das Flickzeug zu gelangen. Mont-St. Michel

Das gibt’s doch nicht! Meine Funktionskleidung, mein treues Minizelt, der speziell für diese Reise erworbene Schlafsack, der heute Vormittag aufgefüllte Proviant: All das schwimmt in einer zähen Suppe aus Wasser, das eine ungute Koalition mit dem Schmutz der vergangenen fünf Wochen eingegangen ist. Halb aufgelöste Brot- und Käsereste, Ölrückstände und Kugelschreiber treiben darin umher. Vermutlich habe ich den Zwischenfall meinem allzu ruckligen Satz über den Bordstein zu verdanken. Erneut fluche ich wie ein Rohrspatz, dieses Mal auf Französisch, was eindeutig besser klingt, mir aber leider auch nicht weiterhilft.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Siebensachen zurück in den Rucksack zu stopfen und mein Postrad anschließend durch das Industriegebiet zu schieben – zurück in die Innenstadt von Rouen. Als ich gerade die ersten beiden Schritte getan habe, wirft mich die Wucht eines Donnerhalls beinahe zu Boden. Einen Wimpernschlag später bricht aus den Wolkengebirgen über mir ein Niederschlag heraus, der seinem Namen alle Ehre macht. Wie eine Wand stürzt der Regen auf die Erde herab. Keine Minute später bin ich durch die Jacke, den Pullover und das T-Shirt hindurch nass. Regenfäden seilen sich meinen Rücken hinab, Rinnsale kriechen in meine Achseln. Vier Stunden Fußmarsch liegen vor mir. Reisen „wie Gott in Frankreich“ sieht anders aus.

Genau in diesem Moment aber erwacht ein kindlicher Trotz in mir. Wer bin ich eigentlich, dass ich mich von einer blöden Regenwolke aufhalten lasse? Ich merke erstaunt, dass ich schwungvoller ausschreite. Nach einem Dutzend Querstraßen und drei Abzweigungen gelange ich zu einem Geschäft, über dessen Eingang ein elegantes Mountain Bike gemalt ist. Dort würde ich einen Ersatzschlauch finden. Hallo mein Schutzengel, denke ich noch, ehe ich in den Laden hechte, wie schön, dass du wieder im Dienst bist.    

Zurück auf Anfang

Ähnlich wie in Rouen ist es mir auf meiner Tour de France oft ergangen. Kein Wunder: Ich suche ja bewusst den Kontrollverlust und empfinde es als befreiend, dass ich mittags nicht weiß, wo ich abends sein werde. Ich gebe den Dingen die Gelegenheit, mich zu überraschen, und das ist vermutlich eine sehr französische Art zu reisen. Solchen Gedanken nachhängend, fahre ich am letzten Tag meiner Frankreichumrundung südwärts, bis eine Insel im Atlantik auftaucht, die über eine gigantische Brücke mit dem Festland verbunden ist. Am diesseitigen Ufer kann ich die ersten Dächer einer Großstadt erkennen. La Rochelle!

Von diesem Anblick angespornt, brause ich voran, als hätte ich mich in einen quietschgelben Eisenspan verwandelt und würde von einem überdimensionierten Magneten angezogen. Ich fliege dem Ausgangspunkt und Endziel meiner Tour de France regelrecht entgegen.

Wenig später falle ich La Rochelle in die Arme. Als ich das Ortsschild passiere, nehme ich die Hände vom Lenker, schicke das Postrad unter mir auf einen Schlingerkurs und gebe Ausrufe des Entzückens zum Besten, bis sich eine ältere Dame der Kategorie PPH, passera pas l’hiver („wird den Winter nicht überstehen“), mehrmals an die Stirn tippt.

Ein Radwegsystem führt mich kurz darauf durch die lang gezogenen Grünanlagen der Stadt und setzt mich schließlich auf dem Areal des alten Hafens ab, wo meine abenteuerliche Frankreichumrundung vor sieben Wochen ihren Ausgang genommen hat. Ich habe acht Kilogramm Körpergewicht und einige Vorurteile gegenüber den Franzosen verloren, unzählige Bekanntschaften gemacht und Orte aufgesucht, deren Namen ich bis heute nicht aussprechen kann. Frankreich habe ich als Mosaik unterschiedlichster Traditionen, Mentalitäten und Dialekte kennengelernt.

Was eint diesen Flickenteppich? Vielleicht nur ein Gefühl, eine Lebenseinstellung: Sie besagt, dass man, statt verbissen und effizient einem Ziel hinterherzujagen, auch darauf bedacht sein darf, den eigenen, sich ständig ändernden Weg dorthin zu genießen. Seit jeher gilt meine Sympathie den verschrobenen, in der falschen Zeit umherirrenden Lebenskünstlern, die sich diese Devise zu eigen machen.

Einer dieser Lebenskünstler ist soeben mit einem Postrad um Frankreich herumgefahren. Manchmal, in Ausnahmefällen, behalten die Traumtänzer recht.

Thomas Bauer  Thomas Bauer

 

Die Zeichnungen hat die Künstlerin Johanna Meyer aus Deggendorf speziell für Thoma Bauer´s  „Tour de France“ angefertigt.

USA: Kräftemessen in dünner Luft

Mit vier Nationalparks, einem Gebirge mit mehr als 50 Viertausendern und über 2.000 natürlichen Seen ist der US-Bundesstaat Colorado das ideale Ziel für Outdoor-Abenteurer. Jedes Jahr kommen hier Extremsportler zu zahlreichen Wettkämpfen zusammen. Zu den Highlights der diesjährigen Sportsaison im höchstgelegenen Bundesstaat der USA zählen die folgenden Events: Im Dauerlauf über die Rocky Mountains – beim TransRockies Run geht es sechs Tage und 190 km durch die Rocky Mountains. Erwartet werden rund 500 Teilnehmer. Bereits zum vierten Mal findet am 10. September 2011 in Snowmass, einer kleinen Gemeinde neben dem Promi-Skiort Aspen, die „12 Hours of Snowmass“ statt, eines der längsten Radrennen in den USA. Wer schon immer einmal einen Viertausender mit dem Rad bezwingen wollte, ist beim Rennen „Assault on the Peak“ in Colorado Springs genau richtig. Am 28. August 2011 wird zum zweiten Mal das Radrennen auf den Pikes Peak eröffnet. Rund 40 Kilometer, gut 2.300 Höhenmeter und zahlreiche Serpentinen müssen die Teilnehmer meistern, bis sie den Gipfel des 4.300 Meter hohen Pikes Peak erreichen. Als Belohnung winkt den Radlern hier ein spektakulärer Rundumblick über die Landschaft Colorados.

Infos: Weitere Neuigkeiten aus Colorado sowie aktuelle Veranstaltungshinweise sind auf www.colorado.com zu finden. Infos zu den einzelnen Veranstaltungen unter: www.transrockies.com/transrockiesrun/news, www.12hoursofsnowmass.com und www.ridepikespeak.com.