Schweiz: Rhätische Bahn: Halt auf Verlangen!

K1024_Bernina Express (2)144 Kilometer nur sind es vom schweizerischen Chur ins italienische Tirano. Für die Hochgebirgsfahrt durch 55 Tunnel und über 196 Brücken benötigt der Bernina-Express volle vier Stunden. Und bietet ein grandioses Seh-Vergnügen!

K1024_Bernina Express (30)Die Reise zum Thema Rhätische Bahn ist auf die Minute genau geplant. Militärisch knapp kommen die Anweisungen per E-Mail. Zürich Hbf an: 11.59. Zürich Hbf ab: 12.07. Chur an: 13.22. Und wirklich… Bei Einfahrt des Zuges in den Bahnhof springt der Minutenzeiger in sekundengenauer Arbeitserfüllung auf die zweiundzwanzig. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte man wahrscheinlich sofort die Uhr ausgewechselt. Auf die Idee, der Zug könnte sich verspätet haben, kommt kein Schweizer. „Bei uns“, sagt Michael Christ, der Marketing-Chef von Chur-Tourismus, „kann man die Uhr nach dem Zug stellen.“ Er ist, wie alle Eidgenossen, stolz auf die helvetische Eisenbahn.

K1024_Chur (9)Wir sind in Chur. Die schöne Bischofsstadt residiert am Fuße imposanter Berggipfel. Sie hat 37 106 Einwohner, davon sind 21 930 steuerpflichtig und 7 372 Ausländer. Von denen die meisten auch steuerpflichtig sind. Offensichtlich lebt man gut in Chur. Im verkehrsberuhigten Zentrum gibt es schöne Cafés, Buchläden, Juweliere, Weinlokale, die Sonne sitzt vergnügt auf den Dächern der alten Häuser und taucht so manch kleine städtische Unvollkommenheit in mildes, warmes Licht. Mit über 5000 Jahren auf dem „Buckel“ ist Chur die älteste Stadt der Schweiz. Doch sie wirkt frisch und temperamentvoll. Vielleicht liegt das auch an den vielen modernen Kunstobjekten, die auf den Straßen und Plätzen der Innenstadt überraschen. Sie sind ein magischer Gegenpol zum Alter. Aber Chur ist nicht nur alt und liebenswert, Chur ist auch Verwaltungszentrum des Kantons Graubünden. Und Hauptsitz einer roten rollenden Schmalspur-Legende, der Rhätischen Bahn.

K1024_Chur (13)Von hier streben die Gleise in alle Himmelsrichtungen. Westwärts geht es durch das Felsentor des Vorderrheins nach Disentis, nördlich bis Landquart, in den Osten nach Arosa, Kloster oder Davos, südlich durch den Albula-Tunnel ins Engadin. Und über den Bernina-Pass hinab ins italienische Veltin. Soweit aber wollen wir nicht. Wir wollen nur von Chur nach Tirano. Viele Eisenbahn-Liebhaber halten diese Strecke für die schönste der Welt.

Die Reise beginnt am nächsten Morgen. Planmäßig! Chur ab: 08.32 Bernina Express. Tirano an: 12.45. Dazwischen liegen kühne Viadukte, Bergseen und Gletscher, tiefe Schluchten und schroffe Felswände, Dorfstraßen, wichtige Bahnhöfe und einsame Haltepunkte, an denen der Bernina Express auf ganz persönlichen Wunsch einer einzelnen Person seine Fahrt stoppt. Für Herrn Müller. Oder Frau Hagedorn. „Halt auf Verlangen“ nennt sich dieser Service, der oft wahrgenommen wird, um von hier aus durchs Gebirge zu wandern, in die Berge zu kraxeln oder ein kleines Kirchlein zu besuchen, dass eine Stunde Fußmarsch von der Bahn entfernt liegt, und einen Zwischenstopp wert ist. Mal wird der Halteknopf gedrückt, mal nicht. Diese Ungewissheit ist natürlich im Fahrplan eingepreist, der Bernina Express wird deswegen nie unpünktlich sein. Hoffentlich!

K1024_Bernina Express (42)Denn schnell ist er nicht gerade. Kein Wunder bei dieser atemberaubenden Gebirgslandschaft. Schade eigentlich, dass man im Zug sitzt, von innen nach außen gucken muss. Sicher wäre es bei einigen Passagen interessanter, von außen zu beobachten, mit welcher Fitness, mit welchem Mut sich der rote Bernina Express im Hochgebirge bewegt. In engen Schleifen geht es den Berg hinauf, durch schroffe Täler und Trassen, die an steile Felswände geklebt sind. Kurz bevor der Zug die Station Filisur erreicht, drängen sich die Fahrgäste schon an den Panoramafenstern. Was es jetzt zu sehen gibt, ist einmalig. Der unmittelbar an eine senkrechte Felswand gebaute Viadukt über die 65 m tiefe Landwasserschlucht.

K1024_Bernina Express (26)Kaum hat man Zeit, einen Blick in den schwindelerregenden Abgrund zu werfen, da ist der Bernina Express auch schon im Tunnel verschwunden. 1901/02 wurde diese architektonische Sensation gebaut. Ohne Gerüst! Nur mit zwei Kränen. Was Mut zum Risiko, Bautechnik und Linienführung anbelangt, macht den Schweizern keiner etwas vor. Die Trasse über den Bernina-Pass wurde 2008 von der UNESCO als Welterbe anerkannt.

K1024_Poschiavo (26)Nach so viel Aufregung ist es schön, am Ende des Tages in Poschiavo aussteigen zu dürfen. Nicht nur am Stand der Sonne merkt man, dass sich hier etwas verändert hat, die Schweiz ist italienisch geworden. Der warmherzige Ort Poschiavo hat 3 500 Einwohner, 5 Bäckereien, 4 Metzgereien, 1 Bierbrauer, 1 Spaghetti-Fabrik, 5 Weinproduzenten, 1 Schwimmbad, 1 Spital, 3 Coiffeure, 3 Allgemein-Mediziner, das ehrwürdige Hotel Albrici à la Poste und mit Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) einen bekannten deutschen Dichter, der hier seine Heimat gefunden hat. Und sein Grab. 30 Jahre hat er in Poschiavo gelebt, 1982 wurde er Ehrenbürger. Was ihm hier besonders gefallen hat? „Das hier das Kleinkarierte, Spießbürgerliche, Engherzige fehlt, das Hosenträgerische, Hemdsärmlige.“

Text und Fotos: Bernd Siegmund

Mehr Graubünden gibt es hier.

Schweiz: Bergfahrt mit der Rhätischen Bahn

Gemächlich geht es mit dem Berninaexpress zwischen St. Moritz in der Schweiz und dem italienischen Tirano durch die Bünder Berge. Vor 100 Jahren wurde die Linie in Betrieb genommen.

Sterne muss Annamaria Albin nicht sammeln. Die Chefin des Hotels „Belvedere“ auf Alp Grüm hat nicht „nur“ zwei oder drei, sondern derer gleich millionenfach. „Zumindest bei klaren Nächten“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Auf 2189 Metern Höhe kann man die Graubündener Bergluft und einen überwältigenden Blick ins Val Poschiavo genießen. Nebenan rauscht der Wasserfall am Piz Palü, wo das Schmelzwasser des Gletschers in die Tiefe saust. Das kleine Berghotel ist eine der höchst gelegensten Übernachtungsmöglichkeiten an der Bahnstrecke der weltbekannten Bernina-Linie. Vor 100 Jahren wurde die eingleisige Bahnstrecke zwischen dem schweizerischen St. Moritz, vorbei an den Bündner Bergen, Gletschern und kühlen Bergseen bis zu den Palmen ins italienische Tirano gebaut.

55 Tunnels, 196 Brücken und Steigungen von bis zu 70 Promille meistert der Zug mit Leichtigkeit, wenn er sich an den Berghängen entlang schlängelt. Seit Sommer 2008 gehört die Strecke zum Unesco Welterbe, ebenso ein Teil der Schwesterbahn, der Albula-Linie von Chur nach St. Moritz.

Nicht nur Bahnreisende sind vom Bernina-Express fasziniert. Überall werden Fotoapparate gezückt, wenn der rote Zug der Rhätischen Bahn vorbeizieht. Bei einer Geschwindigkeit von etwa 30 Stundenkilometern bietet er ein lohnendes Fotomotiv vor einer atemberaubenden Kulisse aus Gipfeln und Gletschern. In Serpentinen geht es dem Ziel entgehen. Entschleunigt. Mit viel Zeit zum Sein. Ohne die Hektik des Alltags. Manchmal dreht der Bernina-Express eine „Ehrenrunde“, etwa im Kreisviadukt bei Brusio, um an Höhe zu gewinnen und die Steigung überhaupt meistern zu können.

Natürlich kann man gemütlich in den Zug steigen. Von St. Moritz aus dauert die 60 Kilometer lange Fahrt zur Endstation nach Tirano zweieinhalb Stunden. Wer sich den Fahrtwind um die Ohren wehen lassen will, setzt sich in den Panorama-Aussichtswagen. Die offenen Waggons bieten einen wunderbaren Rundumblick.

Das grandiose Panorama der Schweizer Berge lockte schon im 19. Jahrhundert die Erholungssuchenden ins Engadin und seine Seitentäler. Entlang der alten Passstraße ins Veltlin nach Italien wurde deshalb Anfang des 20. Jahrhunderts eine Bahntrasse errichtet. Von Beginn an elektrifiziert, bot sie den Ausflüglern viele Möglichkeiten, die Bergwelt auf eigenen Faust zu erkunden.

Schon damals war das „Belvedere“ auf Alp Grüm ein kleines Hotel, im Jugendstil und mit viel Charme. „Reisende aus aller Welt haben sich in den Gästebüchern verewigt“, erzählt Wirtin Annamaria Albin, die sich seit 14 Jahren von Ende Mai bis Mitte Oktober um das Wohl ihrer Gäste kümmert. „Einfache Leute kamen damals, aber auch Herzöge und Prinzessinnen, Weltenbummler und Schriftsteller.“ Und auch Thomas Mann soll auf der Hütte gewesen sein. Vielleicht hat auch er auf der kleinen Terrasse vor dem Eingang den Blick aufs Berninamassiv und ins weite Tal schweifen lassen, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen, ehe sich ein Nebelschleier sanft auf die Landschaft gelegt hat.

Luxus braucht man bei dieser herrlichen Aussicht nicht. „Wer das will, soll in der Stadt bleiben“, meint die Wirtin mit Nachdruck und zeigt den Gästen die Zimmer im alpinen Flair, mit Waschschüssel und Etagenduschen. Dafür darf man am nächsten Morgen den Sonnenaufgang in der Bergwelt genießen und sich von den ersten Strahlen in der Nase kitzeln lassen.

Es geht immer bergab von Alp Grüm aus. Mit der Bahn sind es bis nach Tirano 22 Kilometer, aber 1800 Höhenmeter, durch dunkelgrüne Wälder und Almwiesen zum Endbahnhof ins Tal. Und die bewältigen viele Gäste immer mehr auch mit dem Rad. Schließlich kann man an Bahnhöfen oder in Sportgeschäften die Drahtesel leihen. Spezielle Wägen für den Radtransport und zahlreiche Möglichkeiten zum Stop haben die Strecke für Biker interessant gemacht.

Ein Familienurlaub der sportlichen Art lockt vor allem Jugendliche in die Berge. „Einfach nur super“ finden die 14- und 16-jährigen Jungs einer deutschen Familie die geschotterten Pisten  entlang der Bahnlinie, spornen lautstark ihre Mutter an. Vom Gegenwind lassen sie sich nicht schrecken und nehmen die „anspruchsvollsten Passagen“ rund um Alp Grüm gleich ein zweites Mal in Angriff. Sie haben ihren Spaß an den „Querfeldein-Strecken“, die für so manchen erwachsenen Anfänger eine Herausforderung sind.

Ein kurzer Abstecher nach Cavaglia zum Gletschergarten oder nach Poschiavo ist allemal lohnenswert. Die Herrschaftshäuser und die wundervolle Piazza erzählen von der Blüte der beschaulichen Handwerkerstadt an der Passstraße, die Felder duften herrlich nach Kräutern für die berühmten Schweizer Bonbons.

Ruhe und Beschaulichkeit findet man am Lej da Staz, zwischen St. Moritz und Pontresina. Der kleine See hat sich zum idealen Ausflugsziel in der Natur gemausert. Wer höher hinaus will, radelt zum Gletscher Diavolezza oder genießt den sagenhaften Blick von der 3300 Meter hohen Bergstation am Corvatsch. Denn für 13 Anlagen der Bergbahnen der Destination Engadin-St.Moritz gilt: Wer mehr als zwei Übernachtungen in einem der über 80 Partnerhotels bucht, fährt umsonst mit der Bergbahn. Das atemberaubende Panorama auf Bergketten und die Seenlandschaft lassen garantiert jedes Herz höher schlagen.

Diana Seufert