Österreich: Wien, wienerisch, am wienerischsten

K1024_P1060409Lassen Sie den Stephansdom links liegen. Konzentrieren Sie sich auf den 6. und 7. Bezirk. Dem berühmt-berüchtigten K&K-Multikult- Rotlichtviertel des 19 Jahrhunderts. Die „Unmoral“ war bis in die fünfziger Jahre eine fette Einnahmequelle. Ein diskreter Hauch davon liegt bis heute in der Luft.
Bieder ist hier nichts. Die jungen Kühnen haben die beiden Stadtteile okkupiert. Ob in Kunst, Kultur oder Kulinarik, nur was und wer verrückt genug ist, wird integriert. Die Mariahilferstrasse liegt zwischen den beiden Bezirken 6. Mariahilf und 7. Neubau. Die 1,8 km lange Einkaufsstraße mit ihren allerorts gleichen Kettenläden wirkt wie ein Fossil einstiger Konsumsucht.

 

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„Kreativ Shopping“ läuft ausschließlich in den Querstraßen, rechts und links der Mariahilfer Fußgängerzone. Ein neuer Lifestyle, getragen von Bewusstheit & Wertigkeit, liegt in der Luft. Verkaufsgespräche haben ein spezielles Vokabular. Es geht erst in zweiter Linie ums Produkt. Stress scheint man an manchen Ecken buchstabiere zu müssen.

Nobles Design – und das handgemacht – ist angesagt. Auf Handwerkskunst und edle Materialen legt man Wert. Der Wortschatz der Verkäufer ist voll Poesie. Die Euphorie für die „Kreationen“ lässt sich nicht mit schnöden Verkaufsargumenten ausdrücken. „Eigensinnig“, so heißt eine kreativtriefende Designerinitiative, versteckt hinter der ehrwürdigen Barockkirche St. Ulrich. Hier planen die Kunden zwischen zwei und vier Stunden für ihre Verkaufsentscheidung ein. Eine neue Gesprächskultur entwickelt sich. Die neue Langsamkeit mit geeigneten Worten zu definieren ist der Hype. Lasziv schreitend, sich mit minimalen Hüftschwung bewegen, ist Ausdruck der Philosophie. Aufgeregt laufen nur die selbsternannten Modefetischisten durch die Gassen, die sich in ihren Bloggs in Bewertungen ergehen.
Traditionswerkstätten, wie die 1931gegründete Kürschnerei Freudensprung, bringen die Designerwelt wieder etwas in Balance. Hier wird der Nerz noch repariert, und in der warmen Jahreszeit mottengeschützt präpariert. Auch hier ist die Zeit nicht stehen geblieben. Feine Nerzstreifchen näht man auf Cashmere-Strick. Das spart Material, bringt Bequemlichkeit und lässt erst auf den zweiten Blick den Reichtum erkennen.
„Sellerie“ in der Burggasse ist kein Gemüseladen. Hier offeriert man Vienna Based Designers. Duftkerzen wie „City of Tomorrow“ oder mit dem Duft „Utopie“. Oder im Sale: Wandkalender gedruckt mit Mineralölfreier Farbe auf österreichischem Recyclingpapier  und Energie aus nachwachsenden Ressourcen.
Total im Trend, passend in der Lage und in der Liebenswertigkeit alle Boutiquen übertreffend, ist das Hotel „Altstadt Vienna“.

K1024_Bild 4 Altstadt Vienna Suite Felix Design Metteo Thun. Foto ART

In dem Wiener Stadthaus, im 7. Bezirk in der Kirchengasse, lebt man mit anderen Wiener Familien Tür an Tür. Das Sozialleben im Hotel ist ein Parade-Lehrstück für die neue Lebensart. Ihr smarter Manager Philipp Patzel verkörpert das Konzept der Entschleunigung. Mit seinen Worten: „Die bewusst gehaltene Langsamkeit, die sich auf seine Gäste übertragen darf“. In den Salons wo sich die Gäste zum Nachmittagstee bei selbst gemachten Kuchen plaudernd begegnen, wird die Philosophie zur Kür.
Eine Reihe von Stammkunden kommen im Jahr vier, fünf Mal, und bleiben oft Wochen. Machen Theaterferien. Das Renaissance-, das Volks-Theater, und das Theater an der Josef Stadt sind fußläufig zu erreichen. Das Museumsquartier, eines der zehn größten Kulturareale der Welt ist nur einen Steinwurf entfernt. Da kann man schon mal zwischen dem einen oder anderen Museumsbesuch entspannt ein Nickerchen einlegen.
Ein Stammgast, der am meerestürkisen Sofa, rechts vom Kamin, Nachmittags gerne sein Plätzchen einnimmt, soll regelmäßig einnicken. Das weiß man, und man schiebt ihm ein kleines Kissen in den Nacken, damit sein Schlummern weiter genussvoll bleibt. Das Hotel ist voller bezaubernden Geschichten. Z.B. links neben dem feudalen Eingangsportal, eine unauffällige Wohnungstür. Eine kleine Plakette macht aufmerksam, dass mit bissigem Hund gerechnet werden muss. Die Bewohnerin ist die ehemalige Hausmeisterin. Seit fünfzehn Jahren ist sie pensioniert. Doch ab und an zieht sie ihre weiß gestärkte Kleiderschürze an und inspiziert das Hotel. Wobei man der Ehrlichkeit halber sagen muss, der Gästebereich zählte nie zu Ihrem Ordnungsbereich.
Weltberühmte Architekten und Modestars
Das Hotel hat 54 Zimmer. Ob von weltberühmten Architekten wie Matteo Thun oder von zeitgenössischen Modestars wie Lena Hoschek entworfen, kein Wohnraum gleicht dem anderen. Eines haben Sie jedoch alle gemeinsam: die berühmte Wiener Gemütlichkeit. Nur Ähnlichkeit haben sechs Zimmer, die dem Stil der berühmtesten Wiener Prostituierten Josefine Mutzenbacher zu Ehren gestaltet wurden. Sicher nicht frivol, nur ein zarter Hauch von Verruchtheit imitiert ihren Stil. Sie hat tatsächlich nur ein paar Häuser weiter residiert. Ein Gästepaar aus Tel Aviv erzählte beim Frühstück, sie hätten bei ihrer Zimmersuche das Wörtchen „unique“ in die Suchmaske eingegeben. Die allerhöchsten Bewertungen zeigte das „Altstadt Wien“.
Auf der Hotel-Homepage ist zu lesen: “Hier darf ich’s sein“. Wir sind professionelle Gastgeber, jedoch keine Roboter. Herzliche Menschen, jedoch mit Ecken und Kanten. Wir lachen und weinen, wir tanzen und sinnieren. So sind wir. So dürfen wir sein.
Die Gärtnerei zum bunten Hund hat gleich um die Ecke in der Kirchengasse 29 eine neue Filiale. Unterm Eingangsschild steht: “Wir machen das Kraut fett.“ Die Indoor-Gärtnerei ist spezialisiert auf Hanfpflanzen. Mit zwanzig verschieden Sorten vom Steckling bis zum Baum. Noch bevor man bedient wird, muss man das Poster mit den österreichischen Richtlinien lesen. Damit man die Legalität versteht. Wie es in Deutschland aussieht, geht in Wien keinen was an. Der ausgefuchste Hanf-Junky heißt mit Vornamen Eis. Mit wienerisch- serbischer Akzent erläutert er alles, was es für den zukünftigen Hauskonsum braucht. Seine Liebenswürdigkeit ging sogar soweit, die Geschäftstür zu schließen und mich hundert Meter weiter zum „Buschdoktor“ zu begleiten. Der Zubehörspezialist, der von der Lampe bis zum Dünger alles vorrätig hat.
Einen Katzensprung weiter über die Mariahilferstrasse ist der Headshop von Bushplanet. Hanf prangt hier nur auf den Fototapeten. Der Chef spricht breites Wienerisch und trägt Lederhosen mit Hosenträgern. Das Sortiment von gläsernen Wasserpfeifen ist immens. Das Rauchzubehör dagegen überschaubar. Hauchfeine Smoking Papers gibt’s ab einen Euro. Die Schächtelchen zu studieren und die Beschriftungen wie „Slim Kukuxumusu“ zu buchstabieren, könnte eine Annäherung an den beschaulichen, neuen Lifestyle sein. Gewiss ist es nicht, ob es das Haus davor oder das des Wasserpfeifen-Spezialisten vor hundert Jahren das K&K öffentlich genehmigte Bordell war. Das einzig Legale in der Illegalen Welt.

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Schräg gegenüber liegt das charmante Hotel Fürst Metternich.  Das Haus wurde 1896 in der Blütezeit der Leichtlebigkeit erbaut. Im Stil der deutschen Neorenaissance in einer typischen Wiener Häuserzeile. Das Haus ist nach dem Fürsten Metternich benannt. Er war ein bedeutender Staatsmann, unter anderem ab 1908 Außenminister der österreichischen Monarchie. Er glänzte als Grandseigneur auf internationalem Parket. Karl Otman von Aretin beschrieb ihn als zügellosen Lebemann. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er inkognito oftmals im Hotel logierte. Im illustren Kreis der „Historic Hotels of Europe“ ist das Metternich auch gelistet. Die Innenstadtlage ist perfekt. Die Estahazygasse verkehrberuhigt. Nachts kommt kaum ein Auto an. Bei offenem Fenster hört man morgens die Vögel zwitschern.

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Wenn man in der Nacht zuvor „gezwitschert“ hat, ist man bestens in ihren Hotelbetten aufgehoben. Barkenner, die ich über die Qualität der Americanbar im Souterrain befragte, stritten sich, ob sie die Beste oder Zweitbeste Wiens sei. Die imposante, reich mit schmiedeeisernen Beschlägen und Gläsern verzierte Eingangstür scheint wie dafür gemacht, die Hektik und den Lärm des Alltags auszusperren.
Die Bleiverglasung mit den bunten Butzenscheiben sind noch im Original erhalten. Früher zeigte man Reichtum gerne in der Größe der Kronleuchter. Demnach war das Hotel bereits bei der Bebauung im Luxussegment. Heute vertritt das Hotel passend zum Lebenstil im „Grätzel“(wienerisch Bezirk) den Luxus der Authentizität. Die Familie Kleindienst hat es mit Feingefühl restauriert. Die 54 Zimmer im Stil der 20.Jahrhundertwende belassen und mit modernsten Bädern und Wlan-Kompatibilität ausgestattet.Am Frühstücks Buffet steht frisch gebacken der Wiener Gugelhupf. Beim feinen Knochenschinken steht der Minuten zuvor geriebene Kren ( Meerrettich). Alles signifikante Zeichen, das man sich der Tradition verpflichtet fühlt. Wer sich in die Wiener Kulinarik vertiefen möchte, sollte einen fünfzehnminütigen Spaziergang zum Naschmarkt machen. Nach einem ausgiebigen Rundgang um Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch empfiehlt es sich, im ältesten Gasthaus am Naschmarkt „zur eisernen Zeit“ einzukehren. Ein kleines Gulasch für zwischendurch und ein „Glaserl Wein“ bereits am Nachmittag – wienerischer geht’s nicht.

Text: Veronika Zickendraht
Fotos: Rasso Knoller, Veronika Zickendraht, Hotel Altrstadt Vienna, Hotel Fürst Metternich (2)

Mehr Wien im WeltreiseJournal: http://www.weltreisejournal.de/2013/12/02/oesterreich-der-wiener-opernball/

Und hier geht’s zu den Top 10 Sehenswürdigkeiten Wiens: http://www.weltreisejournal.de/2013/07/15/osterreich-wiens-top-10-sehenswurdigkeiten/

 

 

Großbritannien: London Camden Market

London, Camden Market

Märkte der Möglichkeiten

Auf Londons bekanntesten Markt im Künstlerviertel Camden drängen sich Einheimische und Touristen an den Ständen vorbei. Das Angebot ist breit und reicht vom Porzellanteller mit dem Konterfei der Queen bis zur Tower Bridge in Plastik – Made in China. Neben geschmacklosen Souvenirs wird aber vor allem Individuelles und Kreatives verkauft: Maßgeschneiderte Kleider in extravaganten Schnitten und Farben, Hüte mit verwegenem Design und Hosen mit Schlag. Oder Tische und Stühle aus Holz oder Metall – auf jeden Fall aber selbst gemacht. Antiquitäten, Uniformen aus alten Armeebeständen oder dem Theaterfundus, Schuhe aus der Zeit des Rokoko und das neuste Liegefahrrad aus einer Werkstatt aus Südengland. Auf dem Camden Market gibt es nichts, was es nicht gibt.

Renner sind aber gegenwärtig T-Shirts mit den Motiven des Graffiti Künstlers Banksy, der mit viel Ironie die Londoner Szene beobachtet. In seinen Bildern werfen die Streetfighter beispielsweise nicht mit Steinen sondern Blumen. Banksy Graffiti

Bluse in Rot und Orange

Ein kleiner Vietnamese hält an einem Kleiderstand ein Tuch hoch – eine improvisierte Umkleidekabine – hinter dem ein spanische Touristin eine Bluse in gewagter Farbkombination anprobiert. Rot und Orange zusammen steht nicht jedem. Doch die junge Frau aus Valencia kann sie aber tragen. 40 Pfund wechseln den Besitzer. 50 Euro für ein Einzelteil, da kann man nicht meckern.

Mark, der Händler am Nebenstand, ist gleichzeitig auch der Designer der Kleider, die er verkauft. Und er näht sie auch selbst zusammen. Ausgangsmaterial für die eng auf den Körper geschnittenen Teile sind Männerhosen, die er zerschnippelt und wieder neu zusammensetzt. Mit seinen auffälligen Kreationen wolle er einen Gegenpol zum Einheitslook setzen, sagt Mike. „Das Geschäft läuft gut. Von der Wirtschaftskrise spüre ich nichts”, sagt er. Auch bei der Spanierin scheint das Geld noch locker zu sitzen. Als ich sie etwas später zufällig wiedersehe, trägt sie schon drei Taschen in der Hand.

Biltong von der Insel

Eng und hektisch geht es in Camden zu – auf dem Maltby Street Market im Stadtteil Bermondsey hat man dagegen viel Platz. Hierher kommen die Gourmets der britischen Hauptstadt, um sich mit den besten Rohwaren zu versorgen. Schnäppchen sucht man aber vergebens – Qualität hat hier ihren Preis.

Die Händler reisen aus dem ganzen Land an. Nick Greef beispielsweise kommt von der, vor der Südküste gelegenen,  Isle of  Wight, um sein Biltong zu verkaufen. Biltong, luftgetrocknetes Fleisch, kennt man sonst nur aus Südafrika. Greef  produziert seines aus dem Fleisch freilaufender Rinder von seiner kleinen Insel.

Einige Meter weiter, bei Tozino, verkauft man spanischen Schinken, hauchzart und unter dem Motto “slices of heaven”. Maltby Market

Gleich nebenan bietet dann ein norwegischer Einwanderer “organic smoked salmon” an – 5 Pfund für 100 Gramm, macht mehr als 75 Euro fürs Kilo. Doch der Preis schreckt hier niemanden. Im Gegenteil: Der Stand ist lange vor Marktschluss leergekauft.

In Neal’s Yard Dairy stehen Kunden für Käse an. Dutzende Sorten stehen zur Auswahl. Besonders beliebt ist der würzige „Stichelton cheese“  aus der Käsehauptstadt des Landes.

In der St. John Bakery, die mit dem gleichnamigen Sternelokal sowohl den Namen, als auch den Besitzer teilt, wird das beste Brot der Stadt verkauft. Selbst strenge deutsche Tester sind nach dem Biss in die knusprige Kruste begeistert. Vielleicht sogar noch besser sind die Süßspeisen. Die Londoner Version der “Berliner Pfannkuchen” ist üppig mit Sahne gefüllt und deckt spielend den Tageskalorienbedarf eines erwachsenen Mannes. Mit dem Süßteil in der Hand geht es um die Ecke zum Monmouth Coffee. Der Kaffeeröster ist eine Londoner Institution. Nur um im Monmouth einen Cappuccino oder Latte zu trinken, reist so mancher Londoner aus dem anderen Ende der Stadt an. Wer nicht nur auf die rustikalen Bänke vor dem Laden seinen Kaffee schlürfen will, kann die edlen Bohnen auch hier kaufen und zu Hause den Kaffeeduft durch die Wohnung ziehen lassen.

Den Marktbummel alkoholisch beendet man schließlich bei “The Kernel”. Das Pale Ale der Mikrobrauerei mit einem ordentlichen Alkoholgehalt von 5,7 Prozent ist der Favorit der meisten Marktbesucher.

The Kernel

Und wo wohnt man wenn man in London unterwegs ist?

Der Ferienhausbroker Housetrip (https://www.housetrip.com/) vermittelt Wohnungen in besten Lagen zum günstigen Preis. So wird der Londonaufenthalt erschwinglich und es bleibt genügend Geld fürs Shopping.

Rasso Knoller

Info:

Maltby Street Market,www.maltbystreet.com

Monmouth Coffee, www.monmouthcoffee.co.uk

Nick&Sarah Greff, www.isleofwightbiltong.co.uk

Tozino, www.tozino.com

St. John Bakery, www.stjohnbakerycompany.com

Neals Yard Dairy,www.nealsyarddairy.co.uk

The Kernel, http://thekernelbrewery.com

 

Von London gleich weiter nach Cardiff?

Großbritannien/Wales: Cardiff – Kultur statt Kohle