Italien: Targa Florio – Volksfest mit Motorengebrüll

Foto. rasso knoller Giulietta auf Strecke

Mit dem modernen Alfa Romeo Giulietta auf der alten Strecke der Targa Florio

„Kinder und Haustiere einsperren“ So lautete die Anweisung, bevor die Boliden bei der Targa Florio auf Sizilien an den Start gingen. Das Weltreisejournal traf Nino Vaccarella, Schulleiter, Ex-Rennfahrer und Held der Sizilianer, der das legendäre Straßenrennen dreimal gewann.

 

Foto: Knoller,  Nico Vaccarella

Nino Vaccarella

Wir haben eine Verabredung morgens um elf Uhr. „Signor Vaccarella kommt sicher gleich zurück“, sagt der Portier am Eingang eines Mietshauses am Stadtrand von Palermo. „Er ist nur mal kurz raus, einen Kaffee trinken.“ Und dann kommt er uns entgegen, der Mann, der in den 1960er und 70er Jahren vor allem auf den Motorsportseiten italienischer Zeitungen gefeiert wurde: Nino Vaccarella. Inzwischen ist der Ex-Rennfahrer 80 Jahre alt. Aber wer einmal alte Fotos von ihm gesehen hat, erkennt ihn schon von weitem: Grazile Figur, schmales Gesicht, markante Nase. Und noch immer trägt er das gleiche Sonnenbrillenmodell, das er schon damals trug, als er mit Ferrari- und Alfa Romeo-Boliden um Ruhm, Ehre und Preisgelder fuhr. Der kleine alte Herr ruft den Fahrstuhl, bittet uns in eine Drei-Zimmer-Wohnung, deren größter Raum einem privaten Rennsportmuseum gleicht: Wände, Regale, Schreibtisch und Beistelltischchen sind über und über mit Pokalen, Urkunden, Fotos und gerahmten Zeitungsausschnitten dekoriert.
In Italien und vor allem auf Sizilien ist der 80-jährige ein Held – ein „ganz Großer“, sagen Menschen, die jung waren, als Vaccarella in Le Mans und auf dem Nürburgring Erfolge feierte – und natürlich bei der Targa Florio, jenem legendären Straßenrennen auf Sizilien, das Vaccarella dreimal gewann – 1965 mit einem Ferrari 275 P2, 1971 mit dem Alfa Romeo T33/3, seinem Lieblingswagen, und 1975 noch einmal mit einem Alfa. Wenn er von alten Zeiten und der Targa spricht, gestikuliert Vaccarella, fast so, als säße er nicht in der Ecke seines weichen Sofas – sondern just in einem jener Boliden, die er einst mit Geschick und einer gewissen Todesverachtung über die Pisten jagte.

Foto: rasso knoller, Plakat mit Vaccarella Autogramm

Wer genau hinschaut findet es: Nico Vaccarellas Autogramm auf einem alten Poster

Sein Bein zuckt und der Fuß scheint auf ein Pedal unsichtbares zu drücken. Auch den rechten Arm hält er nicht lange still. Während er den Konkurrenzkampf zwischen Porsche- und Alfa-Piloten schildert, macht er sich an einem imaginären Schaltknüppel zu schaffen. Die Targa Florio-Strecke gehörte zum härtesten, was man einem Rennfahrer abverlangen konnte, sagt Vaccarella. Pro Rennen wurde die 72 Kilometer lange Runde etwa ein Dutzend Mal gefahren. Insgesamt waren rund 900, zum Teil haarnadelspitze Kurven zu meistern. „Wir bekamen blutige Hände vom Schalten und weil das Lenkrad kaum zu halten war“, erinnert sich der Sizilianer. „Job der Fahrer-Frauen war es, die geschundenen Hände des Liebsten beim Boxenstopp mit Mullbinden zu bewickeln.“

Foto: rasso knoller,  Strecke der Targa Florio

Durch diese Landschaft rasten die Helden der Targa mit ihren Sportwagen

Nino Vaccarella gehörte nie zur Garde der Profi-Fahrer. Im Hauptberuf war der hochtalentierte Rennpilot, den Porsche seinerzeit gern ins Team geholt hätte, Direkter eines Gymnasiums in Palermo. Und wenn Ferrari oder Alfa die Teams zu Testfahrten einbestellte, nahm er sich ein paar Tage frei.

Foto: Rasso Knoller Vaccarella schreibt Autogramme

Vaccarella schreibt ein Autogramm. Foto aus dem Museo Targa Florio.

 

Als Direktor Vaccarella in den 1950er Jahren seine erste Targa fuhr, hatte die schon eine lange Tradition. 1906 hatte Vicenzo Florio, ein sizilianischer Industrieller, das Rennen ins Leben gerufen. Bei der ersten Targa waren gerade mal zehn Wagen am Start. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Rennen zu einer der wichtigsten Rennsportveranstaltungen in Europa. Alles, was in der Automobilszene Rang und Namen hatte, kam, um auf den schmalen Straßen der Madonie-Bergregion das Können von Mensch und Material zu demonstrieren: Fiat, Bugatti, Peugeot, Mercedes, Ferrari, Maserati, Lancia und Porsche nahmen an der Markenmeisterschaft teil, und die Sieger-Liste der Targa-Florio liest sich wie ein Lexikon einstiger Rennfahrer-Berühmtheiten: Achile Varzi, Stirling Moss, Joakim Bonnier, Hans Herrman und Graham Hill, Jo Stiffer, Willy Mairesse – auch „Kamikaze-Willy“ genannt, Vic Elford und Herbert Müller. Enzo Ferrari wurde zum Chefwerksfahrer der Alfa-Crew ernannt, nachdem er 1920 den zweiten Platz bei dem renommierten sizilianischen Rennen hatte.
K1024_Museo Vincenzo FlorioFür die Sizilianer war das Rennen vor allem ein großes Volksfest, das mit südländischerLeidenschaft gefeiert wurde. Schon Tage vor dem großen Rennen pilgerten Tausende zur Strecke, campierten an Plätzen mit besonders guter Sicht. Zuvor waren Gemeindebedienstete mit Trommeln durch die Dörfer gezogen: „Kinder und Haustiere einsperren“, lautete die Aufforderung, die praktisch die einzige Sicherheitsvorkehrung war, bevor die Renngeschosse mit heulenden Motoren durch die sonst so beschauliche Bergregion donnerten. Am Renn-Sonntag schließlich säumten Hunderttausende die Strecke und bildeten lebendige Leitplanken. „Die Zuschauer standen so dicht am Straßenrand, dass sie unsere Wagen mit ihrer Kleidung polierten“, erinnert sich Vaccarella. „Manche Fans waren so verrückt, dass sie sich auf den Boden legten, um jedes Mal, wenn ihr Lieblingsfahrer vorbeikam, einen seiner Autoreifen zu berühren.“ Das Herz der Sizilianer schlug für die italienischen Teams. „Aber wenn ein Rennfahrer von der Piste abkam, war’s ganz egal, welche Marke er fuhr“, beteuert er: „Dann packten ein paar starke Männer an und hievten den Wagen auf den Asphalt zurück.“
Gründer Vicenzo Florio hatte seine „Targa“ stets als eines der sichersten Rennen deklariert – und begründete das mit den vergleichsweise geringen Geschwindigkeiten, die den schmalen kurvenreichen Bergstraßen geschuldet waren.

K1024_Targa Florio

Mit 300 km/h und mehr konnten die Fahrer hier nur auf der rund sechs Kilometer langen Gerade nahe des Start- und Zielpunkts bei Buonfornello brettern. Dennoch kostete auch das sizilianische Rennspektakel einigen das Leben: 1926 verlor Giulio Massetti, ein italienischer Adliger die Kontrolle über seinen französischen Delage. 1971 raste Fulvio Tandoi mit seinem Renault Alpine gegen einen Baum. Nachdem 1977 zwei Zuschauer bei einem Unfall ums Leben kamen, wurde die Serie – nach 61 ausgetragenen Rennen – eingestellt.
„Das war gut so“, sagt Vaccarella. „Im Nachhinein betrachtet, war das der reine Irrsinn, wie wir da mit dem Leben gespielt haben.“ Er selbst ist glimpflich davon gekommen, obwohl er in den 1970ern auf dem Nürburgring schwer verunfallte. Eine Armamputation drohte, dann aber konnte der Arm doch noch gerettet werden.

Foto: Rasso Knoller, Giulietta und alter Lancia vor Tribüne

Die alte Tribüne bei Cerda

In den Bergdörfern der Madonie ist es wieder still geworden. Die Boxenanlagen und die Tribüne nahe dem Städtchen Cerda sind Überbleibsel aus den glorreichen Tagen. In Cerda und in Collesano halten Targa-Florio-Museen die Erinnerung an das Spektakel und die Rennfahrerprominenz wach (http://www.museotargaflorio.it/ und http://www.targaflorio.info) „Gewöhnliche“ Touristen kommen selten hier her. Aber Porsche-, Ferrari- und Alfa-Clubs fahren – in Markenhistorie schwelgend und teilweise mit Schrittgeschwindigkeit – öfter mal die inzwischen reichlich ramponierte Targa-Strecke ab. Nino Vaccarello, der heute einen Fiat Punto fährt, zieht es nur noch selten hierher.

Text: Susanne Kilimann
Fotos: Rasso Knoller

 

Italien: Sizilien, Blutorangen und Mars-Roboter

© "Parco dell'Etna" ,Colata lavica Etna cratere sud est  luglio 2006

Ein Ausflug in die Gipfelregion ist ein faszinierendes Erlebnis –selbst wenn es gerade keine Lavafontänen und kein Traumpanorama zu bestaunen gibt.

„Was für ein Pech mit dem Wetter, wie schade für euch.“ Pietro Coniglio, Direktor des Ätna-Nationalparks, beschreibt mit dem ausgestreckten Arm einen Halbkreis und deutet auf einen Punkt in der imaginären Ferne. Dort unten liegen Dörfern, Weinhänge und ausgedehnte Zitrusplantagen, dahinter  die Küstenstadt Taormina und wäre der Himmel klar, dann könnte man von hier oben weit hinaus übers Mittelmeer sehen. Doch an diesem Tag im April beträgt die Sicht nur wenige Meter. Die wenigen Besucher, die sich an diesem Tag von Seilbahn und Bussen auf fast 3000 Meter Höhe in die Gipfelregion des Ätna haben bringen lassen, müssen sich mit Nebelschwaden, die wie dichte Schleier zwischen Himmel und Erde liegen, arrangieren – oder umkehren.

Die Autorin am Ätna, © Anke SademannEs weht ein frostiger Wind und Vulkanführer Gian Battista mahnt sein Trüppchen wieder und wieder,  Spur zu halten auf dem steinigen Lava-Terrain, damit es keine Fehltritte, keine Ausrutscher  und keine verstauchten Knöchel gibt. Faszinierend ist der Ausflug auf den höchsten und aktivsten Vulkan Europas aber auch ohne Panoramablick. Dass es hier in der Tiefe seit mehreren Hunderttausend Jahren brodelt, dass man hier auf einem Berg spaziert, der im Laufe der Zivilisationsgeschichte für verheerende Zerstörungen und für übermäßige Fruchtbarkeit gesorgt hat, ist schon ein besonderes, ein erhabenes Gefühl. Auch wenn der Ätna ganz friedlich ist und sich durch den Ausstoß heißer Gase nur sanfte Wölkchen über seinem Gipfel bilden, ist die glühende Kraft im Inneren spürbar – dafür muss man nur die bloßen Hände auf den schwarzen Boden legen.

Die Ausbrüche des sizilianischen Vulkans sind spektakulär und ziehen ambitionierte Profi- und Hobby-Fotografen und andere Schaulustige in ihren Bann. „Sie glauben gar nicht, wie oft mich Leute aus dem In- und Ausland, Reiseveranstalter und Touristen, anrufen  und fragen, wann mit dem nächsten großen Ausbruch zu rechnen ist“, erzählt Pietro Coniglio. „Die Leute wollen ein genaues Datumhören, zu dem sie anreisen und das Schauspiel miterleben können. „Denen antworte ich dann: Oh, da bin ich der falsche Ansprechpartner. Da müssen Sie beim lieben Gott nachfragen“, lacht der Direktor des 1987 gegründeten Nationalparks und schüttelt den Kopf über soviel naive Technikgläubigkeit. Der Ätna werde zwar rund um die Uhr bewacht. Geologen analysieren die chemische Zusammensetzung der vulkanischen Gase, werten mit  Seismometern ermittelte Erdstöße und Erschütterungen aus. Dank dieser modernen Messmethoden könne man Zonen, die bei einer Eruption betroffen sind, rechtzeitig evakuieren. „Aber einen Ausbruch Wochen im  Voraus zu prognostizieren, gar ein konkretes Datum zu benennen, das ist unmöglich“, ereifert sich der kleine Mann mit dem kurzen grauen Haar. Gerade diese Unberechenbarkeit  sei ja das Faszinierende. „Ein Vulkan weist den Menschen in seine Schranken, macht deutlich, dass Naturgewalten letztlich nicht kontrollierbar sind.“

© "Parco dell'Etna" , Attivit+á parossistica  Etna settembre 2011 bocca orientale cratere sud estDie Chancen, dass man während eines Urlaubs auf Sizilien einen Ätna-Ausbruch miterleben kann, stehen dennoch nicht schlecht. Leichtere Eruptionen kommen häufiger vor, im Jahr 2012 brach der Vulkan sechsmal aus, 2013 hat sogar 16 Mal stundenlang Lava und Asche in die Luft geschleudert. Der letzte bedrohliche  Ausbruch ereignete sich 1992. Damals war die Kleinstadt  Zafferana am Osthang des Ätna in Gefahr. Die Armee musste anrücken, um den zerstörerischen Lavastrom durch Sprengungen umzulenken und vom Ort fernzuhalten.

© Anke SademannDie weitaus meiste Zeit  präsentiert  sich Siziliens majestätischer Vulkan als gutes Terrain für leichte Wanderungen oder anspruchsvollere, mehrtägige Trekkingtouren. Überall in dem 59 000 Hektar großen Naturschutzgebiet gibt es markierte Wege. Auf der kürzesten Tour, dem Sentiero Natura Monti Sartorius, werden vier Kilometer und 100 Höhenmeter zurückgelegt, was in zwei Stunden gut zu schaffen ist. Drei Tage sollte man einplanen, wenn man den Gipfel auf dem Hochgebirgsweg einmal umrunden will. Mehrere Schutzhütten bieten sich dabei als Nachtquartiere an.

© "Parco dell'Etna"  Sie liegen auf einer Höhe von 1500 bis knapp 2000 Metern. Während in den unteren Regionen Orangen-, Zitronen-, Feigen- und Pistazien- und Olivenbäume gedeihen, prägen ab 1000 Meter Höhe Birken, Eichen, Kastanien und Kiefern das Bild – und Ätna-Ginster, der als eine der ersten Pflanzen auf der verwitterten Lava  Fuß fasst. Oberhalb von 2000 Metern präsentiert sich der Vulkanlandschaft vegetationslos, schwarz und steinig und wirkt fast ein wenig außerirdisch. Das fanden offenbar auch die Mitarbeiter der NASA, die  auf dem Ätna kürzlich Roboter für den Einsatz auf dem Mars getestet haben.

Weil der Nebel immer dichter wird, drängt Naturparkführer Gian Battista zum Aufbruch. Kurz darauf sitzen seine Schutzbefohlenen wieder in den Gondeln zur Talstation und  noch etwas  später  am Fuße des Vulkans  in einem  Straßencafé, wo man nicht nur Espresso und Cappuccino serviert, sondern den frisch gepressten Saft der Blutorangen, die hier, an den Hängen des Ätna, besonders gut gedeihen.

Susanne Kilimann