Großbritannien: Ein Rundgang durch London

 © Jaspal Bahra - FOTOLIA

Unser Stadtrundgang durch das Herz der Metropole beginnt am Piccadilly Circus, dem Mittelpunkt der Hauptstadt und einst die Nabe des Empires. Im Zentrum des immer verkehrsumtosten Platzes sitzen die Besucher der Kapitale gerne auf den Stufen des berühmten Eros-Brunnens.

1893 ließ Alfred Gilbert dieses Denkmal zu Ehren des Philanthropen Anthony Ashley Cooper, des siebten Earl of Shaftesbury, erbauen. Der Adlige hatte mit eigenen Geldern das Massenelend im 19. Jahrhundert bekämpft, Suppenküchen und Schulen errichten lassen. Und so ist der geflügelte Engel mit Pfeil und Bogen auf der Spitze des Brunnens nicht die Darstellung des Gottes der Liebe, sondern eine Allegorie auf den toten Earl of Shaftesbury (shaft = Pfeil, bury = begraben).

In Gedanken an den Kämpfer gegen die Armut folgen wir der Coventry Street wenige Schritte Richtung Norden und biegen dann nach rechts in die Straße Haymarket ein. Zwei berühmte Londoner Theater liegen sich hier gegenüber, auf der einen Seite das Theatre Royal , eröffnet 1720, auf der anderen das Her Majesty’s.

© Enker/laif, Köln

Am Ende von Haymarket geht es nach links weiter, der Blick schweift nun über den weiten Trafalgar Square, auf dem die 56 Meter hohe Nelson-Säule dem suchenden Auge schließlich Halt bietet. Im Jahr 1805 hatte Admiral Nelson der vereinigten spanischen und französischen Flotte vor dem Kap Trafalgar eine schwere Niederlage beigebracht und dem britischen Empire damit für ein Jahrhundert die Überlegenheit auf den Weltmeeren gesichert. Lord Nelson kam bei der Schlacht ums Leben, sein Leichnam wurde in einem Fass Rum in die Heimat überführt.

Zu Ehren des gefallenen Seehelden gestalteten zwischen 1830 und 1850 die beiden Architekten John Nash und Charles Barry den weitläufigen Platz. 1842 hob man die Statue des maritimen Strategen auf die hohe Säule, in deren Sockel vier Reliefs die Schlachten des Admirals dokumentieren. Die vier mächtigen Bronzelöwen, die Lord Nelson bewachen, schuf 1867 der Hofmaler Sir Edwin Landseer, und die großen plätschernden Brunnen schließlich gestaltete 1939 der Architekt Edwin Lutyens. Traditionell begrüßen alljährlich in der Silvesternacht die Londoner auf dem Trafalgar Square das neue Jahr.

Sehr verstörend wirkte auf den Betrachter beim ersten Blick die im September 2005 auf einem Sockel platzierte Skulptur »Alison Lapper Pregnant« des englischen Künstlers Marc Quinn. Dargestellt ist eine 3,55 Meter hohe, aus weißem Carrara-Marmor gearbeitete sitzende, nackte, schwangere Frau ohne Arme und mit missgebildeten Beinen. Dies ist die Malerin Alison Lapper, die 1965 behindert zur Welt kam, dargestellt, wie sie 1999/2000 mit ihrem Sohn Parys schwanger war. Das Kunstwerk spaltete die britische Öffentlichkeit, aber letztendlich muss man konstatieren, dass die Darstellung von Sexualität und Mutterschaft eines schwerbehinderten Körpers neben den heroisierenden männlichen Helden des Platzes ihren angemessenen Ort gefunden hatte.

© iStockphoto - Dan Kite

Der Sockel, der mehr als eineinhalb Jahrhunderte unbenutzt war, ist seit einer Entscheidung von 1998 regelmäßig Ausstellungsort von Arbeiten junger nationaler und internationaler Künstler. 2012 wird die Arbeit »Powerless Structure Fig. 101« des Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset auf dem Sockel zu sehen sein. Es handelt sich dabei um nichts anderes als einen kleinen Jungen, der auf einem Schaukelpferd reitet. 2013 darf dann die Düsseldorferin Katharina Fritsch einen riesigen blauen Hahn präsentieren.

Im Norden wird der Platz von der National Gallery begrenzt, einer der größten Gemäldesammlungen der Welt, und im Nordosten ragt St. Martin-in-the-Fields auf, 1726 von James Gibb erbaut. Für die Obdachlosen der Stadt gibt der Social Service hier seit vielen Jahren warme Speisen aus, und in der Krypta der Kirche ist für fußmüde Besucher ein großes Café untergebracht.

Von seiner hohen Säule aus blickt Lord Nelson Richtung Süden, die Straße Whitehall hinunter, an der sich auf beiden Seiten die Ministerien entlangreihen. Linker Hand findet man Banqueting House, 1619 von dem Architekten Inigo Jones im palladianischen Stil entworfen; die prachtvollen Deckengemälde schuf kein geringerer als Peter Paul Rubens. Gegenüber halten in stoischer Ruhe die königlichen Horse Guards Wacht, immer umlagert von unermüdlich fotografierenden Touristen.

Wenige Meter weiter kann man einen Blick in die Down­ing Street werfen. Hier residiert in Nr. 10, seit dem Amtsantritt von Robert Walpole 1721, traditionell der Premierminister, daneben hat im Haus Nr. 11 der Schatzkanzler seine offizielle Dienstwohnung. Das schmiedeeiserne Gitter, das den Zutritt zum Sträßchen versperrt, datiert aus jüngerer Zeit und geht auf die Initiative der »Eisernen« Lady Maggie Thatcher zurück.

Seasons

Whitehall öffnet sich zum Parliament Square, und kein Besucher bleibt unbeeindruckt von der langen neogotischen Fassade der Houses of Parliament oder Palace of Westminster. Wahrzeichen von London ist der hohe Glockenturm mit der mächtigen Uhr, im Volksmund Big Ben genannt. Die Namensgebung geht auf die große Glocke im Innern zurück. Zu jeder vollen Stunde ertönt ein Klangbild aus Händels Messias, das auch den Nachrichtensendungen der BBC vorangestellt wird. Der Besucher, der abends nach Einbruch der Dunkelheit an dem Turm hochblickt, sollte auf eine Lampe oberhalb der Uhr achten, brennt sie, dann tagt noch das Unterhaus. Im Herbst 1834 zerstörte ein Feuer die alten Parlamentsgebäude; den darauf folgenden Architektenwettbewerb konnte Charles Barry mit seinem damals gerade in Mode gekommenen neogotischen Entwurf für sich entscheiden. 20 Jahre dauerten die Arbeiten, die 1840 begannen.

Gegenüber den Houses of Parliament steht die bei der britischen Oberschicht für Hochzeitsfeierlichkeiten beliebte Kirche St. Margaret’s , dahinter erstreckt sich die Westminster Abbey , das bedeutendste Gotteshaus der Metropole. Die 156 Meter lange, 61 Meter breite und in ihren Gewölben über 30 Meter hohe Abteikirche entstand ab 1050 und wurde in den folgenden Jahrhunderten im Stil der Early English-Gotik fertiggestellt. An Weihnachten 1066 fanden die Krönungsfeierlichkeiten für Wilhelm den Eroberer an diesem geweihten Ort statt, und fortan bestiegen fast alle nachfolgenden Monarchen bis hin zu Elisabeth II. hier den Krönungsstuhl. Bis 1760 fanden die verstorbenen Herrscher auch in Westminster Abbey ihre letzte Ruhestätte.

Mit insgesamt über 300 Grabdenkmälern und mehr als 4000 Gedenktafeln ist die Kirche eines der interessantesten historischen Bauwerke der Stadt. Im südlichen Querschiff findet der Besucher Poet’s Corner, den Poetenwinkel, wo Inschriften an die großen Schriftsteller und Dichter der englischen Literatur erinnern. Erst 1995 fand hier auch Oscar Wilde Erwähnung; mehr als neun Jahrzehnte hatten die kirchlichen Autoritäten ihm die Ehrung aufgrund seiner Homosexualität versagt. Virginia Woolf wird bis heute nicht genannt, da sie durch Selbstmord aus dem Leben schied.

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Über die Straße Storey’s Gate, vorbei am Queen Elizabeth Confer­ence Centre, erreichen wir die Straße Horse Guards, die am St. James’s Park entlangführt. Hier, im Rücken der Treasury Offices, des britischen Finanzministeriums, befinden sich im Keller des Schatzamtes die Cabinet War Rooms . Während des Zweiten Weltkriegs tagte in den bombensicheren Räumen das Kabinett, und Premierminister Winston Churchill hatte hier bis zum 8. Mai 1945 seine Befehlszentrale. Die Einrichtung sowie die vielen Lagepläne an den Wänden datieren aus den letzten Kriegstagen.

Seit Ende 2004 ist den Cabinet War Rooms ein Museum angeschlossen, das Leben und Werk von Sir Winston Churchill würdigt. Der große Kriegspremier war ab 1933 der entscheidende Gegner Hitlers, doch wurde er in seiner eigenen Partei deswegen isoliert. Erst als die Appeasement- (Beschwichtigungs-) Politik seines Vorgängers gescheitert war, wurde Churchill zum Premierminister ernannt. Seiner Unbeugsamkeit und Härte ist es zu verdanken, dass der Zweite Weltkrieg mit der Niederlage der Nazis endete.

Jenseits des St. James’s Park läuft The Mall schnurgerade auf den Buckingham-Palast zu. Vor der königlichen Residenz erinnert ein 27 Meter hohes und 1910 eingeweihtes Denkmal an Queen Victoria. Die Londoner verulken das schneeweiße Victoria Memorial als Wedding Cake, als Hochzeitstorte, und auch Buckingham Palace wird respektlos Buck House genannt. Ist Elisabeth II. vor Ort, so weht traditionsgemäß die königliche Wappenflagge auf dem Dach. Alljährlich im August und September öffnet Queen Elisabeth ausgewählte Räumlichkeiten ihres Palasts für die Öffentlichkeit; der Besucher kann dann die State Apartments, den Thronsaal und den königlichen Speisesaal besichtigen.

Im Sommer findet täglich um 11.30 Uhr das Changing of the Guard, die Wachablösung, statt. Vor dem Buckingham Palace versammeln sich dann bei schönem Wetter mehrere tausend Besucher und folgen dem jahrhundertealten Spektakel.

The Original Tour London

Durch eine weitere grüne Lunge der Stadt – Green Park  – gelangen wir auf die Straße Piccadilly  und folgen der von Geschäften aller Art gesäumten Flaniermeile bis zum Piccadilly Circus. Rechter Hand (Nr. 181) befindet sich einer der traditionsreichsten Delikatessläden der Metropole, Fortnum & Mason . Seit über 200 Jahren bedienen livrierte Angestellte mit unaufdringlicher Eleganz die Kundschaft. Nicht minder bedeutend ist wenige Schritte weiter die Buchhandlung Hatchard’s (Nr. 187), die älteste der Stadt.

Vom Piccadilly Circus aus kann man Soho erkunden, heute Zentrum der Londoner Musikindustrie und Medienbranche sowie das Pub- und Restaurant-Viertel der Metropole. Vor allem in der Frith und Greek Street reiht sich ein Lokal an das nächste, alle Küchen der Welt sind vertreten. Im Haus Nummer 28 der Dean Street, über dem hervorragenden italienischen Lokal »Quo Vadis«, lebte 1850–56 Karl Marx mit seiner Familie.

Der große Leicester Square liegt weiter südlich, nur wenige Minuten Fußweg entfernt, und ist das Zentrum des West End und des Londoner »Theaterlandes«. An einem Kiosk kann der bühnenbegeisterte Besucher Theaterkarten für den gleichen Tag zum halben Preis erstehen. Nur noch einen Katzensprung ist es über die Straße Long Acre zu Covent Garden. In den ehemaligen Jugendstilhallen des berühmten Marktes sind heute Geschäf­te, Boutiquen, Pubs und Res­taurants untergebracht, Straßenmusiker sorgen für die rechte Geräuschkulisse, und Gaukler, Feuerschlucker und Akrobaten halten das Publikum in Atem, sorgen für herzhafte Lacher und rauschenden Applaus. Covent Garden ist ein urbanes Freizeitareal allererster Güte.

Hans-Günter Semsek

 

 

 

 

Frankreich: Ein Rundgang durch Paris (2. Teil)

Champs-Élysées, Arc de Triomphe, ­Eiffelturm und Sacré-Cœur

Ein kurzer Blick in den Conceptstore Colette, der Kult ist und vielfach kopiert wurde, dann geht’s zurück in die Tuilerien. Wie die anderen schönen Pariser Parks, die alle ihren eigenen Reiz haben, ist auch der Tuilerien-Garten eine Oase der Stille in der Betriebsamkeit der Großstadt. Hätten wir doch Zeit für einen verträumten Nachmittag: Einfach einen der grünen Stühle kapern, in einem netten Schmöker stöbern oder die Spaziergänger beobachten!

Aber es locken zu viele andere Pariser Attraktionen, gleich hier in den Tuilerien die Orangerie, in der neben den berühmten großformatigen Seerosenbildern von Claude Monet weitere sehenswerte Gemälde hängen, etwa Stillleben von Matisse.

Schon an der Place de la Concorde wird man wieder sehr nachdrücklich mit den Realitäten einer Großstadt des 21. Jahrhunderts konfrontiert. Ein nie abreißender Strom von Fahrzeugen rotiert rund um den großzügig angelegten Platz, der Mitte des 18. Jahrhunderts unter Ludwig XV. angelegt wurde. Nur wenige Jahrzehnte später, zur Zeit der Französischen Revolution, stand hier die Guillotine, Schauplatz der Hinrichtung Tausender. Heute ragt in der Mitte des Platzes ein über 3000 Jahre alter Obelisk empor, der aus einer Tempelanlage in Luxor stammt und im 19. Jahrhundert dem Bürgerkönig Louis-Philippe vom ägyptischen Statthalter geschenkt wurde.

Schon aus dem Tuilerien-Garten hatte sich der Blick durch die schmiedeeisernen Tore auf die Champs-Élysées jenseits der Place de la Concorde eröffnet. Die von Bäumen gesäumte, weltberühmte Avenue zieht sich leicht ansteigend zum Arc de Triomphe hinauf; jenseits erblickt man in der Ferne schon die Silhouette der Grande Arche. Dieser gigantische moderne Triumphbogen verlängert die historische Sichtachse, die vom Louvre über die Champs-Élysées bis zum Arc de Triomphe reicht, bis zur Wolkenkratzerskyline von La Défense. Paris als »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts« hatte andere Treffpunkte der mondänen Welt als die Gegenwart: die Oper, die Boulevards, die Passagen – und die Champs-Élysées. Vor allem der Name der legendären Flaniermeile klang weltweit nach Luxus und Eleganz. In den Seitenstraßen wie Avenue Montaigne, Avenue George V und Rue Saint-Honoré reihen sich auch tatsächlich die Parfümerien und Modehäuser der Haute Couture mit klangvollen Namen wie Hermès, Cardin, Christian Lacroix, Lancôme, Rubinstein und Lanvin aneinander.

Die Champs-Élysées selbst zeigen sich – nach weniger gloriosen Jahren – erst dank eines stadtplanerischen Liftings wieder ihres Ruhmes würdig: Die Bürgersteige wurden verbreitert, parkende Autos und grelle Werbung verbannt. Die breite Avenue will wieder zur schönsten Prachtstraße der Welt werden. Die Erfolge der Maßnahme sind offensichtlich: Luxusboutiquen kehren zurück, elegante Cafés werden neu eröffnet.

Legendär ist auch der Arc de Triomphe, der 50 Meter hohe, antiken Vorbildern nachempfundene Bogen. 1806, nach der Schlacht von Austerlitz, wollte Napoleon seiner »Großen Armee« ein Denkmal setzen lassen. Als 1836 der mächtige Bogen fertiggestellt war, war sie längst geschlagen. Seit 1920 erinnert unter dem Bogen das Grabmal des Unbekannten Soldaten an die Toten des Ersten Weltkriegs. Von der Dachterrasse in 50 Metern Höhe wird deutlich, warum der Platz früher Place de l’Étoile hieß: Sternförmig treffen zwölf Avenuen aufeinander. Heute heißt er Place Charles de Gaulle; durch einen Fußgängertunnel gelangt man zum Triumphbogen in seiner Mitte.

Nun geht es ein Stück mit der Métro bis zur Station Trocadéro. Vom gleichnamigen Hügel hat man einen großartigen Blick auf den Eiffelturm, das weithin sichtbare Pariser Wahrzeichen. Die erhöht gelegene, von vergoldeten Statuen gesäumte Terrasse am Palais de Chaillot nutzt wirkungsvoll die Perspektive zum gegenüberliegenden Seine-Ufer: Frei schweift der Blick über Eiffelturm und Marsfeld bis zur Tour Montparnasse. Viele Sightseeingbusse halten deshalb hier für einen kurzen Fotostopp.

Wenn das Wetter gut ist, verspricht die oberste Plattform der Dame der Fer einen grandiosen Blick. Meist bilden sich lange Warteschlangen am Fuß der mächtigen Stahlpfeiler, doch die Geduld wird mit einem sagenhaften Blick über das Häusermeer der Millionenstadt belohnt, die besonders abends ihrem Ruf als »Stadt der Lichter« alle Ehre macht. Aus Anlass der Hundertjahrfeier der Französischen Revolution und der Weltausstellung von 1889 errichtet, war das stählerne Ungetüm anfänglich Gegenstand heftiger Kritik. Maupassant pflegte angeblich im Restaurant auf dem Eiffelturm zu speisen, weil dies der einzige Ort war, »wo ich ihn nicht sehen muss«.

Wer noch nicht müde ist, lässt den Tag mit einem Abstecher zum Montmartre ausklingen und fährt mit der Métro zur Station Abbesses. Es lohnt sich durchaus, hier noch ein wenig durch die Straßen zu schlendern: Neben sehr Touristischem rund um die Place du Tertre gibt es dort auch noch verträumt-dörfliche Ecken – wie aus »Die fabelhafte Welt der Amelie«. Hauptattraktion ist die Kirche Sacré-Cœur ganz oben auf dem Montmartre-Hügel oder vielmehr der Blick

auf Paris von den Treppen davor. Hier blicken wir auf das berühmte Grau der Dächer und schwören uns: Wir kommen wieder.

Infos

Office du Tourisme et des Congrès de Paris
25, rue des Pyramides
F – 75001 Paris
Tel: +33 (0)8 92 68 30 00
Weitere Tourismusbüros: Gare de Lyon, Gare du Nord, Gare de l’Est, Anvers, Parc des Expositions
http://de.parisinfo.com (deutsch)
 
 
 

Go Vista City Guide

Paris
Friederike Schneidewind
ISBN 978-3-86871-603-0
www.vistapoint.de
 

Den ersten Teil des Stadtrundgangs Paris lesen Sie HIER

 
 
 
 

Frankreich: Ein Rundgang durch Paris (1. Teil)

Île de la Cité und Louvre

Es liegt nahe, dort zu beginnen, wo die Stadt ihren Anfang nahm: auf der Île de la Cité. Schon vor mehr als 2000 Jahren siedelten Kelten vom Stamm der Parisii auf der Seine-Insel, und noch heute misst man von hier, von dem Platz vor der Kathedrale Notre-Dame aus alle Entfernungen im Land. Die Insel wird nicht nur als historischer Ursprung der Stadt Paris betrachtet, sondern auch als der – wenn auch nicht geografische – Mittelpunkt Frankreichs.

Square du Vert-Galant, »Platz des Grünen Galan«, heißt die kleine Grünanlage an der Westspitze der Insel – womit Heinrich IV. gemeint ist, auf dessen zahllose Liebesabenteuer damit angespielt wird. Sein Reiterstandbild steht gleich oberhalb dieses idyllischen Winkels, auf der Brücke Pont Neuf. Trotz ihres Namens »Neue Brücke« ist diese Anfang des 17. Jarhunderts eingeweihte Seine-Brücke die älteste der Stadt. Zu ihrer Zeit stellte sie eine absolute Novität dar: Sie war die erste Brücke, die nicht mit Häusern bebaut war.

Wir bummeln weiter über die etwas versteckte Place Dauphine und entlang dem Quai de l’Horloge zur Conciergerie. Dieser älteste Teil des einstigen Königspalasts diente über Jahrhunderte als Staatsgefängnis und wurde noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts als solches genutzt. Inhaftiert waren hier illustre, berühmte und berüchtigte Personen der französischen Geschichte: Ravaillac, der im Jahr 1610 König Heinrich IV. ermordete, der Räuber Cartouche und Charlotte Corday, die Mörderin des Revolutionsführers Marat. Nur wenig später warteten hier dessen Mitstreiter Danton und Robespierre auf die Vollstreckung ihres Todesurteils unter der Guillotine, die auf der Place de la Concorde errichtet worden war. Zur Zeit der Terreur, ihrer »Schreckensherrschaft« während der Französischen Revolution, hatten mehr als 2800 Männer und Frauen dieses Schicksal geteilt – als berühmteste Opfer mussten König Ludwig XVI. und seine Frau Marie Antoinette ihren Kopf lassen. Auch die Königin verbrachte ihre Kerkerhaft in einer Zelle der Conciergerie – diese ist heute zu besichtigen, daneben auch Wachsäle und weitere Räume des Gefängnisses.

Ebenfalls an der Stelle des al­ten Königspalasts befindet sich das im 19. Jahrhundert errichtete, große Gebäude des Palais de Justice. Inmitten der Mauern des Gerichtshofes liegt wohl verborgen ein Kleinod französischer Gotik, die Sainte-Chapelle, deren einzigartige farbige Glasfenster aus dem Mittelalter bis heute erhalten blieben. Mitte des 13. Jahrhunderts ließ Ludwig IX. der Heilige den Sakralbau im Innenhof seines Palasts errichten. Der obere, durch die Fenster in mystisches Licht getauchte Raum war allein dem König vorbehalten, für die Mitglieder seines Hofs war die Kapelle im Geschoss darunter vorgesehen.

Unser Spaziergang führt weiter zum zweiten Highlight der Insel, zur Kathedrale Notre-Dame. Mit der Planung des Kirchenbaus wurde im 12. Jahrhundert begonnen, vollendet wurde er Mitte des 14. Jahrhunderts. Die frühgotische Kathedrale gehört zu den bedeutendsten Sakralbauten Frankreichs: Unbedingt sehenswert ist die horizontal gegliederte Westfassade mit den drei Portalen, der großen Fensterrosette mit fast zehn Metern Durchmesser und den beiden Türmen. Der originale Figurenschmuck, die sogenannte Königsgalerie, fiel der Französischen Revoluton zum Opfer – obwohl es sich bei den Skulpturen um biblische Könige handelte, wurden auch ihnen die Köpfe abgeschlagen. Erst in den 1970er-Jahren wurden sie wiederaufgefunden und sind heute im Mittelaltermuseum zu besichtigen, dem Musée du Moyen Age et Thermes de Cluny.

Das Innere der fünfschiffigen Kathedrale ist nicht nur kunstgeschichtlich interessant, hier fanden auch bedeutende historische Ereignisse statt: Hier wurde im 15. Jahrhundert Henri VI. von England zum französischen König gekrönt, im 16. Jahrhundert Maria Stuart mit dem Dauphin François vermählt. Während der Französischen Revolution wurde Notre-Dame zum »Tempel der Vernunft« erklärt, 1804 nahm hier Napoleon Papst Pius VII. die Krone aus der Hand und krönte sich selbst zum Kaiser, 1944 dankte Charles de Gaulle für die Befreiung von Paris nach der deutschen Besatzung.

Lohnend ist auch der Aufstieg zu den Türmen, wo das Panorama nach den unzähligen Treppenstufen Anlass für eine erholsame Pause bietet. Vom Vorplatz der Kathedrale aus hat man Zugang zur archäologischen Krypta von Notre-Dame. Im Untergrund kann man Fundamente, Ausgrabungen, Modelle des römischen Lutetia und des mittelalterlichen Paris besichtigen. Wer einmal um Notre-Dame herumspaziert, findet an der Spitze der Insel das Mémorial de la Déportation, wo in schlichter, aber ergreifender Weise der unter der deutschen Besatzung Deportierten gedacht wird.

Weiter geht’s ans linke Seine-Ufer, wo am Quai de Montebello einige Bootslokale vor Anker liegen und der Bâtobus an einer Haltestelle Fahrgäste am Ufer absetzt und aufnimmt. Vor ihren Buchkisten aus grünlackiertem Metall warten die Bouquinisten auf Kundschaft. Antiquarische Schnäppchen und rare Erstausgaben findet man hier nicht, aber das Stöbern macht auch in alten Postkarten und Landkarten, Büchern und Bildern Spaß.

Über die Rue de la Huchette und die Place Saint-Michel mit dem gleichnamigen Brunnen biegen wir in die Rue Saint-André-des-Arts und gelangen damit nach Saint-Germain-des-Prés. Die belebte Straße ist nur eine von vielen im Viertel, die mit zahllosen Modeboutiquen und Buchhandlungen, Antiquitätenläden und Kunstgalerien, Jazzclubs und Kinos zum Bummeln und Stöbern verführen. Hier kommen wir wieder her, jetzt allerdings muss ein Blick in die kopfsteingepflasterte Passage Cour de Rohan genügen, bevor wir der Rue Mazarine bis zum Seine-Ufer folgen.

Unser Ziel ist der Louvre, auf dessen lang gezogenes, monumentales Gebäude die Fußgängerbrücke Pont-des-Arts den ersten Blick gewährt. Linker Hand schaut man über weitere Brücken bis zum Glasdach des Grand Palais, rechter Hand auf die Île de la Cité – »pariserischer« kann es nicht mehr werden! Durch die Cour Carrée, den Innenhof, gelangt man zur Glaspyramide, unter der das große Foyer den Zugang zum Musée du Louvre gewährt, sowie auch zur unterirdischen Ladenpassage Carrousel du Louvre. Dort sind Kunstdrucke und Reproduktionen von Kunstwerken erhältlich, Ausstellungskataloge und Postkarten mit Motiven berühmter Gemälde.

Der Louvre ist ein Museum der Superlative, der weiten Wege und der überwältigenden Fülle – mit unzähligen Kunstschätzen in den Abteilungen Malerei, Skulptur, Kunsthandwerk, Graphik, ägyptische, griechisch-etruskisch-römische und mittelöstliche Kunst –, das den Anspruch erhebt, das »größte Museum der Welt« zu sein. Jedenfalls wollen wir in dem mit knapp 60 000 Quadratmetern recht weitläufigen Kunstmuseum gar nicht erst versuchen, alles zu sehen, sondern uns lieber eine Abteilung intensiv vornehmen oder nur ausgewählte Kunstwerke wie die Venus von Milo, die Mona Lisa von Leonardo da Vinci oder die Sklaven von Michelangelo (Pläne gibt’s im Foyer).

Bleibt noch Zeit für ein Glas Champagner mit Blick auf die von Wasserbecken umgebene Glaspyramide des Architekten Ieoh Ming Pei? Das Café Marly unter den Arkaden des Louvre bietet dafür echte Logenplätze. Für einen richtigen Mittagsimbiss eignen sich aber auch die Lokale an der Place du Marché Saint-Honoré oder das urige Weinbistro Le Rubis kurz davor (in der gleichnamigen Straße).

Infos

Office du Tourisme et des Congrès de Paris
25, rue des Pyramides
F – 75001 Paris
Tel: +33 (0)8 92 68 30 00
Weitere Tourismusbüros: Gare de Lyon, Gare du Nord, Gare de l’Est, Anvers, Parc des Expositions
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Den zweiten Teil des Stadtrundgangs lesen Sie morgen!

Niederlande: Ein Rundgang durch Amsterdam (2. Teil)

Von der Kalverstraat zur Nieuwendijk

Ein Touristenmagnet ist das Rembrandthuis am Anfang der Jodenbreestraat, das dem Künstler von 1639 bis 1658 als Wohnung und Atelier diente. Seine Werke sind zwar über die ganze Welt verteilt, doch in seinem Wohnhaus in der Jodenbreestraat hängt kein einziges von Weltrang. Immerhin sind viele kleine Arbeiten zu sehen, über 250 Radierungen, Kupferstiche und Zeichnungen. Manche sind nur bierdeckelgroß, aber alle zeigen Rembrandts Kunst, Szenen und Porträts mit nur wenigen Strichen meisterlich zu skizzieren. In den rekonstruierten Wohnräumen bekommt man einen Eindruck vom damaligen Alltag. Trotz der vielen Verkäufe lebte Rembrandt finanziell weit über seine Verhältnisse, Schulden zwangen ihn, das Haus und sein ganzes Inventar zu verkaufen. Später zog er in die Rozengracht 84 im Jordaanviertel.

Eine Dokumentation zu Beginn der Ausstellung illustriert, wie mühsam es 1908 war, Rembrandts Wohnung zu rekonstruieren. Seitdem ist das Haus im ehemaligen Judenviertel ein kleines Museum. Die engen, knarrenden Treppen führen bis ganz oben zum Atelier unterm Dach und in die Werkstatt mit der Materialsammlung des Meisters. Dort fertigt ein Museumsmitarbeiter noch Drucke auf einer alten Presse an und man kann zuschauen, wie Radierungen entstehen.

Auf dem nahen Flohmarkt am Waterlooplein gibt es außer Krempel und Klamotten auch giftgrüne Cannabis-Lutscher, die sich prima als Souvenir für Freunde und Kollegen eignen – der herbe Geschmack hält den Rausch in Grenzen.

Der mächtige Komplex der Stopera genannten Kombination aus Stadhuis (Rathaus) und Muziektheater (Oper), der linker Hand alles beherrscht, war bei der Bevölkerung lange Zeit sehr umstritten, und das nicht nur weil das Werk des Architekten Cees Dam mehr als 136 Millionen Euro kostete, sondern auch weil der moderne Klotz in starkem Gegensatz zum beschaulichen Grachtenidyll ringsumher steht und den Waterlooplein beherrscht. Das Muziektheater wurde 1986 eröffnet und beherbergt neben der Niederländischen Oper auch das berühmte Nationalballett und die Niederländischen Sinfoniker.

In der Passage zwischen Stadhuis und Muziektheater ist NN zu Hause: NN steht für Normalnull und ist europaweit die Basis für die Höhenmessung. Der Eichpunkt ist als Bronzeknopf zu sehen, knapp daneben ragen drei Glassäulen aus dem Boden, zwei zeigen den aktuellen Meeresspiegel an, in der dritten sprudelt es in fünf Metern Höhe – so hoch war der Wasserstand bei der letzten Flutkatastrophe im Jahr 1953.

Auf der anderen Seite des Wassers geht es durch den Zwanenburgwal in die Staalstraat, wo im Café mit der Hausnummer 59 der beste Schokoladenkuchen von Amsterdam serviert wird. Nicht weit entfernt, Hausnummer 7b, bietet ein Designstore wohl die verrücktesten Geschenke, die man finden kann. Wer seine Wohnaccessoires im Droog Flagship kauft, der muss sich um Langeweile bei seinen Gästen jedenfalls keine Gedanken mehr machen: Stühle aus gepressten Klamotten, Weingläser als Haustürklingel, Lampen aus Milchflaschen oder hundert Glühbirnen, Tassen mit dem Griff in der Innenseite, ein Reißverschluss als Halskette – selbst wer hier nichts kauft, hat sich prächtig amüsiert. Für Freunde mit einem süßen Zahn empfehlen sich die Delikatessen von Puccini (Hausnummer 17), darunter die feinsten Pralinen nördlich von Brüssel.

Nach dem Besuch des Droog folgen wir der Straße am Groenburgwal entlang und gehen linker Hand über die Brücke. Vorbei an der prachtvollen Fassade des Doelen Hotels, für das Rembrandt einst die »Nachtwache« gemalt hat, führt der Weg Richtung Rembrandtplein. Auf dem Platz des Genies der Malerei steht sein berühmtestes Werk, die »Nachtwache«, lebensgroß und zum Anfassen in 3D, sogar samt kläffendem Hund. Speziell am Abend wird die Piazza zum rummeligen Treffpunkt und die Cafés und Kneipen ringsherum sind gut besetzt. Wenn dann noch Ajax Amsterdam spielt, ist auf dem Rembrandtplein die Hölle los. Wer nicht gerade mittendrin sitzen will, besieht sich den Trubel von der Terrasse des berühmten Café l’Opera.

Selbst wer jetzt keine Lust auf einen Kinobesuch hat: Das Tuschinski in der Reguliersbreestraat 26 muss man gesehen haben – es ist das schönste Kino der Niederlande und das Vermächtnis eines außergewöhnlichen Lebens. Der gelernte Schneider und Filmliebhaber Abraham Tuschinski, der zu diesem Zeitpunkt in Rotterdam schon mehrere Kinos besaß, brachte im Juni 1919 die ersten der 1200 benötigten Pfähle für den Bau seines Lebenstraumes mit einem Frachtschiff über den Rhein nach Amsterdam. Der prachtvolle Bau kostete etwa vier Millionen Gulden und war im Oktober 1921 abgeschlossen.

Das Gebäude ist derart ungewöhnlich, dass ein eigener Baustil nach ihm benannt wurde – es ist eine Mischung aus Art déco, Neugotik und Amsterdamer Schule. Die Fassade ist mit glasierten Ziegeln, Keramik-Skulpturen und schmiedeeisernen Gittern sowie Lampen verziert. Die Heizungs- und Klimaanlage des Gebäudes galt als revolutionär, weil es damit erstmals eine gleichbleibende Temperatur auf allen Zuschauerplätzen gab. Die Kinoorgel des großen Saals mit damals 1600 Plätzen wurde von der legendären amerikanischen Wurlitzer Company geliefert. Ein kleinerer Saal mit 250 Plätzen, ein »japanisches Teezimmer«, eine »maurische Suite« und elegante Foyers machten den Komplex endgültig zur Sensation.

Während der Besetzung Amsterdams durch die Nationalsozialisten wurde der Bau 1940 geschlossen und Tuschinskis Reich ging in die Brüche. Seine Kinos in Rotterdam wurden von deutschen Bomben zerstört. Tuschinski selbst wurde mit seiner Frau und seinen Mitarbeitern deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet, ebenso wie der Architekt Hijman Louis de Jong. Die deutschen Besatzer nutzten das Amsterdamer Kino ab 1944 hauptsächlich als Varietétheater. Nach der Befreiung Amsterdams wurde es in Tuschinski-Theater zurückbenannt und wieder als Kino genutzt. Neben Film- und Varietévorführungen traten Weltstars wie Maurice Chevalier, Judy Garland, Marlene Dietrich, Édith Piaf, Dizzy Gillespie, Fats Domino und Dionne Warwick auf. 1969 wurde das hauseigene Orchester aufgelöst, 1974 wurde das Orgelspiel vor den Filmvorführungen aufgegeben. Zur Jahrtausendwende wurde das Kino umfassend renoviert, durch einen neuen Flügel erweitert und schließlich als Pathé Tuschinski (als Teil der Pathé Kinokette) neu eröffnet, im großen Saal finden heute niederländische Filmpremieren statt.

»Aus der Mauer essen« nennen die Amsterdamer den schnellen Imbiss aus dem Automaten. Und die besten Kroketten der Stadt gibt es eindeutig in den Glasvitrinen bei Febo in der Reguliersbreestraat 38. Mittags beschränken sich die meisten Einheimischen auf einen Imbiss, auf Hapjes und Broodjes, Kroketten, Frühlingsrollen, Bitterballen (die runde Spielart der Kroketten) und Frikandel, denn die Hauptmahlzeit ist das Abendessen. Die knackfrisch zubereiteten und preiswerten Köstlichkeiten aus der Wand sind eine kulinarische Spezialität und gehören genauso zu Amsterdam wie der Äppelwoi zu Frankfurt und die Weißwurst zu München.

Frisch gestärkt geht es Richtung Singelgracht und ins Getümmel auf dem Bloemenmarkt. Einst kamen die Gärtner per Boot hierher, um die Pflanzen und Zwiebeln aus ihren Gärtnereien zu verkaufen, heute bieten die Händler ihre Waren längst in massiven, fest vertäuten Ständen an. Das letzte echte schwimmende Blumenboot liegt gegen Ende des Blumenmarktes, gegenüber vom Weihnachtsladen.

Nach dem Blumenmarkt geht es rechter Hand in den Begijnhof, der versteckt vor dem Trubel wie ein stiller Dorfanger inmitten der Stadt liegt – eine Wiese mit hohen Bäumen, umsäumt von jahrhundertealten Häusern, vielen Blumen und einem mittelalterlichen Kirchlein. Im Mittelalter hatte jede Stadt in Holland solche Wohnhöfe, die von reichen Bürgern gestiftet wurden. Amsterdams Begijnhof wurde 1346 gegründet und lag damals am äußersten Rand der mittelalterlichen Stadt. Hier wohnten alleinstehende Frauen, die in einer religiösen Gemeinschaft leben, aber keine Nonnen werden wollten. Sie widmeten sich vor allem der Altenpflege. Zwei Feuer zerstörten den Hof im 15. Jahrhundert fast komplett; die heutige Bebauung stammt größtenteils aus dem 17. Jahrhundert. Das Het Houten Huis mit der Nummer 34 wurde dagegen bereits um 1470 errichtet und soll das älteste Holzhaus der Niederlande sein. Gegenüber der englisch-presbyterianischen Kapelle versteckt sich in zwei Wohnhäusern eine weitere katholische Geheimkirche aus dem 17. Jahrhundert.

Der Name Begijnhof leitet sich wahrscheinlich von der Schutzheiligen der frommen Frauen, der Heiligen Begga, ab. Die letzte Begijne starb 1976. Die hübschen Häuser mit den grünen Vorgärten werden auch heute noch vorwiegend an katholische Frauen, meist Witwen, aber auch immer häufiger an Studentinnen vermietet. Das Mindestalter für eine Bewerbung ist 25 Jahre, und die Frauen dürfen hier nur ohne Freund leben oder sie müssen sich gemäß der jahrhundertealten Hausordnung eine neue Bleibe suchen.

Zwischen dem Beginenhof und der Kalverstraat versteckt sich die Schuttersgallerij, die Schützengalerie. In dieser überdachten, öffentlichen Gasse, die faktisch zum Historischen Museum gehört, kann man 15 riesige Gemälde bewundern, allesamt Porträts der Amsterdamer Schützengilden aus dem 17. Jahrhundert. Vermutlich ist dies der einzige Ort auf der Welt, an dem Kunstwerke von solchem Rang in einer öffentlichen Gasse an der Wand hängen. Das berühmteste Schützenporträt ist natürlich Rembrandts »Nachtwache« – die hängt allerdings nicht auf der Straße, sie kann man auch weiterhin nur im Rijksmuseum sehen. Wer die Schuttersgallerij des Historischen Museums verlässt, sollte sich unbedingt umdrehen: Die kleine Pforte an der Kalverstraat ist ein Prachtstück.

Zum Komplex des Amsterdams Historisch Museum, das ehemals ein Waisenhaus war, gehören auch die beiden großen, hellen Innenhöfe, Oasen der Stille und die ideale Location für eine Lunchpause. Sollte es regnen, ist der Eingang zum Restaurant »David & Goliath« nur wenige Schritte entfernt. Früher waren dies die Stallungen des Waisenhauses, seinen heutigen Namen verdankt das Restaurant den beiden Holzfiguren, die aus der Zeit der erfolgreichen Befreiung von der spanischen Besatzung stammen.

In der Kalverstraat empfängt uns wieder der städtische Rummel, der uns bis zum Ende unseres Rundgangs begleitet. Der Dam gehört zu den belebtesten und beliebtesten Plätzen Europas; das Monument in der Mitte erinnert an die Befreiung von der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg. Am Dam befindet sich auch die Amsterdamer Dependance des berühmten Londoner Wachsfigurenkabinetts Madame Tussauds mit typisch holländischen Ergänzungen wie dem Nikolaus, der sich hier in Lebensgröße bewundern lässt.

Nach der holländischen Legende reist »Sinterklaas« jedes Jahr Mitte November aus Spanien mit einem Dampfschiff an. Der Mann mit rotem Talar, Mitra und langem weißen Bart wird in Amsterdam als Nationalheiliger empfangen: Vom Hafen zieht eine große Prozession zum Königspalast, wo der Nikolaus von Königin Beatrix begrüßt wird. Überhaupt ist in kaum einem anderen Land die Tradition um den heiligen Nikolaus so fest verankert wie in den Niederlanden. Im 13. Jahrhundert soll in Utrecht bereits ein Fest um St. Nikolaus gefeiert worden sein, und auch als sich die Reformation im Norden des Landes durchsetzte, wurde die katholische Tradition weitergeführt.

Die Legenden um den Heiligen gehen auf historische Begebenheiten zurück. Ihm wird nachgesagt, dass er Stürme bändigte, wenn verzweifelte Seeleute ihn um Hilfe anriefen, und Gefängnismauern einstürzen ließ, sobald zu Unrecht Verfolgte zu ihm flehten. Seine Verehrung findet in vielen Kirchenbauten ihren Ausdruck, allein im 12. und 13. Jahrhundert entstanden in Holland über 20 Sankt-Nikolaus-Kirchen; Amsterdam machte Nikolaus zu seinem Schutzheiligen. Heute wird das Fest über mehrere Wochen inszeniert: Von der Ankunft des Sinterklaas bis zum 5. Dezember berichtet das Sinterklaas Journaal jeden Tag, was der Nikolaus und seine Helfer, die »Zwarten Pieten«, im Land erleben. Dann dürfen die Kinder abends ihre Schuhe vor den Kamin stellen, in die sie ihre Wunschzettel stecken und dazu eine Möhre oder ein Büschel Heu für den Schimmel »Amerigo«, mit dem Sinterklaas über die Dächer reitet. In der Nacht klettern die Zwarten Pieten durch die Kamine, holen Wunschzettel und Heu ab und hinterlassen ein paar Süßigkeiten, um das Warten auf den Pakjes­avond (Geschenkabend) zu erleichtern.

Die Niederländer feiern ihr Nikolausfest schon am 5. Dezember, am Vorabend zum Geburtstag des Heiligen. Je nach Familientradition bringt Sinterklaas die Geschenke persönlich oder er stellt den Sack vor die Tür und klopft an, bevor er verschwindet. Für Kinder ist das Sinterklaas-Fest ein spannendes Spektakel, für Erwachsene eine nostalgische Erinnerung an die eigene Kindheit und auf jeden Fall ist es ein Stück niederländische Identität. Weihnachten spielt im Vergleich nur eine untergeordnete Rolle.

Optisch wird der Dam vom klassizistischen Koninklijk Paleis (Königlicher Palast) beherrscht, ein prunkvolles Symbol der Macht und des Reichtums der Handelsherren, die es im 17. Jahrhundert als Rathaus erbauen ließen. Im 19. Jahrhundert ging es in den Besitz des Königs über, denn den Ratsherren wurde der Unterhalt des prächtigen Bauwerks zu teuer.

Ein weiteres schönes Exemplar der Baukunst dieser Epoche finden wir auf dem Weg vom Dam über die Raadhuisstraat zur Herengracht: das Bartolottihuis. Die ulmenbestandene Gracht führt zum Herenmarkt. Wen jetzt noch die Kauflust überkommt, der kann sich in der Einkaufszone Nieuwendijk austoben, die im großen Bogen zum Dam zurückführt – die meisten Läden sind auch am Sonntag geöffnet.

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Amsterdam
Hannah Glaser
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ISBN 978-3-86871-575-0
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Niederlande: Ein Rundgang durch Amsterdam (1. Teil)

Vom Hauptbahnhof zur Schuttersgallerij

Wer Amsterdam durch seinen Hauptbahnhof betritt, wird von einem Chaos aus Baumaschinen, Absperrwänden und Umleitungsschildern empfangen und steht gleich mit beiden Beinen im größten Problem der Stadt – der Bau der neuen U-Bahn beschäftigt sie schon seit Jahren. Seit 2003 ist der Platz vor dem Bahnhof eine Großbaustelle und, wie es aussieht, wird es noch bis 2017 dauern, bis die neuen Linien in Betrieb genommen werden können. 2,3 Milliarden Euro wird das Projekt nach aktuellen Schätzungen bis dahin verschlungen haben. Der Hauptbahnhof ist eine zentrale Schnittstelle für die neue Metrolinie, die unterirdisch Nord und Süd verbinden soll. Problematisch ist dabei, dass der U-Bahn-Tunnel mitten unter der Altstadt durchführt. Und die Häuser, Kirchen und Paläste der Altstadt stehen nun mal auf Hunderte Jahre alten Holzpflöcken in einer weichen Sandschicht.

Auch das prunkvolle Gebäude des Hauptbahnhofs, der Centraal Station, einst von P. J. Cuypers, dem Stararchitekten des 19. Jahrhunderts, entworfen, steht auf drei künstlichen Inseln; Tausende von Baumstämmen bilden im sumpfigen Boden das Fundament für den Neorenaissance-Klotz. Natürlich haben sich die Amsterdamer Ingenieure von heute ausgiebig und weltweit mit Kollegen beraten, unter anderem auch mit denen in London, die kürzlich ihre Tunnel der dortigen »Jubelee Line« mit Erfolg direkt am Big Ben und der Themse vorbei bauten, doch jeder Ort hat seinen eigenen Boden und der Amsterdamer Sand ist viel weicher als der Londoner Lehm.

Das zeigt sich auch abseits der Baustelle auf der anderen Straßenseite. Wir gehen Richtung Zeedijk (Seedeich) und orientieren uns am Hotel Victoria aus dem Jahr 1890. Wer sich die Fassade des Vier-Sterne-Hotels genauer ansieht, entdeckt – rechts von der Eingangstür – darin eingemauert ein kleines Haus. Dessen einstiger Besitzer wollte sein Domizil nicht verkaufen und pokerte um den Preis. Statt Unsummen zu zahlen, ließ man ihm seinen Willen und baute das palastartige Gebäude drumherum. Heute steht die historische Fassade unter Denkmalschutz. Dahinter verbergen sich 306 Zimmer auf sieben Etagen, dazu ein Fitnesscenter mit Innenpool und türkischem Dampfbad.

Vor dem Hotel geht es links zum Zeedijk, und wenn wir in den Sint Olofssteeg einbiegen, befinden wir uns schon in einem der ältesten Gevierte der Stadt, heute ein Teil von Chinatown. Hier standen im 15. Jahrhundert Holzhäuser, die mit Stroh gedeckt waren, doch weil Brände immer wieder ganze Stadtteile zerstörten, wurden per Bauordnung nur noch Steinhäuser erlaubt. Die waren allerdings oft zu schwer für die Pfähle im Untergrund, die an dieser Stelle 15 Meter in den Boden reichen.

Die Einheimischen vergleichen die instabile Welt unter ihren Füßen gern mit einer Lasagne – einige Schichten Sand unddazwischen jede Menge Sauce. Knicken einige Pfähle unter dem Gewicht ein, gerät das Haus in Schräglage. Manche Schieflage ist allerdings auch vom Bauherrn ausdrücklich gewünscht. So sind die Giebel der schmalen Häuser mit Absicht nach vorne geneigt, weil man Möbel, Klavier und andere große Lasten nicht durch die handtuchschmalen Treppenhäuser nach oben balancieren kann, sondern per Flaschenzug am Hebebalken durch die Fenster hievt.

Wir gehen vorbei am historischen Café »Int Aepjen« (Zeedijk 1), dem Kleinen Affen, wo früher  die Seeleute einkehrten, und über die Brücke mit der Schleuse, die das Süßwasser der Amstel (die der Stadt ihren Namen gab) vom Meerwasser trennt. Die Schmucksteine in den Fassaden erzählen vom Goldenen Zeitalter, als Amsterdams Hafen der größte der Welt war und die holländischen Handelsschiffe nicht nur Gewürze und Spezereien, sondern auch Kuriositäten wie Kamele an Bord hatten, wenn sie nach Amsterdam zurückkehrten. Die Fassadensteine mit den prächtigen Reliefs gaben Auskunft über das Haus und seine wohlhabenden Bewohner.

Im 16. Jahrhundert befand sich Amsterdam mitten in einem blutigen Glaubenskrieg: Die Spanier beanspruchten Holland und zwangen die Menschen zum Katholizismus. Erst nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien wurde in Amsterdam wieder die Glaubensfreiheit eingeführt und der Handel erreichte eine neue Blütezeit. Während der Reformation kehrten sich die Verhältnisse um und die Katholiken standen auf dem Index. Damals entstanden in Amsterdam die versteckten Dachboden- oder »Schlupfkirchen«, wie sie die Einheimischen nennen. Mehr als 25 solche geheimen Kirchen gab es in der Stadt, aber nur eine ist in fast unverändertem Zustand erhalten: Verborgen hinter der Fassade eines gewöhnlichen Wohnhauses aus dem 17. Jahrhundert lässt sie sich im heutigen Museum Ons’ Lieve Heer op Solder (etwa: Unser lieber Herrgott auf dem Dachboden), dem zweitältesten Museum der Stadt, besichtigen.

Der Kaufmann Jan Hartman ließ die Kirche zwischen 1661 und 1663 in der obersten Etage seines Wohnhauses erbauen, denn als überzeugter Katholik wollte er sich dem Diktat der Calvinisten nicht beugen. Die Seeleute durften glauben, was sie wollten, aber für Jobs beispielsweise in der Stadtverwaltung musste man protestantisch sein. Übrigens war es erst Napoleon, der Staat und Kirche trennte, als er 1806 die Niederlande besetzte. Davor waren katholische Messen offiziell verboten, wurden aber mehr oder weniger geduldet, solange man öffentlich nichts davon mitbekam. In keinem Fall durfte man die Privatkirchen von außen als solche erkennen. Also schoben die Inhaber der Stadtverwaltung Geld zu und dafür wurde ihr religiöses Treiben toleriert.

Wer heute im Oudezijds Voorburgwal 40 die schmalen Treppen nach oben steigt, findet immer noch die Gardinen zur Straßenseite geschlossen, an den Wänden hängen im Dämmerlicht die echten Gemälde von damals, ein Jacob Ruisdael, ein Jan van Goyen, beides renommierte Vertreter der klassischen holländischen Landschaftsmalerei. Ein paar Treppen höher entdeckt man im Zwischenstock einen Verschlag mit Wandbett und Kruzifix, den Schlafraum des Priesters. Umso größer erscheint Jan Hartmans Hauskirche im vierten Stock. Rund um den Altar ist Platz für eine Galerie und die Orgel. Die marmornen Säulen neben dem Altar sind ein Fake: Weil echter Marmor zu viel Gewicht gehabt hätte, behalf man sich mit aufgemalter Marmorstruktur. Die Kanzel ist aus Platzgründen linker Hand in den Altar eingebaut und kann bei Bedarf ausgeklappt werden. Der Blick aus dem Fenster geht über die Dächer direkt auf die Türme der St. Nikolauskirche.

Bevor man das erstaunliche Haus wieder verlässt, sieht man im Erdgeschoss, wie eng und gedrängt die Familie hauste, die Gott so viel Platz überließ. Auch die weißblau gekachelten Wände der Spülküche sind noch im Originalzustand, genau wie das kleine Plumpsklo hinter der Tür. Das wird übrigens zur Freude aller Kinder »Pupsdose« genannt. Im Hausflur hängt ein Plan, der die hufeisenförmige Anlage der historischen Altstadt zeigt – ein Geviert, in dem heute 80 000 Menschen leben.

Wenige Schritte weiter stehen wir vor der Oude Kerk, der ältesten Kirche der Stadt, die 1306 geweiht wurde, und sind damit auch schon mitten im umstrittenen Rotlichtviertel. Die Kirche wird heute nur noch als Ausstellungsraum genutzt. In ihrem malerischen Innenraum verbirgt sich ein originelles Suchspiel: Unter der großen, auf Marmorsäulen ruhenden Orgel aus dem Jahr 1742 findet man eine Wandmalerei, wobei die Holzvertäfelung zwischen den Säulen mit einer Marmorimitation versehen wurde – das bedeutet weniger Gewicht für das Fundament, das im weichen Moorboden verankert ist. Als das Ganze 1978 restauriert werden musste, malte der Marmormaler Henk Dogger auf einfallsreiche Weise sein Selbstportrait in das Bild hinein – das Ergebnis findet man links unter der Orgel, nahe dem Fußboden. Prächtig sind die drei Glasmalereifenster aus dem Jahr 1955.

Die Kirche ist das Herz des Rotlichtviertels De Walletjes, das ebenso wie die Oude Kerk eine wichtige Rolle in John Irvings Roman »Bis ich dich finde« spielt. In den Augen der Amsterdamer Stadtväter ist die Gegend ein Ärgernis, auch wenn sie tagsüber harmlos und familienkompatibel scheint. In der Vergangenheit sind trotzdem alle städtischen Maßnahmen, mit denen gegen Menschenhändler, Drogendealer, Geldwäscher und Zuhälter vorgegangen wurde, halbherzig geblieben. Doch um den Ruf der Altstadt aufzubessern, verringern die Behörden jetzt die Zahl der Bordelle und Coffeeshops, in denen Haschkekse und andere Cannabisprodukte verkauft werden. Außerdem hat die Stadtverwaltung 100 Gebäude übel beleumundeter Besitzer zurückgekauft und zahlreiche Sex-Schaufenster, in denen sich Prostituierte zur Schau stellten, geschlossen. Ihre Zahl soll bis 2013 von knapp 500 auf etwa 200 sinken. Die derzeit 78 Coffeeshops im Rotlichtviertel sollen auf 38 reduziert werden.

Amsterdam wird also auch künftig keineswegs zur »City ohne Sex« werden, aber die Stadt ist fest entschlossen, ihr Schmuddelimage loszuwerden. Dafür lockt man avantgardistische Designer, Künstler und Modemacher ins Rotlichtviertel und stellt ihnen preiswerten Ausstellungsraum zur Verfügung; schon heute hat sich der Charakter der kleinen Gassen dadurch merklich verändert. Ebenfalls im Auftrag der Stadt entstanden diverse Kunstwerke, die das Image der Prostituierten verbessern sollen, zwei davon sind direkt neben der Oude Kerk zu sehen. Ins Kopfsteinpflaster des Kirchenvorplatzes ist eine schimmernde Bronzebüste eingelassen, und nicht weit entfernt steht eine stolze Frauenskulptur – sie soll Respekt und Anerkennung symbolisieren für diejenigen, die meist ohne diese Attribute behandelt werden.

40 bis 50 Millionen Euro wird es kosten, die Infrastruktur der Walletjes zu sanieren. Um aber aus dem heutigen Vergnügungsgeviert wieder ein urbanes Viertel mit Luxushotels, schicken Läden und großen Wohnungen zu machen, muss wohl das Doppelte investiert werden, das schätzt jedenfalls die Süddeutsche Zeitung und zitiert den Bürgermeister: »Seit 400 Jahren kämpft die Stadt mit den Walletjes, und das wird auch so bleiben.« Immerhin seit 30 Jahren streitet die Stadt übrigens auch mit der Regierung in Den Haag darum, dass die historische Innenstadt als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt wird. Auch das dürfte noch dauern.

Über den Oudekennissteeg, Oudezijds Achterburgwal und den Molensteeg kommen wir zum Nieuwmarkt, wo das Gebäude der Stadtwaage De Waag mit sieben spitzen Türmen zum Himmel zeigt. Im 15. Jahrhundert galt es als Stadttor, später wurde es das Zunfthaus der Maurer – über der Tür sieht man noch Zunftzeichen wie die Maurerkelle eingelassen. Zu Rembrandts Zeiten gab es hier Anatomieunterricht und eben hier entstanden auch einige seiner berühmtesten Gemälde wie die »Anatomische Vorlesung des Dr. Nicolaes Tulp«. Heute ist das Café im Erdgeschoss mit den Tischen im Freien ein beliebter Treffpunkt für Einheimische und Besucher.

In der Koningsstraat zeigen die Häuser auf hundert Metern Länge ganz ungewohnte Fassaden: Hier wurde in den 1970er-Jahren alles Alte niedergerissen – als man nämlich die Metro baute, die 1977 in Betrieb ging. Rechter Hand biegen wir ab in die Krom Boomssloot, folgen der Gracht und genießen Ausblicke in stille Gassen und verträumte kleine Idyllen aus Stockrosen wie in der Korte Dijkstraat.

Wer mag, schaut in der Zuiderkerk vorbei. Im ältesten protestantischen Gotteshaus Amsterdams von 1611 ist heute eine Ausstellung zu neuen Wohnungsprojekten der Stadt zu sehen. Die Dauerausstellung zeigt die Stadtentwicklung vom Mittelalter bis über die Gegenwart hinaus, Wanderausstellungen erläutern kommende Bauprojekte. Mit etwas Glück ertönt aus dem prächtigen Turm das Glockenspiel des berühmten Glockengießers Francois Hemony aus dem 17. Jahrhundert.

Den zweiten Teil des Stadtrundgangs durch Amsterdam lesen Sie hier

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Großbritannien: London – Auch nach Olympia ein Hit

Ein Spaziergang durch  die faszinierende Metropole

Unser Stadtrundgang durch das Herz der Metropole beginnt am Piccadilly Circus , dem Mittelpunkt der Hauptstadt und einst die Nabe des Empires. Im Zentrum des immer verkehrsumtosten Platzes sitzen die Besucher der Kapitale gerne auf den Stufen des berühmten Eros-Brunnens. 1893 ließ Alfred Gilbert dieses Denkmal zu Ehren des Philanthropen Anthony Ashley Cooper, des siebten Earl of Shaftesbury, erbauen. Der Adlige hatte mit eigenen Geldern das Massenelend im 19. Jahrhundert bekämpft, Suppenküchen und Schulen errichten lassen. Und so ist der geflügelte Engel mit Pfeil und Bogen auf der Spitze des Brunnens nicht die Darstellung des Gottes der Liebe, sondern eine Allegorie auf den toten Earl of Shaftesbury.

In Gedanken an den Kämpfer gegen die Armut folgen wir der Coventry Street wenige Schritte Richtung Norden und biegen dann nach rechts in die Straße Haymarket ein. Zwei berühmte Londoner Theater liegen sich hier gegenüber, auf der einen Seite das Theatre Royal , eröffnet 1720, auf der anderen das Her Majesty’s. Am Ende von Haymarket geht es nach links weiter, der Blick schweift nun über den weiten Trafalgar Square , auf dem die 56 Meter hohe Nelson-Säule dem suchenden Auge schließlich Halt bietet. Im Jahr 1805 hatte Admiral Nelson der vereinigten spanischen und französischen Flotte vor dem Kap Trafalgar eine schwere Niederlage beigebracht und dem britischen Empire damit für ein Jahrhundert die Überlegenheit auf den Weltmeeren gesichert. Lord Nelson kam bei der Schlacht ums Leben, sein Leichnam wurde in einem Fass Rum in die Heimat überführt.

Zu Ehren des gefallenen Seehelden gestalteten zwischen 1830 und 1850 die beiden Architekten John Nash und Charles Barry den weitläufigen Platz. 1842 hob man die Statue des maritimen Strategen auf die hohe Säule, in deren Sockel vier Reliefs die Schlachten des Admirals dokumentieren. Die vier mächtigen Bronzelöwen, die Lord Nelson bewachen, schuf 1867 der Hofmaler Sir Edwin Landseer, und die großen plätschernden Brunnen schließlich gestaltete 1939 der Architekt Edwin Lutyens. Traditionell begrüßen alljährlich in der Silvesternacht die Londoner auf dem Trafalgar Square das neue Jahr.

Sehr verstörend wirkte auf den Betrachter beim ersten Blick die im September 2005 auf einem Sockel platzierte Skulptur »Alison Lapper Pregnant« des englischen Künstlers Marc Quinn. Dargestellt ist eine 3,55 Meter hohe, aus weißem Carrara-Marmor gearbeitete sitzende, nackte, schwangere Frau ohne Arme und mit missgebildeten Beinen. Dies ist die Malerin Alison Lapper, die 1965 behindert zur Welt kam, dargestellt, wie sie 1999/2000 mit ihrem Sohn Parys schwanger war. Das Kunstwerk spaltete die britische Öffentlichkeit, aber letztendlich muss man konstatieren, dass die Darstellung von Sexualität und Mutterschaft eines schwerbehinderten Körpers neben den heroisierenden männlichen Helden des Platzes ihren angemessenen Ort gefunden hatte.

Der Sockel, der mehr als eineinhalb Jahrhunderte unbenutzt war, ist seit einer Entscheidung von 1998 regelmäßig Ausstellungsort von Arbeiten junger nationaler und internationaler Künstler. 2012 wird die Arbeit »Powerless Structure Fig. 101« des Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset auf dem Sockel zu sehen sein. Es handelt sich dabei um nichts anderes als einen kleinen Jungen, der auf einem Schaukelpferd reitet. 2013 darf dann die Düsseldorferin Katharina Fritsch einen riesigen blauen Hahn präsentieren. Im Norden wird der Platz von der National Gallery  begrenzt, einer der größten Gemäldesammlungen der Welt, und im Nordosten ragt St. Martin-in-the-Fields  auf, 1726 von James Gibb erbaut. Für die Obdachlosen der Stadt gibt der Social Service hier seit vielen Jahren warme Speisen aus, und in der Krypta der Kirche ist für fußmüde Besucher ein großes Café untergebracht.

Von seiner hohen Säule aus blickt Lord Nelson Richtung Süden, die Straße Whitehall  hinunter, an der sich auf beiden Seiten die Ministerien entlangreihen. Linker Hand findet man Banqueting House, 1619 von dem Architekten Inigo Jones im palladianischen Stil entworfen; die prachtvollen Deckengemälde schuf kein geringerer als Peter Paul Rubens. Gegenüber halten in stoischer Ruhe die königlichen Horse Guards Wacht, immer umlagert von unermüdlich fotografierenden Touristen. Wenige Meter weiter kann man einen Blick in die Down­ing Street  werfen. Hier residiert in Nr. 10, seit dem Amtsantritt von Robert Walpole 1721, traditionell der Premierminister, daneben hat im Haus Nr. 11 der Schatzkanzler seine offizielle Dienstwohnung. Das schmiedeeiserne Gitter, das den Zutritt zum Sträßchen versperrt, datiert aus jüngerer Zeit und geht auf die Initiative der »Eisernen« Lady Maggie Thatcher zurück.

Whitehall öffnet sich zum Parliament Square, und kein Besucher bleibt unbeeindruckt von der langen neogotischen Fassade der Houses of Parliament  oder Palace of Westminster. Wahrzeichen von London ist der hohe Glockenturm mit der mächtigen Uhr, im Volksmund Big Ben genannt. Die Namensgebung geht auf die große Glocke im Innern zurück. Zu jeder vollen Stunde ertönt ein Klangbild aus Händels Messias, das auch den Nachrichtensendungen der BBC vorangestellt wird. Der Besucher, der abends nach Einbruch der Dunkelheit an dem Turm hochblickt, sollte auf eine Lampe oberhalb der Uhr achten, brennt sie, dann tagt noch das Unterhaus. Im Herbst 1834 zerstörte ein Feuer die alten Parlamentsgebäude; den darauf folgenden Architektenwettbewerb konnte Charles Barry mit seinem damals gerade in Mode gekommenen neogotischen Entwurf für sich entscheiden. 20 Jahre dauerten die Arbeiten, die 1840 begannen.

Gegenüber den Houses of Parliament steht die bei der britischen Oberschicht für Hochzeitsfeierlichkeiten beliebte Kirche St. Margaret’s , dahinter erstreckt sich die Westminster Abbey , das bedeutendste Gotteshaus der Metropole. Die 156 Meter lange, 61 Meter breite und in ihren Gewölben über 30 Meter hohe Abteikirche entstand ab 1050 und wurde in den folgenden Jahrhunderten im Stil der Early English-Gotik fertiggestellt. An Weihnachten 1066 fanden die Krönungsfeierlichkeiten für Wilhelm den Eroberer an diesem geweihten Ort statt, und fortan bestiegen fast alle nachfolgenden Monarchen bis hin zu Elisabeth II. hier den Krönungsstuhl. Bis 1760 fanden die verstorbenen Herrscher auch in Westminster Abbey ihre letzte Ruhestätte.

Mit insgesamt über 300 Grabdenkmälern und mehr als 4000 Gedenktafeln ist die Kirche eines der interessantesten historischen Bauwerke der Stadt. Im südlichen Querschiff findet der Besucher Poet’s Corner, den Poetenwinkel, wo Inschriften an die großen Schriftsteller und Dichter der englischen Literatur erinnern. Erst 1995 fand hier auch Oscar Wilde Erwähnung; mehr als neun Jahrzehnte hatten die kirchlichen Autoritäten ihm die Ehrung aufgrund seiner Homosexualität versagt. Virginia Woolf wird bis heute nicht genannt, da sie durch Selbstmord aus dem Leben schied. Über die Straße Storey’s Gate, vorbei am Queen Elizabeth Confer­ence Centre, erreichen wir die Straße Horse Guards, die am St. James’s Park entlangführt. Hier, im Rücken der Treasury Offices, des britischen Finanzministeriums, befinden sich im Keller des Schatzamtes die Cabinet War Rooms . Während des Zweiten Weltkriegs tagte in den bombensicheren Räumen das Kabinett, und Premierminister Winston Churchill hatte hier bis zum 8. Mai 1945 seine Befehlszentrale. Die Einrichtung sowie die vielen Lagepläne an den Wänden datieren aus den letzten Kriegstagen.

Seit Ende 2004 ist den Cabinet War Rooms ein Museum angeschlossen, das Leben und Werk von Sir Winston Churchill würdigt. Der große Kriegspremier war ab 1933 der entscheidende Gegner Hitlers, doch wurde er in seiner eigenen Partei deswegen isoliert. Erst als die Appeasement- (Beschwichtigungs-) Politik seines Vorgängers gescheitert war, wurde Churchill zum Premierminister ernannt. Seiner Unbeugsamkeit und Härte ist es zu verdanken, dass der Zweite Weltkrieg mit der Niederlage der Nazis endete. Jenseits des St. James’s Park läuft The Mall  schnurgerade auf den Buckingham-Palast  zu. Vor der königlichen Residenz erinnert ein 27 Meter hohes und 1910 eingeweihtes Denkmal an Queen Victoria. Die Londoner verulken das schneeweiße Victoria Memorial  als Wedding Cake, als Hochzeitstorte, und auch Buckingham Palace wird respektlos Buck House genannt. Ist Elisabeth II. vor Ort, so weht traditionsgemäß die königliche Wappenflagge auf dem Dach. Alljährlich im August und September öffnet Queen Elisabeth ausgewählte Räumlichkeiten ihres Palasts für die Öffentlichkeit; der Besucher kann dann die State Apartments, den Thronsaal und den königlichen Speisesaal besichtigen.

Im Sommer findet täglich um 11.30 Uhr das Changing of the Guard, die Wachablösung, statt. Vor dem Buckingham Palace versammeln sich dann bei schönem Wetter mehrere tausend Besucher und folgen dem jahrhundertealten Spektakel. Durch eine weitere grüne Lunge der Stadt – Green Park  – gelangen wir auf die Straße Piccadilly  und folgen der von Geschäften aller Art gesäumten Flaniermeile bis zum Piccadilly Circus. Rechter Hand (Nr. 181) befindet sich einer der traditionsreichsten Delikatessläden der Metropole, Fortnum & Mason . Seit über 200 Jahren bedienen livrierte Angestellte mit unaufdringlicher Eleganz die Kundschaft. Nicht minder bedeutend ist wenige Schritte weiter die Buchhandlung Hatchard’s (Nr. 187), die älteste der Stadt.

Vom Piccadilly Circus aus kann man Soho erkunden, heute Zentrum der Londoner Musikindustrie und Medienbranche sowie das Pub- und Restaurant-Viertel der Metropole. Vor allem in der Frith und Greek Street reiht sich ein Lokal an das nächste, alle Küchen der Welt sind vertreten. Im Haus Nummer 28 der Dean Street, über dem hervorragenden italienischen Lokal »Quo Vadis«, lebte 1850–56 Karl Marx mit seiner Familie. Der große Leicester Square liegt weiter südlich, nur wenige Minuten Fußweg entfernt, und ist das Zentrum des West End und des Londoner »Theaterlandes«. An einem Kiosk kann der bühnenbegeisterte Besucher Theaterkarten für den gleichen Tag zum halben Preis erstehen. Nur noch einen Katzensprung ist es über die Straße Long Acre zu Covent Garden. In den ehemaligen Jugendstilhallen des berühmten Marktes sind heute Geschäf­te, Boutiquen, Pubs und Res­taurants untergebracht, Straßenmusiker sorgen für die rechte Geräuschkulisse, und Gaukler, Feuerschlucker und Akrobaten halten das Publikum in Atem, sorgen für herzhafte Lacher und rauschenden Applaus. Covent Garden ist ein urbanes Freizeitareal allererster Güte.

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London
Hans-Günter Semsek
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ISBN 978-3-86871-596-5
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