Italien: Bergsteigerlegende Reinhold Messner wird 70

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Reinhold Messner (geb. 17.9.1944)

Der Elan des ehemaligen Extrembergsteigers ist immer noch ungebrochen. Reinhold Messner sprüht immer noch vor Ideen. Die letzten Jahre hat er damit verbracht, in seiner Heimat Südtirol außergewöhnliche Museen zu eröffnen. Andere wären mit einem Museum zufrieden gewesen, er wollte gleich fünf und hat sie mit der ihm eigenen Beharrlichkeit gegen teils erhebliche Widerstände durchgesetzt. „Hier kann ich nicht umkommen, sondern nur pleite gehen“, sagt er über die Messner Mountain Museen. Voller Elan arbeitet er Termine ab, gibt pausenlos Interviews, erklärt seine Sicht der Welt, die für ihn zum Großteil immer noch aus hohen Bergen besteht. Aber auch damit ist sein Lebenswerk noch lange nicht vollendet, denn bald kommt noch ein neues Museum dazu – das letzte, wie er versichert.

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Unterwegs mit Reinhold Messner zu seinen Museen

Wolkenfetzen wabern aus dem Tal hinauf und geben das gewaltige Panorama der Dolomitengipfel nur für wenige Augenblicke preis. Donnergrollen bricht sich immer wieder an den Felswänden von Monte Pelmo, Marmolada, Monte Civetta und Tofana di Rozes, die uns wie ein Amphitheater umgeben. Wir sind auf dem 2181 m hohen Monte Rite, stehen auf dem Dach der ehemaligen Festung aus dem Ersten Weltkrieg und lassen und von Reinhold Messner erklären, wie sein Museum in den Wolken entstanden ist. Aus der Not heraus. Denn in seiner Heimatprovinz Südtirol wollten sie ihm nicht Schloss Sigmundskron überlassen, waren von seiner – im Nachhinein genialen – Idee der Messner Mountain Museen so gar nicht begeistert. In der Provinz Belluno, zu der der Monte Rite gehört, wurden ihm dagegen alle Türen geöffnet. Daraufhin hat er die historische Bausubstanz der Festung, die sich nach Kriegsende hartnäckig jeder Zerstörung widersetzte, restaurieren lassen und sie mit drei unregelmäßigen Glaskuben, die Dolomitkristalle symbolisieren sollen, gekrönt.

Auf dem Monte Rite

Wir sind aus einem ganz besonderen Anlass hier, denn Reinhold Messner, der wie immer einen tibetischen Dzi-Stein, den Glücksbringer der Buddhisten, um den Hals IMG_1618trägt, gibt sich die Ehre und zeigt seine Museen. Eloquent, detailreich, aber immer ein wenig distanziert erklärt der Medienprofi, wie er das Innere der ehemaligen Festung, das aus einem fast 90 m langen, schmalen Korridor, von dem 15 kleine Räume abgehen, gestaltet hat. Jeden Raum hat er in eine kleine Galerie mit chronologisch angeordneten Dolomitenbildern von der Romantik bis zur Gegenwart verwandelt. Den restlichen Platz ist mit Ausstellungsstücken gefüllt, die die Entwicklung des Felskletterns schildern. Er erklärt aber auch, warum aus dem einstigen Glücksfall Monte Rite ein Problemfall geworden ist: Wegen der schmalen Zufahrtstraße und der Höhenlage kann das Museum nur vier Monate im Jahr besucht werden, viel schlimmer ist jedoch die Feuchtigkeit in dem alten Gemäuer, auf Dauer zerstört sie die Bilder.

Man kann sich ihm nicht entziehen, denn er schafft es wie kein anderer, das Thema Berge zu verdichten und zu überhöhen. Fast ein ganzes Leben betreibt er Selbstdarstellung und die so überzeugend, dass bis jetzt rund fünf Millionen seiner Bücher verkauft wurden und wer bei Google seinen Namen eingibt, bekommt über eine Million Treffer. Kann man ihm wirklich glauben, wenn er behauptet: „Die Museen sind nicht über mich, das wäre mir peinlich.“ Selbst nach langen Gesprächen im Verlauf mehrerer Tage zeigt er fast ausschließlich den öffentlichen Messner, an den privaten Messner ist nur ganz schwer heranzukommen.

Auch wenn er ein Museum über sich als peinlich bezeichnet, findet man doch in allen Ausstellungen einige wenige persönliche Dinge, oft sind sie aber nicht auf den ersten Blick zu sehen. Im Fort auf dem Monte Rite gibt es ein Portrait von ihm, gezeichnet von Walter Angerer IMG_1977und über die Dolomiten schreibt er: „Schon im Kindesalter war ich überrascht und erstaunt über so viel Vielfalt. Eindrücke, die nie mehr übertroffen wurden, meine Heimkehr ist also auch eine Liebeserklärung an die Dolomiten.“ Und auch diese Huldigung in der alten Festung stammt von ihm: „Der Name meiner Mutter ist Troi und Troi bedeutet Weg; ihr Vater ist als Kind über diese Berge gegangen, barfuss, um Arbeit zu suchen. Über die Berge hat mich mein Weg in die Dolomiten zurückgeführt.“ Im Museum Ortles, das dem Thema Eis gewidmet ist, kann man den dick vermummten Messner sehen, wie er seinen schwer bepackten Schlitten in Richtung Südpol zieht. Und auch in den alten Mauern von Schloss Sigmundskron ist – wenn auch nicht an prominenter Stelle – eine Messner Reliquie ausgestellt: der Daunenanzug, der ihn auf dem Everest warm gehalten hat.

Schloss Juval

IMG_1586Im Sommer lebt Reinhold Messner mit seiner Familie auf Schloss Juval hoch über dem Tal der Etsch. Dann ist das Museum geschlossen und der Schlossherr kann in Ruhe den Blick über Berge, Wiesen und Wälder genießen. Den Rest des Jahres lässt er Besucher in seine Burg und gibt ihnen einen kleinen Einblick in sein privates Leben. Im Expeditionskeller häufen sich die Ausrüstungsgegenstände zahlreicher Expeditionen, gleich nebenan, akkurat in Regalen aufgereiht und beschriftet, stehen dutzende Gläser mit selbstgekochter Marmelade. Ein kleines Aquarell hat er mit einer seiner Weisheiten versehen: „Wir gehen eines Tages kaputt, wenn wir zu faul sind, um zu Fuß zu gehen.“ In der wunderschön mit Holz getäfelten Bibliothek, vollgestopft mit Büchern bis unter die Decke, ist wohl so manches seiner Bücher entstanden. Dass er auch zur Selbstironie fähig ist, zeigt die kleine Installation an der Wand kurz vor dem Ausgang mit dem Titel: Hier habe ich einen kapitalen Bock geschossen. Die Erklärung liefert er gleich mit: Hier ist Reinhold Messner abgestürzt: 1995, nachts, auf dem Heimweg. Fersenbeinbruch! Seit damals ist der Bergsteiger Invalide. Aber nicht untätig.

Christian Nowak

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Italien: Almauftrieb und Wanderwoche mit Reinhold Messner

Suedtirol, Vinschgau, Ortlergebiet, Sulden, Jakauftrieb mit Reinhold Messner,

Am 26. Juni 2014 können Interessierte im Vinschgau bei einem Almauftrieb der anderen Art dabei sein. Denn bei der „tierischen“ Bergtour erleben Mitwanderer neben Seven-Summits-Bezwinger Reinhold Messner auch seine Yaks, die er vor 25 Jahren aus Tibet in seine Südtiroler Heimat importierte und immer noch stets höchstpersönlich in ihr Sommerquartier begleitet.

Beim Yakauftrieb kann jeder mitlaufen, die Teilnahme ist kostenfrei. Los geht’s pünktlich um 9 Uhr an der Talstation in Sulden am Ortler, von dort werden die zotteligen Himalaya-Rinder auf die Madritschalm unterhalb der Königsspitze getrieben.

Passend zum Thema ist die Pauschale Messner Mountain Week buchbar: Von 26. Juli bis 2. August verbringen Naturfreunde und Messner-Fans gleich eine ganze Wanderwoche mit der Bergsteiger-Legende. Das Package kostet ab 400 Euro im 4-Sterne-Hotel, in der 3-Sterne-Pension ab 250 Euro pro Person und beinhaltet je 7 Übernachtungen, eine begleitete Wanderung mit Reinhold Messner durchs Ortlergebiet, eine Multivisions-Show, ein Gespräch mit dem Abenteurer sowie freien Eintritt ins Messner Mountain Museum (MMM) Ortles.

Italien: Ladinische Popmusik – Zauberhaftes für die Ohren aus Südtirol

Langsam verhallt der letzte Ton, die jungen Frauen setzen die Violinen ab, lassen die Mikrophone los, senken die Schultern, heben ihre Blicke und lächeln. Gerade haben die drei Südtirolerinnen auf einer Berliner Bühne das kulturverwöhnte Hauptstadtpublikum verzaubert – mit, man möchte es kaum glauben, ladinischer Popmusik, deren Inhalte so geheimnisvoll erscheinen wie das ganze Konzert dieser märchenhaften Formation namens Ganes. Dann beginnt der lang anhaltende Applaus.

Aber die Geschichte von Ganes beginnt natürlich in Südtirol, in dem Bergdorf Wengen, im Südtiroler Gadertal. „Unser Haus in La Val, wie man Wengen auf italienisch und ladinisch nennt, heißt Rumestluns”, hatte Marlene Schuen in Berlin noch gesagt und dann folgte eine längere Beschreibung, wie man es erreicht, Abzweigungen kamen darin vor, ein Sportplatz, Brücken, Wiesen und schließlich „ein Gebäude unterhalb der Straße“. Dahinter sind nur noch Wälder und Berge, Wolken ziehen darüber hinweg, und für einen kurzen Moment fällt ein Sonnenstrahl auf das Haus, ein „Rai de Sorëdl“, wie die erste Ganes-CD heißt.

Hilda Schuen, die fröhliche Mutter von Marlene und Elisabeth erwartet uns schon. Sie hat die gleichen dunklen Augen und Haare, sowie das gleiche rollende R wie ihre Töchter, und schon an der Türe hängen Ganes-Zeitungsausschnitte und -Konzertankündigungen. Hilda deutet darauf und sagt: „Das ist für mich, als ob sie hier wären.“ Ganes, das sind die drei Cousinen aus La Val: Elisabeth Schuen (30), Marlene Schuen (31) und Maria Moling (26).

Und es liegt an ihrem Erfolg, dass sie nun in Berlin, 1.000 Kilometer weiter nördlich, erzählen, wie es dazu kam. „2007 bis 2009 waren wir gemeinsam mit Hubert von Goisern auf seinem Schiff auf der Donau unterwegs“, beginnt Elisabeth kurz vor dem Konzert zu erzählen. „Wir gaben jeden Abend am Flussufer ein Konzert und haben dabei unglaublich viel dazugelernt“, ergänzt Marlene. Sie spielten Geige und Gitarre und sangen im Hintergrund. „In unserer Freizeit probierten wir dann eigene Songs“, sagt schließlich Maria, und eigentlich war das schon der Anfang von Ganes.

Als dann Hubert von Goiserns Manager ihre Musik hörte und ihnen begeistert seine Unterstützung versicherte, dachten sie darüber nach, wie es wäre, eine CD mit ladinischer Popmusik einzuspielen. Im Mai 2010 ist sie erschienen, und seither touren sie durch Europa. „Jetzt stehen wir halt vorne auf der Bühne“, sagt Marlene als wäre nichts gewesen.

Die Ganes, die der Formation den Namen gaben, wohnen in dem Bach, der am Haus der Eltern in La Val vorbeifließt. Es sind magische Märchenwesen aus der ladinischen Mythologie, fabelhafte Frauen, mal Feen, mal Nixen, mal Hexen, die die Menschen unter anderem mit ihren schönen Geräuschen verzaubern. Und dieser Ganes-Bach weist zugleich den Weg zum Haus der Molings. Als wir auch dort anklopfen, bittet Hildas Schwester Rita in die Bauernstube und auch ihr sieht man die Ähnlichkeit zu ihrer Tochter an. „Gestern hat Maria angerufen – ich glaube sie war in Belgien“, erzählt sie und gesteht, dass sie während der Tournee manchmal nicht so genau weiß, wo ihre Tochter steckt. „Wir sind aber schon sehr froh, dass sie so erfolgreich sind“, erzählt sie weiter. „Es gehört ja auch Mut dazu, so etwas Unsicheres wie ladinische Popmusik zu machen.“ Die Stimmung in der Stube ist herzlich und natürlich, ganz so, wie die drei Mädels sich nun der Welt präsentieren.

Der Konzertzauber in Berlin beginnt gegen acht Uhr abends: Die drei betreten die Bühne, und sehr schnell hat die Solostimme von Maria das Publikum erfasst. Wenig später erzeugen die dreistimmigen Harmoniegesänge, Instrumente- und Gesangsoli eine Gänsehaut. Die populäre, aber doch auch anspruchsvolle und komplexe Musik hat Einflüsse aus Jazz, Funk, Soul und auch Klassik. Und als wäre all das nicht schon außergewöhnlich genug, klingen die Texte mal portugiesisch, mal italienisch, mal osteuropäisch und dann doch wieder wie nichts von alledem. Nach dem Lied „Da sòra“ (alleine) wendet sich Maria Moling lachend ans Publikum und fragt: „Nutella und Mortadella habt ihr verstanden, oder?“ Wohl wissend, dass der Rest geheimnisvoll unbestimmt bleibt. „Das ist nun mal unsere Muttersprache und in der können wir Gefühle am besten äußern“, hatte Maria zuvor gesagt, und Elisabeth meinte: „Unsere Songs funktionieren auch deswegen so gut, weil Ladinisch eine sehr melodische Sprache ist.“

Infos

Die ladinische Sprache: Ladinisch wird ausschließlich von 30.000 Menschen in  Talschaften Norditaliens verwendet und ist als anerkannte sprachliche Minderheit von der EU gefördert. Die Ladiner, auch Dolomitenladiner genannt, gelten als eigene Ethnie und machen 4 % der Südtiroler Bevölkerung aus (entspricht 18.000 Menschen). Das Ladinische gehört zu den rätoromanischen Sprachen, die eine Untergruppe des Romanischen bilden. Der ladinische Sprachraum erstreckt sich über fünf angrenzende Talschaften. In der nördlichsten Region Italiens sind diese das Grödnertal und das Gadertal in der Provinz Bozen-Süd-tirol sowie das Fassatal im Trentino. Ladinisch spricht man auch in der Provinz Belluno in Venetien, im Buchensteintal sowie zum Teil in Cortina d’Ampezzo. Weiters sprechen die angrenzenden Talschaften Comelico, Agordino und Cadore Ladinisch.

Museum Ladin: Das Museum Ladin in St. Martin in Thurn stellt die ladinische Kultur dar und verdeutlicht besonders die Beziehungen zwischen Landschaft und Lebensweisen  des Volkes.

Musik in Südtirol: Musik hat in Südtirol eine lange Tradition: Es gibt über 212 Musikkapellen in 116 Gemeinden. Die Klangwelt wird durch Kirchenchöre,  Männergesangsvereine und Musikgruppen geprägt, die sich mit überlieferten Südtiroler Volksweisen befassen. Ein Beispiel dafür ist die vierköpfige Band „Opas Diandl“, die die traditionelle Volksmusik der Region durch akustische Instrumente, Jodler und Mundart neu interpretiert. Auch das Trio „Herbert Pixner Projekt“ steht für musikalische Unterhaltung, die neue Rhythmen mit alpenländischer Volksmusik kombiniert, wie etwa mit Jazz und Blues.

 
 
 

Italien: Unikate vom Bauern in Südtirol

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Einst entstanden aus regionalen Rohstoffen Arbeitsgeräte und Alltagskleidung, heute verwandeln die kreativen Bauern einen Holzblock zur Skulptur, ein Wollknäuel zur Filztasche oder Zweige zur Designerlampe. Seiner Philosophie bleibt „Roter Hahn“ dabei treu und setzt weiterhin auf hohe Qualitätsstandards und strenge Kriterien.

Alles aus einer Hand – vom Rohstoff bis zum Unikat

Südtirol ist reich an nachwachsenden Rohstoffen: 45 Prozent des Landes sind mit Wald bedeckt, der wertvolles Holz spendet. Fast 30.000 Schafe auf knapp 1.700 Bauernhöfen liefern regelmäßig weiche Wolle. Die Weiterverarbeitung solch regionaler Naturprodukte auf Bauernhöfen hat Tradition: Aus Schaffellen entstanden wärmende Schuhe, aus Holz Geschirr und mithilfe von Weidenzweigen hat man Körbe und Rechen hergestellt. Vielfach wurden die handwerklichen Fertigkeiten von Generation zu Generation weitergegeben. Vor allem von November bis März, wenn die Felder brach lagen, erschloss sich Bauersfamilien so eine weitere wertvolle Zuerwerbs-Möglichkeit am Hof.

Vom Stall ins Atelier – Bauern mit Kunstsinn

Auch heute freuen sich die bäuerlichen Handwerker der Marke „Roter Hahn“ vor allem in der weniger arbeitsintensiven Winterzeit über Besucher und lassen sich bei ihren Tätigkeiten gern über die Schulter schauen. Erhard Paris vom „Oberhof“ im Ultental ist hauptberuflich Landwirt mit Spezialisierung auf Biofleisch, doch das Flechten hat ihn von Kindesbeinen an fasziniert. Die verwendeten Zweige stammen von Bäumen aus dem eigenen Wald, in einer mehrjährigen Ausbildung im Flechten, Drechseln und Schnitzen holte er sich das nötige Rüstzeug. Mittlerweile umfasst sein Sortiment Deko-Objekte, Lampen und Körbe sowie Taschen und Schmuck, die Interessierte in seiner „Ultner Flechtwerkstatt“ erstehen können.

Wo die Liebe hinfällt – Passion für Naturmaterialien

Die Liebe zu Holz lockt auch Karl Heinz Windegger vom „Lahngut“ in Lana regelmäßig von seinem Obstgarten in die hofeigene Werkstatt. Herzstück ist die Drechselbank, an der der 50-Jährige viel Zeit verbringt. In einem kleinen Ausstellungsraum werden die modern designten Schalen, Teller und Vasen wie Kunstobjekte für Besucher präsentiert.

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Ehrliche Handarbeit – kombiniert mit viel Stil

Auf Hüte, Taschen und „Patschen“ (Hausschuhe) aus der Wolle von den 30 eigenen Schafen hat sich Rita Amort vom „Amort-Hof“ in Altrei spezialisiert. Nach dem Waschen, Trocknen und Kämmen der kuschelweichen Fasern versteht sie sich darauf, nur mit Hilfe von Wasser, Naturseifenlauge und viel Geduld zauberhafte Objekte aus Filz zu gestalten. Die ausgefallenen Dekors fallen der talentierten Bäuerin übrigens spontan während der Arbeit ein.

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Italien: Reinhold Messner und die Dolomiten

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„Ich habe weltweit über 100 Expeditionen unternommen, und je öfter ich in die Heimat zurückkam, desto mehr war ich von den Dolomiten beeindruckt.“ Diesen Satz sagt einer, der es wissen muss, einer, der auf allen Achttausendern dieses Planeten stand und doch immer wieder begeistert an jenen Ort zurückgekehrt ist, wo er das Bergsteigen gelernt hat. Diesen Satz sagt kein anderer als Reinhold Messner. Und er ist sofort in seinem Element, wenn es um die Dolomiten geht, gerät ins Schwärmen und zitiert Geistesgrößen wie den Schweizer Architekten Le Corbusier. Der habe einmal gesagt: „Die Dolomiten sind die schönsten Bauwerke der Welt.“ Das setze natürlich voraus, dass sie einen Schöpfer haben. „Aber wenn dem so ist“, sagt Messner, „dann kann man nichts Schöneres bauen. Denn rein ästhetisch gibt es nirgendwo auf der Welt dieses Spannungsmoment zwischen flachen und grünen Bergwäldern und diesen senkrechten graugelben Felswänden darüber. Der Himalaja“, fügt Messner noch hinzu, „ist zwar höher, aber nicht so schön wie die Dolomiten.“ Reinhold Messner nach den Dolomiten zu fragen, das merkt man schnell, ist wie wenn man ein sehr großes Fass anzapft.

IMG_1383Das liegt daran, dass diese Berge kaum jemand besser kennt als er. Messner ist hier aufgewachsen, hat im Villnösstal erste Klettererfahrungen gemacht, und wenn man heute von diesem Tal aus hinauf zu den Geislerspitzen blickt, dann kann man leicht verstehen, dass die spektakulären Felstürme und Steilwände den Ehrgeiz und die Leidenschaft des jungen Reinhold erweckt haben. Man könnte hier sehr lange auflisten, zu was das alles geführt hat und was Messner in den Dolomiten alles unternommen hat, aber man kann es auch so sagen: Ohne diesen Gebirgszug wäre Reinhold Messners Biografie sicher anders verlaufen.

In den Dolomiten ist Reinhold Messner allgegenwärtig, er besitzt Schlösser, betreibt IMG_2081Museen, schreibt Bücher und diskutiert mit seinen Landsleuten. Messner hat sich auch über Jahre hinweg dafür eingesetzt, dass die Dolomiten von der UNESCO zum Weltnaturerbe ernannt werden. Und so fühlte sich für Messner der 26. Juni 2009, der Tag, an dem das Welterbe-Komitee endlich die Ernennung bekannt gab, wie ein weiterer Gipfelsieg an. Aber Reinhold Messner wäre nicht Reinhold Messner, wenn er sich mit diesem Erfolg schon zufriedengeben würde. „Durch die UNESCO-Entscheidung haben wir ganz neue Möglichkeiten“, sagt er und hat dabei vor allem die Landwirtschaft im Sinn. „Man muss nun auch die landwirtschaftlichen Flächen und Bergbauernhöfe mit hinein in das Welterbe nehmen.“ Denn das ist bisher nicht geschehen und ist für ihn ein ganz wesentlicher Punkt.

Schließlich sichern die Bergbauernhöfe gemeinsam mit dem Tourismus die Zukunft der Berge. „Und dann würden die Dolomiten auch zum Weltkulturerbe, weil alles, was der Mensch in die Berge trägt, Kultur ist.“ Behutsamkeit sei dabei allerdings oberstes Gebot. „Wir müssen diese Landschaft nutzen, aber wir dürfen sie nicht opfern“, sagt Messner und zieht einen Vergleich: „Für uns Südtiroler sind die bleichen Berge das, was für die Araber das Öl ist. Nur, dass wir die Berge noch ein bisschen länger haben werden, als die Araber das Öl.“ Reinhold Messner ist heute 66 Jahre alt und blickt auf ein bewegtes und einzigartiges Bergsteigerleben zurück. Das „DenkMal“ Dolomiten zieht sich dabei wie ein roter Faden durch seine Biografie. Denn die Berge seiner Heimat bezeichnet Messner noch immer aus vollster Überzeugung als „die schönsten Berge der Welt“.

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Italien: 25. Maratona dles Dolomites

Der New-York-Marathon für Radfahrer

In Alta Badia, diesen kleinen, tief im Gadertal gelegenen ladinischen Dörfern, geht es für gewöhnlich recht beschaulich zu. Nur einmal im Jahr, am ersten Juli-Sonntag, setzt das Gewöhnliche aus und dann platzt La Villa schon um fünf Uhr morgens aus allen Nähten. 9.000 Radfahrer aus über 40 Nationen stehen dicht gedrängt in der Ortsdurchfahrt. Sie halten sich in den Seitenstraßen auf, in den Hofeinfahrten, auf den Parkplätzen – überall stehen sie, in engen Hosen, Trikots, die Räder zwischen den Beinen und den Kopf verhüllt mit Helmen und großen Brillen. Um sechs Uhr morgens kreisen schon zwei Hubschrauber des italienischen Fernsehsenders RAI Tre wenige Meter über dem Starterfeld. Die insgesamt 1.200 freiwilligen Helfer sind voll konzentriert und die Radler zupfen nervös an ihren Trikots – neun, acht, sieben – rücken noch einmal die Helme zurecht – sechs, fünf, vier – prüfen den Luftdruck ihrer Reifen – drei, zwei, eins – und dann fällt der Startschuss zu einer der größten und einer der schönsten Radsportveranstaltungen der Alpen: der Maratona dles Dolomites.

Doch die ganze Bedeutung dieser Veranstaltung, die in diesem Jahr zum 25. Mal stattfindet, wird einem erst bewusst, wenn man Michil Costa trifft. „Dieses Jahr gab es 28.000 Anfragen“, sagt Costa, der seit 1997 Präsident des Rennens und mit der Maratona so verbunden ist wie die Fahrradkette mit dem Zahnkranz. „Mehr als 9.000 Teilnehmer können wir einfach nicht zulassen – da haben wir das Maximum erreicht“, erklärt er. So konnte sich nur jeder vierte Interessent einen Startplatz sichern. Costa, zugleich auch Hotelier in Corvara und als Philosoph und Exzentriker bekannt, ist ein Mann mit lichtem Haar und spitzbübischem Lächeln, und es passt gut zu diesem Lächeln, dass Costa seit vielen Jahren in Lederhose, weißem Hemd und roter Weste auf einem Hochrad die ersten Kilometer des Rennens mitfährt. „Mir geht das normale Rad viel zu schnell“, sagt er und erzählt, dass er ein paar Mal auch die ganze Sella Ronda auf dem Hochrad mitgefahren ist.

Entweder steil bergauf oder steil bergab

Die Sella Ronda, das sind die ersten vier Pässe der Maratona, einem Rennen, das sich über die Jahre zu einer Art „New-York-Marathon für Radfahrer“ entwickelt hat. Es ist ein Langstreckenbergrennen für Amateure und führt mitten durch die spektakuläre Bergwelt der Dolomiten. Und das heißt – im Unterschied zu New York – es geht fast immer entweder steil bergauf oder steil bergab. Über die für den Straßenverkehr an diesem Tag gesperrten Pässe Campolongo, Pordoi-, Sella- und Grödnerjoch wieder hinunter nach Corvara. Nach zweieinhalb Stunden haben viele die Sella Ronda schon hinter sich. (Michil Costa braucht mit seinem Hochrad natürlich ein bisschen länger.) Dabei geht das Rennen nun erst richtig los: Die Strecke führt ein zweites Mal über den Campolongo, dann hinüber nach Arabba und Andraz und hinauf auf den Passo Giau, dann hinunter Richtung Cortina d’Ampezzo und schließlich über den Falzarego- und den Valparolapass zurück nach La Villa und Corvara. Am Ende sind es 138 Kilometer, acht Pässe und 4.190 Höhenmeter. Es gibt zwar auch eine kleine (55 Kilometer) und eine mittlere (106 Kilometer) Runde, aber die meisten Teilnehmer stellen sich der langen Strecke – und fast alle 9.000 erreichen auch das Ziel.

Es begann mit 166 Teilnehmern

1987 hatte man sich solche Zahlen nicht in den kühnsten Träumen vorstellen können. „Wir haben damals mit gerade mal 166 Teilnehmern angefangen“, erzählt Costa. Das Rennen war anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Fahrradvereins Alta Badia-Raiffeisen als kleine Veranstaltung entstanden. Doch schon bald erfuhr es eine ebenso ungeahnte wie kuriose Erfolgsgeschichte: Als das Rennen 1989 wegen eines Schnee – sturms auf dem Passo Giau abgebrochen wurde, war ein ZDF-Fernsehteam zugegen und dokumentierte, wie die Fahrer im Schneetreiben evakuiert werden mussten. Genau diese Bilder sorgten für die Popularität der Maratona, die ab sofort den reizvollen Ruf eines scheinbar unmöglichen Rennens hatte. Schon 1990 folgte ein Boom von  Anmeldungen, die meisten davon aus Deutschland. In den folgenden Jahren entwickelte sich die Maratona zu einem der wichtigsten Ereignisse im Gadertal, das auch für den Tourismus riesige Dimensionen annahm. 38.000 Übernachtungen verzeichnete Alta Badia dieses Jahr während des Rennwochenendes. „Es ist schon auch ein Supergeschäft“, sagt Costa lächelnd, „und deswegen gefällt es auch den Einheimischen.“

Natürlich geht es bei einem Rennen immer auch um Sieg und Niederlage, um Endzeiten und Durchschnittsgeschwindigkeiten – die Schnellsten brauchen weniger als viereinhalb Stunden und fahren einen Schnitt von über 32 km/h. Aber für Michil Costa geht es um mehr: „Meine Vorstellung einer idealen Maratona ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine ideelle“, sagt er, nippt am Kaffee und erzählt, dass auf den Passhöhen klassische Musik gespielt wird und er für die diversen Rahmenveranstaltungen einen eigenen Artdirector engagiert hat, der das alles choreografiert und koordiniert. Auch in dieser Hinsicht ist die Maratona dles Dolomites eine sehr ungewöhnliche Veranstaltung. „Ja, die Maratona ist schon ein Rennen“, sagt Costa, „aber erst wenn man die Energie der Berge spürt, Zeit, Raum und Ruhe empfindet, wird die Maratona auch zu einem seelischen Highlight.“ Es ist ein sonniger und ruhiger Tag in Corvara. Für heute genügt es schon, den Blick über die imposante Landschaft und die Pässe schweifen zu lassen, um zu verstehen, was Costa damit meint.

Infos:

Am Sella Ronda Bike Day und am Radtag Stilfserjoch werden die jeweiligen Strecken für den motorisierten Verkehr gesperrt: alle vier großen Dolomitenpässe rund um den Sellastock bzw. die kurvenreiche und 25 Kilometer lange Straße hinauf auf das Stilfserjoch. Der Triathlonwettkampf Ötzi-Alpin-Maraton umfasst die drei Disziplinen Mountainbiken, Laufen und Skitourengehen. Als größtes Mountainbike-Rennen Italiens mit internationalen Teilnehmern hat der Dolomiti Superbike Weltcupstatus.

Kontakt
Gremium „Maratona dles Dolomites“
Str. Damez 34
I-39036 Abtei
Tel.: +39 0471 839 536
www.maratona.it

Italien: Urlaub im Südtiroler Hochpustertal

Foto: C. Nowak

Schon Kanzlerin Angela Merkel tankte hier Kraft

Größer könnten die Gegensätze nicht sein: Auf der einen Talseite die lieblichen Kuppen der Karnischen Alpen rund um den Helm, auf der anderen die schroffen Felsen der Sextner Dolomiten und des Naturparks Drei Zinnen. Und dazwischen liegt beschaulich der Ort Sexten mit der Schwefelquelle in Bad Moos, direkt am Eingang zum Fischleintal.

Das Südtiroler Hochpustertal, an der Grenze zu Österreich, ist umgeben von einzigartiger Natur. Und die schätzt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Da drüben hat eure Kanzlerin immer gewohnt, wenn sie hier Urlaub gemacht hat.“ Dr. Erwin Lanzinger auf dem Kutschbock deutet mit den Zügeln nach links, auf ein mehrstöckiges Haus. Früher sei sie oft dagewesen, um in den Bergen Ruhe und Erholung vom Stress der Politik zu finden, eröffnet der Hotelier und passionierte Kutschenfahrer eine kleine politische Debatte.

Mehrere Dutzend Kutschen und Schlitten nennt Lanzinger sein Eigen. Aufwändig restauriert, kommen sie gerne zum Einsatz – je nach Größe der Gesellschaft und Jahreszeit. Selbst von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis hat er schon einiges ersteigert. Seine jüngsten Errungenschaften stammen übrigens von einem Sammler aus dem Taubertal: Drei Kutschen und etliche Geschirre. Gezogen werden die historischen Wagen, die teilweise über 100 Jahre alt sind, von seinen eigenen Pferden. 23 stehen im Stall und freuen sich auf ihren Einsatz.

In einem viktorianischen Zweispänner nimmt Lanzinger die Gäste mit ins wild-romantische Fischleintal. Abgelegen und ruhig ist es dort, beschaulich rauscht der Bach vorbei. Nur wenige Wanderer sind in den Nachmittagsstunden noch hier unterwegs, dafür aber einige Familien mit Kindern. Und die bekommen große Augen, als die beiden stolzen Lipizzaner Richtung Talschlusshütte marschieren.
Die milde Sonne taucht Dreischusterspitze, Gsell und natürlich die Sextner Bergsonnenuhr Neuner, Zehner, Elfer, Zwölfer und Einser in mildes Abendlicht. Dreizinnen- und Zsigmondyhütte sind von hier aus gut zu erreichen.

Für Interessierte hat Lanzinger einen besonderen Tipp: Eine historische Wanderung an der Rotwand. Denn dort kämpften im Ersten Weltkrieg italienische und österreichische Truppen erbittert. Informative Tafeln erläutern den Kriegsschauplatz rund um die Anderter Alpe auf 2008 Metern Höhe. Noch immer kann man im Freilichtmuseum des Vereins „Bellum Aquilarum“ Überreste der Schlachten entdecken.
Rotwand  bei Sexten Bekannt ist Bad Moos aber aus einem anderen Grund. Schon um 1650 nutzten die Menschen das heilende Wasser, seit 1765 ist der Badebetrieb nachgewiesen. Der Legende nach sollen vor allem Frauen mit Kinderwunsch dorthin gepilgert sein und tatsächlich soll sich der Kindersegen nach einer Kur in Bad Moos regelmäßig eingestellt haben.

Dr. Erwin Lanzinger ließ das traditionsreiche Bauernbad wieder aufleben. Heute wird das mineralreiche Wasser der Schwefelquelle im Wellness- und Gesundheitszentrum des Vier-Sterne S „Sport- und Kurhotels Bad Moos“ angewendet. Nur wenige Meter vom Haus entfernt steht das Brunnenhaus der Quelle, die für Anwendungen genutzt wird, um Seele und Körper in Einklang zu bringen. Schon zum Frühstück sollte man ein Glas des mineralreichen Wassers trinken, rät er. Ob Trinkkur, Gesundheitsbäder, Inhalation oder einfach nur eine entspannende Ruhephase in der Schwefelgrotte: Im Gesundheitszentrum kommt das Wasser zum Einsatz, ebenso im großzügigen SPA-Bereich. Für Kinder gibt es ein eigenes Kinderplanschbecken. Kein Chlor reizt ihre Augen, denn Ozon sorgt für die Wasserhygiene.

Und im Sommer kann man von der Liegewiese aus die berühmten Dolomitengipfel bewundern – und gestärkt erwandern.

Diana Seufert

Italien: Der Bioland-Betrieb Radoarhof in Feldthurns

Könnte man Sonnenstrahlen in Gläser füllen, dann sähen sie sicher so aus wie das, was Norbert Blasbichler gerade so großzügig einschenkt: Apfelsaft, selbst gemacht. Es ist Sommer und die Luft drückend, selbst hier oben in Feldthurns, auf 860 Metern Höhe und im Schatten der Weinreben, die sich wie ein grünes Sonnensegel über die Terrasse des Radoarhofs spannen. Der Hof im Eisacktal erinnert mit seinen hohen Mauern, den Kühen mit ihren langen Wimpern und den vereinzelt im Gras scharrenden, roten Hühnern an ein Bild aus einem Kinderbuch. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Darüber hinaus ist der Radoarhof ein Bioland-Betrieb: Äpfel, Wein, Destillate und alle anderen Erzeugnisse, die man im „Hofladele“ kaufen kann, werden nach strengen ökologischen Richtlinien hergestellt. Blasbichler nimmt einen Schluck Apfelsaft. „Das ist mein Energiespender. Wenn ich abends richtig erledigt bin, trinke ich ein Glas. Das macht mich wieder munter.“ Es fällt schwer, sich den Biobauern „richtig erledigt“ vorzustellen. Braungebrannt, in Polohemd und Shorts erinnert der 43-Jährige an einen Tennislehrer, der die Hälfte seines Lebens an der Côte d’Azur verbracht hat. Ob es nur am Apfelsaft liegt? Oder am ökologisch-korrekten Lebenswandel? „Wenn man auf biologischen Anbau umstellt, verändert sich auch das Denken.“

Alles Bio

Erst wollte Blasbichler das ganze Bio-Ding gar nicht. Er hat den Hof von seinen Eltern übernommen, bewirtschaftet ihn mit seiner Frau Edith, ihren drei Kindern und seiner Mutter. „In den 90ern haben wir von Viehwirtschaft auf Obstanbau umgestellt“, erinnert er sich. „Wir haben Apfel bäume gepflanzt und wie üblich gegen Schädlinge gespritzt. Danach haben die Hühner drei Wochen lang keine Eier mehr gelegt.“ Das gab ihm zu denken. 1997 entschied er sich dann für die Umstellung, obwohl sie einige Nachteile mit sich brachte: „Es macht mehr Arbeit, und die Erträge sind geringer.“

Und das, obwohl sich Bio-Produkte zu besseren Preisen verkaufen lassen. Der Vorteil des Ganzen sei aber nicht annähernd in Geld aufzuwiegen, meint Blasbichler. „Ich fühle mich gut. Und ich muss keine Angst mehr haben, dass einer von uns versehentlich Gift einatmet.“ Er geht an den Bäumen entlang, die dicht beim Haus stehen. Zwischen den Baumreihen wuchern Kräuter, blühen Wiesenblumen. „Sonnenblumen haben wir auch gepflanzt.“ Die Blumen sind Konzept – wider die Monokultur und als Lebensraum für Nützlinge. „Mittlerweile habe ich so viele Marienkäfer, dass ich sie tütenweise verkaufen könnte.“ Er schmunzelt.

Machen Äpfel glücklich?

Seinen Hauptumsatz macht der Biobauer mit Wein, aber mit den Äpfeln kann er mehr experimentieren. Blasbichler pflanzt Sorten, die schon lange vom Markt verschwunden sind, die wegen ihrer Form oder ihres Geschmacks nicht massentauglich sind. Dafür sind sie oft resistenter gegen Krankheiten. „Der eine ist gut für Kuchen, der andere hat ein wunderbares Aroma für Obstbrand.“ Blasbichler betrachtet seine Bäume. Dann deutet er auf eine Rose, die zwischen den Ästen rankt: „Schön, nicht?“ Er sieht sehr zufrieden aus. Ob Äpfel glücklich machen? Ihn sicher. So lange es die eigenen sind. „Ich ess‘ keine anderen!“

Sabine Unterholzner, Leiterin des Obstbaumuseums in Lana über…

… den Apfel als Symbol:

„Der Apfel war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts und sogar bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts hinein eine sehr kostspielige Frucht, deren Genuss der Oberschicht vorbehalten war. Seine Haltbarkeit verband man mit dem Bild der Lebenskraft. Wohl deshalb ist in Märchen von goldenen Äpfeln die Rede. Die Formvollendung und Kugelform des Apfels wurde ab dem Mittelalter jener von Himmelskörpern, die man auf den Schöpfer zurückführte, gleichgestellt. So setzte sich der Reichsapfel als Herrschaftssymbol durch. Daneben ist bis heute der Paradiesapfel, den Eva vom Baum der Erkenntnis pflückte und Adam reichte, ein beliebtes Thema in künstlerischen Darstellungen.“

… den Unterschied zwichen alten und neuen Apfelsorten:

„Wir unterscheiden zwischen den sogenannten alten Sorten und den Erwerbssorten, wobei ,alt‘ dabei relativ ist. Erwerbssorten sind Äpfel, die aktuell im Handel sind. Das sind zur Zeit zwölf Sorten, darunter Granny Smith oder Golden Delicious, die es schon sehr lange gibt. Alte Sorten aus unserer Sicht sind die, die nicht mehr im Handel sind.“

… die Etsch-Regulierung:

„Ohne die Regulierung der Etsch gegen Ende des 19. Jahrhunderts wäre Südtirol nicht das erfolgreiche Apfelanbaugebiet, das es heute ist. Aus Sumpf- und Sandland wurden durch die Umleitung und Begradigung von Südtirols größtem Fluss fruchtbare Böden gemacht und die jährlichen Überschwemmungen eingedämmt.“

 

Service: Ökologisch korrekte Ferien

 
 

Anjali Tolani, Managerin des Yoga- und Ayurveda-Zentrums Swaswara im indischen Gokarna (www.swaswara.com).

Nachhaltiges Reisen boomt: So können Verbraucher grüne Angebote von Etikettenschwindel unterscheiden.

Mal ist es die Solaranlage auf dem Dach, mal eine sparsame Klospülung, mal nur die Lodge im Grünen – mit dem PR-wirksamen Label „öko“ oder „sanftem“ Tourismus schmücken sich Hotels und Reiseanbieter gerne. Kein Wunder: Es lohnt sich für sie. Immer mehr Touristen wollen umweltschonend reisen – und sind bereit, dafür auch etwas tiefer in die Tasche zu greifen. Nachhaltige Reisen – also Reisen, die auf Umwelt und Menschen vor Ort achten – boomen derart, dass Verbraucherschützer bereits vor grünen Mogelpackungen warnen. Tatsächlich kann der Begriff Öko im Tourismus „wie ein Kaugummi gedehnt und zu reinen PR-Zwecken genutzt werden“, sagt Angela Giraldo von der Kontaktstelle für Umwelt und Entwicklung (KATE).

Für den Tourismusexperten Ludwig Ellenberg von der Humboldt Universität Berlin sind weltweit „95 Prozent der Öko-Urlaubsangebote Etikettenschwindel“. Denn anders als bei Bio-Lebensmitteln sind die Kriterien dafür, was eine Eco-Lodge oder einen Bio-Urlaub ausmacht, nirgendwo verbindlich festgelegt.

Marlene Platter, Chefin des Bio-Hotels
Oberglunigerhof in Tscherms Südtirol
(www.oberglunigerhof.it).

Das verunsichert immer mehr umweltbewusste Touristen. Und doch bieten ihnen einige seriöse Initiativen Orientierung. Etwa das rote Label „CSR-Tourism-Certified“ (www.tourcert.org) Es ist das erste Siegel, das sich ernsthaft bemüht, die gesamte Wertschöpfungskette einer Reise unabhängig alle zwei Jahre auf Nachhaltigkeit zu überprüfen. Die Zertifizierung beginnt beim Papierverbrauch im Reisebüro, geht über die Gruppengröße, die Art derAnreise und reicht bis zur Auswahl geeigneter Hotels, die festgelegte Sozial- und Umweltnormen erfüllen. Entwickelt wurde das Zeichen von KATE-Stuttgart und dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) in Zusammenarbeit mit dem Forum Anders Reisen (www.forumandersreisen.de) , einem Zusammenschluss von 150 Veranstaltern – allesamt Initiatoren, die nicht nur die Ökologie, sondern auch die sozialen Auswirkungen eines Urlaubs auf dem Schirm haben. Heute dürfen 35 Reiseunternehmen das Siegel tragen. Hilfreich für Verbraucher, aber kein Siegel, ist das Tourism Sustainability  Council (TSC). Seine Mitglieder – darunter das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) ebenso wie Hotelketten und die Umweltschutzorganisation Rainforest Alliance – haben 2008 freiwillige Kriterien für „nachhaltiges Reisen“ entwickelt. Dieser Global Partnership for Sustainable Tourism Criteria – kurz GSTC – ist allerdings ein freiwilliger Standard: Er verpflichtet kein Mitglied, die mitunter recht schwammig formulierten  Mindestkriterien auch zu erfüllen. Sie sollen diese jedoch anstreben. Kunden, die sich im Urlaub in erster Linie für Bio-Kost auf dem Teller interessieren, können mithilfe einiger nützlicher Infoquellen den passenden Ferienanbieter herausfinden. Viele Bio-Bauerhöfe haben sich über das internationale Netzwerk ECEAT, das European Centre for Ecological and Agricultural Tourism, vereint. Auch der Verein Bio-Hotels (www.biohotels.info) listet Unterkünfte auf, die nur Lebensmittel aus Bio-Anbau servieren. Bio-Bauernhöfe etwa in Südtirol finden Reisende zudem über die Webseite des Verbands Roter Hahn (www.roter-hahn.it). Die dort genannten Betriebe müssen nicht nur Mitglied eines kontrollierten Bioverbands sein, sondern ihre  Energie auch aus erneuerbaren Quellen beziehen. Eine vierte Möglichkeit, echte Bio-Angebote zu finden, ist die europaweite Initiative Green Travel Market. Sie fördert nachhaltigen Tourismus auf dem  Land.

Um echte von falschen Ökoreisen unterscheiden zu können, reicht es aber oftmals schon aus, einfach genau hinzugucken. „Gäste sehen, ob die Lodge aus lokalen Materialien oder aus Beton gebaut wurde“, rät Angela Giraldo von KATE. „Sie können auch nachhaken, ob heimische oder importierte Früchte serviert werden und ob das Hotel Leute aus der Gegend anstellt.“

Martina Hahn

Italien: Ferienregion Kronplatz

Kronplatz Sonnenaufgang am Peitlerkofel

Die Kultur Ladiniens bewahren

Im Winter ein familienfreundliches Skigebiet, im Sommer ein wunderbares Refugium für Kletterer, Wanderer und Biker: Die Region rund um Bruneck und den „Aktivberg“ Kronplatz im Herzen des Südtiroler Pustertal ist nicht nur bei Familien sehr beliebt.

Noch hängt die morgendliche Dämmerung über den Dolomiten, wenn Michael Call mit seinen Gästen den Maurerberg erklimmt. Auf 2326 Metern steht das Gipfelkreuz – den mächtigen Peitlerkofel und die Geisler-Gruppe im Rücken. Doch um diese Uhrzeit nimmt das kaum einer wahr. Der Blick geht Richtung Osten. Die Gruppe wartet auf den ergreifenden Moment des Sonnenaufgangs. Langsam schiebt sich die orangerote Scheibe hinter den dunklen Bergspitzen hervor. Ein faszinierender Anblick, für den sich das frühe Aufstehen gelohnt hat.
Dreimal in der Woche macht Michael Call diese Tour. Der Sohn des Hoteliers Franz Call vom Vier-Sterne-S Hotel „Almhof Call“ in St. Vigil in Enneberg ist gerne in der Nacht auf den Bergen. Mit dem Auto bringt er die Nachtschwärmer ins Gadertal und durch dessen kleinstes Dorf Untermoi, am Eingang zum Naturpark Puez-Geisler. Danach steht ein längerer Fußmarsch zur Maurerberghütte an. Doch die Strapazen nehmen die Touristen gerne auf sich – für den Ausblick und die Stille.
Nicht nur diese Nachtschwärmer kommen in der Ferienregion Kronplatz auf ihre Kosten. Imposante Dreitausender sorgen für ein Panorama, das auch ausgemachte Flachländer in seinen Bann zieht. Und drei der insgesamt sieben Südtiroler Naturparke, der Naturpark Fanes-Sennes-Prags mit seiner sagenumwobenen Zauberwelt, der Naturpark Rieserferner-Ahrn und der Naturpark Puez-Geisler stellen in ökologisch intakten Gebieten den Schutz der Natur und der Landschaft in den Vordergrund.
Bei ausgedehnten Touren durch die Naturparke stößt man auf eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt. Die scheuen Gemsen sind schnell wieder verschwunden. Die Murmeltiere dagegen sonnen sich neben ihrem Bau und lassen sich von den Touristen, die sofort zur Kamera greifen, nicht stören.
Wilde und unberührte Berge: Auf dem Hochplateau der Klein Fanesalm, am Fuße der Lavarella, kann man sie genießen. Durch das innerste Rautal führt der Weg zur Hütte Pederü auf 1545 Metern. Ab hier heißt es, zu Fuß weitergehen. Nur selten werfen die grasenden Kühe einen Blick auf die Wanderer, die sich am Vigilbach vorbei aufmachen, 500 Höhenmeter zu erklimmen. Vorbei an Schuttlawinen, grauen Felsgraten und steilen Bergflanken führt der Weg durch niedrige Kiefern den Dolomitenwanderweg entlang zur Fanesalm. Wie ein Spiegel liegt der Grünsee zwischen der Faneshütte und der Lavarellahütte, umrahmt von karstigen Felsformationen. Wer es bequemer möchte, lässt sich mit dem Hüttenbus nach oben bringen und wandert von dort talwärts Richtung Enneberg oder auch nach Cortina d’Ampezzo, Tofana und Lagazoi im Blick. Die beiden Hütten sind auch perfekte Ausgangspunkte für Exkursionen um den Monte Cavallo, zum Piz d’Lavarela oder zu den Spitzen der Kreuzkofelgruppe. Grünsee

Nervenkitzel und Ausblicke

Den richtigen Nervenkitzel und jede Menge tolle Ausblicke erhalten Kletterfreunde, die die Gipfel erstürmen. Max Willeit, der erfahrene Berführer aus Enneberg, und sein Freund Simon Kehrer nehmen aber nicht jeden mit auf die Tour. „Die Kondition muss stimmen, und die Einstellung“, sagt Max Willeit. Mit Seilen und Helm ausgerüstet, holt er die Mutigen ab. Wer vorher schon zweifelt, dem rät er, lieber eine gemütlichere Wanderung zu unternehmen statt ans Limit zu gehen. Dann aber geht es hoch hinaus, um den Klettersteig und anschließend die Furcia Rossa Spitze auf 2806 Metern Höhe zu erklimmen.
Die Südtiroler wachsen zweisprachig auf. Meistens. Denn in den fünf Tälern rund um den Kronplatz wird eine weitere Sprache gepflegt: Das Ladinische. Entstanden aus dem Latein der Römer, hat sich eine ganz eigene Kultur und Sprache im Fassatal, Grödnertal, Gadertal, Fodon-Tal und Ampezo-Tal entwickelt. Die Geschichte Ladiniens, das über drei italienische Provinzen verteilt ist, wird im Landesmuseum für ladinische Kultur in St. Martin in Thurn im Gadertal audio-visuell aufbereitet. Vor allem das Handwerk mit Truhentischlern aus dem Gadertal, Wandermalern aus dem Fassatal oder dem Silberfiligranhandwerk aus Cortina lässt die Besucher staunen. Zahlreiche Tondokumente unterstreichen den Wunsch, Sprache und Kultur zur eigenen Identität zu erhalten. Denn längst können viele Jüngere das Ladinische zwar noch verstehen, aber selbst nicht mehr sprechen.
Kronplatz Ladinisches Museum Erhalten bleiben die Traditionen in den Viles, kleinen Ansammlungen von Höfen, die sich scheinbar an die Bergwiesen des Gadertals kauern. Giovanni Mischi ist in Misci, unterhalb der Zehnerspitze, aufgewachsen und schwärmt von seiner Heimat: Eine Harmonie von Natur- und Kulturlandschaft, die das Erbe der Vorfahren bewahrt. Vier bis fünf Wohnhäuser bilden eine eingeschworene Gemeinschaft, mit den angrenzenden Ställen und Scheunen sind sie zu einer richtigen Versorgungseinheit verwoben.
Nicht nur hier werden auch die kulinarischen Traditionen der Kronplatzregion weiter gepflegt. Schlutzkrapfen zum Beispiel, kleine gefüllte Teigtaschen, die mit flüssiger Butter serviert werden. Oder Canci Checi, in Öl ausgebackenes Hefe-Quark-Gebäck, das süß oder herzhaft ein Genuss ist. Ganz besonders schmecken sie im historischen Ambiente des Gasthauses „Gran Ciasa“ in Enneberg. Die gute Stube wird aber nur zu besonderen Anlässen geöffnet. Dann präsentiert sie ursprüngliche Gemütlichkeit.

Diana Seufert

Italien: Gustav Mahler in Südtirol

30 Jahre Gustav Mahler Musikwochen

Zwei Gustav-Mahler-Jubiläen, zwei Gustav-Mahler-Orte – so begeht Toblach im Hochpustertal das Mahler-Festjahr 2011. Und es passt ganz zu diesem großen österreichischen Komponisten, dass sowohl die beiden Jubiläen als auch die beiden Orte kaum gegensätzlicher sein könnten: „30 Jahre Gustav Mahler Musikwochen“ fallen im Pustertal mit Mahlers hundertstem Todestag zusammen. Ein Grund zum Feiern und ein Grund zum Trauern, ein prunkvolles Festspielhaus und ein entlegenes Komponierhäuschen, ein großes Werk und eine große Krise. Willkommen in der zerrissenen Welt Gustav Mahlers. Willkommen in seinem Sommerferienort Toblach.

„Für mich ist Mahler unheimlich – er ist konträr und genau das macht ihn so spannend“, sagt der Toblacher Josef Lanz. „Man weiß bei ihm nie genau, woran er glaubt. An die Schönheit der Wiese oder an die krabbelnden Tiere darunter.“ Lanz, seit 1994 künstlerischer Leiter der Musikwochen, ist ein ruhiger und feingliedriger Mann mit grauem Bart und grauen Haaren. Manchmal wirkt er, als trüge er selbst ein Stück der Mahler’schen Zerrissenheit in sich. Wir treffen Josef Lanz vor dem Grandhotel in Toblach, das vor zwölf Jahren zum Kulturzentrum umgebaut wurde. Zusammen mit dem Gustav-Mahler-Konzertsaal – mit 460 Sitzplätzen und einer ausgezeichneten Akustik – ist er das Herzstück des k. u. k. Gebäudekomplexes, zu dem auch ein Spiegelsaal, Seminar- und Ausstellungsräume, eine Jugendherberge und ein Restaurant gehören. Die prunkvollen Fassaden bilden einen Kontrast zum dunklen Bergwald und gleich dahinter erheben sich die Dolomiten. „Mahlermusik muss man total in sich aufnehmen“, sagt Lanz bestimmt, „sonst hat man gar nichts davon.“

Wie so viele andere Wiener kam Mahler im frühen 20. Jahrhundert nach Südtirol, damals noch Teil des kaiserlichen Österreichs. Von 1908 bis 1910 hatte er dreimal die Sommermonate in Toblach verbracht – sicherlich auch, weil das Reisen mit der Südbahn für die Wiener Gesellschaft schon damals ganz komfortabel war. Aber Gustav Mahler hat in Toblach eben nicht nur die schöne Landschaft genossen. „Hier durchlebte er ja auch seine große Krise“, so Lanz. Der plötzliche Tod der ältesten Tochter 1907, die Diagnose seiner Herzkrankheit, die Liebesaffäre seiner Frau Alma mit Walter Gropius. All das schlug sich natürlich auch auf sein Werk nieder: Er hat nach der 8. Sinfonie das „Lied von der Erde“ geschrieben. „Da hat sich alles für ihn geändert“, sagt Lanz. „Alles ist nur noch ein Abschied nehmen.“

Lanz blickt nach Westen ins Hochpustertal, wo grüne Hänge und kleine Ortschaften liegen, von der Bergwelt eingerahmt. Dann sagt er: „Es ist unglaublich, wie man sich in dieser Gegend seelisch so zerfleischen kann. Mahler hätte sich doch auch in den Liegestuhl legen und ein paar Gläschen Wein trinken können. Ich glaube, er hat das Leid schon auch genossen.“ Das Komponierhäuschen befindet sich etwas oberhalb von Toblach im Ortsteil Altschulderbach. Bis zur Gustav Mahler Stube im Trenkerhof kann man mit dem Auto fahren. Hier hat Mahler seinerzeit gewohnt, und um in Ruhe arbeiten zu können hat er sich dann das Komponierhäuschen bauen lassen. Das erreicht man heute absurderweise, indem man durch den Tierpark Altschulderbach geht, vorbei an einem Kinderspielplatz, an Ponys und Wildschweinen, Hühnern und Ziegen, Straußen und Lamas. Mittendrin steht das Komponierhäuschen – eine schlichte Fichtenholzhütte, etwa drei mal drei Meter groß. „Es ist schon beeindruckend, was er hier geschaffen hat: Die Neunte, die Zehnte und dann das Lied von der Erde“, sagt Josef Lanz, „das ist doch unglaublich.“

Aber so wie Gustav Mahler sich in Toblach quälte, so quälten sich die Toblacher lange auch mit ihm. „Meine Mutter hat ihn noch gesehen, als er von hier aus hinüber zur Kirche auf die andere Talseite ging“, erinnert sich Lanz. Mahler habe seine Mutter sehr beeindruckt, aber für viele Leute hier in Toblach war er einfach nur eigenartig, ein weiterer Exzentriker aus der Stadt. Das Bewusstsein dafür, was Mahler hier geschaffen hat, ist erst viel später gekommen. 1957 erinnerte man sich in Toblach zwar wieder an Mahler und enthüllte am Trenkerhof eine Gedenktafel, mehr aber auch nicht. „Mahlers Musik“, erklärt Lanz, „galt ja bis in die 1970er Jahre als trivial. Die höheren Zusammenhänge hat man damals noch nicht erkannt.“ Diese nahm man in Toblach dann erst 1981 unter die Lupe, als im Sommer die erste Musikwoche stattfand, nachdem sich der Direktor des Verkehrsamtes Toblach an die Internationale Gustav-Mahler-Gesellschaft in Wien wandte und man sich schließlich zu einer Musikwoche in Mahlers Sommerlandschaft durchringen konnte. Ein, wie Lanz heute sagt, „guter Kompromiss zwischen touristischem und künstlerischem Anspruch.“ Es wurde nicht nur Mahlers Musik gespielt, sondern auch Vorträge über ihn gehalten – ein Konzept, das sich 30 Jahre lang bewährt hat. Josef Lanz steht noch eine Weile am Komponierhäuschen und schaut ins Tal. Dann sagt er: „Ich glaube, sein Leben ist ihm erst hier bewusst geworden. Hier in Toblach hat Gustav Mahler die Vergangenheit eingeholt.“

Infos:

Weitere bekannte Festivals für klassische Musik in Südtirol sind die Meraner Musikwochen mit Schwerpunkt auf die sinfonischen Werke, das über den ganzen Sommer andauernde Bolzano Festival Bozen und die Festspiele Südtirol in Toblach.

Im Naturpark Fanes-Sennes-Prags, direkt am Pragser Wildsee in den Dolomiten gelegen, ist das Hotel Pragser Wildsee Ausgangspunkt für Bergwanderungen und Hochgebirgstouren.

Gustav Mahler Musikwochen
Dolomitenstr. 31
39034 Toblach
Tel. +39 0474 976 151
www.gustav-mahler.it

Italien: Zu Besuch bei Ötzi in Bozen

„Puh, das riecht aber komisch.“ Der kleine Felix rümpft die Nase, aber den breiten Mantel aus Fellresten gibt er nicht her. Schnell wirft er sich das viel zu große Kleidungsstück über und zieht die Mütze auf. Jetzt fühlt er sich nicht nur ein bisschen wie Ötzi, der Mann aus dem Eis, sondern ein sieht auch wie eine Miniaturausgabe von ihm aus. Fehlen nur noch Pfeil und Bogen. Strahlend posiert er vor Mama und Papa. Bei der Sonderausstellung „Life. Science. Fiction. Reality – Ötzi 20“ im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen gibt es neben den wissenschaftlichen Aspekten, die mit der Entdeckung der 5300 Jahre alten Mumie in Zusammenhang stehen, auch interaktive und spannende Erlebnispunkte über die Forschungsarbeit der letzten 20 Jahre. Gerade im Jubiläumsjahr lockt die Stadt an Talfer und Eisack wahre Besucherströme an.

Wer ins Museum im Stadtzentrum will, sollte sich rechtzeitig auf den Weg machen. Schon kurz nach der morgendlichen Öffnung der Pforten bilden sich lange Besucherschlangen. Die Eismumie ist auch 20 Jahre nach der Entdeckung in den Ötztaler Alpen ein wahrer Magnet. Und so führt der Weg schnell zum Fester an der Kältekammer, in der der faszinierende Mensch aus der Kupferzeit bei frostigen Temperaturen ruht. Kleine Knipse setzt der Körper dabei genau in Erstaunen wie erwachsene Besucher, die sich gerne auch ein zweites Mal in die Schlange stellen, um die Tätowierung am Fuß genau zu betrachten. Warum der Mann so komisch aussieht, fragt ein kleines Mädchen seine Mutter. Und die hat ihre liebe Not mit einer einfachen Erklärung. Das weiß der kleine Felix schon: „Der lag einfach so lange auf dem Berg“, meint er. Nach dem Blick auf die Fundstücke „Ötzis“, wie Pfeil und Bogen, Feuerstein und Getreidekörner, und auf die sehr realistische Plastik, die scheinbar jeden Moment durch die Räume wandern könnte, werkelt er an einer Bastschnur. Spannend für die Besucher ist auch der ernährungswissenschaftliche Bereich, in dem Petersilie oder alte Getreide wie Emmer und Einkorn wachsen.

Glücksfall Ötzi

Der Kriminalfall Ötzi, der eine Pfeilspitze in der linken Schulter hat, wird wissenschaftlich untersucht. Die Mitmachausstellung zeigt aber auch, welche „Blüten“ die Entdeckung Ötzis mit sich gebracht hat, von Gedichten und Karikaturen bis zu Übersinnlichem.

„Ötzi ist ein Glücksfall für die Stadt“, finden nicht nur Roberta Agosti, Direktorin des Bozner Verkehrsamts, und viele Bozner, sondern auch gewiefte Gastronome. Deshalb darf man sich gerne ein Ötzi-Eis in der Eisdiele gegenüber des Museums gönnen. Bei einem gemütlichen Spaziergang durch die berühmte Laubengasse mit den schönen Erkern, über den Korn- und Obstmarkt oder an der Uferpromenade der Talfer zum Weingarten rund um Schloss Maretsch mit seinen Fresken und weiter zu Schloss Runkelstein ist die süße Köstlichkeit ein idealer Begleiter.

Runkelstein, die Bilderbuchburg, hat ihren Namen nicht von ungefähr: An den Wänden des Westpalas und des Sommerhauses ist der größte profane Freskenzyklus des Mittelalters zu sehen. Höfisches Leben ist bildlich festgehalten, ebenso wichtige literarische Erzählungen, wie die Geschichte um König Arthurs Tafelrunde, Tristan und Isolde oder Garel vom blühenden Tal. Die beiden Bozner Kaufleute Franz und Niklaus Vintler, die 1385 die Burganlage erwarben, wollten mit den Wandmalereien ihren Lebensstil unterstreichen und mit dem Adel konkurrieren. Doch den sittlichen und moralischen Verfall von Adel und Klerus machte Niklaus Vintlers Neffe Hans zum Grundstock für die Erweiterung und Übersetzung des italienischen Lehrgedichtes „Pluemen der Tugent“, das eng mit der Burg verknüpft ist. Wie im 19. Jahrhundert König Ludwig I. von Bayern, so zieht auch heute noch die gut erhaltene mittelalterliche Burganlage die Besucher in ihren Bann.

Wen es nicht sofort zurück in die Südtiroler Landeshauptstadt und zum Waltersplatz mit der Statue des mittelalterlichen Minnesängers Walter von der Vogelweide zieht, der sollte die Talfer überqueren und zur Talstation der Seilbahn gehen, um nach Jenesien zu fahren. Über die prächtigen Weinberge mit den auf Pergolen gezogenen Reben geht es in wenigen Minuten auf 1100 Meter Höhe. Ruhig gelegen, auf dem Hochplateau des Salten, finden Wanderer und Spaziergänger eine zauberhafte Landschaft mit herrlichen Blicken auf Bozen und die Dolomiten rund um den Schlern.

Das quirlige Bozen genießen heißt auch, italienische und deutsche Kultur genießen. Denn die alte Handelsstadt ist ein lebendiger Treffpunkt von Nord und Süd, von deutscher Gründlichkeit und italienischem Charme. Musik und Kunst fühlen sich hier zu Hause, was sich nicht nur in den Museen und sommerlichen Konzerten widerspiegelt.

Diana Seufert

Noch mehr zu Ötzi finden Sie hier: Ötzi mit neuem Gesicht

Infos

Bozen bietet vom Kurzurlaub bis zum Urlaub auf dem Bauernhof viele Möglichkeiten, auch für Kinder. Wen es in historische Mauern zieht, kann im 100 Jahre alten Hotel Laurin residieren, nur wenige Meter vom Walterplatz entfernt.

Für Kulturbegeisterte empfiehlt sich die BozenCard des Verkehrsamts, mit der man unter anderem kostenlosen Eintritt in zahlreiche Museen, wie auch das Südtiroler Archäologiemuseum, sowie weiteren Sehenswürdigkeiten, wie Schloss Runkelstein, hat und auch die öffentlichen Verkehrsmittel und die Bergbahnen nutzen kann.

Die Ausstellung „Life. Science. Fiction. Reality – Ötzi 20“ ist noch bis 15. Januar 2012 im Südtiroler Archäologiemuseum zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17.30 Uhr, im Dezember sogar täglich. (www.iceman.it oder www.oetzi20.it).

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.bolzano-bozen.it