Cabo Verde: Fogo – Ein perfekter Vulkankegel mitten im Meer

Alle Kapverdischen Inseln wurden aus dem Feuer des Erdinnern vor Urzeiten geboren. Auf Fogo scheint diese Geburt aber erst gestern vollzogen worden zu sein: Der Vulkan gab ihr die Form, spie den imposanten Kegel aus, der das unverwechselbare Markenzeichen der Insel ist. Fast 3.000 Meter ragt das perfekt geformte Dreieck in den Himmel, weithin sichtbar als unübersehbares Menetekel.

Dem Feuer verdankt Fogo alles. Es schuf den fruchtbaren Boden und nimmt ihn den Menschen immer wieder fort. Ohne Vorwarnung, auch wenn sie ihn gerade mühsam beackert haben. Die Fahrt von der Inselhauptstadt Sao Filipe an der Küste Fogos, bis hinauf zur Caldeira, dauert ungefähr zwei Stunden, in denen 100.000 dramatische Jahre Erdegeschichte zu Augenblicken komprimiert werden.

Lavaströme, Ascheberge und Tuffkegel

Anfangs beherrscht noch sonnenverbranntes Savannengras die Landschaft. Zu beiden Seiten der Straße gehen endlose Dörfer fast nahtlos ineinander über. Die Menschen nutzen jeden Quadratmeter des trockenen Bodens, ringen ihm in mühseliger Arbeit ein paar grüne Halme ab. Aber die meisten Pflanzen vertrocknen, noch bevor die Ernte eingebracht werden kann. Ein fast aussichtsloses Unterfangen in dieser archaischen Landschaft das Überleben zu sichern. Mit zunehmender Höhe werden die Dörfer seltener und die Landschaft immer lebensfeindlicher.

Dutzende Parasitärkrater überziehen den Berghang wie übergroße Pickel. Relikte einer langen vulkanischen Vergangenheit prägen hier das Bild der Insel: Erodierte Lavaströme, Ascheberge, Schlackehaufen und Tuffkegel lassen Menschen, Tieren und Pflanzen kaum eine Chance. Für den flüchtigen Besucher geht die Reise durch eine grandiose Welt, geformt von Naturgewalten. Rücksicht auf menschliche Bedürfnisse kann hier niemand erwarten.

In der Caldeira

Dann führt die Straße schnurgerade in die Caldeira hinein. In einen halbkreisförmigen Einsturzkrater mit acht Kilometern Durchmesser. Es sind die Reste eines gewaltigen Urvulkans 1.700 Meter über dem Meer. Geologen vermuten, dass dieser Vulkan den heutigen Kegel noch um 1000 Meter überragt hat, bis er in einer gewaltigen Katastrophe weg gesprengt wurde. Hier ist alles Schwarz – gerade so als ob der Vulkan sämtliche Farben verschlungen hätte.

Trotz Sonnenschein und strahlend blauem Himmel hat die Szenerie etwas Bedrohliches. Die Landschaft ist bizarr und faszinierend, übersät von dunkler, scharfkantiger Lava in allen erdenklichen Formen. Aber mitten im Krater leben Menschen! Ein paar Dutzend Häuser, die meisten aus scharfkantigen Basaltsteinen errichtet, zeugen von dem ungebrochenen Optimismus auch den widrigsten Bedingungen zu trotzen. Mittelpunkt des kleinen Ortes ist die Cooperativa. Sie dient als Minisupermarkt und Bar und ist Treffpunkt für Einheimische und Touristen.

Auf den Pico

Im Dorf beginnt der Aufstieg auf den fast 3.000 Meter hohen Pico de Fogo. Schon bald nach dem Verlassen des Dorfes treibt der Wind plötzlich einen atemberaubenden Gestank nach faulen Eiern heran. Er kündigt den Wechsel von monochromer, schwarzer Einöde zu einer bunten Farbenpracht an. Rund 50 Jahre lang schlummerte der Vulkan. Gelegentliche leichte Erdstöße nahm niemand ernst. Auch nicht die Bewohner von Cha das Caldeiras, die sich im Kesselboden direkt unter dem Vulkankegel angesiedelt hatten, wähnten sich in Sicherheit.

Doch am 2. April 1995 war es dann mit der Ruhe vorbei. Der Pico erwachte urplötzlich wieder zum Leben. Die Bergflanke brach auf und gewaltige Lavamassen ergossen sich in die Caldeira. Die einzige Straße wurde zerstört, das Dorf musste evakuiert werden. Am schlimmsten traf es die Weinkooperative, denn die Lava begrub einen Großteil der Weinstöcke unter sich und zerstörte damit die Lebensgrundlage vieler Menschen.

Eine trügerische Ruhe

Heute ist der Pico de Fogo wieder ein zahmer Riese mit einem zackig abgerissenem Hauptgipfel. Dort, wo vor vier Jahren die Lava hervorquoll, ist die Bergflanke aber noch immer schrundig zerklüftet, so wie eine frische Wunde. Ätzende und stinkende Schwefelschwaden dringen hier aus Spalten und Rissen. Mit jedem Schritt wird die Erde heißer, die schon erstarrte Außenhaut immer dünner. Plötzlich ist Gelb die dominierende Farbe. In allen Schattierungen von zartem Hellgelb über Goldgelb bis hin zu einem kräftigen Orange reicht die Farbpalette.

Um die fauchenden Löcher, die wie dunkle Augen wirken, bilden sich zarte Nadeln kristallinen Schwefels. Nach dieser grandiosen Farbenorgie ist der Gipfel fast eine Enttäuschung. Ein paar Rauchschwaden sind die einzigen Anzeichen, dass unter dem Vulkankegel noch Leben ist. Dafür entschädigt jedoch die Aussicht. Santiago und das kleine Brava sind gut zu erkennen und auch die anderen Inseln des Archipels sind im fernen Dunst zu erahnen.

Mehr als 1000 Meter unter dem Gipfel prallen die Passatwolken gegen den Berg und kriechen dann langsam über den Boden der Caldeira. Sie sorgen dafür, dass der Nordostteil Fogos eine grüne Oase inmitten der Lavamassen ist. Vom Gipfel aus sind die einzelnen Lavaströme noch gut zu unterscheiden. Der von 1951 ist durch Erosion schon braun geworden, der vom letzten Ausbruch 1995 ist dagegen noch tiefschwarz. Die Lavaströme haben das kleine Dorf regelrecht in die Zange genommen. Erst unmittelbar vor den ersten Häusern stoppte die meterhohe Lava.

Christian Nowak

Island: Rauchschwaden und dunkle Burgen am Mückensee

 

Akureyri im Norden der Insel, immerhin schon in Sichtweite des Polarkreises, empfängt uns mit fast sommerlichem Wetter. Was für eine nette Überraschung, denn immerhin ist es schon Anfang Oktober. Die drittgrößte Stadt Islands liegt am Ende eines engen Fjordes, dem Eyjafjördur. Hinter den Häusern der Stadt ragen schneebedeckte Bergketten auf. Eine Landschaft, die mit Norwegens Fjordland verblüffende Ähnlichkeit hat, wenn da nicht die unübersehbaren Spuren des allgegenwärtigen Vulkanismus wären.

Zum Mückensee

Akureyri ist der beste Ausgangspunkt für einen Besuch des Myvatn. Der Mückensee hat seinen Namen verdient, denn selbst im Herbst fallen die schwirrenden Plagegeister über jeden – egal ob Mensch oder Tier – kompromisslos her. Einziger Trost ist, dass sie ihr Revier nur unmittelbar am See haben. Im Myvatn-Gebiet sind auf kleinstem Raum die gegensätzlichsten Landschaften und alle Formen vulkanischer Aktivitäten zu finden. Der nur maximal vier Meter tiefe See ist durch unzählige Inseln, Buchten und Landzungen zergliedert, alles ist mit einem grünen Teppich überzogen. Die Bauernhöfe und die frisch gemähten Wiesen am Ufer zeugen von dem für isländische Verhältnisse fruchtbaren Boden. Auf dem grün und blau schimmernden Wasser tummeln sich Singschwäne und die verschiedensten Entenarten. Selbst die ausgefressenen Lavatürme am Ufer und die über den ganzen See verstreuten, durch Dampfexplosionen entstandenen, kreisrunden Pseudokrater, stören das liebliche Bild der Landschaft nicht.

Eine Mondlandschaft im Farbenrausch

Aber nur wenige Kilometer vom Seeufer entfernt ist es mit der Ruhe vorbei. Plötzlich stehen wir in einer lebensfeindlichen Mondlandschaft. Hier tobt sich der Spaltenvulkan Krafla aus, sorgt für einen der Hot Spots Islands. Seit 1975 versucht man ihn anzuzapfen und seine geothermische Energie zur Stromerzeugung zu nutzen. Aber die Krafla ist unberechenbar. Mal sind es frische Lavaströme, die Probleme bereiten, dann verstopft Magma die Bohrlöcher oder aggressiver Dampf korrodiert die Pipelines. Was den Kraftwerkbetreibern graue Haare wachsen lässt, beschert Besuchern eines der schönsten Solfatarenfelder Islands.

IMG_1055

An den Hängen des intensiv ockerfarbenen Berges Namafjall brodelt und zischt es unaufhörlich. In den metergroßen Schlammtöpfen blubbert die kochend heiße, graue Tonmasse. Bläht sich zu Luftballongröße, zerplatzt, um an anderer Stelle sofort wieder eine neue Blase zu werfen. Überall riecht es nach Schwefel, aus dem durchlöcherten Boden entweicht der Dampf mit scharfem Zischen. Steigt als weiße Rauchsäule meterhoch in die Luft. Der scharfe Atem aus dem Erdinnern erzwingt sich den Weg an die Oberfläche. Unvorstellbar, welche Kräfte unter den Schuhsohlen toben. Eisenoxid und Schwefel färben die Erde in allen nur vorstellbaren Schattierungen von Gelb, Orange, Ocker, Rot und Braun.

IMG_1109

Namarfjall ist eine Kulisse wie aus einem Science-Fiction Film oder Endzeitdrama. Dann geht es zu den schwarzen Burgen von Dimmuborgir. Den weiten Myvatn mit seinen grünen Inseln und Ufern noch im Blickfeld, tauchen wir in ein Labyrinth von pechschwarzen Lavatürmen ein. Hier ist der Vulkanismus schon Vergangenheit. Nichts deutet mehr auf Aktivitäten hin. Zwischen den wild zerklüfteten Türmen hat sich schon wieder Vegetation breit gemacht. Moospolster und arktische Birkenwäldchen setzen Kontraste zur toten Lava. An einem ruhigen Herbsttag mit strahlend blauem Himmel lässt tief stehende Sonne das gelbe Laub der Birken erglühen. Größer könnte der Kontrast zu den infernalischen Solfatarenfeldern am Namarfjall kaum sein.

Christian Nowak