Indien: Ladakh – weiter Schulweg im Land der Götter

© Rasso Knoller

Abstieg nach Lingshed © Rasso Knoller

Mein Atem geht schwer, der Schweiß rinnt mir am Körper hinunter. Langsam setze ich einen Schritt vor den anderen. Kehre um Kehre schleppe ich mich den Berg hinauf. Die Höhe macht mir zu schaffen. Ein junger Mann überholt mich, mit „Tschulleh“ freundlich grüßend. Kurz hinter ihm eine Frau mit einem Kleinkind an der Hand. Auch die beiden schmettern mir ein „Tschulleh“ entgegen und marschieren dann zügig an mir vorbei. Bis ich endlich zu Atem gekommen bin und zur Antwort ansetzen kann, sind sie schon hinter der nächsten Kehre verschwunden.
Ich bin im Hochland von Ladakh unterwegs, wandere über mehrere 4000 Meter hohe Pässe hinweg nach Lingshed, einem kleinen abgelegen Dorf in mitten majestätischer Berge. Ladakh liegt in Nordindien und zählt zu den höchsten bewohnten Gebieten der Erde.
An meiner Seite wandert Christian Hlade. Er ist Geschäftsführer des österreichischen Reiseveranstalters „Weltweitwandern“, eine Art Botschafter für Ladakh und so etwas wie der gute Geist von Lingshed.

Eine Schule am Ende der Welt

© Rasso Knoller

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Es klingt ein bisschen wie im Märchen. Ein junger Mann aus Österreich macht sich auf den Weg in die Welt. Nach langer Reise kommt er in ein armes Dorf und wird dort mit großer Gastfreundschaft aufgenommen. Das beeindruckt ihn so sehr, dass er beschließt, den Menschen zu helfen. Und weil er Architekt ist, will er für die Kinder in dem Dorf eine Schule errichten. Geld hat er zwar keines, aber dafür umso mehr Begeisterung und Überzeugungskraft. Und so gelingt es ihm schließlich, viele Leute in seiner Heimat für sein Projekt zugewinnen.
Die Geschichte ist aber kein Märchen und hat einen realen Hauptdarsteller. Christian Hlade, der einstige Architekt, ist inzwischen Reiseunternehmer und führt seine Gäste dorthin, wo er vor mehr als 15 Jahren die Schule baute – in die kleine Ortschaft Lingshed. Selbst heute muss man noch mehr als vier Stunden über steile Pässe wandern, bevor man vom Ende der Straße aus das Dorf erreicht. Zumindest ich bin so lange unterwegs. Die Einheimischen legen die Strecke in weniger als der Hälfte der Zeit zurück. Als Hlade das erste Mal hierher kam, war er fünf Tage lang zu Fuß unterwegs. Und auch als man die Schule baute, musste das gesamte Baumaterial über Pässe und durch Täler herangeschleppt werden.

© Rasso Knoller

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Jetzt wird eine Straße nach Lingshed gebaut. Eigentlich sollte sie schon seit Jahren fertig sein, weil der Bauunternehmer aber mit dem indischen Staat über die Bezahlung streitet, ruhen die Arbeiten nun seit geraumer Zeit. Noch endet die Straße deswegen einige Kilometer vor dem Ort. Irgendwann aber wird sie nach Lingshed führen. Schon jetzt bedeutet sie eine enorme Erleichterung für die Menschen.
Fast scheint es so, als bedauere Christian Hlade die Veränderung ein wenig. Er gibt offen zu, dass er als Veranstalter von Wanderreisen mit Einbußen rechne, wenn die Autos durch die Berge rasen und der Zanskar Treck, die bisher beliebteste Himalayaüberquerung, an der auch Lingshed liegt, seinen Ruf verliert. Denn parallel zur Straße wandert keiner gerne. Doch auch der Österreicher sieht die Vorteile für die Menschen – die Zivilisation und damit auch Ärzte, Krankenhäuser und Einkaufsmöglichkeiten rückt näher. Wie überall stellt sich aber die Frage nach Nutzen und Gefahren, die die Moderne mit sich bringt. Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft – Eigenschaften, die für die Ladakhis so typisch sind und die das Überleben in dieser unwirtlichen Region erst möglich gemacht haben – werden sie erhalten bleiben, wenn plötzlich Touristen in Massen durch das Dorf spazieren?

Mönchsspeisung im Kloster Lingshed

Mönchsspeisung im Kloster Lingshed © Rasso Knoller

Wer heute nach Lingshed reist, kann Hlades Befürchtung nur zum Teil verstehen. Denn der bisher ausgebaute Teil der Straße ähnelt immer noch sehr einem Wanderweg. Befahrbar ist er nur mit starken Nerven und einem vierradbetriebenen Fahrzeug. Touristenbusse, die das Kloster von Lingshed als Fotostopp anfahren, kann man sich momentan noch schwer vorstellen.
Dorfspaziergang als Tagesausflug
Als wir in Lingshed ankommen, wird Hlade schon von den Honoratioren und den Kindern erwartet. Die stehen am Dorfeingang Spalier für den Mann, der durch den Schulbau das Leben vieler Menschen im Dorf verändert hat.

Christian Hlade vor der Schule in Lingshed © Rasso Knoller

Christian Hlade vor der Schule in Lingshed © Rasso Knoller

Die Beliebtheit des groß gewachsenen Österreichers färbt auch etwas auf seine Begleitung ab. Auch ich werde von allen Kindern des Dorfes begrüßt und bekomme einen Katak umgehängt, einen Schal, den man in Ladakh besonders willkommenen Gästen zur Begrüßung schenkt. Seit einigen Jahren werden die Kinder in einem größeren Schulgebäude unterrichtet – indirekt hat aber Hlade auch zu dessen Bau beigetragen. Er erzählt, dass „seine Schule“ damals die indische Regierung herausgefordert habe. Die wollte sich nicht von einem irgendeinem Österreicher übertrumpfen lassen – und was jahrelang nicht möglich war, in Lingshed eine große Schule zu bauen nämlich, wurde nun innerhalb kürzester Zeit realisiert. Auch Stanzin Thinless, der junge Guide, der uns her geführt hat, drückte hier die Schulbank. Er ist ein Beispiel dafür, was Bildung bewirken kann. Der junge Mann verdient mittlerweile gutes Geld im Tourismus und kann damit seine Familie unterstützen.
Inzwischen bringt Hlade regelmäßig Reisegruppen nach Ladakh – und oft genug auch nach Lingshed. Damit sorgt er dafür, dass sich die Menschen Geld verdienen können – als Guides, Träger, Köche oder indem sie ihre Pferde und Maultiere für den Lastentransport vermieten.

Guide Stanzin Thinless © Rasso Knoller

Guide Stanzin Thinless, © Rasso Knoller

Lingshed ist ein kleines Dorf, in dem ein paar hundert Menschen leben. 60, vielleicht 70 Häuser liegen verstreut in dem Hochtal. Wer einen „Dorfspaziergang“ unternimmt, ist locker einen halben Tag unterwegs und legt dabei auf und ab sicher tausend Höhenmeter zurück. Die grün leuchtenden Felder bilden einen deutlichen Kontrast zu den kargen Bergen, steile Hänge rahmen das Dorf ein. Erhaben mag man die Landschaft nennen – Wölfe durchstreifen die Gegend, auch wenn einem Bergschrate oder Yetis auf den Bergpfaden entgegenkämen, würde das niemanden wundern.
Keine Eile für die Wiedergeburt
Lingshed liegt in einem Hochtal und bietet spektakuläre Fotomotive. Jeder Tourist kehrt von hier mit beeindruckenden Bildern nach Hause zurück. Zum Leben haben sich die Menschen von Lingshed aber eine der unwirtlichsten Gegenden unseres Planeten ausgesucht. Im Winter sinkt das Thermometer auf minus 30 Grad, im Sommer steigt es auf den gleichen Wert der Plusskala. Das schwere Leben und das Klima haben tiefe Furchen in die Gesichter der Menschen gezogen.

Auf dem Weg zur Schule. © Rasso Knoller

Auf dem Weg zur Schule. © Rasso Knoller

Und anders als man es aus den im Himalaya spielenden Bergsteigerfilmen kennt, türmen sich hier auch keine meterhohen Schneemassen auf. Lingshed liegt auf der Nordseite des Himalayahauptkamms und bis dahin schaffen es die Wolken meist nicht. Schnee oder Regen fällt fast ausschließlich auf der Südseite der Berge. Und deswegen haben die Menschen ein riesiges Problem: Wassermangel. Früher speisten die Gletscher im Frühjahr und Sommer Flüsse und Bäche. Inzwischen sind sie – Stichwort Klimawandel – fast abgeschmolzen, die meisten Wasserläufe zu Rinnsalen verkommen. Die Felder können oft nicht mehr ausreichend bewässert werden und so fällt die Ernte von Jahr zu Jahr spärlicher aus. Selbst die Gerste, das Hauptnahrungsmittel in den Hochlagen des Himalayas, wird knapp. Fleisch von Yaks, Ziegen oder Schafen gibt es ohnehin nur an hohen Feiertagen.
Dann tritt der nepalesische Schlachter des Ortes in Aktion. Er ist vor Jahren als Bauarbeiter ins Dorf gekommen und geblieben. Wenn auch die Menschen in Ladakh arm sind, so gibt es doch noch Ärmere. In der Regel heuert man Nepalis als Bauarbeiter an. Dass einer von ihnen dann als Metzger blieb, hat einen ganz praktischen Grund. Buddhisten, und das sind die Bewohner Lingsheds allesamt, dürfen zwar Fleisch essen, selbst schlachten dürfen sie aber nicht. Da war es durchaus willkommen, dass für hinduistische Nepalis dieses Tabu nicht gilt.

© Rasso Knoller

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Der Weg von Lingshed zurück in die Hauptstadt Leh ist auch heute noch eine Zweitagesreise. Eilig hat es hier in den Tälern zwischen den Himalayagipfeln ohnehin niemand. Die Straßen sind holprig, die Berge steil und meist nur zu Fuß zu bezwingen. Die Langsamkeit aber gibt einem die Möglichkeit, viel genauer hinzusehen. Die grandiose Landschaft rast nicht vor dem Autofenster dahin, man muss sie Schritt für Schritt erobern. In den Klöstern bleibt Zeit, den Gebeten der Mönche zu lauschen oder mit ihnen in die Meditation zu versinken. Ladakh ist ein Land, das seine Bewohner und Besucher zur Langsamkeit erzieht. Hier zählen nicht Minuten und Stunden, hier geht es um Größeres – um die sich beständig wiederholende Reise aus Leben, Tod und Wiedergeburt.

Text+Fotos: Rasso Knoller

Cabo Verde: São Nicolau – Auf der Suche nach den letzten Drachenbäumen

São Nicolau, mit 346 Quadratkilometern die fünftgrößte Insel der Kapverden, wäre sicherlich ein Touristenmagnet, wenn die Verkehrsanbindung nicht so schlecht wäre. Denn landschaftlich hat die Insel viel zu bieten und muss sich nicht hinter der größeren Schwester Santo Antão verstecken.

Die vier- bis fünfstündige Passage von Sal oder São Vicente mit dem betagten Frachtschiff, das sich traditionell an keinen Fahrplan hält, tun sich nur wenige Besucher an. So bleibt nur die Anreise mit dem Flugzeug. Auf dem kleinen Flugplatz landen aber selbst in der Hauptsaison nur selten mehr als 3-4 Maschinen pro Woche. Erschwerend kommt hinzu, dass wegen der kurzen Landebahn selbst die Fokker 50 der TACV São Nicolau nur halbvoll anfliegen können. So ist es nicht verwunderlich, dass die wenigen Sitzplätze in den Maschinen heiß begehrt sind und so mancher Tourist Opfer der nicht immer nachvollziehbaren Buchungspolitik der Fluglinie wird.

Ist man dann aber auf São Nicolau gelandet, sollte man sich mindestens eine Woche Zeit nehmen, denn die Insel bietet exzellente Tourenmöglichkeiten und viel Abwechslung. Klimatisch ist die Insel zweigeteilt, nördlich des Monte-Gordo-Massivs, stauen sich die Passatwolken, deshalb ist es hier feucht und grün. Der weitaus größere Teil São Nicolaus südlich des Monte Gordo und der weit nach Osten reichende Finger sind trocken und wüstenhaft.

Das beste Standquartier ist die charmante, ein wenig verschlafen wirkende Inselhauptstadt Vila da Ribeira Brava mit ihren schönen, pastellfarbenen Kolonialbauten. Der Hauptplatz zählt architektonisch zum Schönsten, was die Kapverden zu bieten haben. Noch ist die touristische Infrastruktur selbst im Hauptort äußerst bescheiden, einige Pensionen und Restaurants sind neben einigen kleinen Läden schon alles. Individualisten, die abseits des Massentourismus wohnen und wandern möchten, werden schnell dem Charme dieses vergessenen Eilandes verfallen und wünschen, sie hätten mehr Zeit eingeplant.

Entlang der Hauptstraße, die von Vila da Ribeira Brava kurvenreich und beileibe nicht auf direktem Weg nach Tarrafal führt, befinden sich die Ausgangspunkte der meisten Wanderungen. Regelmäßig fahren Aluguers zwischen den beiden Hauptorten, so dass man nie lange auf eine Transportmöglichkeit warten muss. Tarrafal, auf der Sonnenseite der Insel gelegen, hat mittlerweile den Hauptort Vila da Ribeira Brava in Bezug auf die Einwohnerzahl überflügelt und besitzt wirtschaftlich wegen des Hafens und der Thunfischfabrik wohl auch die besseren Zukunftsaussichten. Wegen des langen Sandstrandes im Ort und der Nähe zu einem der schönsten Wanderreviere bei Praia Branca lohnt auch Tarrafal einen Aufenthalt.

Die Berge São Nicolaus sind zwar nicht so hoch und die Ribeiras nicht so steil wie auf Santo Antão, was den Vorteil hat, dass die meisten Wanderungen nicht so anstrengend sind. Spektakuläre Ausblicke gibt es aber trotzdem genug. Erstaunlich grün und dank künstlicher Bewässerung intensiv landwirtschaftlich genutzt, ist das weite, dicht besiedelte Fajãtal. Hier kann man relativ einfache Spaziergänge und Wanderungen unternehmen. Spektakulärer ist die Kulisse am Vulkan Monte Gordo, an dessen Nordflanke dank der Feuchtigkeit spendenden Passatwolken üppig grüne Wälder wachsen. Wild, rau und einsam ist die Landschaft zwischen Monte Gordo und Praia Branca sowie an der Nordküste um Ribeira Funda und Ribeira da Prata.

Drachenbäume wachsen zwar auch auf Santo Antão und Brava, aber nirgendwo sind sie so häufig wie auf São Nicolao. Besonders zahlreich und stattlich kommen sie im Fãjatal vor.

Nicht versäumen sollte man einen Abstecher auf den schmalen Finger, der sich weit nach Osten erstreckt. Eine Pflasterstraße führt bis zum einzigen Ort Juncalinho, der nur rund 500 Einwohner hat, ansonsten ist dieser Inselteil verlassen. Sonnenverbrannte, fast vegetationslose Steinwüste soweit das Auge reicht, hier zeigt sich die immer mehr zunehmende Trockenheit der Kapverden, die eine Folge der sich ausdehnenden Sahelzone ist. Denn noch vor einer Generation war dieser Inselteil besiedelt, bewirtschafteten Bauern ihre Felder. Geblieben sind die gepflasterten Maultierpfade, die immer mehr verfallen und verlassene Dörfer wie Morro Alto, die an bessere Zeiten erinnern. Hier kann man endlos durch eine vom Vulkanismus geprägte Wüste wandern, die Aussicht entlang menschenleerer Küsten genießen und an einsamen Stränden baden.

Christian Nowak

Portugal: Zum Seele-Baumeln nach Madeira

Madeira – Das warme grüne Eiland im Atlantik verwöhnt seine Gäste mit Sonne, mildem Klima und vielseitiger Natur. Die meisten kommen zum Wandern.

K1024_Madeira-FunchalFestung

Antonio hat gesagt, wenn die Picos morgens wolkenfrei sind, können wir fahren. Dann nämlich bleibt es oft bis zum Nachmittag im Hochland und im Norden sonnig. Er muss es wissen. Schließlich lebt der Reiseführer seit 34 Jahren auf Madeira.
Wir sind zum ersten Mal hier, wollen im zentralen Bergland der Atlantikinsel wandern, Natur erleben und die Seele baumeln lassen.
Die Sonne scheint. In vollen Zügen genießen wir das Licht, die Wärme, das Blau  von Ozean und Himmel. Vom Frühstückstisch auf der Hotelterrasse ist es nur ein Katzensprung ins Herz der Inselhauptstadt. Ach, komm, der Wanderweg ist morgen auch noch da – jetzt schauen wir uns erst mal Funchal an!
Vom Kreuzfahrthafen, der Uferpromenade und dem Cais, wo die Yacht der Beatles liegt, schlendern wir – vorbei an alten Kirchen, Klöstern und Palästen –  durch kleine Parks und über Plätze mit Lokalen und Cafés.

K1024_Madeira-WeinkellerEin Blick in Blandy’s Wine Lodge reicht nicht aus. Madeira-Wein muss man probieren. Hinter einer schmalen Gasse mit vielen bunt bemalten Haustüren liegt Mercado dos Lavradores, die Markthalle

.

Hier gibt es Blumen aller Farben, vertraute und auch sonderbare Früchte  wie den tannenzapfen-ähnlichen Philodendron (Achtung: am besten vor dem Kosten nach dem Preis fragen!) und Meerestiere wie den Schwarzen Degenfisch. Mit seinen riesigen Augen und einem Maul voller spitzer Zähne ist der lange Barschverwandte alles andere als hübsch – doch dafür äußerst schmackhaft. Später werden wir uns davon selber überzeugen –  im „O Jango“, einem urig-gemütlichen Restaurant am Hafen in der Altstadt. K1024_Madeira-JardimTropical2Die Düfte von Orangen, Akazien und Jasmin locken uns in Funchals Gärten. Mit der Seilbahn schweben wir nach Monte, wo in einer kleinen Kirche Kaiser Karl von Österreich begraben liegt. Daneben grünt und blüht der Jardim Tropical, ursprünglich Park des Luxushotels Monte Palace. Die von dem madeirischen Geschäftsmann und Kunstsammler José Berardo erworbene und gestaltete Anlage ist seit 1991 öffentlich zugänglich. Zu ihren botanischen Kostbarkeiten gehören Azaleen und Orchideen aus dem Himalaya, Palmen aus Südafrika und eine seltene Palmfarn-Sammlung aus aller Welt.

Frische Blüten gibt’s das ganze Jahr. „Fast überall auf der Insel blüht jederzeit etwas, genauso wie  auch immer – zumindest stellenweise – Urlaubswetter herrscht“, sagt Antonio stolz. Dank günstiger Klimabedingungen sinkt das Thermometer auf Madeira selbst im Dezember und Januar im Schnitt nie unter 19 Grad Celsius. Die zwei Kilometer zurück ins unterhalb gelegene Funchal fahren oder besser gesagt: rutschen wir in einem  recht ungewöhnlichen Verkehrsmittel, dem Korbschlitten. Das bis zu drei Personen fassende Vehikel wurde im 19. Jahrhundert zum Touristentransport erfunden.

K1024_Madeira-MonteKorbschlitten

 Am nächsten Morgen: wieder Sonne. Nun aber ab in die Berge! Antonio fährt uns mit dem Jeep nach Ribeiro Frio („Kalter Fluss“), wo es die leckersten Forellen gibt. Sie werden hier gezüchtet. Der 860 Meter hoch gelegene Ort nahe Santo da Serra ist ein beliebter Start für Wanderungen, zunehmend auch für Mountainbiking und „Trail Running“ – der letzte Schrei bei schmerz-resistenten Läufern mit gut trainierten Muskeln und Gelenken.

Der Weg zum Aussichtspunkt Balcões ist auch von Ungeübten leicht zu schaffen. Dafür hat man ihn auch selten nur für sich allein. Die Kulissen sind jedoch grandios: immergrüner subtropischer Lorbeerwald, Madeiras höchste Gipfel und Levadas – künstliche Kanäle, teils schon vor 600 Jahren zur Bewässerung des trockenen Südens angelegt. Heute bedeckt das weitverzweigte System der flachen, begehbaren Wasserwege, das auch Brücken und Tunnel umfasst, beinahe das ganze grüne Eiland.
Trotz Wasserreichtums ist Madeira nicht unbedingt das Ziel für einen Badeurlaub. Oder doch? Der populärste Strand  heißt Campo de Baixo und liegt nicht auf der Hauptinsel des Archipels, sondern auf Porto Santo, rund 40 Kilometer von Funchal entfernt. Für einen Tag lang bringt uns das Schnellboot hin. Die müden Wanderfüße jubeln. Neun Kilometer  weicher Sand – das ist ein Beach zum Träumen…
Am Abend sind alle wieder fit. Das trifft sich gut, denn Partynächte in Funchal können lang sein. Unsere beginnt im Café do Teatro, geht weiter im FX, dann im „O Mohe“… Im „Vespas“ geht’s bis zum Sonnenaufgang. Doch den erleben wir   lieber auf dem Hotelbalkon – mit Blick auf Himmel, Berge, Stadt und Ozean. Es wird wieder Wanderwetter!

Text und Fotos: Carsten Heinke

Informationen:

Das Blumenfest von Funchal am 3. und 4. Mai ist nach dem Karneval das wichtigste Ereignis auf Madeira. Höhepunkt ist ein farbenprächtiger Umzug mit Tänzern in fantasievollen Kostümen und blütengeschmückten Wagen. Es gibt Parties, Shows und  klassische Konzerte. Am gleichen Wochenende wird in Santana, das für seine traditionellen Strohdachhäuser berühmt ist, das Zitronenfest gefeiert. An allen vier Juni-Samstagen findet in Madeiras Hauptstadt das Atlantik-Festival mit  viel Musik  statt. Begleitet wird es von einem internationalen Feuerwerkwettbewerb.

Am 14. und 15. Juni präsentiert die Stadt Câmara de Lobos ein fruchtig-frohes Kirschfest mit Umzug. Vom 3. bis 5. Juli lädt Funchal zum Jazz Festival sowie Santana vom 18. bis 20. Juli zu einem  Folklore-Tanzfestival ein.

Inselexkursionen: www.mountainexpedition.pt
Madeirawein: www.blandyswinelodge.com
Restaurant-Tipp: www.ojango.net

 

Türkei: Der Taurus Trail – Über Stock und Wein

©Achim Chwaszcza/DAV

Bislang kannte man die Türkische Riviera als Badedestination. Jetzt kann man dort auch auf dem Taurus-Trail durch unberührte Natur wandern.

Ein bisschen lädiert sieht er aus, der Kerl. Trotz der prächtigen Muskeln. Kein Wunder: Herkules – oder besser „Herakles von Perge“ – hat eine weite Reise hinter sich. Zumindest seine obere Hälfte. Der Torso der Gottheit lag viele Jahre in einem Museum in Boston/USA, bevor er an die türkische Südküste zurückgebracht wurde. Grabräuber hatten ihn zuvor über deutsche Hehler an die Amerikaner verschachert. Nicht so den Teil ab Bauchnabel abwärts: Beine, Po und Hüfte des steinernen Griechen sind seit ihrem sensationellen Fund 1980 im antiken Perge im Archäologischen Museum von Antalya ausgestellt. Erst 2011 wurden beide Teile wieder zusammengefügt.Wackelig wirkt die Statue aus dem zweiten Jahrhundert nach Christi dennoch nicht. Anders so mancher Wanderer, der das Taurus-Gebirge quert. Das Bergmassiv zieht sich entlang der türkischen Südküste und lockt mit 3 000er-Gipfeln. Sie zu erklimmen, braucht es allerdings nicht der göttlichen Kraft und übernatürlichen Fähigkeiten, die Herakles, dem unehelichen Sohn des Zeus, einst zugeschrieben wurden.

©Achim Chwaszcza/DAV

Nur Kondition. Gutes Schuhwerk. Trinkwasser. Und vor allem braucht man einen Guide, der sich auskennt. Einen Mann wie Ömer Faruk Gülsen, 60 Jahre alt, Herkules-Statur mit Bauch und eine Stimme wie ein Reibeisen. „Ich habe jeden Berg der Türkei bestiegen“, sagt Gülsen, nicht prahlend, aber stolz, und wer einen Tag mit ihm gewandert ist und seinen Erzählungen lauscht, die Volkan Asli, der Reiseleiter vom DAV Summit Club, übersetzt, glaubt ihm das gerne. Mit 15, sagt Gülsen, ist er losgewandert, „schon der Vater lief als Postbote viel und noch mehr an den Wochenenden.“ Auch wegen dieser Kenntnis hat ihn der Deutsche Alpenverein (DAV) angeheuert, die Taurus-Trails mit zu entwickeln und die Gruppen zu führen. Gülsen kennt auch die Probleme: die fehlende Wegmarkierung, kaum Übernachtungsmöglichkeiten in den Bergen. Auch Wanderkarten gibt es keine. Die erste soll in diesem Jahr auf den Markt kommen. Selbst der rund 500 Kilometer lange Lykische Weg, der erste markierte Fernwanderweg in der Türkei, den die Taurus-Trails an zwei Stellen kreuzen, bietet nur auf einigen Etappen eine Infrastruktur, wie Wanderer sie wünschen: Mit Läden für Verpflegung.Und günstigen Gästebetten mit warmer Dusche.
Und doch könnte sich das Billig-Badeland Türkei mit seinen landesweit 30 Millionen Touristen im Jahr hier, im Taurusgebirge, zu einem Wander- und Bike-Paradies mausern. Es liegt inmitten von kleinen bewirtschafteten Almen. Seine Wege sind von Orchideen, Alpenveilchen oder Pfingstrosen gesäumt. Es ist damit ein Urlaubsziel, bei dem sich zwischen April und November Chillen am Strand und Aktivurlaub in kühler Höhe wunderbar verbinden lassen – in absolut unberührter Natur. Die Voraussetzungen erfüllt das Taurusgebirge: Unterhalb der Vegetationsgrenze liegen Almen und dichte Zedernwälder – vor allem von der Libanon-Zeder „gibt es an anderen Orten nicht mehr viele“, sagt Gülsen.

©Achim Chwaszcza/DAVOberhalb der Vegetationsgrenze locken Karstberge und Ausblicke bis hin zum Gipfel des Olympos (2 318 Metern), zum Mädchengipfel Kizlarsivrisi (3 086 Meter) oder zur weißen Küstenlinie südlich von Kemer. Wanderwege gibt es in der Türkei, die zweieinhalbmal so groß ist wie Deutschland, zuhauf: „Hier, im östlichen Mittelmeerraum, wo sich Afrika, Asien und Europa treffen, verliefen schon in der Antike viele Handelswege“, sagt Yusuf Örnek, in Deutschland habilitierter Philosoph und Chef der türkischen Partneragentur TrailTravel. „Perser,Hethiter, Alexander der Große, das hellenistische, römische, byzantinische und osmanische Reich – sie alle haben Kleinasien geprägt und in Architektur, Essen, Sprache, Landwirtschaft ihre Spuren hinterlassen“. Auch das, sagt Örnek, mache die Region so spannend. Es sind Leute wie Gülsen, Örnek oder Volkan, die dem Gast eine Türkei zeigen, wie man sie aus den Abendnachrichten nicht kennt. Oder aus dem nahen Deutschland – der Flug ab München dauert keine drei Stunden – zumindest nicht erwartet: Ein Land jenseits der Touristenhochburgen und Allinclusive-Armbändchen. Ein Land auch jenseits religiöser Klischees: In den Dörfern,die wir passieren und in denen der Muezzin fünfmal am Tag vom Minarett der Moschee aus zum Gebet auffordert, schlendern junge Mädchen in Jeans und T-Shirt mit gleichaltrigen Jungs durch die Gassen.Verkauft der Besitzer eines Kiosk Bier an die durstigen Wanderer. Kichern drei ältere Frauen in langen schwarzen Röcken, ein Kopftuch überm Haar, mit dem heftig flirtenden, kaum jüngeren Gülsen. Hier trifft man auch auf dem Land, fern der Metropolen wie Istanbul oder Ankara, auf die Moderne: Auf neu asphaltierte Straßen oder kleine Einkaufszentren, Folgen eines Wirtschaftsbooms, der auch Mädchen dazu animioerte zu studieren. Etwa Yüksel. Drei Monate im Sommer arbeitet die 20-Jährige auf der Alm ihrer Eltern. Melkt dort Kühe, schleudert Honig, hütet 200 Schafe und Ziegen – und verkauft Käse an die Wanderer.

©Achim Chwaszcza/DAV

Im Hinterland von Antalya wird lecker und scharf gekocht –eben nicht nur Dürum oder Döner.Ackerbau und Viehwirtschaft: Das Leben der Bauern im Taurusgebirge ist hart. Pausiert wird über Mittag im Schatten. Zeit studiert sie Betriebswirtschaftslehre in Isparta. Ein Leben in zwei Welten. Für Yüksel kein Problem. Im Gegenteil: „Ich will meine Wurzeln pflegen“. Zu diesen Wurzeln zählt auch die Religion. Im bergigen Hinterland von Antalya spürt man derzeit durchaus die Entwicklung hin zu einem strengeren Islam – kontrolliertvon einem Staat, der 2013 erstmals seit Ende der Diktatur wieder sein herrisches Gesicht zeigte. Nicht in den sauberen, von Cafés gesäumten Gassen der pittoresken Altstadt von Antalya – „hier blieb es selbst ruhig, als der Taksim-Platz brannte“, sagt Reiseleiter Volkan. Aber etwa in Elmali,ein geschäftiges Städtchen mit vollem Bazar und vielen Apfelplantagen, wohlhabend auch, „kaum einer wohnt zur Miete“,sagt Asli. Hier, 120 Kilometer von Antalya entfernt, liegt das Weingut Likya. Noch vor wenigen Monaten hielten täglich Busse mit Touristen an. Jetzt ist Ruhe eingekehrt. Nicht in den Hallen, in denen Frauen und Männer Flaschen für den Export etikettieren. Sondern auf der Terrasse mit herrlichem Blick auf die Rebstöcke. An den Holztischen nehmen kaum mehr Gäste Platz. Die Regierung hat im Sommer jede öffentliche Weinverkostung verboten. Was würde Atatürk dazu sagen? Das Porträt des ersten Präsidenten der nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen modernen Republik hängt im Speisesaal des Gül Mountain Hotels, in der Nähe des Orts Ovacik. Alles im Haus ist mit Holz vertäfelt, zum Abendessen werden leckere Speisen aufgetischt: Käsestangen, Pitabrot, Hühnchen, Lamm, Fisch. Auch Salate, Nüsse undWassermelone. Früchte und Gemüse wachsen en masse in der Türkei. Atatürk, sagt Volkan, „war ein Visionär.“ Er setzte auf Industrie. Und mit ihm das Land – zuerst auf die Herstellung von Lebensmitteln, dann von Autoteilen, Kleidung, Ferienressorts.

Panoramablick_im_Zedernwald_2Es ist kühl auf 1 300 Metern Höhe, die Nacht wird sternenklar. Acht verschiedene Klimazonen, 65 Prozent des Landes Gebirge, eine Durchschnittshöhe von 1 132 Metern – auch das ist die Türkei.
Wir blicken müde, satt und zufrieden auf den Olympos, der sich in der Ferne am Horizont abzeichnet, und denken: Nur eines hat Atatürk, der Visionär und Vater aller Türken, damals vergessen: Die Wanderer.

Martina Hahn

 

 

 

Österreich: Wandern im Stubaital mit Weitblick

Kloster Maria Waldrast

Wie eine Perle in der Auster, umschlossen von gewaltigen Bergen, liegt das 35 Kilometer lange Stubaital. Mit seinen saftigen Wiesen, den malerischen Orten Neustift, Fulpmes, Telfes, Mieders und Schönberg und durchflossen vom Ruetzbach, ist es eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Eine Landschaft, die erwandert werden will.

Spektakulärer Stubaiblick

Vom Ortsrand in Fulpmes führt die Kreuzjochbahn ins Wandergebiet 2000. Fast geräuschlos schließen sich die Türen der Kabinenbahn und man schwebt nach oben. Zeit, den Blick schweifen zu lassen. In 2.136 Meter Höhe ist die Bergstation erreicht und der „Stubaiblick“ greifbar nahe.

Kreuzjochbahn

Ein Panoramaweg führt Wanderer, Schaulustige und Sonnenhungrige zur Aussichtsplattform, deren spektakuläre Stahlkonstruktion über dem Abgrund zu schweben scheint. Weit geht der Blick hinunter ins Tal bis auf das imposante Massiv der Kalkkögel in der Ferne und auf die bizarren Berggipfel ganz nah. An vier Tagen im August kann man hier oben den Sonnenaufgang erleben. Dann fahren schon ab 5.20 Uhr die ersten Gondeln der Bergbahn und auf der Aussichtsplattform drängen sich die Frühaufsteher mit Fernglas und Fotoapparat. Was für ein Augenblick, wenn dann der Sonnenball Sekunde für Sekunde am Horizont emporsteigt und die umliegenden Gipfel in ein zartes rosafarbenes Licht taucht. Und begleitet vom tiefen Klang der Alphörner  – live gespielt von drei Bläsern – beginnt ein strahlend schöner neuer Tag. Kreuzjochbahn

Auf dem Kreuzjoch

Nach einem Frühstück im Panoramarestaurant Kreuzjoch wirkt das eindrucksvolle Erlebnis noch lange nach.  Draußen wartet schon Wanderführer Christian, um uns auf den Alpenpflanzenlehrpfad zu begleiten. Auf schmalem zickzackpfad geht es empor zum Gipfelkreuz, vorbei an Almkräutern, Wiesenblumen und seltenen Gebirgspflanzen, die Christian alle beim Namen nennt. Bergab wandern wir auf dem Naturlehrpfad, der mit zahlreichen liebevoll gestalteten Infostationen viel Wissenswertes über die Tiere und Pflanzen der Gebirgswelt vermittelt.

Weich wie ein Teppich sind die Almwiesen, auf denen gelbbraune Kühe grasen, die dem Wanderer manchmal den Weg versperren. Immer wieder schweift der Blick nach oben zu den imposanten Riesen, deren schroffe Gipfel in den wolkenlosen Himmel ragen. Nach einer kurzen Rast auf der Schlickeralm in 1640 Metern führt der Weg talwärts durch herrliche Lärchenwälder, vorbei am Alpenerlebnispark mit Klettergaten und dem künstlich angelegten Panoramasee bis zur Mittelstation der Kreuzjochbahn.

Der schönste Berg

Malerisch liegt das Dorf Mieders am Fuß des 2.717 Meter hohen Serles. Die Anwohner sind stolz auf Ihren Hausberg, der für Alexander von Humboldt der schönste Berg der Alpen war und den auch Goethe als den Hochalter Tirols bezeichnet hatte. Mit der Serlesbahn geht es hinauf bis auf 1.600 Meter und hinein in ein herrliches Wandergebiet mit Europas höchstgelegenem Kloster Maria Waldrast – einem idyllisch gelegenen Wallfahrtsort mit Klostergasthof und Heilquelle, an deren Wasser sich auch so mancher Wanderer labt. Nach einer zünftigen Jause auf der Ochsenalm oder am Koppeneck lohnt es sich, hier oben  mit Weitblick auf die Berggiganten den Sonnenuntergang zu erleben. Talwärts gleitet man dann ruhig und sicher in der Gondel oder mit Herzklopfen in rasanter Fahrt über 40 Steilkurven auf der 2,8 Kilometer langen Sommerrodelbahn.

Genusswandern

 Beim Wandern im Stubaital kann man sich die Natur auch sprichwörtlich auf der Zunge zergehen lassen. Gaumenfreuden verspricht das Programm Genusswandern, bei dem regionale Spezialitäten wie Wein, Edelbrände, Speck und Honig entdeckt und verkostet werden können. In die Geheimnisse der Stubaier Käsekunst, besonders des Graukäses, wird man z.B. jeden Dienstagnachmittag auf der Schickleralm eingeweiht.

Hütte auf der Sulzenaualm

 Naturschauspiel

Der Wilde-Wasser-Weg mit dem Grawa Wasserfall, dem breitesten der Ostalpen, gehört zu den beliebtesten Wanderungen. Tosend und sprühend stürzt er sich 80 Meter breit aus 450 Metern herab. Von der Grawa Alm führt ein alter Almsteig in steilen Serpentinen durch den Wald bis hinauf zur Sulzenau Alm. In der urigen kleinen Hütte mit rustikalem Mittagsangebot macht man gerne Rast. Hier hat ein Holzschnitzer seiner Fantasie freien Raum gelassen und Tische, Stühle und Bänke mit lustigen oder grimmigen Berggeistern versehen. Steil wie beim Aufstieg geht es hinab bis zum Aussichtspunkt am Wasserfall. Von einer großen Aussichtsplattform kann man das grandiose Naturschauspiel in aller Ruhe beobachten. Und dabei sogar etwas für seine Gesundheit tun. Denn Untersuchungen der Paracelsus Privatuniversität Salzburg haben gezeigt, dass sich schon eine Stunde Aufenthalt am Fuß des Grawa Wasserfalls positiv auf die Atemwege auswirken kann.

TOP OF TYROL

 Neustift ist der bekannteste und letzte Ort im Stubaital, überragt von den Bergmassiven des Elfer, Zwölfer und Habicht. Im Ortsteil Mutterberg an der Talstation der Gletscherbahn hört die Straße auf und die Welt des Stubaier Gletschers beginnt. Etwa dreißig Minuten dauert die Fahrt nach oben. Je höher man kommt, desto größer wird die Zahl der Sessel-/Gondelbahnen und Schlepplifte, die kreuz und quer die Hänge überziehen. Denn hier ist das größte Gletscherskigebiet des Landes mit 110 Abfahrtskilometern und einer Schneegarantie von Oktober bis Juni. P1030929

Die Bergstation Eisgrat in 2.900 Metern Höhe sieht aus wie ein gerade gelandeter Ufo. Jetzt ist das ewige Eis ganz nah. Nicht in strahlendem Weiß sondern in einer Melange aus weißgrau und dennoch faszinierend präsentiert sich die Gletscherlandschaft. Vom Restaurant und Panoramaterrasse geht der Blick hinauf zur Schaufelspitze. Noch eine kurze Fahrt mit der Gondelbahn und in der Jochdohle, dem höchstgelegenen Bergrestaurant Österreichs, könnte man einkehren. Doch zunächst führt eine steile Metalltreppe zum Highlight des Tages, ja der ganzen Reise, zum TOP OF TYROL. Die Gipfelplattform ragt in 3.120 Metern wie freischwebend über dem Gletscher und ist eine Attacke auf die Schwindelfreiheit. Atemberaubend ist der Rundblick über 105 Dreitausender. Von den Ötztaler über die Stubaier Alpen bis zu den Dolomiten reicht der Blick. Hier muss man einfach innehalten, schauen, genießen, sich einfangen lassen vom Zauber dieser imposanten Bergwelt.

 Text und Fotos: Christel Seiffert

USA: In den rauchenden Bergen

Pechschwarze Nacht! Doch dann flammt zwischen Tannen plötzlich ein Licht auf. Kurz darauf ein zweites, ein drittes, ein viertes. Schließlich ein Leuchten und Flackern, als loderten in der Ferne Lagerfeuer. Zuerst nur unkoordiniert, dann als rhythmisches Blinken, das sich wellenartig durch die Nacht bewegt. Bald sind die Zuschauer im Wald der Smoky Mountains umzingelt von schwärmenden Glühwürmchen, einige funkeln grüngelb, andere bläulich, manche surren den Menschen frech um die Köpfe. Der ganze Wald scheint in Bewegung zu sein.

Jedes Jahr während zwei Wochen im Juni schwärmen die seltenen Leuchtkäfer zur Partnersuche aus. In Gruppen von mehreren Dutzend blinken sie gleichzeitig sechsmal hintereinander, dann folgt eine Pause von mehreren Sekunden. Das Phänomen der synchron blinkenden Glühwürmchen wurde vor gut 25 Jahren entdeckt, als ein Anwohner Wissenschaftler hierher führte. Seitdem wollen immer mehr Parkbesucher die Tiere beobachten.

Mit einem ortskundigen Führer lassen sich die „Fireflys“ in einem einsamen Waldabschnitt erleben, doch die meisten fahren im Shuttlebus zu offiziellen Beobachtungsstellen. Der Gästeansturm ist ein alltägliches Bild im Great Smoky Mountains National Park an der Grenze zwischen North Carolina und Tennessee. Seit seiner Einrichtung 1934 entwickelte er sich mit über neun Millionen Gästen jährlich zum meistbesuchten Nationalpark der USA, denn hier kann man neben den faszinierenden Glühwürmchen noch wilde Natur und noch wildere Bären entdecken.

Einsamkeit oder Massenbetrieb

Der Reisende hat die Wahl, zum Beispiel beim Erklimmen des Clingmans Dome, des höchsten Gipfels im Park: Reiht er sich in das Heer der Familien und Reisegruppen, die im rhythmischen „flip-flop“ ihrer Badeschuhe die 200 Meter vom Parkplatz zum Aussichtsturm spazieren. Oder wandert er unter Strapazen über den legendären Appalachian Trail herauf, der über 3500 Kilometer durch 14 Bundesstaaten verläuft.

Beim Ausblick sieht man Grün in allen denkbaren Nuancen: grasgrün, moosgrün, lindgrün, tannengrün, olivgrün. Der Regenwald der Smoky Mountains gehört zu den vielfältigsten des Landes – Wissenschaftler zählten hier mehr Baumarten als in ganz Europa zusammen. Die Gletscher der Eiszeit waren nie bis hierher gelangt, sodass unzählige Tier- und Pflanzenarten die Berge als Rückzugsgebiet nutzten.

Als die ersten Forscher in diese Wildnis eindrangen, gerieten sie in Ekstase angesichts der Fülle bislang unbekannter Arten. Sie verschifften Tausende Ableger von Azaleen, Rhododendren und Magnolien in die englische Heimat, wo sie heute in kaum einem Garten fehlen. Überall in den Smoky Mountains findet man Grotten und Wasserfälle, reißende Flüsse, blühende Wiesen und verwunschene Täler.

Auch Spuren menschlicher Besiedelung gibt es noch, zum Beispiel im Tal von Cades Cove – dem meistbesuchten Ort im meistbesuchten Park des Landes. Trotz der Blechkarawane, die sich täglich über die 17 Kilometer lange Rundstrecke schiebt, erhält man hier einen Eindruck von einem Appalachendorf des 19. Jahrhunderts: Kleine Bauernhöfe mit Scheune, Räucherhaus, Schweinestall und Maisspeicher gruppieren sich um weiß gestrichene Kirchen.

Zurück zur Natur

Mehrere Wassermühlen dienten zum Mahlen von Mais und Sägen von Holz. Überliefert ist ein reges Gemeindeleben, geprägt von harter Arbeit. Die Familien, die hier wohnten, zahlten den Preis für den Erhalt der Berglandschaft – bei der Gründung des Parks vor 75 Jahren mussten sie gehen. Vielleicht eine verspätete Strafe für die Taten ihrer Vorfahren, die einst die hier lebenden Cherokee-Indianer von ihrem Land vertrieben hatten.

Einige Siedler zogen gegen die Enteignung durch alle gerichtlichen Instanzen, andere nahmen das Angebot der Regierung an, noch bis zu ihrem Lebensende zu bleiben. Der größte Teil des Gebietes wurde jedoch Holzfirmen abgekauft. Gerade noch rechtzeitig: Bis zu drei Viertel der Bäume waren 1934 abgeholzt, das Land durchzogenvon Bahnlinien und bedeckt von Sägemühlen und Holzfäller-Camps. Wild lebende Tiere wie die Braunbären waren damals ausgerottet.

„Bären treffe ich auf fast jeder Wanderung“, kann Liz Domingue heute dagegen berichten. Die junge Wanderführerin läuft mit Besuchern zur einzigen bewirtschafteten Berghütte des Parks auf den rund 2000 Meter hohen Mount Leconte. Schon nach einer halben Stunde hat die Gruppe den Pfad für sich alleine: „Die Wanderfreude des durchschnittlichen Parkbesuchers endet allerspätestens nach einer Meile“, sagt Liz.

Der Weg führt durch ein kleines Flusstal, dessen Boden von einem violetten Teppich bedeckt ist: abgefallene Blüten von bis zu vier Meter hohen Rhododendren. Liz stöbert wabbelige Pilzungetüme, kleine Orchideen und mannshohe Farne auf. Immer wieder huschen Eichhörnchen vorbei, und einmal leuchtet es orangefarben von einem schwarzen Stein: ein prächtiger Rotwangen-Waldsalamander.

Berge Blau wie Rauch

Doch das harmonische Bild wird auch durch Flächen mit Baumskeletten unterbrochen, Resultat periodischer Schädlingsattacken: In den 1920er-Jahren vernichtete der asiatische Kastanienrindenkrebs alle Amerikanischen Kastanien, in den 1960ern saugte eine Pflanzenlaus den Frasertannen den Saft aus. Und vor acht Jahren wurde eine weitere Laus entdeckt, die inzwischen alle Hemlocktannen befallen hat.

Kurz vor dem Gipfel ziehen Nebelschwaden über den Weg. Schon die Cherokee-Indianer nannten die Berge „Blau wie Rauch“: Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit hängt im Sommer meist eine bläuliche Dunstglocke über den Wäldern. Bald darauf kommen wacklige Holzhütten in Sicht – die Mount Leconte Lodge. Ein rustikales Camp ohne Strom und Duschen, aber dafür mit deftigem Bergsteigeressen am prasselnden Kaminfeuer.

„Hier oben lernt man wahre innere Ruhe“, sagt Allyson Virden, die hier für eine Saison beschäftigt ist – fast neun Monate fern der Zivilisation. Einmal im Jahr bringt ein Helikopter Konserven, Kerosin und Baumaterial; frische Wäsche und Gemüse werden von Lamas getragen. Gedanken an einen Kneipenbesuch zum Feierabend oder eine kleine Shopping-Tour kommen bei Alleyson nicht auf: „Der kürzeste Weg ins Tal ist acht Kilometer lang.“

Oliver Gerhard

Info:

Nationalpark: Der Park erstreckt sich über die Bundesstaaten North Carolina und Tennessee. Eingänge befinden sich in Gatlinburg, Townsend und Cherokee. Der Park ist ganzjährig geöffnet, im Winter sind einige Straßen gesperrt. Der Eintritt ist frei. Great Smoky Mountains National Park, 107 Park Headquarters Road, Gatlinburg, TN 37738, Tel. 001-865-436 1200, www.nps.gov/grsm.

Glühwürmchen: Das Phänomen ist über ca. zwei Wochen Mitte Juni zu erleben. Der offizielle Beobachtungspunkt befindet sich am Campingplatz Elkmont. Ein Shuttle bringt Besucher aus Gatlinburg und vom Sugarlands Visitor Center dorthin.

Reisezeit: In den Sommermonaten und während des Indian Summer im September/Oktober sind die Besucherzahlen im Nationalpark am höchsten. Für Highlights wie Cades Cove oder die Strecke zum Clingmans Dome sollte man möglichst den frühen Morgen nutzen.

Unterkunft: LeConte Lodge, rustikal mit Stockbetten, nur für Wanderer erreichbar, Reservierung jährlich ab 1. Oktober für die nächste Saison, www.leconte-lodge.com

Eagles Ridge Resort, Blockhäuser für Selbstversorger in Parknähe, 2740 Florence Drive, Pigeon Forge, TN 37863, 001-865-286 1351, www.eaglesridge.com

Falling Waters Resort, geräumige Yurten an einem See im Wald, 10345 US Hwy. 74 West, Bryson City, NC  28713, Tel. 001-800-451 9972, www.fallingwatersresort.com

Auskunft: Tennessee Tourism, Horstheider Weg 106a, 33613 Bielefeld, Tel. 0521-986 04 15, www.tennessee.de; North Carolina Tourism, www.visitnc.de

Spanien: Menorca, die herbe Schöne

Menorca, die kleine Schwester von Mallorca fasziniert mit immergrüner Vegetation, breiten Sandstränden und Traumbuchten – und ist trotzdem nie überlaufen.

Es ist fast wie in Rio, sagt Jutta Vaupel mit einem Augenzwinkern. Zwar ragt der Monte Toro nur unspektakuläre 358 Meter in den Himmel, aber wie in der Brasilianischen Metropole breitet auch hier eine große Christusstatue schützend ihre Arme aus. Weit geht der Blick über die von dichtem Grün bewachsene Insel, über weiße Dörfer und Buchten, über Steilküsten an denen die Brandung glitzernde Streifen zaubert. Für Jutta Vaupel war es Liebe auf den ersten Blick, als sie vor zwanzig Jahren das erste Mal nach Menorca kam. Viele Jahre war sie als Mitarbeiterin eines großen Touristikunternehmens durch die Welt gereist. Doch die landschaftliche Vielfalt der Insel, die seit 1993 UNESCO- Biosphärenreservat ist,  faszinierte sie. Und so blieb sie. Die Insel ist ein kleiner verborgener Schatz, schwärmt die temperamentvolle Frau. Mit Begeisterung und viel Sachkenntnis führt sie nun bei Wander-, Natur- und Kulturreisen -Gäste von Wikinger Reisen  über die Insel.

Verglichen mit ihrer großen Schwester ist Menorca überschaubar: 50 Kilometer lang, 20 Kilometer breit,  flach und ruhig. Eine Mosaiklandschaft aus sanft gewellten Hügeln, gelbbraunen Ackerflächen und saftigen Wiesen auf denen rotbraune Kühe weiden, mit Steineichen- und knorrigen Pinienwäldern, mit einsamen Tälern und Trockensteinmauern, die seit Jahrhunderten das Land wie ein Spinnennetz überziehen. Mehr als 20.000 Kilometer sollen es sein, weiß Jutta. Ein großer katalanischer Schriftsteller habe einmal gesagt, wer ein Land kennen lernen möchte, müsse dies zu Fuß tun. Deshalb wandert sie mit den Gästen besonders gern auf den Spuren des Cami de Cavallas, dem sogenannten „Pferdeweg“. Dieser historische Küstenweg, der die ganze Insel umrundet, ist seit 2010 wieder voll begehbar. Ein Traumpfad für Wanderer, der an der wilden Nordküste zum Cap de Cavalleria führt. Neunzig Meter hohe Felswände stürzen hier senkrecht ins Meer, tief unten tost die Brandung gegen die Klippen und die kleinen vorgelagerten Inselchen. An stürmischen Tagen, wenn der Tramontana über das Land fegt und das Meer zu gewaltigen Wellen aufpeitscht, beugen sich auch Bäume und Mastixsträucher der Naturgewalt dieses Nordwindes, erzählt die Reiseleiterin. Nicht von ungefähr werde Menorca auch Insel des Windes genannt, der in zahlreichen Liedern besungen wird. An ruhigen Tagen finden Wanderer hier eine ursprüngliche Landschaft mit weiten Buchten und breiten, menschenleeren Sandstränden, die zum Baden einladen.

Lieblich präsentiert sich die Inselküste  im Süden. Mit kleinen, versteckten Buchten, zu denen schmale Wege durch Kiefernwälder führen. Zwei der Schönsten sind Cala Galdana und Cala Macarella, zu denen auch eine Wanderung auf dem  Cami de Cavallas führt: puderzucker feiner Sandstrand, türkisfarbenes Wasser, auf dem sich weiße Segelboots sacht wiegen. Und das Ganz eingerahmt von steilen, mit üppigem Grün bewachsenen Felshängen. Traumbuchten – und eine Oase der Stille. Nur eine Hauptstraße führt von der Inselhauptstadt Mahon westwärts nach Ciutadella, deren Altstadt als eine der schönsten Spaniens gepriesen wird. Adelspaläste und herrschaftliche Stadthäuser umgeben die Placa des Bors, einem beliebten Treffpunkt der Menorkiner mit Blick auf den romantischen Hafen. Den größten Hafen des Mittelmeeres zu haben, darf sich Mahon, das auf katalonisch Mao heißt, rühmen. Jutta empfiehlt die ausgedehnte Hafenrundfahrt, bei der die Geschichte und Geschichten der Insel lebendig werden. Beim gemeinsamen Bummel durch das historische Zentrum und das malerische Hafenviertel mit seinen kleinen, dicht an den Fels gebauten Häusern, den zahlreichen Restaurants, Cafes und Musikkneipen erinnert vieles an die Zeit der englischen Besatzung in 18. Jahrhundert. Bei Urlaubern besonders beliebt ist Fornells an der Nordküste . Das einstige Fischerdorf hat sich zu einem bezaubernden Ferienort gemausert, der auch gern von spanischen Adelsfamilien besucht wird, weiß die Reiseleiterin. Vor den Tamontana-Winden geschützt liegt es an der breiten Bucht von Fornells. Ein Hauch von mediterranem Flair scheint durch die schmalen Gassen mit ihren schneeweißen Häusern und kleinen Geschäften zu schweben. Am palmengeschmückten Boulevard locken zahlreiche Restaurants, in denen auch die Calderata de Langusta,  eine berühmte Spezialität Menorcas, angeboten wird.

Unweit von Fornells erstreckt sich im Herzen des Reservats der Naturpark Albufera des Grau. Ein Anziehungspunkt für Wanderer, Naturfreunde und Vogelkundler, das wichtigste Feuchtgebiet Menorcas mit Wiesen, Seen und Sumpfgebieten, mit Kieferwäldern, wilden Olivenhainen und einer 70 Hektar großen Lagune. An ausgeschilderten Wanderwegen informieren Schautafeln über Flora und Fauna. Besonders reizvoll sei ein Spaziergang am späten Nachmittag und beim Sonnenuntergang, empfiehlt Jutta Vaupel. Den spektakulärsten Sundown könne man jedoch an der Cova dén Xoroi südlich von Alaicor erleben. Die Natursteinhöhle in den Steilklippen hoch über dem Meer ist tagsüber Bar, abends Restaurant und nachts Disko. Doch es sei atemberaubend, auf der Terrasse zu erleben wenn der rotglühende Sonnenball ins Meer eintaucht.

Christel Seiffert

 

 

 

Österreich: Wandern auf wackeligem Waldboden

„Da wackelt ja der ganze Boden“. Die Kinder strahlen um die Wette und hüpfen nochmal kräftig. Ganz sachte gibt der Untergrund nach. Kein Wunder, sie spazieren gerade durch das Piller Moor. In diesem Naturdenkmal bei Landeck gibt es jede Menge zu entdecken. Und auch die Umgebung der österreichischen Stadt im oberen Inntal bietet eine Vielzahl an Ausflugszielen, die sich gerade für Familien mit Kindern lohnen.

Den großen Besuchermagnet hat die Region Tirol West rund um Landeck nicht zu bieten. Und die meisten kennen die Gegend wohl mehr aus der Sicht der Autofahrer auf dem Weg in den sonnigen Süden. Doch wer sich die Zeit zum Erkunden nimmt, findet viele Kleinigkeiten für einen entspannten und sehr kurzweiligen Urlaub.
Etwa wie das Piller Moor. Heidelbeersträucher und dichte Erika-Büsche säumen den Wanderweg im Wald. Rund eine Stunde dauert der Rundgang, wenn man nicht an der einen oder anderen Ecke stehen bleiben würde. Ein leuchtender Fliegenpilz hat die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich gezogen. Dass dieses prächtige Exemplar giftig ist, müssen die Eltern nicht zweimal sagen. Aber faszinierend ist er schon, ebenso wie der zerbrechlich wirkende Sonnentau, eine fleischfressende Pflanze.

Nur wenige Meter weiter hat sich der weiche Waldboden in schlammigen Morast verwandelt. Holzplanken zum bequemen Laufen tun gute Dienste. Aber der Regen hat die Erde daneben aufgeweicht. Ein kräftiger Sprung ins Trockene ist da gar nicht so leicht, wie Erwachsene und Kinder schnell merken. Der Moor-Lehrpfad am Piller Sattel ist Teil des Naturparks Kaunertal. Und er gibt spannende Einblicke in die Natur, die so mit allen Sinnen erlebt werden kann. Man sollte sich beim Wandern Zeit nehmen für seltene Tier- und Pflanzenarten, die inmitten eines alten und geheimnisvollen Kulturraumes ihre Heimat haben. Auf Tafeln wird die Entstehung eines Moores erklärt und auch auf die nachhaltige Regionalentwicklung, eine Leitlinie im Naturpark, hingewiesen.

Wer mehr über den Park erfahren will, sollte das neue Naturparkhaus besuchen. In einer Mitmach-Ausstellung „3000 Meter Vertikal“ erlebt der Besucher bei einer interaktiven Wanderung die verschiedensten Lebensräume. Vom ewigen Eis der Gletscher bis zu den trockenen Steppenhängen im Tal lernt man aus interessanten Blickwinkeln Pflanzen, Tiere und Menschen im Naturpark kennen.

Die Wildnis der Natur und ihre Unbezwingbarkeit kann der Gast auch bei Wasserfällen und Schluchten hautnah erleben. Geheimnisvoll und romantisch zugleich ist der Zammer Lochputz, Tirols mystische Klamm bei Zams. Über Stollen, Steine und Brücken geht es in die Klamm, während daneben der Lochbach in die Tiefe schießt. Über Jahrmillionen hat die Kraft des Wassers den Felsen geformt. Aber auch der Mensch hat sich dieser Kraft bedient, wie der Wasser-Erlebnissteig deutlich macht. Nicht weniger packend ist die wildromantische Kronburgschlucht, die vor allem bei Freunden des Canyonings beliebt ist. Überhaupt spielt das Wasser in der Region eine wichtige Rolle, wie zahlreiche Natur- und Badeweiher zeigen. Eingebettet zwischen Lechtaler Alpen, Samnaungruppe, Ötztaler Alpen und Kaunergrat liegt Landeck, das schon die Römer für sich entdeckten.

Einen imposanten Blick auf die Alpen der Region hat man vom 2208 Meter hohen Krahberg aus. Mit der Venetseilbahn geht es in wenigen Minuten hinauf, wo man zu interessanten Rundwanderungen starten kann. Die Kids lockt ein spezieller Erlebnisweg, bei dem fünf unterschiedliche Stationen gemeistert werden müssen. Vom Steinmandl-Bauen bis zu Wasserspielen reichen die Disziplinen. Und wer alle geschafft hat, darf sich hinterher eine Belohnung abholen.

Die erwartet auch die Wanderer auf dem Weg zur Mittelstation in Form einer rustikalen Stärkung. Schmale, und manchmal gatschige Pfade, wie der Tiroler sagt, durch das Hochmoor müssen passiert werden. Die Kühe, auf die der Wanderer immer wieder trifft, lassen sich beim Grasen nicht stören. Aber vielleicht stehen sie am Gatter „Spalier“, wenn der Gast nach gut einer Stunde zur Meranz Alm auf 1915 Metern kommt. In der guten Stube des Hauses, gleich neben dem Kachelofen, werden die Gäste bewirtet und bekommen neben der herrlichen Aussicht auch einen Einblick ins Leben auf der Berghütte. Schnell ist man mit der Wirtin im Gespräch, die mehrere Monate im Sommer hier verbringt und immer gerne Ferienkinder zu Gast hat. Sie kann sich nichts Schöneres vorstellen. Und beim Blick über die Alpen kann jeder diese Begeisterung teilen.

Diana Seufert

Schweiz: Auf den Spuren der Kaffee-Schmuggler

Der Walserweg zählt zu den noch kaum bekannten Alpenrouten – trotz seiner traumhaft schönen Trekking-Etappen

Über dem Kaffeeloch hängt der Nebel. Wir gehen jetzt langsam, der Pfad ist schmal, und durch den dichten Dunst scheint der Boden viel zu fern. Doch der Nebel raubt uns nicht nur den Blick. Er schluckt auch jedes Geräusch, das Pfeifen der Murmeltiere ebenso wie das Blöken der Gämse und Steinböcke. Unwirklich wirkt die Szene, faszinierend auch – und fast gruselt es den Wanderer ein bisschen. Weiß er doch, dass hier, auf dem Pass, noch vor dreißig Jahren Tabak und harte Drogen geschmuggelt wurden. Auch Babyschnuller, Perlonstrümpfe und Butter. Oder Kaffee. Der wurde dann in den Felshöhlen versteckt. Im Kaffeeloch, so nennen es die Einheimischen, gelagert, bis die Kumpanen, die im Tal jenseits des Grenzpostens lebten, die Bohnen abholten – und zwar immer dann, wenn der Nebel aufzog in den Bergen rund um die Salzfluh. Denn dann war Schmuggelzeit im Grenzland zwischen Deutschland und der Schweiz.

Käse als Proviant

Seit vier Tagen wandern wir auf dem Walserweg. Er fordert nicht nur unsere ganze Muskel- sondern auch Vorstellungskraft – zählt der Walserweg doch zu den geschichtsträchtigsten Routen der Alpen überhaupt. Immer wieder stoßen wir entlang des Weges auf  Relikte der Kultur der Walser – eine alemannische Volksgruppe, die vor etwa 700 Jahren in das heutige Vorarlberg und in die Schweiz kam und sich dort ansiedelte, weil es in ihrer Heimat, dem Wallis, zu eng geworden war. Sie waren die ersten, die Felder auf über 1.300 Metern anlegten und das ganze Jahr über in dieser Höhe lebten. Dafür brauchten die Walser spezielle Werkzeuge, Sensen etwa, mit deren Hilfe sie erstmals so viel Heu erzeugen konnten, dass das Vieh auch über den harten Winter kam. Vieles von dem, was die Walser ausmachte – ihre weit zerstreuten Steinhüttensiedlungen oder ihre Heuvorratslager – sind bis heute präsent. Auch der leckere Bergkäse, mit dem wir uns während der Wanderung immer wieder stärken, ist ein Überbleibsel der Walser. Sie gelten bis heute als die besten Viehwirte der Region.

„Hinter dem Mond links“

Was den Weitwanderweg überdies zu einer besonderen Wanderreise macht, ist seine Vielfältigkeit. Im Grunde gibt es mehrere Routen; die Walser hatten mehr als einen Kommunikationsweg angelegt. Und so können Wanderer je nach Kondition, Erfahrung, Lust und Zeit entweder den Rätikon durchqueren oder in den Montafoner Bergen wandern – beide Routen treffen sich wieder im Silvrettagebiet. Ideal ist der Walserweg für all jene Wanderer, die neugierig sind auf eine Tour von Hütte zu Hütte – aber noch nicht so recht wissen, ob ihnen das einfache Hüttenleben auch am dritten Tag noch schmeckt. Denn vielseitig sind auch die Unterkünfte: Mal übernachten wir in alpinen Hütten, mal in Gasthäusern oder Hotels, die im Tal liegen – wodurch sich die Tour auch jederzeit unterbrechen lässt. Ähnliches variabel ist auch das Streckenprofil: Alpine Etappen wechseln sich mit hochalpinen ab. Stellenweise kreuzt der Walserweg andere Fernwege, etwa den E 5. Und immer wieder passieren wir traumhaft schöne Almen, Übergänge, romantische Bächlein oder einsam gelegene Bergseen – häufig mit Blick auf  Bergriesen wie den Großen Widderstein, die Sulzfluh oder in der Ferne die Schesaplana mit ihren fast 3.000 Metern.

Unsere Gruppe hat die mittelschwere Wanderroute gewählt. Während der sieben Tage, die wir mit der Bergschule Oberallgäu unterwegs sind, stehen neben den Tagesaufstiegen um die 800 Höhenmeter auch lange Abstiege an, die die Zehen schmerzen lassen. Kletterhänge sind keine zu überwinden. Doch manche Passagen sind durch ein Drahtseil gesichert. Mal schlafen wir in einfachen Hütten wie der Freiburger Hütte oder der vor über 130 Jahren gebauten, traumhaft gelegenen Tilisuna Hütte, einer der ältesten Berghütten überhaupt, die in den Alpen noch bewirtschaftet werden. Dann wieder unter einer kuschelig weichen Decke, wie etwa am letzten Abend in St. Antonien, einem winzigen Dorf in der Schweiz. „Hinter dem Mond links“, nennt sich das Kaff selbstironisch auf einem Ortsschild. Doch anders als früher zu Schmugglerzeiten kann man heute in St. Antonien den Nebel nicht mehr brauchen: Im Ort soll die größte Solarkraftwerk der Schweiz entstehen.

Martina Hahn

 

 

Namibia: Wandern im Brandbergmassiv

Martina ist 7000 Namibianische Dollar wert, umgerechnet sind das ungefähr 850 Euro. Das jedenfalls sagt Ernst und der muss es wissen. Er hat vor kurzem geheiratet, eine Kuh und ein Kalb für seine Frau bezahlt und kennt sich mit den aktuellen Preisen für Bräute aus.

Martina ist eine Durchschnittsfrau, jedenfalls, wenn man ihren Preis zu Grunde legt. Bis zu 12.000 könne eine Frau schon kosten, verrät mir Ernst als Martina einmal außer Hörweite ist. Zu Hause in Deutschland kann sich Martina vermutlich kaum über mangelnde männliche Aufmerksamkeit beklagen, aber sie ist schon jenseits der 30 und da sinkt der Preis für eine Frau rapide.

Ernst ist unser Guide und mit ihm sind wir hinauf zum Königstein unterwegs, den mit 2574 Metern höchsten Gipfel Namibias. Ernst gehört zu den Damara, wie er, haben viele Angehörige seines schwarzafrikanischen Volkes deutsche Namen. Namibia war von 1884-1919 deutsche Kolonie und die alten Traditionen verfolgen einen im ehemaligen „Deutsch-Südwest“ auf Schritt und Tritt. Etwa 20.000 Menschen gehören zur deutschen Minderheit, es gibt eine deutschsprachige Tageszeitung und viele Städte tragen deutsche klingende Namen. Mit Deutsch kann man sich mindestens genauso gut verständigen, wie mit der offiziellen Landessprache Englisch, die lediglich 7% der Namibianer als Muttersprache sprechen.

Von 30 auf Null

Das Brandbergmassiv, zu dem auch der Königstein gehört, erhebt sich ich 2000 Meter über die Namibwüste und liegt 300 Kilometer nordwestlich von Windhuk, in einer der einsamsten Gegend Namibias. Von Uis, dem letzten Ort vor dem Bergmassiv, sind wir fast zwei Stunden mit dem Jeep unterwegs, bevor wir den Ausgangspunkt unserer Wanderung erreichen. Ernst, erwartet unsere Gruppe schon am Fuße des Berges, um mit uns den Weg hinauf zum Gipfel anzutreten. Wir werden eineinhalb Tage bergan steigen und dabei ganz schön ins Schwitzen kommen. Und das, obwohl wir im namibianischen Winter unterwegs sind, einer Zeit, in der das Thermometer nachts schon mal auf den Gefrierpunkt fallen kann.

Tagsüber herrschen aber trotzdem Temperaturen von 30 Grad und mehr. Nur in der „kühlen“ Jahreszeit kann man hier überhaupt wandern und deswegen ist auch die offizielle Wandersaison auf die Zeit zwischen Anfang April und Ende September beschränkt. Den Klippschliefer und den Klippspringer stört die Hitze nicht. Der eine ist ein kleiner sonderbarerer, hasengroßer Wicht, der optisch an ein Murmeltier erinnert, dessen nächster Verwandter aber der Elefant ist. Der andere ist eine kleine Antilope und hält den Hochsprungweltrekord im Tierreich – sechs Meter kann der Klippspringer aus dem Stand nach oben springen. Besonders die in Gruppen von bis zu 50 Tieren lebenden Klippschliefer sehen wir immer wieder.

Aber man braucht schon gute Augen um die braunen Tierchen auf dem ebenso braunen Felsen zu erkennen. Und die hat offenbar Martina. Immer wieder weißt sie mit dem Finger auf einen Punkt am Horizont, wo man bei genauerem Hinsehen einige der possierlichen Tierchen ausmachen kann. Gute Augen haben aber auf dem namibianischen Hochzeitsmarkt offenbar nur eine geringe Bedeutung, denn auch dadurch erhöht sich Martinas Marktwert nicht. Mehr als 7000 Namibianische Dollar würde Ernst nicht für sie zahlen.

Stinkende Bäume und funkelnde Sterne

Sowohl Klippschliefer- als auch –springer gehören zu den Leibspeisen der Bergleoparden. Die gibt es im Brandbergmassiv ebenfalls, wir aber bekommen sie nicht zu Gesicht. „Seit ich hier lebe, habe ich erst vier gesehen“, sagt Thomas Soutschka und fügt lachend hinzu “und zwei davon waren im Zoo.“

Thomas Soutschka, hat unsere Reise durch Namibia organisiert und hat nicht nur einen deutschen Vornamen, sondern kommt auch daher. Vor 26 Jahren machte er sich mir einen alten VW-Bus auf zu einer Fahrt quer durch Afrika. Die Reise war auch eine Fahrt zurück in die Familiengeschichte – Ziel war Namibia, wo sein Großvater einst bei der deutschen Schutztruppe diente. Am Ende der Reise war der inzwischen schrottreife Wagen unverkäuflich und so zögerte sich der geplante Rückflug, der über den Autoverkauf hätte finanziert werden sollen, immer mehr hinaus. Namibia gefiel Soutschka, er fand eine Arbeitsstelle und bald eine Frau. Die Liebe zu der Frau ist inzwischen lange erloschen, die zum Land aber blieb. Ursprünglich hatte Soutschka Sonnenkollektoren auf die Dächer der Häuser verlegt. Irgendwann wurde ihm das zu langweilig und er begann Trekkingreisen zu organisieren.

Durch die Hungarob Schlucht steigen wir langsam bergan, große Felsen versperren uns immer wieder den Weg und ohne Guide wären wir im Slalomkurs nach oben sicher schon längst vom Weg abgekommen. Außerdem würden wir nichts über die Pflanzen die am Wegesrand stehen erfahren, den Butterbaum beispielsweise, der mit seinem fetten Stamm genauso aussieht wie der Name vermuten lässt. „Wenn man ihn aufschneidet stinkt er wie ranzige Butter, deswegen auch der Name“, erklärt Thomas und warnt gleichzeitig, dass der Baum sehr giftig sei. Auch der zu den Balsambaumgewächsen gehörende Parfümbaum hat sich entsprechend seines Namens gekleidet. Mit seiner glatten und goldenen Rinde, erkennt man ihn als Schönheit am Berg schon vom weiten.

Botaniker aus aller Welt kommen aber wegen einer viel hässlicheren Pflanze hierher – der Welwitschia. Die seltene nach dem gleichnamigen österreichischen Botaniker benannte „Welwitschia Mirabilis“ kommt weltweit einzig in der Namibwüste vor. Sie besitzt keinen Stamm, sondern besteht  lediglich aus zwei Blätter, die im Laufe der Jahre vom Wind zerfranst werden und sich dann meterlang über den Wüstenboden hinziehen. Welwitschias sind Pflanzen aus der Urzeit und können mehr als tausend Jahre alt werden.

Nach einem Tagesmarsch schlagen wir an einer der wenigen Wasserstellen am Berg unsere Nachtlager auf. Der Schweiß des Tages friert uns fast am Körper fest. Nahezu zeitgleich mit dem Sonnenuntergang, der sich hier in minutenschnelle vollzieht, fällt das Thermometer um 30 Grad. Gerade noch haben wir im eigenen Saft geschmort, sitzen wir jetzt eng an eng ums wärmende Lagerfeuer und genießen den unglaublichen Sternehimmel über der Wüste. „Für Hobbyastronomen ist Namibia DAS Reiseziel“, erzählt Thomas und fügt hinzu, dass man von keiner anderen Stelle der Welt einen solch ungestörten Blick ins All werfen könne. Keiner von uns hat nach diesem Abend Zweifel an Thomas Aussage.

Kunst am Fels

Am Brandbergmassiv wurden bis heute 45.000 Felsmalereien entdeckt. Einige davon sehen wir am nächsten Tag in der Schlangehöhle, die etwa zwei Stunden unterhalb des Gipfels liegt. Sie ist nur wenig erforscht und deswegen kann das Alter der Malereien nur geschätzt werden. „Die jüngsten sind etwa 400, die ältesten bis zu 2000 Jahren alt“, so Thomas.

Aber egal, ihr genaues Alter muss man gar nicht wissen, um von den detaillierten Giraffen-,  Zebra – und  Kududarstellungen, beeindruckt zu sein. Auch Jäger mit Pfeil und Bogen sind zu sehen und außerdem einige abstrakte Darstellungen, die Thomas als Visionen von Schamanen und Heilkundigen interpretiert. Die schwer zugängliche Lage der Höhle schützt sie vor Zerstörung. Malereien die weiter unten am Berg liegen, wie etwa die berühmte „White Lady“ sind von neugierigen Besucherhänden bedroht und müssen durch Absperrgitter geschützt werden.

Ob es die Motivation durch die Kunst am Felsen war oder einfach dran lag, dass wir uns inzwischen an das stetige bergan gewöhnt hatten, die letzte Aufstieg zum Gipfel, den uns Ernst und Thomas als besonders steil angekündigt hatten, ist relativ schnell geschafft. Außer Atem sind wir aber doch, als wir oben ankommen und so dauert es ein paar Minuten, bis wir die Aussicht über die Namibwüste so richtig genießen können. Dann aber verewigen wir uns im Gipfelbuch mit ähnlich begeisterten Sprüchen, wie all anderen die vor uns hier waren. Nur ein gewisser Seth, der einige Wochen vor uns auf dem Gipfel stand, schrieb, dass er lieber fischen wäre. Das verstehe ich genauso wenig, wie die Tatsache, dass Martina nur 7000 Dollar wert sein soll.

Rasso Knoller

Griechenland: Wandern auf Korfu

Korfu: Zum Faulenzen zu schade

So verlockend die Strände auch sind – das Landesinnere mit seinen sanften Hügeln, grünen Wäldern und Tälern, mit schattigen Wegen und urwüchsigen Dörfern ist ein reizvolles Wanderparadies

„Habt ihr an genügend Wasser, Sonnenschutz und Kopfbedeckung gedacht“, fragt Reiseleiterin Petra Kiel. Heute wollen wir den Norden erkunden. Ziel unserer Wanderung ist das kleine Bergdorf Giannades. Schon die Busfahrt von Daccia, das an einer halbkreisförmigen Bucht im Osten liegt, ist ein Erlebnis. Kurve für Kurve windet sich die schmale Bergstraße in die Höhe, vorbei an weißen Häusern, versteckt im dichten Grün, aus dem Zypressen wie spitze Nadeln herausragen. Am Dorfplatz in Giannades – mit weitem Blick auf die Ropa-Ebene – werden die Stiefel geschnürt. Auf sanft ansteigendem Hügelland wandern wir an vorbei  blühenden Sommerwiesen und durch Olivenhaine. Es sind keine Plantagen, auf denen die Bäume in Reih und Glied stehen, die oft uralten knorrigen Stämme haben in einer ursprünglichen Landschaft Wurzeln geschlagen. Und  jeder Olivenhain ist anders, der eine durchflutet von Licht, der andere erinnert an einen dunklen, verwunschenen Wald. Unter den Bäumen sind schwarze Netze auf dem Boden ausgelegt, die bei der Ernte von November bis März die Oliven auffangen sollen. Nahezu sechs Millionen Olivenbäume prägen seit Jahrhunderten die Landschaft der Insel, weiß unsere Reiseleiterin.Bergdorf Giannades

Unterdessen hat sich der Himmel bewölkt. Als die ersten Tropfen fallen und der Himmel plötzlich alle Schleusen öffnet, erreichen wir gerade noch die kleine Taverna am Kirchplatz eines Dörfchens. In wahren Sturzbächen strömt das Wasser durch die engen Gassen bergab. Wir sitzen fest, mehr als eine Stunde. Trinken griechischen Kaffe und anderes, warten. Wandern ins Bergdorf Liapades, wo wir erwartet werden, ist jetzt nicht möglich. Doch dann lernen wir griechische Gastfreundschaft kennen. Spyros, Chef der Taverna The Cricketer, kommt mit seinem Minivan und bringt uns trocken nach Liapades, wo wir uns mit korfiotischen Spezialitäten verwöhnen lassen. Ein kurzer Spaziergang führt zu dem kleinen Badestrand. Selbst der grau verhangene Himmel kann den Reiz dieser von Felsen umgebenen Bucht nicht mindern. Doch die Liegen und Boote sind verwaist. Die kleine Beachbar ist geöffnet, aber Gäste sind nicht in Sicht. Liegt es am Wetter oder an den fehlenden Urlaubern?

Zurück im Hotel ist auf der von Weinlaub umrankten Außenterrasse die Tafel gedeckt und der stets zu Scherzen aufgelegte Costas serviert uns das leckere Vier-Gänge-Abendessen. Und wieder einmal genießen wir die bevorzugte Lage dieses Hauses unmittelbar am Meer. Als Michalis Kantarou Anfang der 70ger Jahre sein Hotel erbaute, gab es noch kein Gesetz, das für Hotelbauten einen Mindestabstand von fünfzig Metern zum Wasser vorschreibt. Und so ist das kleine Daccia Beach wahrscheinlich das einzige Hotel, das nur zehn Meter vom Strand entfernt steht. Noch heute sorgen Michalis und seine Frau Margarita für das Wohl der Gäste, Tochter Xanthi erfüllt an der Rezeption alle Wünsche und Sohn Alexander mixt an der Bar auch verführerische Cocktails. Komplett ist die freundliche Familie jedoch erst mit Bruna, den jungen Mischlingshund, der gern mit den Gästen „anbandelt“. Korfu

Strand mit Liegen und Sonnenschirmen

Am nächsten Tag sind die Badesachen im Rucksack verstaut, denn bei unserer Wanderung an der felsigen Nordost-Küste werden wir uns öfter mal erfrischen können. Von Nisaki wandern wir direkt am Meer entlang, auf einem Kies-Steinstrand, der nur von wenigen Sonnenanbetern bevölkert ist. Dann führt der Weg vom Strand auf einem kaum sichtbaren Trampelpfad durchs Gebüsch hinauf und wieder hinunter zur nächsten Bucht. Immer wieder begeistert uns der Blick aufs Meer, das am Ufer  in herrlichstem Türkis leuchtet. Nur ein weißes Segelboot ankert in der kleinen Bucht, als wir uns ins feuchte Nass stürzen. Eine der schönsten Buchten ist die von Kalami. Der nur 250 Meter lange Strand mit Liegen und Sonnenschirmen ist schmal aber idyllisch. Das einstige Fischerdorf Kalami hat eine gewisse Berühmtheit erlangt durch die Familie Durell, die in den 1930ger Jahren hier gelebt hat. In seinem Buch „Meine Familie und anderes Getier“ schildert Gerald Durel, der bekannte Tierfilmer, seine Kindheitserlebnisse auf Korfu, sein noch berühmterer Bruder Lawrenz schrieb über diese Zeit  den Korfu-Klassiker „Schwarze Oliven“. Das weiße Haus am Ufer mit Erinnerungstafeln an die Durells kann heute als Ferienhaus gemietet werden. Nach einer Mittagspause in der Beach Taverna erwandern wir noch einige romantische, winzige oder stille Buchten, bevor am lang gestreckten menschenleeren Strand von Agios Stefanos noch einmal Zeit zum Baden ist.

Italiengefühl in Korfu-Stadt

Von Daccia aus fährt der Linienbus in gut einer halben Stunde nach Korfu-Stadt. Dort hat man das Gefühl, ein bisschen in Italien zu sein. In dem verwirrenden Labyrinth der schmalen Gassen mit ihren italienischen Häusern, schmiedeeisernen Balkonen und schattigen Plätzen streunen Hunde und Katzen herum. Zwischen den Häusern ist Wäsche zum Trocknen aufgehängt, über bröckelnden Fassaden ranken blühende Sträucher.

Korfu Die kleine Hauptstadt ist eine charmante Melange aus griechischer und italienischer Lebensart – denn 400 Jahre lang hatten die Venezianer hier ihre Spuren hinterlassen. Die Altstadt – seit 2007 UNESCO-Weltkulturerbe – gilt als eine der schönsten Griechenlands. Unverzichtbar ist ein Besuch der Alten Festung, dem Wahrzeichen der Stadt. Innerhalb ihrer mächtigen Mauern habe bis zum 16. Jahrhundert ganz Kerkyra gelegen, erzählt unsere Reiseleiterin. Steigt man auf den 60 Meter hohen Hügel hinauf, liegt einem die ganze Stadt zu Füssen. Schönster Platz ist die weitläufige Esplanade, an der sich ein Cafe an das andere reiht. Vollgestopft mit Souvenirgeschäften sind die engen Gassen. Es macht Spaß, dort zu schlendern, in einem der zahlreichen Restaurants zu sitzen und die lebendige Atmosphäre der Stadt auf sich wirken zu lassen.

Heute geht es Richtung Süden, verkündet Petra. Während sich im Norden ein Gebirgszug mit dem fast tausend Meter hohen Pantokrator quer über die ganze Insel zieht, sei der Süden insgesamt flacher. Aber eine Gipfelbesteigung werde es dennoch geben, verrät sie. Im Bergdorf Strongili beginnt unsere Wanderung. Neben ausreichendem Wasser hat jeder auch einen Imbiss im Rucksack, denn heute werden wir ein Picknick machen. Von der Hochebene geht der Blick weit über dicht bewaldete Hügel, aus denen kleine und größere Dörfer wie helle Flecken hervor leuchten. Dann ist der höchste Berg des Südens, der Pantokratoras erreicht. Der „kleine Bruder“ des großen im Norden ist nur 464 Meter hoch. Aus unserer Sicht wirkt er eher wie ein großer Hügel, aber der Weg hinauf muss durch stachliges Gestrüpp erkämpft werden. Auf schmalen Eselspfaden wandern wir bergab, bergauf, ohne einen Menschen zu begegnen. Nur in dem winzigen Dorf Dafnata treffen wir einen alten Mann, der uns überrascht und freundlich begrüßt. Die Sonne brennt von einem wolkenlosen Himmel, der Weg ist meist schattenlos. Unser Ziel, die kleine weiße Kapelle hoch oben auf einem steil abfallenden Felsen scheint noch weit. Doch dann ist es geschafft. Wir sehen in dem winzigen Inneren liebevoll geschmückte Heiligenbilder und Ikonen. Wer mag sie in dieser Einsamkeit aufgestellt haben? Darauf weiß unsere sonst so kundige Reiseleiterin keine Antwort. Gestärkt nach dem Picknick machen wir uns auf den langen Rückweg bergab nach Benitses, einem Ferienort direkt am Meer. Doch noch ist der erlebnisreiche Tag nicht zu Ende. Auf unserem Programm steht nun Korfus wohl bekannteste Sehenswürdigkeit, das Achillion. Hoch über der Ostküste hat die österreichische Kaiserin Elisabeth ihr weißes Schloss in einem herrlichen Park errichten lassen. Gemeinsam mit Besuchern aus vielen Ländern pilgern wir durch die kleinen Räume im Erdgeschoss, durchs prächtig ausgestattete Treppenhaus und genießen von der Terrasse den Blick aufs Meer, der einst Sisi und später auch Kaiser Wilhelm II. bezaubert haben mag.

Ostküste von Korfu

Das Beste kommt zum Schluss

Es heißt ja, das Beste kommt zum Schluss. Und so werden wir nun den Ort sehen, der für viele Korfioten als der schönste auf Erden gilt. Auf uraltem Steinpfad wandern wir bergab nach Lakones an der Nordwest-Küste. Das Bergdorf wird auch als „Balkon des Ionischen Meeres“ bezeichnet, denn von den Terrassen der Cafes und Restaurants blickt man auf Paleokastritsa. Und das Panorama ist tatsächlich überwältigend. Über das grün der Oliven, Zypressen und den gelbblühendem Ginster blickt man hinunter auf das Blau des Meeres mit seinen türkisfarbenen Buchten, die von weißen Steilküsten umrahmt sind. Kein Maler könnte dieses Bild schöner komponieren. Über einen schmalen Fußweg gelangen wir hinunter in den beliebten Urlaubsort an der großen, stark zergliederten Bucht mit ihren kleinen goldgelben Stränden. Einen grandiosen Ausblick bietet auch das hoch über dem Meer thronende kleine Kloster Theotoku mit seiner schönen Kirche und dem blumengeschmückten Innenhof. Wenige Kilometer nordwärts stehen auf einem steil zum Meer abfallenden Bergkegel die Burgruinen von Angelokastro. Die sogenannte „Engelsburg“, die nie erobert werden konnte, war bis ins 18. Jahrhundert immer wieder Zufluchtsort für die Bevölkerung. Unsere letze Wanderung führt wieder durch unendlich scheinende Olivenwälder – teilweise auf dem Corfu-Trail, dem einzigen Fernwanderweg, der 220 Kilometer lang kreuz und quer über die Insel führt. „Die Idee dazu hatte die auf Korfu lebende Britin Hilary Whitton“, erzählt Petra. Seit 2002 gäbe es den durch ein gelbes Symbol an Bäumen und Felsen markierten Weg. Dass er nicht immer leicht zu finden ist, habe sie selbst feststellen müssen, bekennt unsere versierte Wanderleiterin. Aber meist sei das nächste Dorf ja nicht weit. Für uns ist es nun nicht mehr weit bis zum langen Sandstrand von Agios Georgios, an dem wir ein letztes Mal im Ionischen Meer baden können.

Christel Seiffert

Infos: Wikinger Reisen GmbH, Kölner Str. 20, 58125 Hagen, hat eine 8- und 15-tägige Gruppenreise sowie eine 8-Tage-Individualreise auf Korfu im Programm. www.wikinger.de

Österreich: Gormley am Berg

KuNsT AuF dEr AlM

Seit August 2010 stehen 100 schweigende Männer im Hochgebirge von Warth-Schröcken. Es handelt sich um lebensgroße Gusseisen-Figuren, die der weltbekannte britische Bildhauer Antony Gormley für sein Projekt „Horizon Field“ aufstellen ließ. Einige Figuren können Kunst-Interessierte Bergfreunde zweimal im Monat bei einer geführten Wanderung entdecken. Unterwegs erfahren sie mehr über den Künstler und auch darüber, wie schwer es war die gusseisernen Männer auf die über 2000 Meter hohen Gipfel zu schleppen. Die Wanderungen, die am Hochtannbergpass starten, werden noch bis zum 3. Oktober 2011 angeboten. Wer in den Hotels und Pensionen von Warth-Schröcken übernachtet, kann an der Führung  kostenlos teilnehmen. Die Anmeldung läuft jeweils bis Sonntag 10.30 Uhr im Tourismusbüro Warth. Treffpunkt für die drei- bis vierstündige Wanderung ist um 9.40 Uhr am Hochtannbergpass.

INFO: www.warth-schroecken.com

Mehr zu den Statuen von Antony Gormley in dem Artikel Im Winter zu Gormleys Statuen