Österreich: Wien, wienerisch, am wienerischsten

K1024_P1060409Lassen Sie den Stephansdom links liegen. Konzentrieren Sie sich auf den 6. und 7. Bezirk. Dem berühmt-berüchtigten K&K-Multikult- Rotlichtviertel des 19 Jahrhunderts. Die „Unmoral“ war bis in die fünfziger Jahre eine fette Einnahmequelle. Ein diskreter Hauch davon liegt bis heute in der Luft.
Bieder ist hier nichts. Die jungen Kühnen haben die beiden Stadtteile okkupiert. Ob in Kunst, Kultur oder Kulinarik, nur was und wer verrückt genug ist, wird integriert. Die Mariahilferstrasse liegt zwischen den beiden Bezirken 6. Mariahilf und 7. Neubau. Die 1,8 km lange Einkaufsstraße mit ihren allerorts gleichen Kettenläden wirkt wie ein Fossil einstiger Konsumsucht.

 

K1024_Bild 2 Altes.wiener Kaufhausj

„Kreativ Shopping“ läuft ausschließlich in den Querstraßen, rechts und links der Mariahilfer Fußgängerzone. Ein neuer Lifestyle, getragen von Bewusstheit & Wertigkeit, liegt in der Luft. Verkaufsgespräche haben ein spezielles Vokabular. Es geht erst in zweiter Linie ums Produkt. Stress scheint man an manchen Ecken buchstabiere zu müssen.

Nobles Design – und das handgemacht – ist angesagt. Auf Handwerkskunst und edle Materialen legt man Wert. Der Wortschatz der Verkäufer ist voll Poesie. Die Euphorie für die „Kreationen“ lässt sich nicht mit schnöden Verkaufsargumenten ausdrücken. „Eigensinnig“, so heißt eine kreativtriefende Designerinitiative, versteckt hinter der ehrwürdigen Barockkirche St. Ulrich. Hier planen die Kunden zwischen zwei und vier Stunden für ihre Verkaufsentscheidung ein. Eine neue Gesprächskultur entwickelt sich. Die neue Langsamkeit mit geeigneten Worten zu definieren ist der Hype. Lasziv schreitend, sich mit minimalen Hüftschwung bewegen, ist Ausdruck der Philosophie. Aufgeregt laufen nur die selbsternannten Modefetischisten durch die Gassen, die sich in ihren Bloggs in Bewertungen ergehen.
Traditionswerkstätten, wie die 1931gegründete Kürschnerei Freudensprung, bringen die Designerwelt wieder etwas in Balance. Hier wird der Nerz noch repariert, und in der warmen Jahreszeit mottengeschützt präpariert. Auch hier ist die Zeit nicht stehen geblieben. Feine Nerzstreifchen näht man auf Cashmere-Strick. Das spart Material, bringt Bequemlichkeit und lässt erst auf den zweiten Blick den Reichtum erkennen.
„Sellerie“ in der Burggasse ist kein Gemüseladen. Hier offeriert man Vienna Based Designers. Duftkerzen wie „City of Tomorrow“ oder mit dem Duft „Utopie“. Oder im Sale: Wandkalender gedruckt mit Mineralölfreier Farbe auf österreichischem Recyclingpapier  und Energie aus nachwachsenden Ressourcen.
Total im Trend, passend in der Lage und in der Liebenswertigkeit alle Boutiquen übertreffend, ist das Hotel „Altstadt Vienna“.

K1024_Bild 4 Altstadt Vienna Suite Felix Design Metteo Thun. Foto ART

In dem Wiener Stadthaus, im 7. Bezirk in der Kirchengasse, lebt man mit anderen Wiener Familien Tür an Tür. Das Sozialleben im Hotel ist ein Parade-Lehrstück für die neue Lebensart. Ihr smarter Manager Philipp Patzel verkörpert das Konzept der Entschleunigung. Mit seinen Worten: „Die bewusst gehaltene Langsamkeit, die sich auf seine Gäste übertragen darf“. In den Salons wo sich die Gäste zum Nachmittagstee bei selbst gemachten Kuchen plaudernd begegnen, wird die Philosophie zur Kür.
Eine Reihe von Stammkunden kommen im Jahr vier, fünf Mal, und bleiben oft Wochen. Machen Theaterferien. Das Renaissance-, das Volks-Theater, und das Theater an der Josef Stadt sind fußläufig zu erreichen. Das Museumsquartier, eines der zehn größten Kulturareale der Welt ist nur einen Steinwurf entfernt. Da kann man schon mal zwischen dem einen oder anderen Museumsbesuch entspannt ein Nickerchen einlegen.
Ein Stammgast, der am meerestürkisen Sofa, rechts vom Kamin, Nachmittags gerne sein Plätzchen einnimmt, soll regelmäßig einnicken. Das weiß man, und man schiebt ihm ein kleines Kissen in den Nacken, damit sein Schlummern weiter genussvoll bleibt. Das Hotel ist voller bezaubernden Geschichten. Z.B. links neben dem feudalen Eingangsportal, eine unauffällige Wohnungstür. Eine kleine Plakette macht aufmerksam, dass mit bissigem Hund gerechnet werden muss. Die Bewohnerin ist die ehemalige Hausmeisterin. Seit fünfzehn Jahren ist sie pensioniert. Doch ab und an zieht sie ihre weiß gestärkte Kleiderschürze an und inspiziert das Hotel. Wobei man der Ehrlichkeit halber sagen muss, der Gästebereich zählte nie zu Ihrem Ordnungsbereich.
Weltberühmte Architekten und Modestars
Das Hotel hat 54 Zimmer. Ob von weltberühmten Architekten wie Matteo Thun oder von zeitgenössischen Modestars wie Lena Hoschek entworfen, kein Wohnraum gleicht dem anderen. Eines haben Sie jedoch alle gemeinsam: die berühmte Wiener Gemütlichkeit. Nur Ähnlichkeit haben sechs Zimmer, die dem Stil der berühmtesten Wiener Prostituierten Josefine Mutzenbacher zu Ehren gestaltet wurden. Sicher nicht frivol, nur ein zarter Hauch von Verruchtheit imitiert ihren Stil. Sie hat tatsächlich nur ein paar Häuser weiter residiert. Ein Gästepaar aus Tel Aviv erzählte beim Frühstück, sie hätten bei ihrer Zimmersuche das Wörtchen „unique“ in die Suchmaske eingegeben. Die allerhöchsten Bewertungen zeigte das „Altstadt Wien“.
Auf der Hotel-Homepage ist zu lesen: “Hier darf ich’s sein“. Wir sind professionelle Gastgeber, jedoch keine Roboter. Herzliche Menschen, jedoch mit Ecken und Kanten. Wir lachen und weinen, wir tanzen und sinnieren. So sind wir. So dürfen wir sein.
Die Gärtnerei zum bunten Hund hat gleich um die Ecke in der Kirchengasse 29 eine neue Filiale. Unterm Eingangsschild steht: “Wir machen das Kraut fett.“ Die Indoor-Gärtnerei ist spezialisiert auf Hanfpflanzen. Mit zwanzig verschieden Sorten vom Steckling bis zum Baum. Noch bevor man bedient wird, muss man das Poster mit den österreichischen Richtlinien lesen. Damit man die Legalität versteht. Wie es in Deutschland aussieht, geht in Wien keinen was an. Der ausgefuchste Hanf-Junky heißt mit Vornamen Eis. Mit wienerisch- serbischer Akzent erläutert er alles, was es für den zukünftigen Hauskonsum braucht. Seine Liebenswürdigkeit ging sogar soweit, die Geschäftstür zu schließen und mich hundert Meter weiter zum „Buschdoktor“ zu begleiten. Der Zubehörspezialist, der von der Lampe bis zum Dünger alles vorrätig hat.
Einen Katzensprung weiter über die Mariahilferstrasse ist der Headshop von Bushplanet. Hanf prangt hier nur auf den Fototapeten. Der Chef spricht breites Wienerisch und trägt Lederhosen mit Hosenträgern. Das Sortiment von gläsernen Wasserpfeifen ist immens. Das Rauchzubehör dagegen überschaubar. Hauchfeine Smoking Papers gibt’s ab einen Euro. Die Schächtelchen zu studieren und die Beschriftungen wie „Slim Kukuxumusu“ zu buchstabieren, könnte eine Annäherung an den beschaulichen, neuen Lifestyle sein. Gewiss ist es nicht, ob es das Haus davor oder das des Wasserpfeifen-Spezialisten vor hundert Jahren das K&K öffentlich genehmigte Bordell war. Das einzig Legale in der Illegalen Welt.

K1024_Bild 6Hotel-Fuerst-Metternich-4

 

Schräg gegenüber liegt das charmante Hotel Fürst Metternich.  Das Haus wurde 1896 in der Blütezeit der Leichtlebigkeit erbaut. Im Stil der deutschen Neorenaissance in einer typischen Wiener Häuserzeile. Das Haus ist nach dem Fürsten Metternich benannt. Er war ein bedeutender Staatsmann, unter anderem ab 1908 Außenminister der österreichischen Monarchie. Er glänzte als Grandseigneur auf internationalem Parket. Karl Otman von Aretin beschrieb ihn als zügellosen Lebemann. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er inkognito oftmals im Hotel logierte. Im illustren Kreis der „Historic Hotels of Europe“ ist das Metternich auch gelistet. Die Innenstadtlage ist perfekt. Die Estahazygasse verkehrberuhigt. Nachts kommt kaum ein Auto an. Bei offenem Fenster hört man morgens die Vögel zwitschern.

K1024_Bild 5Hotel-Fuerst-Metternich-2

Wenn man in der Nacht zuvor „gezwitschert“ hat, ist man bestens in ihren Hotelbetten aufgehoben. Barkenner, die ich über die Qualität der Americanbar im Souterrain befragte, stritten sich, ob sie die Beste oder Zweitbeste Wiens sei. Die imposante, reich mit schmiedeeisernen Beschlägen und Gläsern verzierte Eingangstür scheint wie dafür gemacht, die Hektik und den Lärm des Alltags auszusperren.
Die Bleiverglasung mit den bunten Butzenscheiben sind noch im Original erhalten. Früher zeigte man Reichtum gerne in der Größe der Kronleuchter. Demnach war das Hotel bereits bei der Bebauung im Luxussegment. Heute vertritt das Hotel passend zum Lebenstil im „Grätzel“(wienerisch Bezirk) den Luxus der Authentizität. Die Familie Kleindienst hat es mit Feingefühl restauriert. Die 54 Zimmer im Stil der 20.Jahrhundertwende belassen und mit modernsten Bädern und Wlan-Kompatibilität ausgestattet.Am Frühstücks Buffet steht frisch gebacken der Wiener Gugelhupf. Beim feinen Knochenschinken steht der Minuten zuvor geriebene Kren ( Meerrettich). Alles signifikante Zeichen, das man sich der Tradition verpflichtet fühlt. Wer sich in die Wiener Kulinarik vertiefen möchte, sollte einen fünfzehnminütigen Spaziergang zum Naschmarkt machen. Nach einem ausgiebigen Rundgang um Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch empfiehlt es sich, im ältesten Gasthaus am Naschmarkt „zur eisernen Zeit“ einzukehren. Ein kleines Gulasch für zwischendurch und ein „Glaserl Wein“ bereits am Nachmittag – wienerischer geht’s nicht.

Text: Veronika Zickendraht
Fotos: Rasso Knoller, Veronika Zickendraht, Hotel Altrstadt Vienna, Hotel Fürst Metternich (2)

Mehr Wien im WeltreiseJournal: http://www.weltreisejournal.de/2013/12/02/oesterreich-der-wiener-opernball/

Und hier geht’s zu den Top 10 Sehenswürdigkeiten Wiens: http://www.weltreisejournal.de/2013/07/15/osterreich-wiens-top-10-sehenswurdigkeiten/

 

 

Österreich: Der Wiener Opernball

Opernball ©WienTourismus  MAXUM

Höhepunkt der Winterballsasion ist der Opernball in Wien. Jedes Jahr im Februar  heißt es „alles Walzer“.

Der Ball der Bälle findet in der Wiener Staatsoper statt. Er ist der große Treffpunkt von Kultur, Wirtschaft und Politik aus dem In- und Ausland. In den vergangenen Jahren wird immer mehr Wert darauf gelegt, dass die KünstlerInnen der Staatsoper im Vordergrund stehen. Sie verleihen dem Ball ein besonderes Flair. Kein Wunder, dass das Fernsehen dieses Medienspektakel live überträgt. Die Kulisse des Opernballs ist einmalig. Pflanzen und üppige Blumengestecke zieren die prunkvolle Feststiege und das Foyer der Staatsoper. Mit Tausenden von Blumen ist auch der Ballsaal geschmückt. Kaum vorstellbar, dass hier drei Abende zuvor noch eine Opernvorstellung stattfand. Gleich nachdem der Vorhang gefallen ist, beginnen rund 600 Handwerker mit dem Umbau. Die Sitzplätze im Parkett werden abmontiert. Über den Orchestergraben hinweg wird in Bühnenhöhe auf einem Gerüst ein Tanzboden verlegt. Statt der sonst üblichen Bühnenkulissen entstehen hier drei Etagen von Bühnen-Logen, um eine Symmetrie zu den Logenrängen im Zuschauerraum herzustellen. Innerhalb von knapp 70 Stunden entsteht so ein harmonisch-einheitlicher, festlich in Gold schimmernder Ballsaal.

Die Eröffnung nur dieses Balles wird als Staatsakt zelebriert. Es ist wie zu Zeiten Kaiser Franz Josephs: Unter Fanfarenklängen erscheinen, mit allen Orden geschmückt, das Staatsoberhaupt und die österreichische Bundesregierung in der Mittelloge der Staatsoper. Genau an jenem Ort, der einst dem Kaiser vorbehalten blieb. Stehend lauschen die über 5.000 BesucherInnen des Opernballs – in großer Abendrobe oder im Frack – den Klängen der österreichischen Bundeshymne und der Europahymne. Ein feierliches Bild. Die Balltradition in Wien ist ungebrochen.

 

 

Österreich: Baden, der Laufsteg der feinen Wiener Gesellschaft

Bernd Siegmund, Das Stadtwappen von Baden

Bernd Siegmund, Das Stadtwappen von Baden

Kaiser Friedrich III. (1415-1493), „des Heiligen Römischen Reiches Schlafmütze“, wie er spöttisch genannt wurde, war oft in Baden. Er fühlte sich pudelwohl in dem kleinen Kurort, der sich 26 Kilometer vor den Toren Wiens in den Wienerwald gekuschelt hat. Auch seine portugiesische Gattin Eleonore zog das schwefelwässrige Bad den kalten Mauern der Wiener Hofburg vor. Natürlich weiß heute niemand mehr genau zu sagen, was die beiden Majestäten so alles in dem berühmten Heilwasser trieben, jedenfalls verlieh der Kaiser 1480 dem Kurort in tiefer Dankbarkeit das Stadtrecht. Und ein sehr lustvolles Stadtwappen obendrein. Es zeigt einen Mann und eine Frau, die, beide nackt, gemeinsam in einem Bottich baden. Das Signet, das auf die Natürlichkeit eines Familienbades hinweisen soll, sorgte nach des Kaisers Tod wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses für allerlei Diskussion. Und wirklich, die Sitten waren nicht ohne Pikanterie. Diener betreuten ihre kurende Herrschaft mit erlesenen Speisen an schwimmenden Tischen, es wurde Champagner getrunken, untereinander geflirtet und miteinander geschmust, man spielte Karten im Wasser und erfreute sich der „Badelieder“, deren Texte alles andere als jugendfrei waren. Besucher sahen vom Beckenrand aus den „Wasserspielen“ amüsiert-animiert zu. 1626 wurde der öffentliche Sittenverfall dem Wiener Hof zu viel, eine kaiserliche Anordnung befahl die Trennung der Badenden in Männlein und Weiblein. Mit untertänigstem Hinweis auf den seligen Kaiser Friedrich III., der ihnen das gemeinsame Planschen im Bottich erlaubt hätte, bat die Kurdirektion um Nachsicht für’s Baden in Baden. Und sie hatte Erfolg. Es blieb alles beim alten. Bernd Siegmund, Pestsäule auf dem Hauptplatz

Überhaupt scheint die Zeit in des „Kaisers Sommerfrische“ still zu stehen. Der noble Kurort mit dem internationalen Flair hat sich bis heute einen Hauch der alten k.u.k.-Monarchie bewahrt. War das nicht eben Fürst Metternich, der da um die Ecke ging? Ach nein, leider nur ein flüchtiger Schatten. Als hätte Karl I., der letzte „austarrische Kaiser“, nie abgedankt, so flanieren feine, betuchte Herrschaften durch den Kurpark, treffen sich schmuckbeladene, ältere Ladies zum Kaffeekränzchen, setzen Glücksritter aller Schichten ihr Geld in Europas größtem Casino aufs Spiel. Baden ist eine unnachahmliche Melange aus Reichtum, Charme und Schickeria.

Alles, was in dem kleinen Ort geschieht, hat auf die eine oder andere Art mit Wasser zu tun. Die zahlreichen Schwefelthermalquellen, die bis zu 36 Grad heiß aus der Erde sprudeln, waren schon den Römern bekannt. Die gesunden Wasseradern dienen heute nicht mehr nur zur Behandlung von Frauenleiden und Rheuma, sie bieten auch Badespaß für Jung und Alt. Die Römertherme, glänzendes Aushängeschild der Badischen Badekunst, gaukelt dem Gast karibisches Flair vor, das Thermalstrandbad entpuppt sich als Imitation eines mediterranen Adriabades. Irgendwie ist alles ein wenig Illusion, selbst das Kuren scheint nicht ganz Ernst gemeint. Baden ist seit eh und je der verlängerte Laufsteg der feinen Wiener Gesellschaft. Das Kuren in frischer Luft und gesundem Wasser ist da eher Nebensache. Nach Baden kommt man, um zu flanieren, zu flirten und zu tratschen. Um zu sehen und gesehen zu werden. Wie ein Magnet zog und zieht die Stadt Berühmtheiten an. Mozart, Andre Heller, Nestroy, Maria Theresia, Peter der Große, Niki Lauda, Kaiser Franz Joseph. Viele Sommermonate, oft kränkelnd und missmutig, verlebte Beethoven hier. In der Rathausgasse 10, dem offiziellen Beethovenhaus, entstanden große Teile der IX. Sinfonie. Bernd Siegmund, Beethovenhaus

Wer durch die Altstadt schlendert, stößt in den herrlichen Gassen auf sehenswerte Häuser, auf historische Kostbarkeiten wie die Gotische Stadtpfarrkirche St. Stephan (15. Jh.) oder die Dreifaltigkeitssäule (1718), auf edle Boutiquen und gemütliche Weinlokale. Doch Baden hat nicht nur seine Reize, wenn es ums Kuren geht. Die Stadt im Wienerwald, umgeben von hügeligen Wiesen und Weinbergen, lockt mit 600 km markierten Wanderwegen, mit schönen Golfplätzen und zahllosen Buschenschenken, das sind stimmungsvolle Weinlokale, in denen die Winzer ihre eigenen Weine ausschenken. Vor den Toren der Stadt, im lieblichen Tal der heiligen Helene, erinnern die Ruinen der Burgen Rauhenstein und Rauheneck (12. Jh.) an die Raubritterzeit. Hier soll Napoleon I. seinem Adjutanten gestanden haben, wie sehr er davon träume, an so einem wunderschönen Ort sein Leben beschließen zu dürfen. Welch seltsame Fügung: 1815 wurde der französische Kaiser nach St. Helena verbannt. Leider verbarg sich hinter dem vertrauten Namen nicht das geliebtes Tal, sondern eine karge, britische Insel im Südpazifik. Auf ihr starb Napoleon 1821 einsam und verbittert.

Bernd Siegmund

Österreich: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Wien

1 Stephansdom

Österreichs wichtigstes gotisches Bauwerk, vom Nordturm aus hat man einen grandiosen Rundumblick auf die Dächer der historischen Stadt.

2 Hofburg

Das Konglomerat mit prachtvollen Gebäuden aus über 600 Jahren verkörpert das feudale Wien, als es noch als k.u.k. Metropole Mittelpunkt eines Vielvölkerstaats war.

3 Museumsquartier Wien

Der schönste Platz zum Flanieren, um Kunst zu genießen und danach in einem der Lokale zu speisen.

4 Albertina

Sie beherbergt eine der bedeutendsten und umfangreichsten Grafiksammlungen der Welt, für Kunstinteressierte ist sie eine Oase.

5 Sigmund-Freud-Museum

Der Vater der Psychoanalyse, die nicht nur eine Behandlungsform ist, sondern eine neue Sicht auf den Menschen eröffnete, hat die Zivilisationsgeschichte nachhaltig beeinflusst.

6 Karlsplatz/Karlskirche

An der Südseite des Platzes erhebt sich die barocke Karlskirche mit ihrem gewaltigen Kuppelbau, dem griechischen Tempelportikus, römischen Triumphsäulen und orientalischen Glockentürmen.

7 Prater

Der Volks- oder Wurstelprater ist ein Paradies für Kinder und Junggebliebene. Die größte Attraktion der vielen Amüsierbetriebe und zugleich Wahrzeichen Wiens ist das Riesenrad von 1897.

8 Schloss Belvedere

Nach seiner grundlegenden Restaurierung bricht das Schloss heute sämtliche Besucherrekorde und beherbergt neben einer barocken Kunstsammlung, die Kaiserliche Gemäldegalerie und das Museum mittelalterlicher österreichischer Kunst.

9 Schloss Schönbrunn

Die meistbesuchte Touristenattraktion Österreichs verdankt ihre Entstehung habsburgischem Größenwahn. Das Schloss im Stil des Rokoko und der nach französischem Vorbild angelegte Park mit Blumenbeeten und Statuen bilden ein prachtvolles Gesamtensemble.

10 Spanische Hofreitschule

Das älteste Reitinstitut der Welt (seit 1572) bestreitet seine Vorführungen nur mit Schimmeln des Staatsgestüts Piber in der Weststeiermark.

Österreich: Wiener Impressionen II

Ein Spaziergang vom Stephansdom zur Staatsoper

Die sich windende Herrengasse stellt dem Besucher noch das alte Wien vor. Wie viele Hofräte und andere Würdenträger mögen hier schon entlanggelaufen sein! Am Michaelerplatz mit der Wiener Hofburg wird es feudal. Doch zunächst betrachten wir das Loos-Haus, ein 1910/11 von Adolf Loos errichtetes, nacktes Gebäude, das Kaiser Franz Joseph »Haus ohne Augenbrauen« taufte. Das verletzte den Künstler tief, hatte er doch für sein futuristisches Projekt im Innersten der Inneren Stadt ein Lob des Hofes erwartet, stattdessen handelte er sich ein Magengeschwür ein. Im Café Griensteidl, im Sommer mit »Schanigarten«, trinkt man seinen Großen Braunen oder Verlängerten gemeinsam mit Journalisten und anderen Lohnschreibern, für die dieser Ort traditionell ein Treffpunkt ist.

Die Hofburg, bis 1918 Machtzentrale des Habsburgerreichs, ist ein Konglomerat aus 19 Höfen, 18 Haupt- und Nebentrakten, Toren, Rundbögen, versteckten Gängen und mehr als 2500 Räumen. Generationen von Baumeistern wirkten fast ein halbes Jahrtausend lang am Bau dieser prunkvollen Residenz mit, viele Pläne wurden allerdings nie realisiert. Doch von aufwändiger Hofhaltung verstanden die Habsburger eine Menge: Sie tanzten und feierten mit Europas Hochadel bis in den Untergang hinein.

An die Hofburg schließt sich der Heldenplatz an. Ursprünglich sollte das Gelände mit einem weiteren Flügel der Neuen Hofburg vor dem Burggarten bebaut werden, was jedoch nie geschah. So entstand mitten in der Innenstadt ein weiter Platz mit Grünflächen und den pompösen Reiterstandbildern des legendären Prinzen Eugen und des Erzherzogs Karl. Der Anblick von so viel Grün vor der barocken Hofburg ist faszinierend. Aus der Ferne grüßt über die Mauer des Volksgartens hinweg der schlanke Turm des Rathauses. Die Wiener sind um diese Stadtlandschaft zu beneiden, die vor allem im Sommer denn auch stark frequentiert ist. Das klassizistische Äußere Burgtor von 1824 am Eingang zum Heldenplatz erinnert an die Völkerschlacht bei Leipzig gegen die Napoleonischen Truppen.

Wir durchqueren den kaiserlichen Irrgarten und begeben uns zurück zum Michaelerplatz. Von dort geht es über den Kohlmarkt in die bürgerliche Stadt. Am 200 Meter langen und knapp halb so breiten Graben finden sich einige der exklusivsten Geschäfte Wiens: Juweliere, Edelboutiquen und angesagte Modeläden. Die barocke Dreifaltigkeitssäule von 1692 in der Mitte des Grabens entstand aufgrund eines kaiserlichen Gelübdes im Pestjahr 1679 und wurde zum Vorbild vieler ähnlicher Monumente im Habsburgerreich. Einst bauten hier, im Schatten der Hofburg, Patrizier ihre Stadtpalais.

Durch die Dorotheergasse geht es vorbei am Café Hawelka, einer Wiener Kaffeehaus-Legende. Im Hotel gegenüber hat der schwermütige Dichter Franz Kafka in den 1920er Jahren Unterschlupf gefunden. Ob er sich auch im Hawelka aufhielt, ist nicht verbürgt. Das Dorotheum, einst eine schlichte Pfandleihe, ist heute ein umsatzstarkes Auktionshaus. Zwischen Dorotheergasse und Spiegelgasse liegt Wiens Antiquitätenviertel. Kostbarkeiten verschiedenster Stilrichtungen und Epochen sind in den Schaufenstern zu bewundern und für teures Geld zu erwerben.

Der monumentale Donner-Brunnen von 1739 am Neu­en Markt gilt als Hauptwerk des großen Barockbildhauers Georg Raphael Donner. Providentia bildet die Zentralfigur des Marmorbeckens, umgeben von den allegorischen Figuren der Flüsse Enns, March, Traun und Ybbs. Glücklichen Umständen ist zuzuschreiben, dass die vier nackten Brunnenfiguren gerettet wurden, die auf Geheiß der sittenstrengen Maria Theresia entfernt werden mussten. Sie sind heute im Barockmuseum im Unteren Belvedere zu sehen, die Figuren am Brunnen sind Bronzekopien.

Um die Ecke liegt der Eingang zur Kaisergruft in der Kapuzinerkirche. Seit 1633 wurden hier die obersten Angehörigen des Habsburger Geschlechts beigesetzt. Während die Herzen der Habsburger Kaiser, Kaiserinnen und Erzherzöge in der Augustinerkirche und ihre Eingeweide im Stephansdom aufbewahrt werden, ruhen ihre Körper in den monumentalen Sarkophagen dieser weihevollen Gruft. Der Name der Kirche geht auf die Kapuziner zurück, die ab 1612 in die Stadt kamen und für die Kaiserin Anna 1618 ein Kloster gründete. Die Kapuziner waren kaisertreu und taten sich beim Kampf gegen die türkischen Belagerer Wiens durch Furchtlosigkeit hervor. Das Gebäude ist schlicht gehalten, gemäß den Regeln der Kapuziner (ein Franziskanerorden), und besitzt als Dekoration nur ein Fassadenfresko, das erst 1936 aufgetragen wurde. In der Kaiserkapelle befinden sich die Holzstatuen einiger Kaiser, in der Kreuzkapelle ein Altar und eine anrührende Pietà. Die Krypta beherbergt 138 Mitglieder des kaiserlichen Geschlechts, dazu eine Büste des letzten Kaisers Karl I. sowie den Sarg der letzten Kaiserin Zita.

In südlicher Richtung geht es weiter zum Albertinaplatz. Der Bildhauer Alfred Hrdlicka errichtete hier 1988 das Denkmal gegen Krieg und Faschismus. Schließlich ist der berühmteste Ringstraßenbau erreicht: die Staatsoper. Eduard van der Nüll und August von Siccardsburg errichteten das Opernhaus 1861–69 im Stil der Renaissance. Nach schweren Kriegsschäden konnte es 1955 wieder eröffnet werden. Eine Eintrittskarte für dieses populärste Haus österreichischer Kultur zu ergattern ist bekanntlich ein Kunststück. Die Staatsoper ist ein Hort, ja, ein Bollwerk der Hochkunst selbst im Zeitalter rasanter kultureller Verflachungen. Ihr Einfluss auf andere europäische Opernhäuser ist beträchtlich, und die Wiener sind zu Recht stolz auf diese Institution, die auch äußerlich etwas hermacht.

Dabei hatten die beiden Architekten so viel Kritik einstecken müssen, dass der eine (van der Nüll) in den Selbstmord flüchtete und der andere bald darauf einem Herzinfarkt erlag. Die beiden konnten nicht verkraften, dass Kaiser Franz Joseph sich bei der Eröffnungsfeier abfällig über das Gebäude geäußert hatte. Der Weg zurück zum Ausgangspunkt der Tour, zum Stephansdom, führt über den belebtesten Boulevard von Wien: Die autofreie Kärntner Straße ist eine traditionelle Einkaufsstraße mit eleganten Luxusläden und noblen Geschäftsfassaden. Inzwischen haben sich hier auch Billigläden und Fastfood-Filialen angesiedelt, doch das mondäne Flair der Einkaufsmeile – mit vielen Bänken zum Ausruhen – hat sich erhalten. Das Kaufhaus Steffl reiht sich mit einem modernen Innenausbau fast nahtlos in die barocke Pracht, und in der verglasten Front des von Hans Hollein entworfenen Haas-Hauses spiegelt sich das farbige Dach des Stephansdoms.

Infos:

Der Textauszug wurde dem Go Vista Cityguide Wien entnommen.

Go Vista
City Guide
Wien
Roland Mischke
ISBN 978-3-86871-612-2
Vista Point Verlag
€ 3,99
www.vistapoint.de

Österreich: Wiener Impressionen I

Ein Spaziergang vom Stephansdom zur Staatsoper

Kaum eine zweite Metropole der Welt macht es ihren Besuchern so leicht wie Wien: Alles Sehenswerte liegt hier auf engem Raum beisammen und ist bequem zu Fuß zu erreichen. Der Rundgang beginnt am Stephansdom, dem weithin sichtbaren Wahrzeichen Wiens und von dessen Bürgern gern und liebevoll »Steffl« genannt. Der Monumentalbau wird optisch beherrscht vom bunt gedeckten Ziegeldach mit dem habsburgischen Doppeladler auf der Süd- und den Wappen der Stadt Wien und Österreichs auf der Nordseite. Das gotische Gotteshaus entstand etappenweise: Ab 1303 wurde der dreischiffige Hallenchor errichtet, dessen Netz- und Sternrippengewölbe von Bündelpfeilern gehalten wird. Ab 1359 erfuhr die Fassade eine Erweiterung und das Dach wurde steil nach oben gedrückt. Der 137 Meter hohe Südturm (Stephansturm) gilt als schönster Turm der europäischen Gotik neben dem des Freiburger Doms.

Das Kircheninnere beeindruckt mit der von Anton Pilgram geschaffenen Kanzel mit ihrem reichen Figurenschmuck und dem Wiener Neustädter Altar, einem gotischen Flügelaltar von 1447. Kaiser Friedrich III. und Prinz Eugen sind in dieser Kirche begraben. Unbedingt lohnt sich der Weg hinauf über 343 Stufen in die Türmerstube, von wo man im Norden und Westen die grünen Hügel des Wienerwalds, im Osten das Riesenrad des Praters und daneben die Türme von Uno-City und Donau-City betrachten kann. Auch der Blick über die Dächerlandschaft der Inneren Stadt, den einst von Befestigungsanlagen umgebenen Stadtkern, ist schön. Deutlich markiert ist sie von der Ringstraße und ihrem Mittelpunkt, der Kärntner Straße zwischen Oper und Stephansplatz.

Die Singerstraße führt ins Idyll des Gassenwirrwarrs, das Wien an dieser Stelle, südlich des Stephansplatzes, besonders prägt. Hier ist die kleinteilige Welt des Mittelalters, wenngleich aufgelockert, noch nahezu perfekt erhalten. Hinter der Grünangergasse biegt man rechts ab zum Franziskanerplatz mit der gleichnamigen Kirche. Wieder zurück, geht es über Kumpfgasse, Schulerstraße und Wollzeile in die Bäckerstraße mit der Universitätskirche. Durch Jesuitengasse und Schönlaterngasse erreicht man den Heiligenkreuzerhof, einen wunderschönen barocken Platz, wie eine Oase eingelassen in die dicht bebaute Gassenwelt und nur durch eine Pforte zu betreten. Im Mittelalter hatte die Stadt hier ihr Zentrum, hier gab es Märkte wie den Fleischmarkt. Später erhielten die Häuser Innenhöfe mit Balkonen, so genannten »Pawlatschen«.

Hinter der Rotenturmstraße tritt man ins Bermudadreieck ein mit seinen Bars und Kneipen um Seitenstettengasse und Rabensteig. Am Ruprechtsplatz steht die winzige Ruprechtskirche, um 740 gegründet und die älteste Kirche der Stadt. Der heutige Bau stammt aus dem 12. Jahrhundert, eines der Chorfenster besitzt die älteste Glasmalerei Wiens (13.Jahrhundert). Hier befand sich einst das Salzamt, unten am Kanal gingen die Salzschiffe aus dem Salzkammergut vor Anker. Salz war zeitweise fast so kostbar wie Silber und Gold, konnte es doch zum Konservieren und natürlich zum Würzen von Lebensmitteln verwendet werden.

Die vielen Modeboutiquen in der Judengasse versuchen, Schickes und Schräges ans trendige Jungvolk zu bringen. Dann folgt der Hohe Markt, wo am Haus Nr.3 noch Reste der römischen Legionssiedlung Vindobona zu sehen sind. Die Ankeruhr, eine zehn Meter breite Jugendstiluhr, lässt täglich um zwölf Uhr mittags alle Stundenfiguren aufmarschieren. Die Salvatorgasse führt zur Kirche Maria am Gestade, die ihren Namen erhielt, weil sich hier einst das Steilufer eines Donauarms befand. Die Kirche aus dem 12. Jahrhundert bekam ihre heutige gotische Gestalt Ende des 14. Jahrhunderts. Die Innenstadt ist an dieser Stelle modern bebaut und erscheint nicht sehr reizvoll.

Vom Passauer Platz aus geht es zum Judenplatz. 1421 fand hier ein schrecklicher Pogrom statt (»Wiener Geserah«), 210 Menschen wurden verbrannt, Tausende Juden enteignet, vertrieben oder eingekerkert. Die erst im späten 16. Jahrhundert wieder entstandene jüdische Gemeinde wurde unter Ferdinand II. in die Leopoldstadt verwiesen. Zum Gedenken an den Holocaust wurde im Oktober 2000 das Museum Judenplatz eröffnet. Heute bestimmt die Gastronomie-Szene diesen zentralen Platz im Herzen des einstigen Ghettos. Im ehemaligen Stadtpalais ist ein Uhrenmuseum mit einigen Raritäten zu besichtigen, darunter eine astronomische Uhr, die für eine einzige Umdrehung 20904 Jahre braucht.

Weiter geht es zur Freyung, einem der schönsten Wiener Plätze, weit und unregelmäßig und umgeben von imposanten Gebäuden. Dazu gehören die Schottenkirche, das Palais Daun-Kinsky mit eleganter Barockfassade (jüngst restauriert) und das mächtige Palais Harrach. Der Name »Freyung« geht übrigens auf das mittelalterliche Asylrecht des Schottenstifts zurück. Wer es in seine Mauern geschafft hatte, war vor Verfolgung geschützt. Das aufwändig sanierte Palais Ferstel bildet eine Passage zwischen Freyung und Herrengasse mit Geschäften, Modeboutiquen und Restaurants. Unter der Glaskuppel des Arkaden-Innenhofs lädt das legendäre Café Central – Eingang an der Herrengasse – zu einer Kaffeepause ein. In das einstige Künstler- und Literatencafé ließ sich der Dichter Peter Altenberg sogar seine Post schicken. Als Pappmachéfigur nimmt er dort noch heute seinen Stammplatz ein.

Weiterlesen

Infos:

Der Textauszug wurde dem Go Vista Cityguide Wien entnommen.

Go Vista
City Guide
Wien
Roland Mischke
ISBN 978-3-86871-612-2
Vista Point Verlag
€ 3,99
www.vistapoint.de