Schweden: Mit Schneeschuhen durchs sommerliche Moor

Foto C. Nowak-Bei Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Wanderung mit Schneeschuhen

Der Store Mosse Nationalpark liegt in der historischen Region Småland einige Kilometer nordwestlich von der Kleinstadt Värnamo. Innerhalb des Nationalparks breitet sich eines der größten Moorgebiete Schwedens aus, eine liebliche Landschaft mit Hochmooren, Niedermooren, Seen und kleinen Wäldern. Auf geführten Schneeschuhwanderungen gelangt man im Sommer in Gebiete, die sonst nicht zu erreichen sind.

Unsere kleine Gruppe trifft sich an einem schönen Sommertag auf einem Waldparkplatz am Rande des Store Mosse Nationalparks. Unter fachkundiger Leitung wollen wir eine ganz besondere Moorwanderung unternehmen. Als Erstes bekommt jeder ein Fernglas, eine Lupe und ein Paar Schneeschuhe. So für alle Eventualitäten gerüstet, schlendern wir, die Schneeschuhe noch in der Hand, in den hügeligen Kiefernwald.

Foto C. Nowak-Värnamo, Im Store Mosse Nationalpark, Wanderung mit Schneeschuhen

Vorneweg geht Cornelia vom Informationszentrum des Nationalparks, erklärt dabei den Unterschied zwischen Blaubeeren, Preiselbeeren und Krähenbeeren, spürt Pilze, Libellen und Käfer auf. Sie erläutert auch die Entstehung des Store Mosse. Vor rund 18 000 Jahren begann das Eis der letzten Eiszeit zu schmelzen und bildete reißende Flüsse und große Seen. Sand und Moränenmaterial wurden mitgerissen und blieben schließlich in den Seen liegen. Besonders große Eisblöcke schmolzen erst viel später und bildeten Hohlformen im Gelände, die sogenannten Toteislöcher. Als erstes besiedelten Gräser, Kräuter und Flechten das vom Eis befreite Land, vor rund 11 000 Jahren wuchsen dann die ersten Kiefern und Haselnüsse.

Einige Tausend Jahre später wurde das Klima milder und feuchter, die Sandheide versumpfte und die ersten Torfmoose überzogen die Landschaft. Stetig wuchs der Moorboden in die Höhe, bis der Wasserstand sank und die Pflanzen den Kontakt zum Grundwasser verloren, aus dem Niedermoor wurde so ein Hochmoor, ein sehr nährstoffarmer Lebensraum. Heute besteht der Store Mosse Nationalpark aus mehreren von Sanddünen getrennten Hochmooren und Niedermooren.

Foto C. Nowak-Värnamo, Store Mosse Nationalpark

Erste Schritte mit Schneeschuhen

Bald kommen wir aus dem Kiefernwald ins Moor, doch noch laufen wir bequem über Bohlenwege. Am Ufer des Svartgölen Sees endet dann der Bohlenweg an einem schönen Picknickplatz. Ab hier kommen die Schneeschuhe zum Einsatz. Noch etwas zögerlich springen wir einer nach dem anderen auf den feuchten, federnden Moosboden und sind überrascht, dass wir kaum einsinken. Anfangs sind die XXL-Füße etwas ungewohnt, doch wenn man etwas breitbeinig geht und die Knie etwas höher hebt, klappt es ganz gut.

Früher wurde im Store Mosse Torf abgebaut, wovon heute aber kaum noch etwas zu sehen ist. Pflanzen haben es im Moor wegen der nährstoffarmen Böden schwer. In den mäßig nassen Senken wachsen gelbgrüne und grüne Torfmoose sowie der fleischfressende Sonnentau. Er kann sich mit Hilfe seiner klebrigen Blätter, die Verdauungsenzyme ausscheiden, einen Teil seiner Nährstoffe aus kleinen Insekten beschaffen. Die richtig nassen Bereiche hingegen bieten höheren Pflanzen kaum eine Nahrungsgrundlage. An relativ trockenen Stellen wachsen Heide, Glockenheide, Moosbeeren, Wollgras, Zwergbirken und Krüppelkiefern. Die Krüppelkiefern werden wegen der Nährstoffmangels zwar nur mannshoch, können aber trotzdem einige Hundert Jahre alt sein. In ihren Stämmen liegen die Jahresringe so dicht beieinander, dass man ihr Alter oft nur mit einem Mikroskop bestimmen kann.

Foto C. Nowak-Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Schneeschuhwanderung

Vom Svartgölen See laufen wir zum Vitgölen, nehmen in seinem tiefschwarzen Wasser ein Bad, machen an seinem Ufer Picknick und stapfen schließlich zurück zum Ausgangspunkt. Dank der Schneeschuhe ist zwar keiner im Morast versunken, aber die Schuhe sind pitschnass und riechen noch tagelang nach Moor. Da bei jedem Schritt zudem Wasser an den Schneeschuhen hängenbleibt, sind auch Hose und Jacke völlig durchnässt. Keiner von uns hat eine Gehtechnik gefunden, die das verhindert, was an diesem sonnigen, warmen Sommertag aber niemanden gestört hat.

Christian Nowak

Foto C. Nowak-Värnamo, See im Store Mosse Nationalpark

Foto C. Nowak-Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Wandern mit Schneeschuhen

Foto C. Nowak - Värnamo, Store Mosse Nationalpark, Wanderung mit Schneeschuhen

 

 

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Norwegen: Urtümliche Gestalten im Dovrefjell

In Europa gibt es heute nur noch einige 100 frei lebende Moschusochsen. Der Großteil von ihnen lebt im norwegischen Nationalpark Dovrefjell.

Die Kongsvold Fjellstue auf der Passhöhe des Dovrefjell ist der beste Ausgangspunkt für die Suche nach den Moschusochsen. Irgendwo zwischen Kongsvold und Reinheim sollen sich einige Tiere aufhalten, so lauten die Tipps aus dem Touristenbüro und von den Veranstaltern der örtlichen Wildnissafaris. Am Anfang der Suche steht aber der Schweiß treibende Aufstieg bis über die Baumgrenze. Der Wanderweg beginnt direkt an der E 6 und führt anfangs durch Birkenwald, der von mehreren Schafherden bevölkert wird.

Oberhalb von 1000 Metern gibt es dann plötzlich keine Birken mehr. Zu beiden Seiten des breiten Tales stehen massige, aber sanft gerundete Berge und am Horizont leuchtet der Schnee auf dem Snöhetta-Massiv. In dieser Gegend sieht man im Sommer immer wieder Moschusochsen. Eigentlich ist es ein ideales Gelände, um sie ausfindig zu machen, denn die Tiere müssten schon von weitem als braune Punkte auf dem mit grün-gelber Rentierflechte überzogenen Boden auffallen. Aber nichts tut sich, und langsam nimmt jeder Felsen die Gestalt eines Moschusochsen an und wir warten gespannt, daß er sich endlich bewegt. Als der Frust schon ziemlich groß ist, sind sie ganz plötzlich da. Gerade noch 50 Meter entfernt grasen drei Tiere vor uns, wir erstarren in der Bewegung und ziehen uns ganz vorsichtig auf eine sichere Entfernung zurück.

Ruhige Zeitgenossen

Überraschend klein sind die Tiere, mit einer Schulterhöhe von vielleicht 1,30 Meter ähneln sie eher Shetlandponys als Bisons, mit denen man sie immer unwillkürlich vergleicht. Moschusochsen bestehen auch im Sommer fast nur aus Fell, das am Hinterteil gut einen halben Meter lang ist und fast bis auf die Erde reicht. In diesem Pelz können ihnen grimmige Kälte und auch die schlimmsten Schneestürme wohl nicht viel anhaben. Aber der Sommer muss in diesem dicken Fell unerträglich sein. Auch Mücken, die uns gerade jetzt, wo Ruhe und vorsichtige Bewegungen nötig sind, in ganzen Schwärmen attackieren, haben bei den Moschusochsen keine Chance.

Im Moment legen sie ihr sprichwörtliches Phlegma und ein totales Desinteresse an ihrer Umwelt an den Tag. Nur wenn sie sich bedroht fühlen, bilden sie eine Wagenburg und warten erst einmal, ob sich der Eindringling zurückzieht. Wenn nicht, gehen sie zu blitzschnell ausgeführten Scheinangriffen über. Wenn auch das noch nicht ausreicht, den Kontrahenten zu beeindrucken, folgt ein ernsthafter Angriff. Dann setzen sich einige hundert Kilo blitzschnell in Bewegung, und die geschwungenen Hörner werden zu gefährlichen Waffen. Unsere drei Exemplare fühlen sich anscheinend nicht bedroht und arbeiten in aller Ruhe weiter am Aufbau ihres Winterspecks.

Ihre Heimat ist Grönland

Moschusochsen sind urtümliche Tiere, die schon während der letzten Eiszeit alle eisfreien Gebiete Europas und Asiens besiedelten. Aber nach dem Abschmelzen des Eises verschwanden sie, wahrscheinlich bekam ihnen das neue Klima nicht, zudem wurden sie Opfer der verbesserten Jagdmethoden des Menschen. In Skandinavien sind bis heute nur wenige Knochen aus dieser Zeit gefunden worden, deshalb wissen wir nicht viel über das Leben der damaligen Moschusochsen. Ihre Neuentdeckung ließ bis 1869 auf sich warten, als eine deutsche Nordpolexpedition sie in Nordostgrönland entdeckte. Nach dieser Entdeckung begann die Jagd gleich von neuem, wobei die Tiere ein Opfer ihres Phlegmas wurden.

Die während der Evolution perfektionierte Wagenburgverteidigung war Jahrtausende lang gegen Wölfe erfolgreich, gegen die Gewehre der Menschen aber hätte ihnen ein ausgeprägter Fluchtinstinkt erheblich mehr genutzt. So wurde ihr Fleisch an die Schlittenhunde verfüttert, die Felle wurden verkauft und die Kälber landeten in zoologischen Gärten. Schnell waren die Moschusochsen akut vom Aussterben bedroht, deshalb wurden sie schon 1917 unter Schutz gestellt, was den Bestand wieder einigermaßen stabilisierte.

In den dreißiger Jahren versuchte man, Tiere aus Grönland auf dem Dovrefjell anzusiedeln, der erste Versuch ging aber schief, alle wurden Opfer des Zweiten Weltkrieges. Zwischen 1947 und 1953 wurde mit 27 Kälbern ein neuer Versuch auf dem Dovrefjell gestartet, die wenigen, die in der neuen Umgebung überlebten, bildeten den Grundstock für den heutigen Bestand von 75 Tieren. Die rauhe Landschaft in dem 256 km 2 großen Nationalpark und die eisigen Winter waren anscheinend genau die richtigen Bedingungen für die Tiere, denn der Bestand hielt sich.

Abwechslungsreicher Nationalpark

Der Dovrefjell Nationalpark gehört zu den abwechslungsreichsten Hochgebirgslandschaften Südnorwegens. Der Park wird vom Drivdalen mit seinem beeindruckenden Canon, der Bahnlinie und der Europastraße 6 in zwei Hälften geteilt. Nicht nur für Moschusochsen-Fans ist das Dovrefjell interessant, auch Botaniker schwärmen von dem Park. Mehr als 400 verschiedene Pflanzenarten haben sie bereits bestimmt. Einige Raritäten wuchsen bereits von der letzten Eiszeit in diesem Gebiet. Schon von der Straße aus kann man den tiefen Canon, den der Fluss Driva ausgehöhlt hat, sehen.

Früher war das Dovrefjell mit seinem reißenden Fluss ein gefährliches Hindernis auf dem Weg von Oslo nach Trondheim. Auf dem alten Königsweg war es, besonders im Frühjahr oft lebensgefährlich, wenn der Fluss Hochwasser führte und den schmalen Weg unterspülte. Heute kann man gefahrlos auf dem „Gamle Kongeveien“, auf der südlichen Seite des Flusses, entlang wandern. So wie es unzählige Könige seit der Zeit der Wikinger auf ihren Pilgerreisen nach Trondheim getan haben.

Gefahren im Moschusochsenland

1971 beschloss eine Gruppe Moschusochsen nach Schweden auszuwandern und ließ sich in der Femundsmarka um den See Rogen nieder. Diese Gruppe besteht heute aus 20 Tieren. Der Bestand, der im Dovrefjell zurück geblieben ist, ist immer noch relativ klein, weil die Herde immer wieder dezimiert wird. So starben 1978 zwölf Tiere durch einen Blitzschlag, im selben Winter grassierte unter ihnen die Hirnhautentzündung, und auch die Zivilisation fordert immer wieder Opfer. Die Dovrebahn, die den Nationalpark in zwei Hälften teilt, ist ebenso eine Gefahr wie der Schießplatz bei Hjerkinn, wo in der Vergangenheit sechs Tiere durch eine Phosphorvergiftung starben.

Christian Nowak

Deutschland/Dänemark: Mit dem Rad von Berlin nach Kopenhagen

Der Radfernweg Berlin – Kopenhagen führt durch die Mecklenburgische Seeplatte, alte Residenzstädte, die Hansestadt Rostock und über die Ostsee bis in die dänische Hauptstadt.

Wir treffen uns am Brandenburger Tor, dem Wahrzeichen Berlins, früher Symbol der Teilung und des Mauerfalls, heute Touristenmagnet und Mittelpunkt der zusammengewachsenen Hauptstadt. Von hier wollen wir den Radfernweg Berlin – Kopenhagen in Angriff nehmen. Offiziell beginnt er zwar knapp zwei Kilometer weiter östlich am Schlossplatz, doch bei den rund 630 Kilometern, die vor uns liegen, fällt die kleine Abkürzung kaum ins Gewicht.

Auf den ersten Kilometern zeigt sich Berlin mit Reichstagskuppel, Regierungsviertel und Hauptbahnhof modern und weltstädtisch, doch schon bald geht es dann bis zur Stadtgrenze fast nur noch am Wasser entlang. Hohenzollernkanal, Havel, Nieder Neuendorfer See und die Oder-Havel-Wasserstraße bilden den gelungenen Auftakt dieser grün-blauen Radtour, denn bis nach Kopenhagen schlängelt sich der Radweg durch unzählige Wälder und Felder und verläuft über lange Strecken am Wasser.

Wohlwollend nehmen wir schon nach wenigen Kilometern zur Kenntnis, dass sich die Initiatoren dieses Radfernweges sehr viel Mühe mit der Streckenführung gegeben haben. Denn wir radeln fast immer auf wenig befahrenen Straßen oder sogar autofreien Wald- und Uferwegen. Und auch der Straßenbelag wird diese Woche zur Genusstour machen, denn die Reifen rollen überwiegend über makellosen Asphalt, sodass die Fahrt nach Kopenhagen selbst auf dem Rennrad kein großes Problem wäre.

Doch wir lassen uns Zeit, denn rechts und links des Weges gibt es soviel zu sehen, dass wir die Fahrt alle paar Kilometer unterbrechen könnten. In Oranienburg wartet das älteste Barockschloss der Mark Brandenburg, das als Landsitz für die Frau des Großen Kurfürsten, Louise Henriette, gebaut wurde. 2009 war der historische Schlosspark Teil der Landesgartenschau, die unter dem Motto „Traumlandschaften einer Königin“ stand. Zumindest noch in diesem Jahr sind die liebevoll gestalteten Themengärten im Schlosspark zu besichtigen. Jenseits der bedrückenden Gedenkstätte Oranienburg-Sachsenhausen wird es schnell ländlich, dichte Wälder und Felder, die ihre Farbe mit der Jahreszeit von sattem Grün zu kräftigem Goldgelb ändern, aber auch Bauernhöfe, Dörfer und kleine Städte ziehen vorbei.

Ein Stück Industriegeschichte

Kurz nach Zehdenick führt der Radfernweg durch eine heute menschenleere Tonstichlandschaft, die auf den Ziegeleipark Mildenberg einstimmt. Mehr als 50 Seen, alles ehemalige und später geflutete Tontagebaue, sind entlang der Havel in eine wunderbar grüne Landschaft eingebettet. Von den 1890er Jahren ziemlich genau 100 Jahre lang war Mildenberg einer der wichtigsten Orte der Ziegelproduktion in ganz Europa. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass hier einst mehr als 5000 Menschen arbeiteten und rauchende Schlote die Luft verpesteten.

Vor allem das schnell wachsende Berlin der Gründerzeit hatte einen unersättlichen Bedarf an gebrannten Ziegeln und die kamen zum Großteil aus Mildenberg. Wichtigstes Relikt aus dieser Zeit ist der gewaltige Ringofen, der wegen seiner genialen Konstruktion ununterbrochen Tag und Nacht brennen konnte. Ab dem kleinen Ort Himmelpfort, in dem jedes Jahr ab Mitte November unzählige Briefe an den Weihnachtsmann beantwortet werden, radeln wir praktisch von See zu See, von denen viele bei schönem Wetter zum Baden einladen. Stolpsee, Röblinsee, Menowsee, Ellbogensee, Plättinsee, Gobenowsee, Woblitzsee und Zierker See bringen uns schließlich nach Neustrelitz.

Größte Sehenswürdigkeit der 1733 von den Herzögen von Mecklenburg-Strelitz gegründeten barocken Stadt ist ihr quadratischer Marktplatz, von dem sternförmig acht gerade Straßen in die Haupt- und Nebenhimmelsrichtungen abgehen. Hier steht auch das klassizistische Rathaus, das nach Plänen des Schinkelschülers Friedrich Wilhelm Buttel errichtet wurde. Auch nach Neustrelitz ist das Wasser allgegenwärtig, es sind die Seen der Mecklenburgischen Seenplatte. Nach einem kurzen Stück durch den Müritz Nationalpark führt ein wenige hundert Meter langer Abstecher zur Quelle der Havel, die von hier mehr als 300 Kilometer unter anderem durch Berlin und Brandenburg fließt, bevor sie bei Havelberg in die Elbe mündet.

Das Trojanische Pferd von Ankershagen

Der kleine Ort Ankershagen, im 12.Jahrhundert von Siedlern gegründet, ist ein typisches Angerdorf, hier befindet sich das weltweit einzige Heinrich-Schliemann-Museum. Auch wenn es von den Räumlichkeiten eher klein ist, zählt es doch zu den bedeutendsten Museen Mecklenburg-Vorpommerns. Diese Anerkennung verdankt es in erster Linie seinem Direktor Dr. Reinhard Witte, der sich seit Jahren der Schliemann-Forschung verschrieben hat, die seiner Meinung nach noch lange nicht abgeschlossen ist. Genügend Material für viele weitere Jahre der Forschung gibt es mit Sicherheit, denn Schliemann frönte während seines ganzen Lebens einer regelrechten Sammelleidenschaft, sein Nachlass besteht unter anderem aus rund 80 000 Briefen.

Das Museum befindet sich in einem schönen Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert, einst war es das Pfarrhaus von Ankershagen. Hier verbrachte Heinrich Schliemann, Sohn eines Pfarrers, acht Jahre seiner Kindheit. In seiner Autobiografie beschreibt er auch Ankershagen, den Ort seiner Jugend, die Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert, das Hügelgrab aus der Bronzezeit und das Ritterschloss, all das kann man auch heute noch besichtigen. Schon als Achtjähriger soll er in Ankershagen davon geträumt haben, irgendwann einmal Troja auszugraben. Vor dem Museum steht symbolträchtig ein großes hölzernes Trojanisches Pferd, in den Innenräumen fallen sofort die Nachbildungen aus dem Schatz des Priamos ins Auge.

Auf kleinen Straßen geht es nun durch Felder und kleine Dörfer an der Grenze des Nationalpark Müritz entlang bis nach Federow. Die Nationalpark-Information bietet je nach Jahreszeit Adlersafaris, Vogelstimmenführungen oder Radtouren durch das Kerngebiet des Nationalparks. Doch der Höhepunkt ist die Live-Übertragung aus einem Fischadlerhorst. Der Horst befindet sich an der Spitze eines Strommastes, eine Kamera mit Zoom- und Schwenkfunktion vermittelt hautnahe Einblicke in das Familienleben der Fischadler, ohne die Tiere beim Brutgeschäft zu stören. Im Laufe der Jahre sind so einmalige Aufnahmen auch vom Füttern der Jungtiere entstanden. Wer will, kann sich natürlich auch die Fischadler in der Natur anschauen, doch selbst mit einem guten Fernglas ist der Adlerhorst immer noch relativ klein und längst nicht so imposant wie aus der Kameraperspektive.

Über Waren, Krakow, Güstrow und Schwaan führt uns der Radweg nach Rostock und ans Meer, das wir von nun an kaum noch aus den Augen verlieren werden. Mit jedem Atemzug füllen sich die Lungen mit frischer Luft, feine Nasen können das Meer schon riechen und im Gesicht ist der Wind zu spüren. Stadtbrand und Zweiter Weltkrieg haben der Hansestadt Rostock arg zugesetzt, doch einige historische Giebelhäuser und Backsteinkirchen konnten rekonstruiert werden, auch das Rathaus am Neuen Markt und die Reste der Stadtmauer sind sehenswert.

Die Kreidefelsen von Møn – fast schöner als Rügen

Doch wir wollen schnell auf die Fähre und in knapp zwei Stunden hinüber nach Dänemark. Der Fährhafen Gedser besitzt wenig Reiz, lohnender ist der Abstecher zu den herrlichen Sandstränden von Marielyst. Die Inseln Falster und Lolland sind bretteben und wenig abwechslungsreich, deshalb entschließen wir uns, den rund 50 Kilometer langen Abstecher um die Insel Møn zu machen.

Vor allem wegen der Kreideklippen, als kilometerlange, senkrechte Wand steigen sie aus dem Meer, von einem Buchenwald gekrönt, der sich bis an die Abbruchkante wagt. Der Abstieg auf endlosen Treppen hinab zum Strand gleicht einer Zeitreise durch 70 Millionen Jahre Erdgeschichte, konserviert in der Kreide. Unten angekommen können sich die Augen dann nicht satt sehen an dem Farbendreiklang aus weißer Kreide, blauem Himmel und grünem Buchenwald. Zurück auf dem Radfernweg ist die Stadt Køge das nächste Ziel, deren Wurzeln bis ins Mittelalter zurückreichen. Aus dieser Zeit sind vor allem um den Marktplatz noch viele alte Häuser erhalten geblieben. In der Nørregade, Brogade, Vestergade und Kirkestræde, den kleinen Straßen rund um den weitläufigen Marktplatz, fallen immer wieder wunderschöne alte Fachwerkhäuser ins Auge.

Besuch bei der Kleinen Meerjungfrau

Doch nun lockt Kopenhagen, die wohl charmanteste Stadt Skandinaviens und Ziel des Radfernweges. Kopenhagen hat viel zu bieten, viel mehr als die Kleine Meerjungfrau und den Tivoli. Im Zentrum gibt sich Kopenhagen als weltstädtische Metropole, hier schlägt aber nur eines der vielen Herzen der Stadt. Was uns sofort auffällt, sind die vielen Radfahrer, mehr als ein Drittel der Pendler sollen mit dem Rad unterwegs sein, auch Anzug oder High Heels fahren in Kopenhagen Rad. Fast jede Straße hat einen Radweg oder Radstreifen und eine Grüne Welle für Radfahrer gibt es auch – davon können Autofahrer in Dänemarks Hauptstadt nur träumen.

Ungewohnt ist auch die Disziplin der Kopenhagener, jeder benutzt den Radweg und an roten Ampeln wird fast ausnahmslos gehalten. Die Stadtbesichtigung fällt viel zu kurz aus – denn für Kopenhagen braucht man mindestens zwei oder besser drei Tage. Um einige der rund 100 Museen anzuschauen, über die Einkaufsstraße Strøget zu schlendern, einen Kaffee vor der bunten Häuserzeile von Nyhavn zu trinken, die Marmorkirche und Schloss Amalienborg anzuschauen, die neue Oper zu bewundern oder dem Freistaat Christiania einen Besuch abzustatten. Es gibt viele Gründe, um wieder nach Kopenhagen zu kommen.

Christian Nowak

 

 

Christian Nowak: Best of Norwegen

51KlM5hk8BLBEST OF … ist eine Bildbandreihe professionell fotografiert von renommierten Reisefotografen — – – Bis zu 200 Bilder auf 140 Seiten – – – Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis – – – Die 66 wichtigsten Sehenswürdigkeiten einer Destination vorgestellt in Wort und Bild – – – Kenntnisreiche Texte – – – Ausführliche Bildunterschriften – – – Farbiger Lageplan zu jedem Highlight – – – Detailliertes Register und Übersichtskarte. Enge, tief in die Küste eingeschnittene Fjorde mit unzähligen Wasserfällen, glasklare Seen und dichte Wälder, schneebedeckte Hochgebirge und weite Täler, die einzigartige Inselwelt der Lofoten die Landschaften Norwegens bieten eine faszinierende Vielfalt. Die höchsten Berge liegen in Jotunheimen, ewiges Eis vor allem in den großen Gletschergebieten des Jostedalsbreen und Svartisen. Das Land im hohen Norden Europas ist Sinnbild für einzigartiges Naturerleben zwischen Meer und Bergwelt. Seinen Reichtum erwarb das Land einst durch Fischerei und Handel, von dem heute noch die Städte entlang der Küste künden, allen voran Bergen und Ålesund. Trondheim mit seiner prächtigen Kathedrale ist bis heute Krönungsort des norwegischen Königshauses. Urbanes Zentrum des Landes ist Oslo, die Hafen- und Hauptstadt im Südosten. Der Reihenband Best of Norwegen stellt die 66 lohnenswertesten Reiseziele vom Kap Lindesnes bis zum Nordkap vor. Dabei dürfen Sehenswürdigkeiten wie der Preikestolen, der Jostedalsbreen und Städte wie Bergen und Oslo natürlich nicht fehlen. Doch es findet sich auch Sehenswertes abseits der typischen Ziele: Etwa die Senja-Insel oder der Fischmarkt von Bergen. Die 66 Highlights geben einen umfassenden Eindruck von der Vielfältigkeit Norwegens.

Christian Nowak: Baedeker SMART Island

51CZ-g-B0kLDer Baedeker SMART Island führt mit perfekten Tagesprogrammen durch alle Gebiete Islands und zeigt die beliebtesten Attraktionen, jeweils mit Tipps für kleine Pausen in Cafés, Restaurants oder Bars.

Den Auftakt bilden die TOP 10 Islands: die wichtigsten Sehenswürdigkeiten, die man unbedingt gesehen haben muss, von der absoluten Nummer eins bis zur nicht mehr ganz so wichtigen Nummer zehn. Erleben, was Island ausmacht – dabei helfen die Tipps des „Island Gefühls“, zum Beispiel Spaziergänge in weißem oder schwarzem Sand, die echte Mitternachtssonne auf Grimsey genießen oder essen Sie mit und bei Einheimischen. „Das Magazin“ erzählt spannende und unterhaltsame Geschichten z. B. über die Besiedlung Islands, das Hochland, das Islandpferd und die Krimiwelt.

In vier nach Regionen gegliederten Kapiteln werden die wichtigsten und interessantesten Sehenswürdigkeiten vorgestellt und auf erlebnisreichen Tagestouren erkundet, die natürlich auch Zeit für genussvolle Pausen einplanen. Detailreiche 3D-Grafiken blicken auf Geysire und auf die „Perle“.  Abgeschlossen werden die einzelnen Kapitel mit den Beschreibungen ausgewählter Restaurants, der besten Shoppingmeilen und der attraktivsten Ausgeh-Adressen. Auf einer Radtour  zum Leuchtturm oder bei einem Ausflug ins Selárdalur kann man die vielen verschiedenen Facetten der verschiedenen Regionen kennenlernen. Zum Schluss laden die amüsanten „10 Gründe wiederzukommen“ zu einem weiteren Besuch ein – schließlich bietet Island immer wieder Neues.

An einem Tag von Berlin zum Nordpol und zurück

Nordpolflug 2017 (Bildschirm-Info am Check in-Schalter in Tegel k)Obwohl die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft und Namenspatronin unserer Hauptstadt seit dem 27. Oktober 2017 Geschichte ist, erinnert man sich doch gern immer wieder an schöne, unvergessliche Erlebnisse mit Air Berlin. Dazu gehört unbedingt der weltweit einzigartige Jubiläumsflug zum Nordpol. Selbst für weitgereiste Leute war dieser Polarflug AB 9669 am 1. Mai 2017 von Berlin-Tegel via Nordpol nach Berlin Tegel ein ganz besonderes Erlebnis. 243 Passagiere aus 13 Ländern (u. a. aus Dubai) konnten an Bord eines Air Berlin-Langstreckenjets A 330-200 die Nordpolregion einmal so sehen und fotografieren wie bisher nur wenige Menschen. AirEvents-Geschäftsführer Dr. Sven Maerten: „Seit nunmehr zehn Jahren sind wir weltweit der einzige Anbieter solcher spektakulärer Polarflüge nördlich von Spitzbergen bis zum geographischen Nordpol auf 90 ° N“. Was damals bei diesem erfolgreichen Jubiläumsflug (am 1. Mai 2007 war der erste Polarflug gestartet) keiner wissen konnte: wenige Monate später musste der bewährte AirEvents-Partner Air Berlin Insolvenz anmelden.

Familiäre Atmosphäre an Bord

Ungläubiges Staunen an diesem sonnigen Maimorgen vor der großen Anzeigetafel im Terminal A des Airports Berlin-Tegel. AB 9669 Start 9.20 Uhr – Ziel Berlin-Tegel steht dort. Erst am Check-in-Schalter im Terminal B klärt sich das auf, denn da zeigt der Bildschirm tatsächlich den Polarflug mit Air Berlin an. Begleitet von Kamerateams und weiteren Medienvertretern haben sich hier die Teilnehmer des außergewöhnlichen Langstreckenflugs, darunter auch Familien mit Kindern und eine Ordensschwester, alle ausschließlich mit Handgepäck, eingefunden. Auch für die Flughafenmitarbeiter ein besonderer Moment beim Ausstellen der Bordkarte.

Nordpolflug 2017 (Routenplan auf Monitor)kEin letztes Winken und dann geht es zu Fuß in den Air Berlin-Jet. Freundliche Begrüßung durch die Crew. Es gibt Informationen zum geplanten Flugverlauf und schon geht es los. Bald ist zu merken, dass dies kein normaler Langstreckenflug ist. Die Passagiere haben sich schnell miteinander bekannt gemacht und die extra freigehaltenen Sitz-Reihen (mit perfekter Fotogelegenheit an den Bordfenstern) inspiziert. Man bewegt und fühlt sich wie eine große Familie an Bord. Denn alle haben das gleiche Ziel: das Polargebiet unseres Planeten aus einer ganz besonderen und nicht alltäglichen Perspektive sehen zu können.
Und während die ersten nordisch inspirierten Snacks serviert werden, freut sich unser maritimer Journalisten-Experte Peer Schmidt-Walther, seine Heimatstadt Stralsund beim Überflug und guter Sicht einmal aus der Vogelperspektive erleben zu können. Später werden dann bei ihm Erinnerungen an seine Fahrt vor etlichen Jahren mit einem Eisbrecher Kurs Nordpol wach.

Kürzeste Weltumrundung

Immer wieder vermitteln die mitgereisten Experten ihr Wissen. Spannend auch die Live-Schaltung mit einer Forschungsstation auf der „Bäreninsel“. Nach einzigartigen (Aus)Blicken auf den weitgehend wolkenfreien nördlichen Teil von Spitzbergen steuert der erfahrene Flugkapitän Wilhelm Heinz (er hat 9 der bisherigen zehn Polarflüge von AirEvents perfekt gemeistert) den Nordpol direkt an.

Nordpolflug 2017 (Flugkapitän Wilhelm Heinz im Cockpit k) Zuvor waren noch die notwendigen Überfluggenehmigungen von etlichen Ländern eingegangen. erst am Morgen des Abflugs konnte die exakte Flugroute festgelegt werden. Aber auch hier waren u. a. wetterbedingt durchaus noch Änderungen möglich. Spontaner Beifall der Passagiere für die Ansage aus dem Cockpit: „Wir tun alles Mögliche, um die optimale Route für unvergessliche Eindrücke der Arktis auszumachen und gegebenenfalls auch spontan noch anzupassen“. Dann der Höhepunkt des ungewöhnlichen Langstreckenflugs nur mit Handgepäck: nach dem für alle spannenden, unvergesslichen Countdown in 930 m Höhe über dem nördlichsten geografischen Punkt der Erde (Nordpol 90°) startet bei Champagner die kürzest mögliche Weltumrundung. Mit einer 360 Grad-Kurve werden in einer Minute alle 360 Längengrade und Zeitzonen durchflogen. „Ein erhebendes Gefühl“, so die Berliner Verlegerin Regina J. Schwenke, die ihr Buch „Kreuzfahrt ins Land der Mitternachtssonne“ mit an Bord hat. Wir haben bei diesem Jubiläums-Polarflug ausgesprochenes Wetterglück, was in dieser Region nicht selbstverständlich ist. Bei Sonnenschein und auf wiederum verringerter Flughöhe ist später die zerklüftete Küste Ost-Grönlands prächtig zu sehen.

Nordpolflug 2017 (über Ost-Grönland 20)kRiesige Eisschollen, imposante vereiste Fjorde und hohe Berge faszinieren die begeisterten internationalen Passagiere ebenso wie die „Geburtsstätte“ der Eisberge… Und als die Sonne langsam glutrot hinter dem Horizont verschwindet, passieren wir die Nordküste Islands, dann die Faröer- sowie Shetland-Inseln und steuern Berlin-Tegel an. Nach etwa 9800 Flugkilometern und 12,5 Stunden landen wir pünktlich und sicher. 243 glückliche Polarflieger treten mit vielen unvergesslichen Eindrücken und ihrem Zertifikat die Heimreise an.Nordpolflug 2017 (über Ost-Grönland 22)k
Inzwischen hat AirEvents signalisiert, dass es im Frühjahr 2019 einen weiteren Nordpolflug, diesmal mit der Fluggesellschaft Edelweiss ab Zürich geben wird.

Text und Photos Hans-Peter Gaul

Norwegen: Hol den Wagen, Harry!

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Mit Skiern und Pulka durch die winterliche Hardangervidda

Es gibt Dinge, die braucht man normalerweise nicht. Doch, was ist normal? Ist es normal freiwillig in den Schnee zu ziehen, zu frieren während sich die ganze Stadt auf den Frühling freut? Tagelang mit einem haarigen Kerl in einem viel zu engen Zelt zu verbringen, seine stinkenden Socken zu ertragen? Kälte ist nicht wirklich mein Ding – ich bin eben ein Normalbürger, bevorzuge es gemütlich. Es gibt aber auch Menschen, die gehören nicht zum Kreis dieser Normalbürger.

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Ein solcher ist Harry, er liebt die Kälte! 600 km Grönland, mit dem Zelt, natürlich im Winter, Herr habe Erbarmen! Harry und ich wir kennen uns schon seit Jahrzehnten. Nach vielen gemeinsamen Jahren beim Klettern, in Höhlen, auf den sommerlichen Gletschern der Alpen verloren wir uns aus den Augen. Karriere, Familie, das Übliche und dann führte uns ein Zufall nach 15 Jahren wieder zusammen. Wir wollten klettern, wandern, ich wollte ganz gewiss nicht in die Kälte.

Und Harry? Warum bestand er darauf bei unserer Winterbegehung der Alpspitz-Nordwand am Einstieg zu zelten, bei -17 °C? Das war ein Test, zugegeben, es war viel weniger unangenehm als erwartet. Im Gegenteil, in der Nacht musste ich mich Schicht für Schicht aus meinen Klamotten pellen, mir war zu warm in all den Dingen die ich mir aus Furcht zu frieren angezogen hatte! Auch die Raureif verzierten Zeltinnenwände, die weiß gepuderte Mütze konnten nichts daran ändern: es hat mir Spaß gemacht!

Auf den Spuren der Polarforscher

2012-03-04 155013 RawTja, und so rückte Harald mit seiner Idee heraus, gemeinsam die Hardangervidda auf Ski zu durchqueren. Die was bitte? Er klärte mich mit leuchtenden Augen auf: Die Hardangervidda ist diese riesige, unwirtliche, menschenarme Hochebene im Süden Norwegens, in der sich schon so berühmte Abenteurer wie Roald Amundsen, Robert Falcon Scott und Fridtjof Nansen auf ihre Arktistouren vorbereitet hatten. Stürme, Whiteouts und Temperaturen von -25  C sind dort ganz normal. Nicht umsonst wird die Region als das am südlichsten gelegene Trainingsgebiet für Arktisaspiranten betrachtet.

So reisten wir also mit 110 Kilo Gepäck, verstaut in zwei Pulken, nach Norwegen, dabei Nahrungsmittel für 14 Tage. Während der Anreise berichtete eine norwegische Bergführerin, dass die 120 km Tour von einigen sportlich ambitionierten jungen Leuten in zwei Tagen gemacht wird – natürlich ohne eine heftig bremsende Pulka an der Ferse. Wir aber wollten uns gemütliche 8-10 Tage Zeit lassen und die Natur genießen. In der Nähe des Valdalsvattnet spuckte uns der Bus von Oslo kommend aus, und da standen wir nun mit all unserem Plunder in der Pampa.

Ich stand hier am Rand der Wildnis das erste Mal vor einer Pulka und fühlte mit allen 2012-03-05 135125 RawLasteneseln der Welt. Hüüüüh, entfuhr es mir unwillkürlich, als ich die ersten Schritte wagte. Ach Harry, hol doch den Wagen, dachte ich mir als wir die Straße langsam hinter uns ließen – er holte ihn aber nicht. Stattdessen sah ich ein Bild vor mir, das sich mir in den kommenden Tagen einprägen sollte. Harry von hinten, die Pulka gemächlichen Schrittes ziehend – aus dem Manager wurde in wenigen Minuten der erfahrene Outdoormensch.

Zelten in Sturm und Schnee

Bereits am ersten Abend weihte er mich in die Routine des Zeltaufbaus ein, jeder Handgriff sollte sitzen. Weder durfte das Zelt im Sturm beschädigt werden, noch durften Teile verloren gehen. Etwa in der Mitte des 10 km langen Sees, bauten wir das Zelt in der Nähe einer kleinen Insel auf. Nur der Navi verriet uns, dass wir auf dem gefrorenen See zelteten. Schon die erste Nacht lehrte mich, welche Kraft der Wind hier entwickeln kann. Am Rande der Hardangervidda strömen Luftmassen von der Hochebene herunter und pfeifen durch das Vivassdalen. Die ganze Nacht zerrte der Wind knatternd an unserem Zelt. Am Morgen lag die große Pulka quer vor unserem Zelteingang, umgeblasen wie ein Ballen Stroh.

Für den zweiten Tag hatte Harry Wald versprochen, die letzten Bäume vor der weiten, baumlosen Hochebene. Gut, Wald ist ein großzügiger Begriff für das was ich zu sehen bekam. Kleinwüchsige, weit verstreute Birken, die Riesen unter ihnen maßen gerade 4 bis 5 Meter. Wir befanden uns auf dem Weg in eine klimatische Extremlandschaft. In der tundraartigen Hardangervidda existieren keine hoch wachsenden Pflanzen mehr, nur Felsen und weit geschwungene Berge prägen das Bild. Am Abend die nächste Ausbildungseinheit: „Wir bauen zum Schutz vor Sturm eine Schneemauer“.

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„Aber es geht doch kein Lüftchen“, beschwerte ich mich mit Blick auf das herrliche Abendlicht. Ich kam mir sehr ungeschickt vor. Während Haralds Schneeblöcke eine perfekte Mauer bildeten, zerbrachen meine immer wieder. Schon in der darauf folgenden Nacht erkannte ich die Notwendigkeit einer solchen Mauer. Nach einem Tag mit herrlichen Landschaftsbildern, ziehenden Wolken und Sonnenschein frischte der Wind am Nachmittag auf. Schneekristalle trieben über den Boden, die Landschaft schien im Gegenlicht zu gleiten. Wir bauten das Zelt in einem schmalen Hochtal auf. Nachts dann, ein fahler Mond beleuchtete die Szenerie, riss und zerrte der Wind so erbarmungslos am Außenzelt, dass wir unsere warmen Schlafsäcke verlassen mussten, um die vorhandene Schneemauer zu erhöhen. Gut geplant Harry!

Auch die kleine Plastikflasche mit der großen Öffnung lernte ich in jener Nacht zu schätzen. Wer verlässt schon gerne das schützende Zelt, zieht sich Schicht für Schicht komplett an, nur weil die Blase voll ist! Man stelle sich die Situation vor: Zwei gealterte Kerle hindern sich am Schlafen, weil im ohnehin engen Zelt die halbe Nacht jemand herumwühlt. Da hilft nur die Pippiflasche! … und das klingt einfacher als es ist! Wir haben Tabus verinnerlicht, zum Beispiel: „Im Schlafsack wird nicht gepinkelt“ ist so eine Regel. Da läuft dann zunächst gar nichts, aber ich will nicht zu sehr mit Details langweilen! Nur so viel: ich lernte meine Peebottle noch sehr zu schätzen – es ist doch so wunderbar warm und kuschelig des Nachts im Schlafsack!

Hütte oder Zelt

Der Lohn für die durchstandenen Nächte war immer ein herrliches Frühstück. Dort, in der Wildnis, lernt man einfache Dinge zu schätzen! Harry übernahm die morgendliche Aufgabe Schnee zu schmelzen und Wasser zu kochen. Das ist in einem engen Zweimannzelt eine logistische Herausforderung. Wenn dann aber der Pulverkaffee dampft, schmecken Knäckebrot und Bacon um so besser. Das abschließende Highlight war Morgen für Morgen die zweite Tasse Kaffee mit einem Stück sehr butterhaltigen Streuselkuchens. Köstlich!

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Der starke Wind blieb uns nahezu immer erhalten. Er blies uns geradezu in Richtung Saundhaug, einer der wenigen Hütten an unserer Route. Ein wunderbares Gefühl, trotz der Felle unter den Ski und der schweren Pulken, ohne viel Zutun über das Land geschoben zu werden. Kurz vor der Hütte schlug das Wetter schlagartig um und der Sturm trieb Schneeregen waagerecht über das Land. Innerhalb weniger Minuten waren wir pitschnass. Nein, Harry, wir suchen ganz gewiss keinen „gemütlichen“ Zeltplatz im Windschatten der Gebäude. In der schnuckeligen Hütte steht ein Ofen, wir können dort die nassen Sachen trocknen, sogar im Stehen kochen! Ich setzte mich durch und so war Haralds Kummer beschlossen. Es folgte ein bemerkenswert behaglicher Abend bei Kerzenlicht und mit leckerem Essen aus der Vorratslager der Hütte – und einem latent schmollenden Harald – ich glaube aber noch immer, dass er den gemütlichen Hüttenaufenthalt ganz tief in seinem Inneren genossen hat!

Whiteout – Nullsicht bei Schneetreiben und Nebel

Auch der nächste Tag brachte keine Verbesserung der Wetterbedingungen: Sturm mit Windgeschwindigkeiten von 25–30 m/Sekunde trieb Schneefahnen waagerecht über das Land, die nahen Nachbargebäude waren im verwischten Weiß kaum auszumachen! Trotzdem entschieden wir uns diesen anheimelnden Ort zu verlassen und zogen in den Sturm hinaus – mein Alptraumtag begann. Treibender Schnee und Nebel verdichteten sich zu einem ausgemachten Whiteout – alles verschwamm zu weiß – links, rechts, vorne, hinten, oben, unten – überall weiß! Stundenlang kämpften wir uns vorwärts ohne etwas von der Landschaft zu sehen.

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Bloß nicht den Blickkontakt zum Vordermann verlieren, Rufe waren in diesem infernalischen Getöse kaum zu hören. Stimmung auf dem Tiefpunkt. „Dieser Tag kann dafür verantwortlich sein, dass ich so eine Scheiße nie wieder mache!“ brüllte ich Harald in einer der wenigen, kurzen Pausen zu. Ein unachtsamer Moment und meine Lieblingsmütze wurde ein Opfer für die Trolle – vom Sturm weggerissen war sie innerhalb einer Sekunde außer Sichtweite! Warum mache ich das nur? Noch am selben Tag sollte ich es erfahren – es sind die oft kurzen aber magischen Momente die es wert sind loszuziehen.

Am späten Nachmittag stiegen wir einige Höhenmeter in einem weiten, flachen Tal ab. Das reichte um die Sicht deutlich zu verbessern – und dann kam einer dieser unvergesslichen, zauberhaften Momente. Schemenhaft, wie mit Kreide in pastellenen Farben gemalt schälte sich das Bild einer Hirtenhütte aus dem Weiß – das Dach grasgedeckt, die steinernen Wände schneegepudert wie Mutters Käsekuchen. Auf der windgeschützten Ostseite fanden wir einen kleinen aber sicheren Platz für unser Zelt. Geschafft! Endlich Muße zum Ausruhen und Trocknen der nassen Klamotten.

Blick auf den Hardangerjøkulen

Zum Glück gab es während all dieser Tage von allem etwas: Schneefall, Sonnenschein, Kälte, Wärme, ziehende Wolken vor tiefem Blau, unendlich weite Blicke über die verschneite, sich wie ein erstarrtes Meer wellende Landschaft und natürlich immer Wind. So mussten wir uns noch zwei weitere Tage bei unwirtlichem Wetter in Richtung Norden durchschlagen. Doch was für ein Moment, als kurz nach der Kjeldebu Hytta der Wind nachließ, die Wolken aufrissen und den Blick auf den Hardangerjøkulen freigab. Der Hardangerjøkulen ist mit etwa 70 km2 einer der großen Plateaugletscher Norwegens. Ihn galt es in der Schlussetappe zur Hälfte zu umrunden. Während sich in den weiten der Hardangervidda nur selten unser Weg mit der Route anderer Wanderer kreuzte, begegneten wir hier nun häufiger anderen Naturfreunden.

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Eine letzte Nacht im Zelt, in traumhafter Lage, mit Blick auf sanft geschwungene Berge, ein letztes Frühstück im goldenen Morgenlicht. Aber auch die Vorfreude auf  eine ausgiebige Dusche, ein Bett und all den Luxus den wir zuhause im Alltag gar nicht mehr als solchen wahrnehmen. Nicht ohne einen gewissen Stolz es geschafft zu haben erreichten wir bei schönstem Wetter nach 10 Tagen die Bahnstation Finse. Ja, und welche Gedanken gingen mir am Beginn der Tour durch den Kopf? “ Harry, hol doch den Wagen“, ich muss mich revidieren: „Harry, lass die Kiste stehen“, es war grandios!

Bernd Leideritz

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Finnland: Nordlichter

Auch über Lappland kann man von Oktober bis März farbige Nordlichter am Himmel beobachten. Schauen Sie sich die Fotos und das Video von Visit Finland an. Wollen Sie sich die  dunkle Jahreszeit auch am Computer mit farbenprächtigen Bildern vom finnischen Nachthimmel versüßen, dann finden Sie hier den passenden Bildschirmschoner.

Dänemark: Winterfreuden auf Rømø

Rasso Knoller, Familie am Sønderstrand auf Rømø

Über eine Million Feriengäste kommen pro Jahr nach Rømø. Die meisten von buchen ihre Urlaub aber für den Sommer, im Winter hat man die kilometerlangen Strände ganz für sich allein.   

Spaziergänger mit Hund am Sønderstrand auf Rømø

Der Wind pfeift ums Haus. Der Regen klatscht gegen die Scheiben. Perfektes Urlaubswetter auf der dänischen Insel Rømø. So müssen wir wenigstens kein schlechtes Gewissen haben, wenn das Frühstück mal wieder etwas länger dauert – ein paar Stunden länger. Erst kurz vor der Tagesmitte räumen wir Teller und Tassen in den Geschirrspüler. Die Küche in unserem dänischen Ferienhaus ist deutlich größer als die zu Hause, das Esszimmer mit dem langen Holztisch so gemütlich, dass uns erst mal nichts in die Winterkälte hinaustreibt. „Ein offener Kamin, eine Sauna und ein gutes Fernsehprogramm – wenn sie das bekommen, sind die deutschen Feriengäste zufrieden“, sagt Bodil Glistrup Thomsen, die Tourismuschefin der Insel. Offenbar wird das alles auf Rømø geboten, denn die Gäste von jenseits der nur wenige Kilometer südlich gelegenen Grenze stellen die größte Besuchergruppe.  

Dünen bei Lakolk auf Rømø

Einen offenen Kamin hat auch unser Haus. Jetzt am Morgen knistert darin noch kein Feuer.  Am Abend aber werden wir ihn anzünden – und uns nach dem Saunagang davor kuscheln. Die Aussage der Tourismuschefin, das Fernsehprogramm betreffend,  überprüfen wir deswegen nicht – immerhin, ein schicker Apparat steht im Wohnzimmer.

Mit dem Lenkdrachen am Strand 

Am Nachmittag klart das Wetter dann doch auf, also schnell aus dem Haus und hinunter zum Strand. Der zieht sich  auf knapp 20 Kilometern an der gesamten Westküste der Insel entlang – und ist so breit, dass man im Sommer sein Auto direkt neben Sonnenschirm und -liege parken kann. Obwohl dann der Strand zu einer offiziellen Straße wird, bleibt für die Badenden genügend Platz.
Jetzt, im Winter, lässt man sein Fahrzeug ohnehin besser am Parkplatz an der Strandeinfahrt stehen. Der Regen der vergangenen Tage hat den Sand in Matsch verwandelt, und so mancher abenteuerlustige Fahrer kann seinen Strandausflug nur mit Hilfe des örtlichen Abschleppunternehmers beenden.
Die Drachensteiger sind schon da, als wir zum Strand kommen. Nicht so viele wie im Sommer,  wenn ein ganzer Strandabschnitt für sie gesperrt wird und tausende Lenkdrachenfreunde zum berühmten Drachenfestival im September nach Rømø kommen. Ein halbes Dutzend Mutige trotzen der Kälte  und werden dafür mit einer steten Brise belohnt. Lustig flattern die bunten Fluggeräte  im Winterwind. Wir aber suchen keine sportlichen Herausforderungen, belassen es bei einem Spaziergang – den Wind im Gesicht und die Nachbarinsel Sylt im Blick. Die Sonne lugt durch die Wolkenfetzen und sorgt für magische Lichterspiele.

Hundefreunde Sønderstrand auf Rømø
Ein Paar mit Labrador spaziert in der Ferne am Meer entlang. Hand in Hand, der Hund ein paar Schritte voraus. Wie in einem Scherenschnitt heben sich die Drei vom Horizont ab. Der Wind zaubert uns rote Farbe ins Gesicht und bläst die Alltagsgedanken aus dem Kopf. Das Meer bietet den Augen Auslauf, nichts, das sich ihnen in den Weg stellt. Die Wasseroberfläche wird zur Projektionsfläche der eigenen Träume. Lediglich ein Fischkutter tuckert langsam durchs Bild.

Dänischer Fisch vom deutschen Koch 

Nach zwei Stunden ist der  Wind dann doch durch die Kleidung gekrochen. Doch bevor wir ins kuschelige Ferienhaus zurückkehren, steht ein Abstecher in den Hauptort Havneby auf dem Programm. Im Sommer stehen die Feriengäste hier in langen Schlangen an der Kasse des örtlichen Lebensmittelladens, und einen Tisch im Restaurant bucht man dann lieber schon am Vortag. Ab September kehrt aber Ruhe ein, und Havneby wirkt ein bisschen wie ein Geisterort. Nur, dass hier die Häuser nicht wirklich verlassen sind – und nirgends Türen und Fenster im Wind schlagen. In Havneby ist alles nur winterfest gemacht, die Wohnungen stehen nur zeitweise leer. Im Sommer kehren die Gäste dann wie Zugvögel zu tausenden zurück. Im Winter gibt es keine Platzprobleme im Restaurant. Man sitzt mit den wenigen Einheimischen zusammen im Lokal, und weil jetzt jeder viel Zeit hat, kommt es schnell zu einem grenzüberschreitenden Dialog.

Sonnenuntergang auf Rømø
In Holms Røgeri&Restaurant serviert man den besten Fisch auf der Insel – zubereitet von einem deutschen Koch, der nach Dänemark ausgewandert ist. So jedenfalls nennt er das. Genau genommen ist er nur aus dem Nachbarlandkreis jenseits der Grenze hierher gezogen. Rund 50 Kilometer von seinem Geburtsort entfernt kocht er jetzt –  in Dänemark. Nur eine halbe Stunde ist man mit dem Auto nach Deutschland unterwegs und doch sind die Unterschiede groß. Das spüren nicht nur Urlauber. Das bestätigt auch der Koch.Viel entspannter gehe es zu im Nachbarland, sagt er. Deswegen will er hier bleiben und hat für sich und seine Familie auf Rømø ein Haus gekauft. Die Tochter ist Leichtathletin und trainiert für Olympia. Irgendwann will sie da mal an den Start gehen – für Dänemark. 

Text und Bild: Rasso Knoller

Grönland: Im Hundeschlitten durchs ewige Eis

Fotograf: Thomas Bauer

 Abenteuer am Rand der bewohnbaren Welt

»Awwuuuii«, ruft Inuuta mit mächtigem Bass und lässt die Peitsche über den Köpfen seiner dreizehn pechschwarzen Hunde knallen. Und nochmals: »Awwuuuii«, als ich auf den Schlitten steige und auf einem Bärenfell Platz nehme. Unter der arktischen Sonne scheinen Millionen Eiskristalle, die die Walrossbucht bis zum Horizont bedecken, einander Morsezeichen zuzufunken. Selbst durch die Gläser der Sonnenbrille hindurch schmerzt das gleißende Weiß die Augen. Reglos liegt die gigantische Ebene vor meinen Blicken: ein endloses Blatt unbeschriebenes Papier, das jemand um den Erdball gewickelt hat.

 800 Kilometer bis Ittoqqortoormiit

Es ist nicht einfach, nach Ittoqqortoormiit zu gelangen. Der kleinste und entlegenste Distrikt Grönlands befindet sich über achthundert Kilometer entfernt von der nächstgelegenen Siedlung, Tasilak. Verkehrsverbindungen über Land gibt es nicht. Von Herbst bis weit ins Frühjahr hinein kann man ausschließlich auf dem Luftweg anreisen: von Reykjavik mit einer Propellermaschine, dann per Hubschrauber über das größte Fjordsystem der Erde hinweg. 1925 gründeten siebzig Wagemutige die Siedlung, da ihnen an dieser Stelle besonderes Jagdglück vergönnt war. Bis heute ist Ittoqqortoormiit die Heimat von Jägern geblieben. Seine Bewohner haben gelernt, unter harschesten Bedingungen zu überleben.

Fotograf Thomas Bauer

Ein drittes Mal lässt Inuuta sein weit schallendes »Awwuuuii« hören, ehe er sich zu mir umdreht. »Ready?«, fragt er mich. Als ich nicke, ruft er etwas nach vorn, das wie »geck« klingt. Im selben Moment staubt überall um uns herum Schnee auf. Dreizehn Energiebündel stemmen sich mit vollem Körpergewicht in die Riemen. Wie ein Kaninchen springt der Schlitten hakenschlagend über das Eis. Sofort stürzt sich der Fahrtwind auf mich. Eisdurchzogene Luft prasselt gegen meine Wangen, nistet in Nase und Mund. Wie ein Raubtier fällt sie über die Ritze her, die sich nach jeder Drehung meines Kopfes zwischen der Mütze und der Schneebrille auftut. Hastig stülpe ich eine Skimaske über das Gesicht, dabei muss ich aufpassen, dass ich nicht seitwärts vom Schlitten falle, der nach wie vor den Schneesalsa tanzt.

Weißgrau ist die Erde

Alle halbe Stunde dreht sich Inuuta zu mir um, als wolle er sich vergewissern, dass ich noch immer hinter ihm sitze. Er ist kein Mann der Worte; schwer rumpeln diese seine Kehle empor. Ohnehin sperrt sich Ostgrönländisch dem europäischen Sprachenverständnis; es knarzt wie eine defekte Tür im Wind. Unter uns knirscht das Eis wie Meeresbrandung, in die der Schlittenlenker seine kehligen Kommandos ruft. Der Himmel ist weißgrau, und weißgrau ist auch die Erde, auf der wir uns bewegen. Als seien wir samt dreizehn Hunden und einem fünfhundert Kilogramm schweren Schlitten in einen gigantischen Milchtopf gefallen.

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Nach anfänglichen Schwierigkeiten mag ich das einseitige Menü, das uns die Arktis Tag für Tag auftischt. Stolz werfe ich mich in die Brust, als sei ich ein direkter Nachkomme von Erik dem Roten. Dieser kam um das Jahr 983 nach Grönland. Von ihm stammt die Landesbezeichnung: Mit der Mär vom »grünen Land« wollte er Siedler auf die Insel locken. Nun also trete ich in seine Fußstapfen, und ich habe keine Angst! Ich habe drei Spezialunterwäschen an, darüber eine wattierte Hose, zwei Fleece-Oberteile, zwei windabweisende Jacken und über alldem noch einen gefütterten Winteranzug. Damit sehe ich ein wenig aus wie die Taliban-Ausgabe des Rocksängers Meat Loaf, der sich den Künstlernamen »Fleischklops« aufgrund seiner Leibesfülle gegeben hat. Das Erstaunliche ist, dass ich trotzdem noch immer friere. Vielleicht war Erik der Rote, der auf manchen Zeichnungen mit nacktem Oberkörper abgebildet ist, doch ein zäherer Hund als ich.

Bei minus 42 Grad übers Eismeer

Allerdings fahren Inuuta und ich direkt auf dem Eismeer; das Thermometer zeigt minus zweiundvierzig Grad Celsius an. Ich spüre, wie sich das Blut aus meinen Zehen und Fingerspitzen zurückzieht, und mir wird klar, dass die nordische Einöde niemals gezähmt werden kann. Aus Dschungeln können wir Felder machen, schroffe Berge mit Skipisten überziehen, sogar die Wucht des Meeres lassen wir für uns arbeiten. Doch wer von uns kann eine Leere beherrschen? Wer kann die drückende, sich von allen Seiten aufdrängende Abwesenheit füllen, und mit wem oder was?

In allen Himmelsrichtungen liegen bis zum Horizont Eis und Schnee, eine unbegreifliche Weite und die Ahnung, dass dieses Land uns nicht bei sich haben will. Dass es uns höchstens duldet, aber eigentlich auf andere Lebewesen ausgerichtet ist: auf Eisbären und Walrosse und Moschusochsen, unförmige, fellbehangene Kolosse – vielleicht auch auf die Dämonen und Geister, die die Inuit seit jeher im Inlandeis vermuten.

Fotograf: Thomas Bauer

Immerhin setzt Inuuta der Unwirtlichkeit der Landschaft einen rudimentären Luxus entgegen. Während einer Pause entzündet er einen Petroleumkocher, auf dem wir »arktischen Toast« zubereiten. Dafür rammen wir tiefgefrorenen Toastscheiben ein Messer in die Seite, halten sie über die Flamme und belegen sie anschließend mit halbgefrorenem Dosenfleisch, dessen Haltbarkeitsdatum auf Zeiten verweist, in denen Gerhard Schröder Kanzler war. Als weiteren »Leckerbissen« kramt Inuuta Eisbärfleisch hervor, das wir genauso zubereiten. Es schmeckt wie eine Mischung aus alter Schuhcreme und einem trockenen Lederlumpen.

In Inuuta spiegelt sich der Grundrhythmus der Arktis. Routinemaßnahmen – Hunde abschnallen, Schnee schmelzen, Lager bereiten – reihen sich aneinander, werden aber unvermittelt unterbrochen von Momenten höchster Spannung. Wer in dem Bruchteil der Sekunde, in dem eine Robbe auftaucht, ein Riss durchs Eis fährt, die Konturen eines Bären im Schnee sichtbar werden, nicht das Richtige tut, geht unter. Tagelang hält das Leben den Atem an, um ein auf das Extremste komprimierte Erleben plötzlich umso lauter hinauszuschreien. Wochenlang Claude Monets Wasserpflanzen, dann plötzlich Edvard Munchs Schrei. Monatelang »Das Traumschiff«, dann ohne Vorwarnung Bruce Willis. Das ist der Takt, den dieses gigantische Land allen Lebewesen vorgibt.

Keine Schmusehunde vor dem Schlitten    

Die Schlittenleine ist bis kurz vor dem Zerreißen gespannt, als wir unsere Fahrt fortsetzen. Mit jeder Faser ihres Körpers verkörpern die Hunde, woraufhin ihre Rasse in einem über zweitausendjährigen evolutionären Auswahlprozess getrimmt wurde: unglaubliche Lasten bei brutaler Kälte durch eine lebensfeindliche Einöde ohne festen Boden zu ziehen. Entgegen einer weitverbreiteten Meinung haben die knapp dreißigtausend grönländischen Schlittenhunde nichts mit Huskies zu tun. Schon gar nicht ähneln sie den verzärtelten Züchtungen, die in unsere Breiten leben. Stattdessen stammen sie direkt vom Wolf ab und können daher nicht bellen. Wenn sie raufen, schlagen sie einander die Zähne in die Flanke. Ohne zu zögern würden sie einen ausgewachsenen Bären angreifen. Bei minus fünfzig Grad legen sie sich in den Schnee und schlafen. Am nächsten Morgen ist ihr Fell mit einer Eisschicht überzogen. Sie stehen auf, schütteln die eisige Hülle ab und freuen sich aufs Weiterziehen. Eine Vermischung mit Artgenossen, die südlich des Polarkreises aufwachsen, zöge drakonische Strafen nach sich. An nordgrönländische Schlittenhunde darf nichts Weiches, nichts Zurückhaltendes, nichts Zweifelndes kommen.

Inuutas Leithund, ein zotteliges Muskelpaket, weiß, dass die Peitsche des Schlittenlenkers nicht bis zu ihm reicht. Diese braucht es auch nicht, da das Tier augenblicklich auf die raubeinigen Angaben seines Herrchens reagiert. Obwohl der Leithund am weitesten von Inuuta entfernt läuft, ist die Bindung zwischen diesen beiden am stärksten. Ihr Vertrauen in den jeweils anderen ist der Kitt, der die Hundeschlitteneinheit zusammenhält. »Er sieht zwar wild aus«, gibt Inuuta zu, als wir uns bei einer Pause je zwei Tafeln Schokolade einverleiben, »doch eigentlich kann mein Leithund richtig zutraulich sein. Überzeug dich selbst!«.

Der Leithund sträubt die Haare und lässt ein grollendes Gurgeln hören, als ich mich ihm nähere. Vorsichtig lege ich ihm meine Hand auf den Rücken. Gewaltige Muskeln arbeiten direkt unter seiner Haut. Als er die Pfote hebt, um sie mir in die Hand zu legen, wölbt sich der Bizeps nach außen, und als er sich spielerisch an meinen Beinen reibt, muss ich mein Gewicht fest in den Boden stemmen, um nicht zur Seite geschoben zu werden. Grönländische Schlittenhunde sind die Arnold Schwarzeneggers ihrer Art.

Kleiner "Schwarzenegger"

Kleiner „Schwarzenegger“

Wilde Dreizehn

Und ich bin im selben Moment ein Teil des Gespanns geworden. Ja, ich möchte am liebsten nur noch auf schneeumrankten Schlitten vorwärtsgleiten, gezogen von Inuutas »wilder Dreizehn«! Als sie merken, dass wir die Pause beenden, stimmen die Hunde ein melodiöses Jodeln an. Aufrecht stehen Inuuta und ich auf dem Schlitten, wie ein Surfbrett wollen wir ihn heute über das Eismeer jagen: vorneweg die schwarze Wolke und dahinter wir, aufrecht wie die Wikinger. Inuuta blickt mich an, und zum ersten Mal meine ich etwas wie Anerkennung in seinem Gesicht zu erkennen. Er nickt mir kaum merklich zu. Ich ziehe die Mützen tief ins Gesicht und drücke meine Schneebrille fest auf die Augen. »Geck«, rufe ich dann nach vorn.

 Mit einem hellen Vibrieren spannt sich das Seil. Überall um uns herum staubt Schnee auf. Der Schlitten tanzt über das Eis, und wir sind wieder unterwegs, werfen uns neuen grandiosen Abenteuern entgegen.

 Thomas Bauer Thomas Bauer

 

Norwegen: Der weltgrößte Elch wartet im Østerdalen

 

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Ein Rastplatz im norwegischen Østerdalen wird zum Muss für Elchliebhaber

Der Elch ist das Lieblingstier der deutschen Skandinavienurlauber und ziert so manches Heim in unzähligen Varianten. Norwegenreisende können jetzt mit hundertprozentiger Sicherheit dem größten Exemplar der Welt begegnen und ihn sogar von Nahem bewundern. Der 10,1 Meter hohe Elchkoloss aus poliertem Stahl ist die neue Attraktion des ostnorwegischen Østerdalen und steht auf dem Rastplatz Bjøråa an der Straße 3. Sie ist eine der Hauptverbindungen zwischen Oslo und Mittelnorwegen und eine beliebte Alternative zur klassischen Nord-Süd-Verbindung der Europastraße 6.

Verantwortlich für das Design der Elchstatue, die den bisherigen Rekordhalter „Mac the Moose“ in Kanada um 30 Zentimeter überragt, ist die norwegische Künstlerin Linda Bakke. Das Kunstwerk, in dessen Stahl sich die Natur und Landschaft widerspiegeln, ist Teil eines Verkehrssicherheitsprojekts der Norwegischen Straßenbehörde Statens Vegvesen. Durch das Projekt soll die Aufmerksamkeit der Autofahrer bei der Fahrt durch die waldreiche und nur dünn besiedelte Landschaft geschärft werden. Die Statue ist also nicht nur eine Touristenattraktion, sondern soll auch dazu beitragen, das Unfallrisiko zu mindern.

Die offizielle Einweihung der Elchstatue findet am 15. Oktober statt.