Frankreich: Normannische Pferdewelt

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Es liegt an der Qualität des Grases, heißt es, weswegen sich die Normandie im Nordwesten Frankreichs so gut für die Pferdezucht eignet. Und tatsächlich, überall in der Landschaft – neben Fachwerkhäusern und unter Äpfelbäumen – stehen Pferde auf den grünen Weiden. Auf einer Reise in die Normannische Pferdewelt kann man die Vielfalt des hippophilen Frankreichs entdecken.

Die beiden Kaltblut-Schimmel ziehen mit Leichtigkeit die kleine Sportkutsche durch die nebelverhangene Landschaft. Ein schmaler Weg, eine kleine Anhöhe und William Lebègue auf dem Kutschbock ermutigt die zwei Wallache zum Galopp. Jetzt festhalten, mit beiden Händen, und sich ducken, denn die taubeladenen Äste der Bäume hängen tief. Der Wagen rumpelt und hüpft über den Feldweg. Das ist keine gemütliche Touristen-Kremser-Partie, sondern ein Abenteuer mit Percheron-Kraftpaketen. Wendig und temperamentvoll entkräften sie manches Vorurteil vom lahmen Kaltblüter.

Die ganze Familie Lebègue ist verliebt in die Percherons. Josiane und Pascal, ebenso wie Sohn William. Ihr Hof Ferme de Montaumer liegt in La Mesnière, mitten in der Region Perche, der HeiIMG_9826mat der Percherons, der wohl bekanntesten Kaltblutrasse Frankreichs. Wer die Zuchtpferde oder die vielen Kutschen der Familie besichtigt, kommt automatisch mit ihr ins Fachsimpeln und erfährt dabei vieles über die vom Aussterben bedrohte Pferderasse. „Inzwischen gibt es schon mehr Percherons in den USA als in Frankreich“, sagt Pascal Lebègue, „bei uns können die Menschen das Percheron-Pferd noch als Teil unserer eigenen Kultur kennenlernen.“

„Die Percherons haben einen absolut zuverlässigen Charakter“, davon ist Josiane überzeugt. Sobald sie die Koppel betritt, kommen die Mutterstuten mit ihren Fohlen angaloppiert und beginnen mit ihr zu schmusen. „Wir züchten vornehmlich zwei Farben“, erklärt die Französin, „die grauen Fohlen werden mit der Zeit weiß und die schwarzen bleiben schwarz.“ Am gefragtesten sind Apfelschimmel. „Nur im Tourismus und im Fahrsport werden die Percherons langfristig noch eine Zukunft haben“, vermutet William Lebègue. Der 31jährige hat auch beruflich aufs Pferd gesetzt und absolvierte eine Fahrlehrerausbildung im nahe gelegenen Haras du Pin.

Das Hippodrome de la Bergerie

IMG_0181Dieses normannische Nationalgestüt in einem 1100 Hektar großen Landschaftsareal wurde einst von Sonnenkönig Ludwig XIV. in Auftrag gegeben. 45 Deckhengste verschiedener Rassen gehören zum Gestüt, das älteste der 23 französischen Nationalgestüten. In dem Stallgebäude aus dem 18.Jahrhundert ist auch ein Pferdemuseum eingerichtet, das sich mit Wissen rund ums Pferd an ein breites Publikum wendet.

Mit dem Hippodrome de la Bergerie verfügt das Gestüt über eine eigene Galopprennbahn, die zweitälteste in Frankreich. „Im 19.Jahrhundert wurden an diesem Ort die ersten Flach- und Hindernisrennen veranstaltet“, erzählt Jean-Marie Mussat, der sich wie viele Helfer hier ehrenamtlich für die historische Rennbahn engagiert. Nur an drei Tagen im Jahr finden die Jagdrennen statt, die wie ein Familienfest auf dem Lande zelebriert werden. Es geht very british zu, wenn die Vollblüter an den Start gehen – von Perchorons keine Spur.

Selbst in der Herkunftsregion Perche ist es nur in wenigen Reitställen möglich, auf Percherons auch zu reiten. Laurence Lemaitre hat in ihrem Reitstall Perch’Orizon in Moutiers-au-Perche für solche Anfragen zwei Percherons im Stall. Der weiße Riese Lobo, ein Wallach, trägt Gastreiter durch die verträumte Landschaft und vermittelt das buchstäblich breite Gefühl, 850 bis 1000 Kilogramm unter sich zu haben.

IMG_9620Die grüne Region Perche, etwa eine gute Zugstunde von Paris entfernt, schätzen die Hauptstädter für den Wochenendausflug. Manche bleiben dann ganz hier, wie Carol und Pietro Cossu-Descordes. Sie haben einen alten Bauernhof aufwändig renoviert und bieten in ihrer Domaine de La Louveterie romantische Gästezimmer, ausgestattet mit Antiquitäten aus dem Familienbesitz. IMG_9773Ein echter Geheimtipp. Auf der Weide stehen ihre Pferde. „Mein Traum sind Wanderritte durch le Perche“, meint Carol, die ihren Mann während eines Reiturlaubs kennen gelernt hat. „Reiten verbunden mit kulinarischen Genüssen“, fügt Pedro hinzu und lächelt. Diese können Gäste übrigens jetzt schon im stilvollen Ambiente vor dem offenen Kamin genießen.

Die Normandie ist Pferdeland, über 13.500 Menschen sind in der Pferdewirtschaft beruflich engagiert. Die Züchterdichte ist die höchste in Frankreich. Eine Ursache hierfür sind die vielen Pferderennen, die hier stattfinden. Sie haben einen viel höheren Stellenwert als in Deutschland. Kinder kennen die Namen der Jockeys. Sechseinhalb Millionen Leute wetten auf Pferde, über ein Zehntel der Bevölkerung. Gewinne und Züchterprämien sind höher, davon leben viele Gestüte.

Als die prestigeträchtigsten Rennbahnen der Normandie gelten die von Deauville und Cabourg, noble Städtchen am Meer. „Zum täglichen Morgentraining haben Besucher freien Zugang“, erklärt der Direktor des Hippodrome de Deauville Yves Deshauyes, „doch die wirkliche Spannung fühlt man nur am Renntag.“ Von einem solchen IMG_9658Tag erschöpft, kann der pferdeinteressierte Tourist dann auf einem Gestüt übernachten, wie zum Beispiel in Quetteville. Cheval plus Hotel ergibt Chevotel, was soviel wie Pferdehotel bedeutet. Vom Fenster des Hotelzimmers aus sieht der Gast die Vollblüter auf der Koppel weiden. Viele internationale Rennpferde-Besitzer lassen ihre Tiere in Frankreich trainieren. Die gute Infrastruktur rund ums Pferd ist da ausschlaggebend. Vielleicht ist es aber auch das saftige Gras der Normandie

Daniela David

 

 

 

 

 

 

 

Korsika: Mittelmeerinsel für Herbstgenüsse

C. Nowak - Korsischer Käse

Gourmetfestivals wie Feigenfest, Honigfestival und Fest der Esskastanien machen die französische Mittelmeerinsel in den kommenden Wochen zum Reiseziel für Genießer.

In den kommenden Wochen wird Korsika zum idealen Reiseziel für alle, die Sommer und Lebensfreude eine persönliche „Verlängerung“ geben möchten. In den Spätsommer- und frühen Herbstwochen schlägt der Puls der französischen Mittelmeerinsel nach dem Trubel der Hochsaison wieder ruhiger – die ideale Zeit für authentische Korsikaerlebnisse. Besonders Freunde regionaler Spezialitäten und lokaler Erzeugnisse können jetzt typische Entdeckungen machen. Zahlreiche Gourmet- und Spezialitätenfestivals machen Korsika von September bis November zur Insel für Genießer.

Den Auftakt der Gourmetsaison macht das traditionelle Feigenfest in Peri am 16. September. Bei der „Festa di u Fica“ präsentieren korsische Feigenzüchter Köstlichkeiten aus der Ernte der Saison. Neben zahlreichen Kostproben erleben Besucher am Festtag Workshops und Musik.

Süße mediterrane Versuchungen bietet auch das Honigfestival: Zur „Mele in Fiesta“ am 22. September stellen Korsikas Imker in Murzo ihre Produkte vor und verraten mehr über zahlreichen Möglichkeiten, Honig in der Küche zu verwenden.

Einen späten Höhepunkt der korsischen Festivalsaison bildet dann die populäre „Fete du Marron“. Im Mittelpunkt des Festes der Esskastanien steht die Marone „Insitina“ von Evisa, deren Qualität weit über Korsika hinaus bekannt ist. Esskastanien gehörten Jahrhunderte lang zu den wichtigsten Erzeugnissen und Nahrungsmitteln der einheimischen Bauern. Das Einsatzgebiet der Kastanien ist vielfältig und reicht vom Rösten über ihre Verwendung für Polenta, Pfannkuchen, Kuchen und anderem. Die „Fete du Marron“ findet vom 23–25. November in Evisa statt.

Frankreich: Eine etwas andere Tour de France

Thomas Bauer mit dem Postzrad unterwegs

4.000 Kilometer, 15 Regionen und über 50 verzehrte Crêpes: Reisebuchautor Thomas Bauer hat Frankreich auf einem Postrad umrundet.

Eine Handvoll Touristen steht unschlüssig am Ufer der legendären Hafeneinfahrt von La Rochelle. Mal richten sie ihre Fotoapparate auf ein heimkehrendes Fischerboot, mal auf die Altstadtfront. Erst als ich an ihnen vorbeifahre, geht ein Ruck durch die Gruppe: Alle Kameras folgen mir. Zwei junge Männer stupsen ihre Partnerinnen an und zeigen mit dem Finger auf mich. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Das Fahrzeug, auf dem ich unterwegs bin, ist ein dreieinhalb Meter langes, quietschgelbes Postfahrrad, an das sich ein einrädriger Anhänger anschließt. Dieser trägt, in einem ebenfalls leuchtend gelben Seesack verstaut, meinen Rucksack, fünfundvierzig Radwanderkarten, vier Liter Wasser und eine unvernünftige Menge Schokoladenkekse. So ausgerüstet beginnt meine Tour de France.

Treffen mit einer alten Liebe

Die ersten anderthalb Wochen meiner Reise waren eine Aufwärmübung für das, was mich am Nordrand der Pyrenäen erwartet. Dort legt mir die Strecke täglich neue Anstiege in den Weg. Mein Wasserverbrauch steigt auf sieben Liter pro Tag. Das T-Shirt haftet wie eine zweite Haut am Körper. An meinem ersten Tag im Baskenland presst mich die Sonne aus wie eine reife Orange, als ich mich an einer Anhöhe abmühe und direkt dahinter zu meiner Überraschung auf einen Haufen auf- und abspringender Menschen treffe. Weit ausholend schlagen sie auf Trommeln ein, die sie um die Hüfte gebunden haben. Männer, Frauen, Kinder laufen ungeordnet durcheinander, dazwischen huschen Hunde in entstehende Lücken. Gerade frage ich mich, ob ich an einem Sommerfest teilnehme oder ohne mein Wissen für die Loslösung des Baskenlands von Frankreich demonstriere, als ein weißhaariges, spindeldürres Männchen wie ein Wurfgeschoss von einem Tross tanzender Männer zur Seite geschleudert wird und mit voller Wucht in meine linke Flanke prallt. 

„Aïe, faut faire gaffe, putain!“, schreit er den feierwütigen Jugendlichen hinterher, was an dieser Stelle unübersetzt bleiben soll, mir jedoch augenblicklich klar macht, dass ich mit meinem Französisch bei ihm weiterkomme.
„Versuchen Sie erst mal, ein Postrad hier hindurch zu schieben“, merke ich an, als wir unsere Seiten massieren, er seine rechte, ich meine linke.
„Mein Gott, wohin wollen Sie denn mit diesem Ding?“
Einmal um Frankreich herum. Ich bin schon so oft hier gewesen – in La Rochelle, Le Puy und Lorient, in Metz, Narbonne und Orléans, in Paris, Pau und Perpignan – dass ich Frankreich inzwischen besser kenne als Deutschland. Doch je öfter ich herkomme, desto weniger weiß ich von eurem Land! Darum will ich es dieses Mal anders kennenlernen, von seinen Rändern her. Was feiert ihr da eigentlich?“
„Keine Ahnung „, sagt er reflexartig, um sofort darauf loszuprusten. „Mann, ich weiß es wirklich nicht! Es gibt bestimmt einen Anlass für das hier. Aber soweit ich mich erinnere, ist es seit siebenundzwanzig Jahren halt so, dass der Bürgermeister zum Fest einlädt, und alle machen mit.“ ThomasBauer_IlluMeyer_Rad

Die Franzosen haben sie also nicht verloren, denke ich erleichtert, die Augenblicksbezogenheit und die Gabe, aus den Umständen das Beste zu machen, die mich noch bei jedem meiner bislang vierzig Frankreichaufenthalte beeindruckt hat! Meine stetig wachsende Leidenschaft für alles Französische hat mir manche Diskussion mit kulturgeschockten Frankreichbesuchern eingebracht, die von der vermeintlichen Arroganz der Franzosen abgeschreckt wurden. Ein nicht geringer Teil von mir findet sich nämlich im Spielerischen und im (Lebens-)Künstlerischen wieder, das man gern mit den Franzosen assoziiert. Und, ja: auch in der eigenbrötlerischen Schrulligkeit vieler Franzosen, dem zur Schau gestellten Individualismus und dem abgehobenen Künstlertum. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass es Frankreich in Zeiten, in denen der Massentourismus längst exotischere Ziele wie Marokko und Thailand bevorzugt, nicht länger mit spielerischer Lässigkeit schafft, sich als Mekka aller kultivierten Genussmenschen zu präsentieren. Im Land selbst rangieren inzwischen sogar die Ungarn in Sachen Liebeskunst vor den eigenen Einwohnern. Die Ungarn!

Die Lust am Fabulieren und der Hang zur gezielten Übertreibung sind den Franzosen aber geblieben. Frankreichgeschädigte mögen anmerken, dass es gerade darum kein Wunder ist, dass ausgerechnet der Hahn zum Nationalsymbol des Landes avanciert ist, ein Tier also, das sich gern aufplustert und auch dann lauthals kräht, wenn es mit beiden Beinen im Mist steht. Aber, im Ernst: Wer verzeiht das den Franzosen nicht, wenn er, wie ich, gerade in einer der schönsten Ecken Südfrankreichs unterwegs ist? Von den Bergspitzen der Pyrenäen, die sich halbkreisförmig im Südosten aufgestellt haben, scheinen Schneefelder Morsezeichen herabzublinken. Darüber sind  Andeutungen von Wolken fein wie Zuckerwatte in den Himmel gestreut. Kirchturmspitzen lugen neugierig aus Talmulden, in denen sich reizende Dörfchen und ausgedehnte Gehöfte verstecken. Ich kann meinen Blick kaum von der Landschaft lösen.

Kurz vor Oloron-Sainte-Marie stürzt die Straße der Stadt entgegen und katapultiert mich direkt vor eine Herberge. Dort suche ich das hauseigene Restaurant auf – und  treffe auf eine alte Bekannte!

Es war Liebe auf den ersten Blick, als wir das erste Mal in einer bretonischen Küstenkneipe aufeinandertrafen. Zuerst fand ich sie – ich war ja so jung! – einfach nur süß. Dann aber offenbarte sie mir nach und nach ihr wahres Wesen, vertraute mir mehrere Geheimnisse an und stürzte mich in eine lang anhaltende Sehnsucht, die mich, wenn ich ehrlich bin, bis heute nicht losgelassen hat. Zuweilen ertappe ich mich gar bei dem Gedanken, dass mich all die anderen, auf die ich mich nach jener denkwürdigen Begegnung eingelassen habe, in Wahrheit nur an jenen Abend erinnern sollten. Und doch können sie niemals mehr sein als ein schaler Abklatsch, unfähig, mich auch nur in die Nähe der Intensität jenes ersten Mals zu führen.

Île flottante, „treibende Insel“, nennt sich die Köstlichkeit, von der hier die Rede ist. Ich war sechseinhalb, als wir uns begegneten. Der bretonische Kellner wusste nicht, was er auslöste, als er nach geglücktem Hauptgang einen tiefen Teller mit Vanillesoße vor mich stellte, aus dem ein kleiner Berg aus geschlagenem Eiweiß und reichlich Zucker ragte. Sorgsam darauf bedacht, den Löffel jeweils höchstens halb zu füllen, schiebe ich mir wie damals in der Bretagne die perfekte Mischung aus Eiweiß und Vanillesoße in den Mund und schlucke das Ganze schließlich mit dem Ausdruck höchsten Entzückens hinunter. Statt Straßen und Plätze nach Kriegsherren zu benennen, hätten die Franzosen so viele echte Helden zur Auswahl, die der Menschheit wahre Dienste erwiesen haben, denke ich, als wirklich kein Tropfen Soße mehr aus dem Teller herauszuholen ist. Der Kellner scheint meiner Meinung zu sein. Verständnisvoll zwinkert er mir zu, als er unaufgefordert eine zweite Portion „schwimmende Insel“ auf den Tisch stellt. Radfahrpause

Die Katastrophe von Rouen

Leider sind in Frankreich nicht alle Mahlzeiten ein kulinarischer Hochgenuss. Genau wie die Liebesbereitschaft der Damen, der Baguettekonsum und die Anzahl der Baskenmützen wird auch die Qualität des französischen Frühstücks gern überschätzt. Meist reicht man mir morgens nur zwei Scheiben Toastbrot, ein Flugzeugpäckchen Butter und einen Klecks Marmelade zu einem wässrigen Kaffee oder einer dickflüssigen Schokolade. Vielleicht liegt die Lösung, aus diesen knapp bemessenen Zutaten etwas Brauchbares herzustellen, ja wirklich in der Eigenart der Franzosen, den bestrichenen Toast so lange ins Getränk zu tunken, bis er sich in eine klebrige, schwammartige Masse verwandelt hat und eine feine Schicht aus Fett und Marmelade an der Oberfläche des Getränks schwimmt. Ich bringe das schlichtweg nicht fertig.

Dabei hätte ich es dringend nötig: Als ich mein Postrad westlich aus Rouen lenke, fühle ich mich in den späten Abend versetzt, obwohl es noch früh am Mittag ist. Das Sonnenlicht besitzt in Nordfrankreich keinen klaren Fokus; es umhüllt Dinge eher, statt sie zu erhellen. Aber trotzdem: Ist das hier noch Rouen, ist das noch die Normandie, oder bereits Mordor, das dunkle Schreckensreich aus „Der Herr der Ringe“? Parallel zu den rostigen Schienen eines Industriegebiets, auf denen Güterzüge entlangkriechen, folge ich dem Verlauf einer pitschnassen Asphaltstraße. Lastwagen mit stinkender Ladung überholen mich so eng, dass mein linker Ellbogen ihre rechte Wand entlangstreift. Überall um mich herum verpesten Fabrikanlagen die Luft. Das Gehupe der Lastwagen bringt das Postrad unter mir zum Beben, die Güterzüge schreien in jeder Kurve auf, als fahre ein Riese mit Kreide über eine gigantische Schreibtafel. Zu allem Überfluss sammeln direkt über mir pechschwarze Wolken Energie für eine Entladung von Kraft und Wut.

Just in diesem Moment bahnt sich die Katastrophe an. Ein Lastwagen überholt mich noch etwas dichter als seine Vorgänger. Ich spüre, wie mein linker Ellbogen auf hartes Metall stößt und reiße vor Schreck den Lenker meines Postrads nach rechts. Noch während ich über den ungewöhnlich hohen Bordstein rumpele, fällt mein Blick auf die direkt dahinterliegenden Glasscherben. Einen absurden Augenblick lang genieße ich die Sicht auf die scharfkantigen Kunstwerke, die den Boden sprenkeln. Gewaltige Wolken spiegeln sich darin wie die Nacht selbst – als sei Darth Vader allzu nah an einen zerbrochenen Spiegel getreten. Gleichzeitig weiß ich, dass es bereits zu spät zum Ausweichen ist. Mit allen drei Rädern fahre ich direkt in den Scherbenhaufen hinein. Ich höre ein entsetzliches Knirschen unter mir und sofort darauf ein lautes „Pffft“, einer Lokomotive gleich, die in der Ferne Dampf ablässt. Glas stiebt nach allen Seiten davon. Meine Hände krallen sich um die Bremse. Ich lasse ein gutes Zehntel meiner Reifenmäntel als spektakuläre Gummispur auf der Straße zurück und komme vier Meter hinter dem Tatort zum Stehen. Dort stoße ich einen international verständlichen Fluch aus, steige ab und öffne meinen Rucksack, um an das Flickzeug zu gelangen. Mont-St. Michel

Das gibt’s doch nicht! Meine Funktionskleidung, mein treues Minizelt, der speziell für diese Reise erworbene Schlafsack, der heute Vormittag aufgefüllte Proviant: All das schwimmt in einer zähen Suppe aus Wasser, das eine ungute Koalition mit dem Schmutz der vergangenen fünf Wochen eingegangen ist. Halb aufgelöste Brot- und Käsereste, Ölrückstände und Kugelschreiber treiben darin umher. Vermutlich habe ich den Zwischenfall meinem allzu ruckligen Satz über den Bordstein zu verdanken. Erneut fluche ich wie ein Rohrspatz, dieses Mal auf Französisch, was eindeutig besser klingt, mir aber leider auch nicht weiterhilft.

Es bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Siebensachen zurück in den Rucksack zu stopfen und mein Postrad anschließend durch das Industriegebiet zu schieben – zurück in die Innenstadt von Rouen. Als ich gerade die ersten beiden Schritte getan habe, wirft mich die Wucht eines Donnerhalls beinahe zu Boden. Einen Wimpernschlag später bricht aus den Wolkengebirgen über mir ein Niederschlag heraus, der seinem Namen alle Ehre macht. Wie eine Wand stürzt der Regen auf die Erde herab. Keine Minute später bin ich durch die Jacke, den Pullover und das T-Shirt hindurch nass. Regenfäden seilen sich meinen Rücken hinab, Rinnsale kriechen in meine Achseln. Vier Stunden Fußmarsch liegen vor mir. Reisen „wie Gott in Frankreich“ sieht anders aus.

Genau in diesem Moment aber erwacht ein kindlicher Trotz in mir. Wer bin ich eigentlich, dass ich mich von einer blöden Regenwolke aufhalten lasse? Ich merke erstaunt, dass ich schwungvoller ausschreite. Nach einem Dutzend Querstraßen und drei Abzweigungen gelange ich zu einem Geschäft, über dessen Eingang ein elegantes Mountain Bike gemalt ist. Dort würde ich einen Ersatzschlauch finden. Hallo mein Schutzengel, denke ich noch, ehe ich in den Laden hechte, wie schön, dass du wieder im Dienst bist.    

Zurück auf Anfang

Ähnlich wie in Rouen ist es mir auf meiner Tour de France oft ergangen. Kein Wunder: Ich suche ja bewusst den Kontrollverlust und empfinde es als befreiend, dass ich mittags nicht weiß, wo ich abends sein werde. Ich gebe den Dingen die Gelegenheit, mich zu überraschen, und das ist vermutlich eine sehr französische Art zu reisen. Solchen Gedanken nachhängend, fahre ich am letzten Tag meiner Frankreichumrundung südwärts, bis eine Insel im Atlantik auftaucht, die über eine gigantische Brücke mit dem Festland verbunden ist. Am diesseitigen Ufer kann ich die ersten Dächer einer Großstadt erkennen. La Rochelle!

Von diesem Anblick angespornt, brause ich voran, als hätte ich mich in einen quietschgelben Eisenspan verwandelt und würde von einem überdimensionierten Magneten angezogen. Ich fliege dem Ausgangspunkt und Endziel meiner Tour de France regelrecht entgegen.

Wenig später falle ich La Rochelle in die Arme. Als ich das Ortsschild passiere, nehme ich die Hände vom Lenker, schicke das Postrad unter mir auf einen Schlingerkurs und gebe Ausrufe des Entzückens zum Besten, bis sich eine ältere Dame der Kategorie PPH, passera pas l’hiver („wird den Winter nicht überstehen“), mehrmals an die Stirn tippt.

Ein Radwegsystem führt mich kurz darauf durch die lang gezogenen Grünanlagen der Stadt und setzt mich schließlich auf dem Areal des alten Hafens ab, wo meine abenteuerliche Frankreichumrundung vor sieben Wochen ihren Ausgang genommen hat. Ich habe acht Kilogramm Körpergewicht und einige Vorurteile gegenüber den Franzosen verloren, unzählige Bekanntschaften gemacht und Orte aufgesucht, deren Namen ich bis heute nicht aussprechen kann. Frankreich habe ich als Mosaik unterschiedlichster Traditionen, Mentalitäten und Dialekte kennengelernt.

Was eint diesen Flickenteppich? Vielleicht nur ein Gefühl, eine Lebenseinstellung: Sie besagt, dass man, statt verbissen und effizient einem Ziel hinterherzujagen, auch darauf bedacht sein darf, den eigenen, sich ständig ändernden Weg dorthin zu genießen. Seit jeher gilt meine Sympathie den verschrobenen, in der falschen Zeit umherirrenden Lebenskünstlern, die sich diese Devise zu eigen machen.

Einer dieser Lebenskünstler ist soeben mit einem Postrad um Frankreich herumgefahren. Manchmal, in Ausnahmefällen, behalten die Traumtänzer recht.

Thomas Bauer  Thomas Bauer

 

Die Zeichnungen hat die Künstlerin Johanna Meyer aus Deggendorf speziell für Thoma Bauer´s  „Tour de France“ angefertigt.

Frankreich: Die Top 10 Sehenswürdigkeiten von Paris

1 Notre-Dame und die Île de la Cité

Gotische Baukunst in höchster Vollendung: die Kathedrale auf der Seine-Insel ist einer Hauptstadt würdig.

2 Musée du Louvre

Dieses so große wie großartige Museum im einstigen Königsschloss lockt mit Kunstschätzen aus vielen Epochen und Ländern.

3 Arc de Triomphe und Champs-Élysées

Paris ist die Stadt der Flaneure – und wo könnte man besser bummeln als auf der prächtigsten Avenue der Metropole?

4 Eiffelturm

Das weltbekannte Wahrzeichen bietet von drei Aussichtsterrassen ein grandioses Paris-Panorama.

5 Montmartre und Sacré-Cœur

Steile Treppen und abschüssige Gassen, idyllische Winkel, Bistros und Cafés wie aus Amélies Welt – und über allem thront das zweite Pariser Wahrzeichen, Sacré-Cœur.

6 Centre Georges Pompidou

Moderne Kunst und Architektur aufs Beste vereint, und dazu ein fantastischer Blick auf das berühmte Grau der Pariser Dächer.

7 Bastille-Viertel

Jenseits des großen Platzes mit der neuen Oper sind tagsüber Passagen und Hinterhöfe zu entdecken, am Abend locken Bistros und Cafés die Szenegänger ins angesagte Viertel.

8 Invalidendom

Weithin sichtbar ist die goldene Kuppel des Invalidendoms, in dem Napoleon zur ewigen Ruhe gebettet wurde.

9 Cimetière du Père -Lachaise

Auf dem großen, parkartigen Friedhof zieht es Fans nicht nur zu den Gräbern von Jim Morrison und Edith Piaf, sondern zu unzähligen weiteren Prominenten von Molière bis Oscar Wilde.

10 Jardin du Luxembourg

Nicht nur bei den Studenten der nahen Sorbonne beliebt – die grüne Lunge des Quartier Latin.

 
 

Frankreich: Albi, die Stadt der verlorenen Ketzer

Bernd Siegmund, Die Kathedrale Sainte Cécile am Ufer der Tarn

Die kleine Provinzstadt Albi im Département Tarn hat im Buch der französischen Geschichte einen unverwechselbaren Fingerabdruck hinterlassen. Hier wurde am 24. November 1864 der Maler Henri-Marie-Raymond de Toulouse-Lautrec-Monfa geboren. Der verkrüppelte, nur 1,52 Meter kleine große Graf, der letzte Spross eines uralten Adelsgeschlechts, litt Zeit seines Lebens unter der Tatsache, dass nicht er, sondern die Behinderung sein Leben bestimmen würde. Von der eigenen, aristokratischen Gesellschaftsschicht ins Abseits gedrängt, fühlte sich Toulouse-Lautrec immer mehr zur Pariser „Halbwelt“ hingezogen. In den Tingeltangel-Bars des Montmartre, in den Nachtlokalen und Bordellen fand er seine Modelle und Sujets. Er machte die Huren und Tänzer, die Zirkusreiter und Clowns mit seiner Kunst unsterblich. Genutzt hat ihm das wenig. Toulouse-Lautrec‘s Genie wurde sein Leben lang missachtet. Es ist kurios, aber genau dieser Tatsache verdankt die Stadt Albi einen Schatz, um den sie heute die Museen der Welt beneiden. Als der Künstler im September 1901 starb, bot seine Mutter, die Gräfin Marie-Marquette de Toulouse-Lautrec, die Werke ihres Sohnes dem Louvre und anderen bedeutenden Museen an. Pikiert lehnten die Direktoren ab.

Bernd Siegmund, Das „Musée Toulouse-Lautrec“ ist für Touristen der Hauptgrund, Albi zu besuchen.

So fand das künstlerische Erbe, bestehend aus rund 600 Gemälden, Tausenden von Entwürfen und Zeichnungen, aus 350 Lithografien und den berühmten Plakaten, seinen endgültigen Platz in dem 1922 eigens dafür geschaffenen Musée Toulouse-Lautrec zu Albi. Ironischer weise befindet sich diese öffentliche Kunstaufbewahranstalt in den Räumen des ehemaligen bischöflichen Palais de la Berbie (13. Jh.). Seither „leben“ die frivolen „Kinder“ des Malers sozusagen zur Untermiete beim Bischof.

Toulouse-Lautrec-Menü auf der Speisekarte

 Auch außerhalb des Museums begegnet man dem Künstler auf Schritt und Tritt. In vielen Restaurants der Altstadt steht ein Toulouse-Lautrec-Menü auf der Speisekarte. In der Regel handelt es sich um Gerichte, die der begeisterte Hobbykoch selbst gern gegessen hat. Zum Beispiel Steinpilze in Weißwein. Oder Täubchen mit Oliven. Dazu wird ein Wein aus dem Gaillac gereicht, einem der bekanntesten Weinlagen Südfrankreichs. Es macht einfach Spaß, durch die kleine Provinzstadt mit ihren romantischen, autofreien, renovierten mittelalterlichen Gassen zu schlendern. Reich geworden ist die Stadt links und rechts der Tarn durch den Handel mit Färberwaid, einer unscheinbaren, gelb blühenden Pflanze aus der Familie der Kreuzblütengewächse, die, von den Franzosen „pastel“ genannt, zum Blaufärben von Stoffen benutzt wurde. Erst mit der Herstellung von synthetischem Indigo im Jahre 1897 versiegte die ergiebige Geldquelle.

Bernd Siegmund, Rund um die Kathedrale liegt die Altstadt. Sie wurde 2010 Teil des Weltkulturerbes.

Das Gesicht Albis ist vom Backstein geprägt. Er ziert alle Häuser und gibt ihnen einen warmen, ockerfarbenen Ton, der sich mit dem Licht des Tages verändert. Man staunt über die schönen Häuser mit Holzfüllungen, bewundert den Kreuzgang der Kirche Saint-Salvi und das altehrwürdige Rathaus aus dem 17. Jahrhundert. All das Schöne aber wird überstrahlt von der roten Kathedrale Sainte Cécile, die ihren Turm so hoch in den Himmel reckt, dass man glauben möchte, in ihm befindet sich der Eingang zum Reich Gottes. Der Bau des massigen, mehr als 40 m hohen, frommen Steinkörpers aus Ziegel wurde 1282 begonnen und 200 Jahre später vollendet. Die schnörkellose Außenhaut, in die Fenster wie Schießscharten eingelassen sind, erinnert an gute Industriearchitektur. Die mächtigen Mauern sind teilweise bis zu 7 m dick und sorgen dafür, dass die Basilika ohne einen einzigen Strebepfeiler auskommt. Kurt Tucholsky notierte im Angesicht der Kathedrale: „Ihr Anblick schlägt jeden Unglauben für die Zeit der Betrachtung knockout.“

Der Triumph der katholischen Kirche  

Die Kathedrale Sainte Cécile ist der zu Stein geronnene Triumph der römisch-katholischen Kirche über die Albigenser oder Katharer (catharos [griech.]: rein), wie die Abtrünnigen auch genannt wurden. Die Katharer revoltierten (ähnlich wie Jahrhunderte später Martin Luther) gegen die Scheinheiligkeit der römischen Amtskirche, die in Saus und Braus lebte, Wasser predigte und Wein trank. Normalerweise tat Rom solche Leute als Spinner ab. Aber als die Lehre der Katharer immer mehr Gläubige anzog, wurde Papst Innozenz III. nervös. 1209 sandte er ein Heer gegen die Ketzer, das unter dem Motto „Tötet sie alle, Gott wird die seinen erkennen“ einen grausamen Feldzug begann, der mehr als 20 Jahre dauerte und unter dem Namen Albigenser-Krieg in die Geschichte einging. Der Bau der Kathedrale besiegelte die Niederlage der Ketzer.

Nur von außen ist Sainte Cécile martialisch, das Innere ist prachtvoll und raubt einem fast die Sinne. Da sind der Lettner aus weichem Kalk mit seinem filigranen Maßwerk, die pompöse Barockorgel, der Chor mit den Heiligen und die berühmte Darstellung des Jüngsten Gerichts. Die Bestrafung der 7 Todsünden ist ein riesiges Fresko aus Folter, bestialischen Qualen und bizarren Grausamkeiten. Die armen Sünder werden gesotten, ertränkt und zerrissen, keine Bestialität ist bestialisch genug, um den Gläubigen die Schrecken der Hölle vor Augen zu führen. Auf dass niemand den reinen Pfad der Tugend verlasse! Ein schrecklich-schönes Bild. – Wie groß ist dagegen die Wonne, vor der Kathedrale zu sitzen, Wein zu trinken und sich die Sonne auf den „Pelz“ scheinen zu lassen. Und das ist ganz bestimmt keine Sünde!

Bernd Siegmund

 

Christian Nowak: DuMont Bildatlas Korsika

Auf Korsika gibt es Blutrache, die Siesta, politische Intrigen, den aromatischen Käse Casjiu Merzzu, wilde Schweine, Esskastanien und alterslose Greise, die einfach nur zuschauen, wie die Zeit vergeht. Den Korsen sagt man nach, sie seien Individualisten von überschäumendem Temperament, doch gleichzeitig beherrscht und gelassen in ihrem Gehabe, gastfreundlich, ihren Freunden treu, heimatverbunden, redegewandt und mutig – aber auch leicht beleidigt. Das ist die Quintessenz des Kultcomic „Asterix auf Korsika“. Recht hat der kleine Gallier, denn treffender kann man die Ile de Beauté, die Insel der Schönheit, wie die Franzosen Korsika nennen, kaum beschreiben. Insel ist vielfältig wie kaum eine andere im Mitelmeer. Unzählige Sandstrände, meist gesäumt von Dünen, Felsen oder duftenden Pinienwäldern laden zum Baden ein. Städte wie Bastia, Ajaccio oder Bonifacio zeigen stolz ihre lange und bewegte Geschichte und im Hinterland warten fruchtbare Hügel und Dörfer, die wie Adlerhorste auf Bergrippen thronen.

– Mit exklusiven Bildern
– Aktuellen Themen der Region in Form von kritischen Reportagen und differenzierten Hintergrundberichten
– Reiseziele intensiver erleben und genießen. Mit vielen Autoren-Tipps zum Aktiv erleben
– Vorschläge zu Besuchen von Sehenswürdigkeiten
– Übersichtskarte, Reisekarten oder Citypläne mit Querverweisen

Frankreich: Beim Käseflüsterer im Elsass

Der Käseflüsterer Bernard Antony

Der Käsekönig aus Vieux-Ferrette

Im äußersten Zipfel des Elsass, unweit der Schweizer Grenze, liegt Vieux-Ferrette. Ein beschauliches Örtchen, das dennoch weit über französische Landesgrenzen hinaus in Feinschmeckerkreisen bekannt ist. Denn hier ist Bernard Antony zuhause, der als Käseflüsterer und Käsekönig weltweit verehrt wird. Er „residiert“ am Ortsrand in der Rue de la Montagne Nr. 5 in seinem Elternhaus, einem kleinen zweistöckigen Gebäude im Fachwerkstil. Keine Leuchtreklame lockt den Besucher an, nur ein einfaches Holzschild verkündet in schwungvoller Schrift, dass hier der berühmte „Sundgäuer Chäs Challer“ ist.

Bescheiden wie das Äußere und es auch innen – ein kleiner Verkaufsraum mit Showtheke und zwei kleine Probierstuben. Dennoch ist hier die ganze Vielfalt französischer Käsekostbarkeiten unter einem Dach zu finden. Und Mittendrin Bernard Antony – ein freundlicher Mann, der die sechziger Jahre schon überschritten hat, mit gemütlichem Bäuchlein, gelichtetem Haar und einem verschmitzten Lächeln hinter dicken Brillengräsern. Als junger Mann war er als fahrender Gebrauchtwarenhändler von Dorf zu Dorf gezogen, bis ihn 1978 sein Meister und Förderer Piere Androuet in die Welt des Käse einführte, die seitdem sein Leben bestimmt. Antony ist kein Produzent im eigentlichen Sinn, er ist ein Affineur – ein Käseverfeinerer. Seine besondere Kunst besteht darin, den Reifeprozess eines Käse optimal zu steuern und zu kontrollieren. Und so reifen in seinen sechs gekühlten und hydrierten Kellern Rohmilchkäse heran, die er von ausgesuchten kleinen Bauern aus allen Regionen in Frankreich bezieht. Je nach Sorte ist die Reifezeit unterschiedlich. Meist sind es bis zu vier Jahre, in denen der Affineur wie eine Amme seine „Kinder“ hegt und pflegt, bis sie erwachsen bzw. reif werden. 150 verschiedene Sorten hat Antony in seinem Angebot, doch die verkauft und liefert er erst, wenn sie am besten schmecken.  Die Käserei von Bernard Antony

Besonders glücklich macht es ihn immer, wenn er in den Probierstuben seinen Käse vorführen und dabei in die Gesichter der Gäste sehen kann. So eine „Ceremonie des Frommages“ mit Bernard Antony ist ein „Ereignis“, dauert bis zu drei Stunden und ist meist auf viele Monate im Voraus ausgebucht. Man muss ihn erlebt haben, wenn er charmant und kenntnisreich auf runden Holzbrettchen eine Kostprobe  der einzelnen Sorten präsentiert und in der Reihenfolge vom sanften bis zum kräftigen Aroma vorstellt. Dabei würzt er seine Informationen auch mit witzigen Geschichten und Anekdoten. Empfiehlt er zum Beispiel, bei einem Käse die Rinde abzuschneiden, vergleicht er das mit dem Kleid einer schönen Frau, das man ausziehen muss, um an das Gute darunter zu kommen. Neben frisch gebackenem Brot wird auch ein zum jeweiligen Käse harmonierender Wein gereicht. Die Stunden vergehen wie im Fluge bei dieser schmackhaften und unterhaltsamen Reise durch das Schlaraffenland der edelsten Käsesorten. Nebenan im Verkaufsraum fällt dann die Wahl nicht schwer und man kann auch gleich einen passenden Wein aus Antonys gut sortiertem Weinkeller mit nach Hause nehmen.

Überall im Haus erzählen Souvenirs und Fotos von seinen Begegnungen mit Prominenten aus aller Welt. So gehören auch die Prinzen Charles von England und Albert von Monaco zu seinen Bewunderern und langjährigen Kunden. Trotz aller Bescheidenheit ist Antony stolz über die Auszeichnung „Ordre de Merite“, die ihm 2008 in Paris verliehen wurde. Und in seinem Sohn Jean-Francois, an den er sein Wissen um die Kunst der Käseveredlung weiter gegeben hat, weiß er einen würdigen Nachfolger zu haben.

Antonys Kunden kommen von weit her – mit dem Auto oder auch dem Helikopter, für den er extra einen Landeplatz anlegen musste. Seine Käsekostbarkeiten sind überall in der Welt heiß begehrt. In Spezialverpackungen reisen sie nach Neuseeland, Japan, in die USA oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Und eines ist sicher: wenn in einem Nobelhotel oder Restaurant der Spitzengastronomie zum Abschluss des Dinners der Käsewagen an den Tisch rollt, ist auch das Beste vom Käseflüsterer dabei.

Christel Seiffert

Infos: Käseverkostung im „Sundgauer Käs Kaller“, rue de la montagne 5, 68480 Vieux-Ferrette, Tel.: +33(0)89 40 42 22, www.tourisme-alsace.com/de, www.ferrette-medievale.org

Frankreich: Ein Rundgang durch Paris (2. Teil)

Champs-Élysées, Arc de Triomphe, ­Eiffelturm und Sacré-Cœur

Ein kurzer Blick in den Conceptstore Colette, der Kult ist und vielfach kopiert wurde, dann geht’s zurück in die Tuilerien. Wie die anderen schönen Pariser Parks, die alle ihren eigenen Reiz haben, ist auch der Tuilerien-Garten eine Oase der Stille in der Betriebsamkeit der Großstadt. Hätten wir doch Zeit für einen verträumten Nachmittag: Einfach einen der grünen Stühle kapern, in einem netten Schmöker stöbern oder die Spaziergänger beobachten!

Aber es locken zu viele andere Pariser Attraktionen, gleich hier in den Tuilerien die Orangerie, in der neben den berühmten großformatigen Seerosenbildern von Claude Monet weitere sehenswerte Gemälde hängen, etwa Stillleben von Matisse.

Schon an der Place de la Concorde wird man wieder sehr nachdrücklich mit den Realitäten einer Großstadt des 21. Jahrhunderts konfrontiert. Ein nie abreißender Strom von Fahrzeugen rotiert rund um den großzügig angelegten Platz, der Mitte des 18. Jahrhunderts unter Ludwig XV. angelegt wurde. Nur wenige Jahrzehnte später, zur Zeit der Französischen Revolution, stand hier die Guillotine, Schauplatz der Hinrichtung Tausender. Heute ragt in der Mitte des Platzes ein über 3000 Jahre alter Obelisk empor, der aus einer Tempelanlage in Luxor stammt und im 19. Jahrhundert dem Bürgerkönig Louis-Philippe vom ägyptischen Statthalter geschenkt wurde.

Schon aus dem Tuilerien-Garten hatte sich der Blick durch die schmiedeeisernen Tore auf die Champs-Élysées jenseits der Place de la Concorde eröffnet. Die von Bäumen gesäumte, weltberühmte Avenue zieht sich leicht ansteigend zum Arc de Triomphe hinauf; jenseits erblickt man in der Ferne schon die Silhouette der Grande Arche. Dieser gigantische moderne Triumphbogen verlängert die historische Sichtachse, die vom Louvre über die Champs-Élysées bis zum Arc de Triomphe reicht, bis zur Wolkenkratzerskyline von La Défense. Paris als »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts« hatte andere Treffpunkte der mondänen Welt als die Gegenwart: die Oper, die Boulevards, die Passagen – und die Champs-Élysées. Vor allem der Name der legendären Flaniermeile klang weltweit nach Luxus und Eleganz. In den Seitenstraßen wie Avenue Montaigne, Avenue George V und Rue Saint-Honoré reihen sich auch tatsächlich die Parfümerien und Modehäuser der Haute Couture mit klangvollen Namen wie Hermès, Cardin, Christian Lacroix, Lancôme, Rubinstein und Lanvin aneinander.

Die Champs-Élysées selbst zeigen sich – nach weniger gloriosen Jahren – erst dank eines stadtplanerischen Liftings wieder ihres Ruhmes würdig: Die Bürgersteige wurden verbreitert, parkende Autos und grelle Werbung verbannt. Die breite Avenue will wieder zur schönsten Prachtstraße der Welt werden. Die Erfolge der Maßnahme sind offensichtlich: Luxusboutiquen kehren zurück, elegante Cafés werden neu eröffnet.

Legendär ist auch der Arc de Triomphe, der 50 Meter hohe, antiken Vorbildern nachempfundene Bogen. 1806, nach der Schlacht von Austerlitz, wollte Napoleon seiner »Großen Armee« ein Denkmal setzen lassen. Als 1836 der mächtige Bogen fertiggestellt war, war sie längst geschlagen. Seit 1920 erinnert unter dem Bogen das Grabmal des Unbekannten Soldaten an die Toten des Ersten Weltkriegs. Von der Dachterrasse in 50 Metern Höhe wird deutlich, warum der Platz früher Place de l’Étoile hieß: Sternförmig treffen zwölf Avenuen aufeinander. Heute heißt er Place Charles de Gaulle; durch einen Fußgängertunnel gelangt man zum Triumphbogen in seiner Mitte.

Nun geht es ein Stück mit der Métro bis zur Station Trocadéro. Vom gleichnamigen Hügel hat man einen großartigen Blick auf den Eiffelturm, das weithin sichtbare Pariser Wahrzeichen. Die erhöht gelegene, von vergoldeten Statuen gesäumte Terrasse am Palais de Chaillot nutzt wirkungsvoll die Perspektive zum gegenüberliegenden Seine-Ufer: Frei schweift der Blick über Eiffelturm und Marsfeld bis zur Tour Montparnasse. Viele Sightseeingbusse halten deshalb hier für einen kurzen Fotostopp.

Wenn das Wetter gut ist, verspricht die oberste Plattform der Dame der Fer einen grandiosen Blick. Meist bilden sich lange Warteschlangen am Fuß der mächtigen Stahlpfeiler, doch die Geduld wird mit einem sagenhaften Blick über das Häusermeer der Millionenstadt belohnt, die besonders abends ihrem Ruf als »Stadt der Lichter« alle Ehre macht. Aus Anlass der Hundertjahrfeier der Französischen Revolution und der Weltausstellung von 1889 errichtet, war das stählerne Ungetüm anfänglich Gegenstand heftiger Kritik. Maupassant pflegte angeblich im Restaurant auf dem Eiffelturm zu speisen, weil dies der einzige Ort war, »wo ich ihn nicht sehen muss«.

Wer noch nicht müde ist, lässt den Tag mit einem Abstecher zum Montmartre ausklingen und fährt mit der Métro zur Station Abbesses. Es lohnt sich durchaus, hier noch ein wenig durch die Straßen zu schlendern: Neben sehr Touristischem rund um die Place du Tertre gibt es dort auch noch verträumt-dörfliche Ecken – wie aus »Die fabelhafte Welt der Amelie«. Hauptattraktion ist die Kirche Sacré-Cœur ganz oben auf dem Montmartre-Hügel oder vielmehr der Blick

auf Paris von den Treppen davor. Hier blicken wir auf das berühmte Grau der Dächer und schwören uns: Wir kommen wieder.

Infos

Office du Tourisme et des Congrès de Paris
25, rue des Pyramides
F – 75001 Paris
Tel: +33 (0)8 92 68 30 00
Weitere Tourismusbüros: Gare de Lyon, Gare du Nord, Gare de l’Est, Anvers, Parc des Expositions
http://de.parisinfo.com (deutsch)
 
 
 

Go Vista City Guide

Paris
Friederike Schneidewind
ISBN 978-3-86871-603-0
www.vistapoint.de
 

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Frankreich: Ein Rundgang durch Paris (1. Teil)

Île de la Cité und Louvre

Es liegt nahe, dort zu beginnen, wo die Stadt ihren Anfang nahm: auf der Île de la Cité. Schon vor mehr als 2000 Jahren siedelten Kelten vom Stamm der Parisii auf der Seine-Insel, und noch heute misst man von hier, von dem Platz vor der Kathedrale Notre-Dame aus alle Entfernungen im Land. Die Insel wird nicht nur als historischer Ursprung der Stadt Paris betrachtet, sondern auch als der – wenn auch nicht geografische – Mittelpunkt Frankreichs.

Square du Vert-Galant, »Platz des Grünen Galan«, heißt die kleine Grünanlage an der Westspitze der Insel – womit Heinrich IV. gemeint ist, auf dessen zahllose Liebesabenteuer damit angespielt wird. Sein Reiterstandbild steht gleich oberhalb dieses idyllischen Winkels, auf der Brücke Pont Neuf. Trotz ihres Namens »Neue Brücke« ist diese Anfang des 17. Jarhunderts eingeweihte Seine-Brücke die älteste der Stadt. Zu ihrer Zeit stellte sie eine absolute Novität dar: Sie war die erste Brücke, die nicht mit Häusern bebaut war.

Wir bummeln weiter über die etwas versteckte Place Dauphine und entlang dem Quai de l’Horloge zur Conciergerie. Dieser älteste Teil des einstigen Königspalasts diente über Jahrhunderte als Staatsgefängnis und wurde noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts als solches genutzt. Inhaftiert waren hier illustre, berühmte und berüchtigte Personen der französischen Geschichte: Ravaillac, der im Jahr 1610 König Heinrich IV. ermordete, der Räuber Cartouche und Charlotte Corday, die Mörderin des Revolutionsführers Marat. Nur wenig später warteten hier dessen Mitstreiter Danton und Robespierre auf die Vollstreckung ihres Todesurteils unter der Guillotine, die auf der Place de la Concorde errichtet worden war. Zur Zeit der Terreur, ihrer »Schreckensherrschaft« während der Französischen Revolution, hatten mehr als 2800 Männer und Frauen dieses Schicksal geteilt – als berühmteste Opfer mussten König Ludwig XVI. und seine Frau Marie Antoinette ihren Kopf lassen. Auch die Königin verbrachte ihre Kerkerhaft in einer Zelle der Conciergerie – diese ist heute zu besichtigen, daneben auch Wachsäle und weitere Räume des Gefängnisses.

Ebenfalls an der Stelle des al­ten Königspalasts befindet sich das im 19. Jahrhundert errichtete, große Gebäude des Palais de Justice. Inmitten der Mauern des Gerichtshofes liegt wohl verborgen ein Kleinod französischer Gotik, die Sainte-Chapelle, deren einzigartige farbige Glasfenster aus dem Mittelalter bis heute erhalten blieben. Mitte des 13. Jahrhunderts ließ Ludwig IX. der Heilige den Sakralbau im Innenhof seines Palasts errichten. Der obere, durch die Fenster in mystisches Licht getauchte Raum war allein dem König vorbehalten, für die Mitglieder seines Hofs war die Kapelle im Geschoss darunter vorgesehen.

Unser Spaziergang führt weiter zum zweiten Highlight der Insel, zur Kathedrale Notre-Dame. Mit der Planung des Kirchenbaus wurde im 12. Jahrhundert begonnen, vollendet wurde er Mitte des 14. Jahrhunderts. Die frühgotische Kathedrale gehört zu den bedeutendsten Sakralbauten Frankreichs: Unbedingt sehenswert ist die horizontal gegliederte Westfassade mit den drei Portalen, der großen Fensterrosette mit fast zehn Metern Durchmesser und den beiden Türmen. Der originale Figurenschmuck, die sogenannte Königsgalerie, fiel der Französischen Revoluton zum Opfer – obwohl es sich bei den Skulpturen um biblische Könige handelte, wurden auch ihnen die Köpfe abgeschlagen. Erst in den 1970er-Jahren wurden sie wiederaufgefunden und sind heute im Mittelaltermuseum zu besichtigen, dem Musée du Moyen Age et Thermes de Cluny.

Das Innere der fünfschiffigen Kathedrale ist nicht nur kunstgeschichtlich interessant, hier fanden auch bedeutende historische Ereignisse statt: Hier wurde im 15. Jahrhundert Henri VI. von England zum französischen König gekrönt, im 16. Jahrhundert Maria Stuart mit dem Dauphin François vermählt. Während der Französischen Revolution wurde Notre-Dame zum »Tempel der Vernunft« erklärt, 1804 nahm hier Napoleon Papst Pius VII. die Krone aus der Hand und krönte sich selbst zum Kaiser, 1944 dankte Charles de Gaulle für die Befreiung von Paris nach der deutschen Besatzung.

Lohnend ist auch der Aufstieg zu den Türmen, wo das Panorama nach den unzähligen Treppenstufen Anlass für eine erholsame Pause bietet. Vom Vorplatz der Kathedrale aus hat man Zugang zur archäologischen Krypta von Notre-Dame. Im Untergrund kann man Fundamente, Ausgrabungen, Modelle des römischen Lutetia und des mittelalterlichen Paris besichtigen. Wer einmal um Notre-Dame herumspaziert, findet an der Spitze der Insel das Mémorial de la Déportation, wo in schlichter, aber ergreifender Weise der unter der deutschen Besatzung Deportierten gedacht wird.

Weiter geht’s ans linke Seine-Ufer, wo am Quai de Montebello einige Bootslokale vor Anker liegen und der Bâtobus an einer Haltestelle Fahrgäste am Ufer absetzt und aufnimmt. Vor ihren Buchkisten aus grünlackiertem Metall warten die Bouquinisten auf Kundschaft. Antiquarische Schnäppchen und rare Erstausgaben findet man hier nicht, aber das Stöbern macht auch in alten Postkarten und Landkarten, Büchern und Bildern Spaß.

Über die Rue de la Huchette und die Place Saint-Michel mit dem gleichnamigen Brunnen biegen wir in die Rue Saint-André-des-Arts und gelangen damit nach Saint-Germain-des-Prés. Die belebte Straße ist nur eine von vielen im Viertel, die mit zahllosen Modeboutiquen und Buchhandlungen, Antiquitätenläden und Kunstgalerien, Jazzclubs und Kinos zum Bummeln und Stöbern verführen. Hier kommen wir wieder her, jetzt allerdings muss ein Blick in die kopfsteingepflasterte Passage Cour de Rohan genügen, bevor wir der Rue Mazarine bis zum Seine-Ufer folgen.

Unser Ziel ist der Louvre, auf dessen lang gezogenes, monumentales Gebäude die Fußgängerbrücke Pont-des-Arts den ersten Blick gewährt. Linker Hand schaut man über weitere Brücken bis zum Glasdach des Grand Palais, rechter Hand auf die Île de la Cité – »pariserischer« kann es nicht mehr werden! Durch die Cour Carrée, den Innenhof, gelangt man zur Glaspyramide, unter der das große Foyer den Zugang zum Musée du Louvre gewährt, sowie auch zur unterirdischen Ladenpassage Carrousel du Louvre. Dort sind Kunstdrucke und Reproduktionen von Kunstwerken erhältlich, Ausstellungskataloge und Postkarten mit Motiven berühmter Gemälde.

Der Louvre ist ein Museum der Superlative, der weiten Wege und der überwältigenden Fülle – mit unzähligen Kunstschätzen in den Abteilungen Malerei, Skulptur, Kunsthandwerk, Graphik, ägyptische, griechisch-etruskisch-römische und mittelöstliche Kunst –, das den Anspruch erhebt, das »größte Museum der Welt« zu sein. Jedenfalls wollen wir in dem mit knapp 60 000 Quadratmetern recht weitläufigen Kunstmuseum gar nicht erst versuchen, alles zu sehen, sondern uns lieber eine Abteilung intensiv vornehmen oder nur ausgewählte Kunstwerke wie die Venus von Milo, die Mona Lisa von Leonardo da Vinci oder die Sklaven von Michelangelo (Pläne gibt’s im Foyer).

Bleibt noch Zeit für ein Glas Champagner mit Blick auf die von Wasserbecken umgebene Glaspyramide des Architekten Ieoh Ming Pei? Das Café Marly unter den Arkaden des Louvre bietet dafür echte Logenplätze. Für einen richtigen Mittagsimbiss eignen sich aber auch die Lokale an der Place du Marché Saint-Honoré oder das urige Weinbistro Le Rubis kurz davor (in der gleichnamigen Straße).

Infos

Office du Tourisme et des Congrès de Paris
25, rue des Pyramides
F – 75001 Paris
Tel: +33 (0)8 92 68 30 00
Weitere Tourismusbüros: Gare de Lyon, Gare du Nord, Gare de l’Est, Anvers, Parc des Expositions
http://de.parisinfo.com (deutsch)
 

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Frankreich: Kulinarische Reise durch das Elsass

Der Schlosspark in Hirzbach

Elsass – Im Land des „gebackenen Karpfens“

Der Sundgau, im südlichsten Zipfel des Elsass gelegen, ist trotz seiner reizvollen Landschaft touristisch noch weitgehend unentdeckt. Bekannt ist die Region vor allem durch seine Karpfen und die Auszeichnung als „Site remarquable du Gout“ (Bemerkenswerter Ort für Geschmack).

Das sanfte grüne Hügelland, überragt vom Gebirgszug des Jura, ist ein Paradies für Radfahrer. Viele kleine verkehrsarme Landstraßen und Wege führen durch malerische Dörfer, durch Ackerland und Wälder, vorbei an Weihern, Burgen, Seen und Teichen. Ob allein und nach Lust und Laune oder bei einer Rundreise mit Gepäcktransport, können dreihundert Kilometer Radwege erkundet werden. Ein Tourenführer und die Broschüre „Mit dem Fahrrad durch den Sundgau“ – erhältlich beim Fremdenverkehrsamt und den Tourismusbüros – sind dabei äußerst hilfreich. Denn neben der genauen Wegbeschreibung vermitteln sie auch Informationen über Traditionen, die bewegte Vergangenheit und das lebendige Heute des Sundgau. Fahrradtour im Elsass

Von Altkirch, der kleinen Hauptstadt des Sundgau, führt eine Tour ins unweit gelegene  Hirtzbach – einem der typischen, blumengeschmückten Dörfer, die mit dem „Gran Prix du Fleurissement“ ausgezeichnet wurden. Zu beiden Seiten des von der Ill durchflossenen Bachbetts bezaubern schmucke Fachwerkhäuser aus dem 17. Jahrhundert. Eindrucksvoll erhebt sich hinter einem schmiedeeisernen Tor das Chateau der Barone von Reinach. Mit seinen 145 Türen und Fenstern ist es eines der wenigen derartigen Gebäude im Oberelsass. Das Schloss wird nicht mehr von der Familie bewohnt und ist auch nicht zugänglich, doch die Privatkapelle des Adelsgeschlechtes in der Kirche von Hirtzbach kann besichtigt werden. Zu einem kleinen Spaziergang lädt der Schlosspark ein, der 1816 von Baron Charles de Reinach als englischer Garten errichtet und seit einigen Jahrzehnten von dessen Nachfahren der Gemeinde zur öffentlichen Nutzung überlassen wurde.

Weiter geht die Erkundungstour durch die anmutige Landschaft und die Geschichte des Sundgau. Ob auf asphaltierter Straße, auf Wald-, und schmalen Sand- oder Schotterwegen – man radelt gemütlich und ungestört von Autolärm und Abgasen in der reinen Luft. Weit geht der Blick über Wiesen, Obstgärten und Viehweiden. In der Ferne kündigt der schlanke Turm einer Kirche schon das nächste Dörfchen an. Und wieder sind es die schönen alten Fachwerkhäuser, die den Blick gefangen halten und Anlass sind, vom Rad zu steigen. Bei genauem Hinsehen erkennt man nun schon die Unterschiede im Fachwerk und an den Fassaden, denn wie sich die Balken kreuzen, ist von symbolhaftem Wert: so stehen Rauten am Dachgiebel für Fruchtbarkeit, das Andreaskreuz für Schutz, schräg liegende Balken erinnern an Menschengestalten und auch vom Reichtum der einstigen Besitzer erzählen markante Symbole. Viele der bis zu vierhundert Jahre alten Bauernhäuser haben trotz der Anpassung an das moderne Leben nichts von ihrem Charme verloren und werden als Hotel oder Gites de France genutzt. So auch das „le Liseron“ in Grentzingen, wo Eigentümerin Monique Haab, die wie viele Elsässer deutsch spricht, gern zu einer Besichtigung ihres Ferienhauses einlädt. Und das bezaubert mit kleinen Stuben wie zu Großmutters Zeiten, modernen und lichtdurchfluteten Räumen oder dem eleganten Salon Afrika. In der kuschligen Atmosphäre des Hauses würde man gern verweilen. Fachwerkhaus im Sundgau

Oftmals führt der Weg die Radler an Stellen, die ein herrliches Panorama bieten und zu einer Pause verleiten. In Hausgausen ist es eine in üppigem Grün versteckte  Mühle aus dem 17. Jahrhundert. Hier hat sich die Schweizerin Brigitte Buser ihr kleines Paradies geschaffen. Ihr Restaurant „Au Petit Paradis“ ist im Sundgau bestens bekannt, nicht nur wegen der typisch elsässischen Gerichte wie dem Eintopf Backofen. Die agile Frau und Schottlandkennerin begrüßt ihre Gäste im Kilt und überrascht sie mit einem Ständchen auf dem Dudelsack. Ihre Begeisterung für das ferne Land und seine Tradition ist so groß, dass sie seit zwei Jahren auch zu Keltischen Abenden und Tattoos einlädt. Vom 7. Bis 9. September 2012 ist es wieder so weit. Und wenn beim großen Tattoo die 68. Highlanders, ein internationaler Verein begeisterter Dudelsackspieler,  auftreten, dürfte das Ereignis zahlreiche Besucher von weither anlocken.

Einst war es der kleine Ort Carsbach, der von sich reden machte, als Ende des 19. Jahrhunderts die feine Gesellschaft aus Europas hierher zur Badekur reiste. Im Herrenhaus der Baronin von Reinach, das später dem Adelsgeschlecht derer von Sonnenberg gehörte, hatte der geschäftstüchtige Pfarrer Jean-Baptiste Ellerbach 1894 einen Kurbetrieb eröffnet.  Jahre später konnten die Gäste bereits in 200 Zimmern mit Strom und Zentralheizung logieren, 32 Badekabinen, vier Speisesäle, eine Sporthalle und ein Theater nutzen. Das endete mit Beginn des 1. Weltkriegs. Heute ist das Institut Sonnenberg, umgeben von einem zwölf Hektar großen Park mit alten Bäumen, eine Schule. Carspach liegt am Rand eines riesigen, von Teichen übersäten Waldgebietes. Schon im Mittelalter sollen die Augustinermönche aus Saint-Ulrich hier Fische als Fleischersatz an Fastentagen gezüchtet haben. Später waren es die Zisterzienser der Abtei Lucelle, die die Fischzucht im gesamten Sundgau verbreiteten. Heute werden in den fast tausend Teichen vor allen Karpfen, aber auch Hechte, Schleie und Rotaugen gezüchtet. Kein Wunder, dass sich das Angeln fast zum Sundgauer „Volkssport“ entwickelt hat. In 47 Anglervereinen finden 600 Männer und Frauen bei ihrem Hobby Freude und Entspannung, erzählt der Vorsitzende des regionalen Anglerverbandes Hubert Habermach. Der schwerste hier gefangene Karpfen hat 23 Kilo gewogen, weiß er nicht ohne Stolz  zu berichten. Ihm darf man glauben, dass es kein Anglerlatein ist. Karpfen in Carsbach

Seit kurzem haben auch Touristen die Möglichkeit, ihr Glück beim Angeln zu versuchen. In den Fremdenverkehrsbüros vor Ort können sie für 10 Euro pro Tag einen Berechtigungs-schein erwerben. Wie dem auch sei – Karpfen selber fangen, das  muss nicht sein – jedoch Karpfenessen ist im Sundgau unverzichtbar. Denn nirgendwo sonst werden sie so zubereitet und gegessen wie hier. Nicht von ungefähr wurde die Region ausgezeichnet mit dem „Site remarquable du Gout“, was soviel wie bemerkenswerter Ort für Geschmack bedeutet. In zahlreichen Restaurants ist die Spezialität Carpe Frite – frittierter Karpfen – im Angebot. Seit 1975 gibt es sogar eine „Straße des gebackenen Karpfens“, in der 30 Wirtsleute diese Delikatesse streng nach Tradition zubereiten. Das Geheimnis der Zubereitung liege in der Mischung des Paniermehls, der Ölqualität und Bratdauer. Serviert wird der in schmale Streifen frittierte Karpfen mit hausgemachter Mayonaise, Zitronenscheiben, Pommes frites und grünem Salat. Und gegessen wird mit den Fingern! Das Restaurant La Couronne in Caspach ist bekannt für seinen ausgezeichneten Carpe Frite. Um die Mittagzeit herum ist dort kaum ein freier Stuhl zu haben und serviert wird meist ausschließlich diese Sundgauer Spezialität. Ein Augenschmaus ist der Carpe Frite nicht unbedingt, aber er schmeckt! Und am Besten in geselliger Runde.

Christel Seiffert

Infos: Atout France, Elsass Tourismus, Zeppelinallee 37, Frankfurt/Main, Tel.: 069-97 58 01 32,  www.franceguide.com/elsasswww.tourisme-alsace.com/de

Frankreich: Der Tradition auf der Spur

Textilherstellung im Elsass

Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein war das Elsass eine der wichtigsten Textilstandorte Europas – viele der ehemaligen Fabrikanlagen werden heute als Kulturzentren und Museen genutzt- an einigen der traditionsreichen Orte wird inzwischen auch wieder kreativ gearbeitet. In einigen der alten Werkstätten sind moderne Ateliers eingerichtet worden, die Etagen darüber wurden zu Wohnungen ausgebaut.

Ein großer Torbogen führt in die Passage des Augustins, einem zur Fußgängerzone umgewandelten Sträßchen in der Altstadt von Mulhouse. Eine Werbetafel mit Fotos macht hier auf Julie Lacours Atelier aufmerksam, das ganz unprätentiös im Erdgeschoss eines alten Wohnhauses untergebracht ist. Dicht an dicht reihen sich in den engen Räumen Regale und Kleiderständer voller Entwürfe und mit bereits fertig gestellten Teilen von Julies Kollektion. Die junge Modedesignerin, die ein Studium in Paris absolviert hat, fertigt vor allem Einzelstücke und „customisiert“. Was soviel bedeutet, dass „alte“ Kleidungsstücke durch einige Veränderungen einen ganz neuen Look erhalten. Ein etwas verblichenes Armeehemd wird dank Bordüren und Volants zu einer nahezu eleganten Bluse, schlichte Oberteile mausern sich durch knallbunte Applikationen zum „Hingucker – Julie lässt ihrer Fantasie freien Lauf, wenn es darum geht, etwas langweilig gewordener Kleidung das gewisse Etwas zu verpassen.

Das Manchester Frankreichs

Dass sie das gerade in Mulhouse und nicht in dem etwas internationaleren Straßburg tut, hat seinen Grund. Denn Mulhouse war bis ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiger Standort der europäischen Textilindustrie und galt lange als das „französische Manchester“. Nach der Stilllegung der meisten Betriebe ist davon freilich nicht mehr viel zu spüren, dafür lockt das „Musée de l’impression sur etoffes“, das Stoffdruckmuseum, Besucher aus aller Welt an. Direktor Jean-Francois Keller ist vor allem stolz auf sein gewaltiges Archiv – mehrere Säle, in denen sich Regale voller Bücher mit Stoffmustern aneinanderreihen. Er schätze, dass es zwischen drei und sechs Millionen Stoffproben seien, so Keller, gezählt habe er sie freilich nicht. Vorsichtig zieht er eines der Bücher mit leicht zerschlissenem Einband hervor, ein ganzes Buch voller Muster für Herrenhemden des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Eine Überraschung, denn kleine Windhunde, Regenschirme und Kleeblätter geben eine Ahnung davon wie fantasievoll und mitunter recht farbenfroh sich die Herren damals kleideten. Und erst recht die Damen. Zwar herrscht bei den Stoffproben das Paisleymuster, das ursprünglich auf eine stilisierte Träne oder Dattel zurückgehen soll, in verschiedensten Variationen vor, doch verblüffen auch hier Muster und Farbstellungen durch ihre Modernität. Oder Zeitlosigkeit. Dass sie damit einen Schatz in ihrem Museum haben, das wissen Jean-Francois und seine Mitarbeiter ganz genau – und auch Besucher aus Europa, den USA und Japan, die zu Recherchen nach Mulhouse kommen, um hier das Archiv zu benutzen. Selbst Designer von IKEA holen sich hier mittlerweile Anregungen für die Gestaltung von Heimtextilien – von der Bettwäsche bis zum Geschirrhandtuch.Doch zurück zu Julie Lacour, die ihre Kollektionen bereits erfolgreich auf mehreren Modeschauen in der Region präsentiert hat, regelmäßig auf Messen unterwegs ist und bereits wieder die nächsten Projekte vorbereitet. So wird sie vermutlich auch in diesem Jahr wieder am „Designer-Weihnachtsmarkt“ in Wesserling eine Autostunde westlich von Mulhouse teilnehmen. Auf einem 17 Hektar großen Areal entstand 1762 eine der größten Fabriken Europas mit zeitweise bis zu 6000 Arbeitern. Vor allem wurden hier die damals so beliebten Baumwollstoffe, die „Indiennes“ hergestellt und bedruckt – um die langen Stoffbahnen zu färben und zu trocknen benötigte man riesige Hallen.

Museum, Ausflugsziel und Sozialprojekt

Heute ist der „Parc de Wesseling“ ein liebevoll gestaltetes „Ecomusée“, in dem man viel über Traditionen und Techniken der Textilherstellung erfährt. Dazu gibt es regelmäßige Vorführungen, bei denen gesponnen oder auch der Einsatz der alten Druckschablonen aus Holz vorgeführt wird. In den Parkanlagen wird das Thema Textil jedes Jahr auf andere, aber immer fantasievolle Weise umgesetzt – von jungen Leuten, die „auf dem ersten Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar gelten“, so Eric Jacob, der Leiter des Parcs de Wesserling. Denn der alte Textilstandort versteht sich nicht nur als Museum und Ausflugsziel sondern auch als Sozialprojekt und neuerdings auch wieder als Produktionsstätte.

In einigen der alten Werkstätten sind moderne Ateliers eingerichtet worden, die Etagen darüber wurden zu Wohnungen ausgebaut. Durch die günstigen Mieten ist der Standort attraktiv für junge Kreative wie beispielsweise die Modedesigner Tania Dietrich und Stéphane Thomas, die das Label „Souen“ gegründet haben. Sie finden nicht nur in den Archiven der alten Manufaktur Inspiration für ihre Roben aus schillernden oder transparenten Stoffen, sondern auch im Netzwerk der hier tätigen Künstler. Rund 250 Jahre nach dem Bau von Wesserling wird damit nun wieder kreativ in den alten Hallen gearbeitet – neues Leben für einen traditionsreichen Ort.

Sabine Loeprick

Infos:

www.tourisme-mulhouse.com
www.musee-impression.com
www.parc-wesserling.fr